
Forsicht Freddy! Poesie, die 29. Polytechnische Oberschule Berlin-Pankow und das Schattenreich des Pablo Escobar Eigentlich wollte ich nur einen bescheidenen kleinen Reisebericht über die Woche schreiben, in der ich Rita, meine Frau, zu einem internationalen Dichterfestival in Südamerika begleitete. Aber unser Ziel war nun mal keine x-beliebige Stadt in einem x-beliebigen Land, wo sich hundert Poeten und ihre Eitelkeiten ein Stelldichein mit ihrem esoterischen Publikum geben. Es war auch kein braver Ort wie Wellington, Neuseeland, wo die Dichter frohgemut und sorglos einen Abendspaziergang am Hafen machen konnten, keine trotz Armut und in den umliegenden Shantytowns grassierender HIV doch recht bürgerliche, fast europäisch »normale« Stadt wie Durban, Südafrika, und schon gar nicht eine Stätte des laissez faire wie Santiago de Chile, die sich 2001 vom Grauen der Pinochet-Diktatur unter anderem dadurch erholte, dass die Dichter vom Balkon jenes Präsidentenpalastes lasen, wo im September 1973 Salvador Allende sein Leben lassen musste. (Vor den Lesungen flog die chilenische Luftwaffe über den Platz vor dem Palast und warf säckeweise Gedichte auf die versammelte Menschenmenge.)
Dort, wo wir die letzte Juni- und erste Juliwoche dieses Jahres verbrachten, wäre Versöhnung zwischen dem Militär und seinen Widersachern, wäre Frieden zwischen der Regierung und jenen, die sie zu Fall bringen wollen, wäre das Ausmisten der Korruption und der Verzicht auf selbstgerechte Revolution ein Wunder. Es ist schon ein Wunder, dass nach Jahrzehnten an Mord und Totschlag, Chaos und Aufhetzerei, Terror und Gegenterror diese Stadt mit dem besudelten Namen noch oder wieder relativ normal funktioniert, dass die bunten Busse mit den nach oben geknickten Chromauspuffen gleichmütig ihre Rußpartikel ausspucken und die gelben Taxis nicht dauernd miteinander kollidieren, obwohl sie roten Ampeln selten Beachtung zollen; dass es herrliche öffentliche Einrichtungen gibt, wie den Barfußplatz, wo Kinder und Erwachsene in fantasievollen Brunnen tollen; dass in der saalhaften zweistöckigen Konditorei Astor in der Fußgängerzone der Paseo Junin elegant gekleidete Herrschaften Schwarzwälder Kirschtorte genießen und an Marzipangebäck knabbern; dass Fernando Botero, der mit seinen dicken Figuren weltberühmt gewordene Maler und Bildhauer, durch seine Stiftung von fast zwei Dutzend überlebensgroßen Skulpturen seine Heimatstadt vor fünf Jahren dazu veranlasste, vor dem Kunstmuseum einen ganzen Block hässlicher Bürogebäude abzureißen, um Raum zu schaffen für diese Skulpturen, und damit einen der aufregendsten urbanen Plätze der Welt kreierte…
Wie ein Wunder ist es auch, dass in dieser Stadt in den letzten anderthalb Jahrzehnten Jahr für Jahr ein internationales Poetenfestival aufblühen konnte, das auf unserem Planeten seinesgleichen sucht. Und doch unterliegt diese nur etwa siebenhundert Kilometer nördlich des Äquators und sechzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel gelegene Metropole, der das ganzjährig gleichmäßig milde Klima mit Tagestemperaturen um die 25 Grad Celsius den schmeichelhaften Beinamen »Stadt des ewigen Frühlings« eingetragen hat, einem Fluch, gegen den weder eine florierende Textilindustrie noch die besten Kaffeebohnen der Welt gewachsen sind: dem Fluch der Cocapflanze. Coca, und die weltweite Nachfrage nach dem daraus gewonnenen Kokain, verwandelte das Paradies der »Stadt des ewigen Frühlings« in die Hölle der »Mordhauptstadt der Welt«. Zwar trifft dieser infernalische Beiname heute nicht mehr so recht zu, aber im internationalen öffentlichen Bewusstsein sind einmal etablierte Vorurteile schwer abzuschütteln, gleichgültig, ob sich die Schwerpunkte des Terrors in den letzten Jahren über Kontinente hinweg verschoben haben, wie uns kürzlich mal wieder ein Tentakel der Al-Qaida vorführte: Denn als am 7. Juli das Londoner Transitsystem von Kamikazekillern lahmgelegt wurde, sausten in Medellín, vierhundert Straßenkilometer nördlich der Landeshauptstadt Bogota, die blitzsauberen Züge der Metro mit unverminderter Geschwindigkeit zwischen Wolkenkratzern und den sich in den Ausläufern der Andenberge räkelnden Vororten hin und her. Zwar musterten an jedem der hochmodernen Bahnhöfe schwer bewaffnete Soldaten die Passagiere, aber das war hier weder etwas Neues noch etwas Besonderes; daran sind die Medellíner gewöhnt, seit der Stolz ihrer Stadt, die einzige Nahverkehrsbahn Kolumbiens, vor zehn Jahren den Betrieb aufnahm.
»Ihr seid wohl verrückt geworden!« vermuteten Freunde und Bekannte ungefragt, als wir beiläufig erwähnten, dass wir für eine Woche nach Medellín fliegen würden. »Da werden doch dauernd Ausländer entführt und massakriert, und vor allem bei Amerikanern machen die kurzen Prozess.« Bevor Bagdad die Normen urbaner Gewalt sprengte, stand die Zweimillionenmetropole Medellín an der Spitze der gefährlichsten Pflaster außerhalb aktiver Kriegsgebiete (obwohl man sicherlich argumentieren könnte, dass in Kolumbien Kriegszustände herrschten). So fiel auch uns erst einmal, als die Einladung zum 15. Festival Internacional de Poesia de Medellín kam, oh Schreck und Graus das gleichnamige Drogenkartell ein — und dann guckten wir einander dumm an: ein Dichtertreffen in Medellín? Mit so vielen bekannten Teilnehmern, darunter dem inzwischen achtzigjährigen nikaraguanischen Priesterpoeten Ernesto Cardenal und alten Freunden wie dem nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka und den Südafrikanern Antjie Krog und Breyten Breytenbach? Wer zahlt das eigentlich? Unser Misstrauen minderte sich erst, als wir die Liste der Kultureinrichtungen und Corporate Sponsors aus aller Welt sahen, aber ganz behaglich war's uns nicht zumute. Um unserer Vorurteile Herr zu werden, stürzten wir uns mittenmang ins World Wide Web, denn abgesehen vom Koks-Beigeschmack des Namens wussten wir herzlich wenig. Beim Stopfen dieser Wissenslücke beruhigte uns dann zunächst mal, dass die Risikoklausel in unserer Lebensversicherung (Reisen in Kriegsgebiete betreffend) genauso wenig zur Anwendung kam wie bei Ausflügen nach Istanbul oder Djakarta — wenigstens würde unsere Tochter gut versorgt sein. Hinter vorgehaltener Hand geflüsterte horror stories hatten wir schon öfter in den Wind geschlagen, etwa bei unserer Fahrt mit einem Leihwagen von Durban nach Kapstadt entlang der »lebensgefährlichen« Strecke über Umtata, die Hauptstadt des während der Apartheid sogenannten »homeland« Transkei — da würden einem Nägel vor die Reifen gestreut, bis die Reifen platzten, und dann stürzten sich Beil schwingende Räuber über ihre Opfer, um sie zu zerhacken. Da wir die Autoreise genauso heil und unbehelligt überlebt hatten wie gelegentliche Fahrten durch die schlimmsten Viertel von Washington, D.C., aus denen die Presse fast täglich so viele mörderische Drive-by-shootings und Car-jackings meldet, dass man beinahe darüber ins Staunen gerät, warum nicht jeder zweite Einwohner bereits gewaltsam das Zeitliche gesegnet hat, und weil das Leben bekanntermaßen an sich eine Menge Risiken birgt, folgerten wir aus den im Internet aufgestöberten Informationen, dass eine Reise nach Kolumbiens zweitgrößter Stadt längst nicht dem russischen Roulette eines Trips nach Bagdad vergleichbar ist. Obwohl wir außer Festival-Poeten nahezu keinen anderen ausländischen Touristen begegneten, ist Medellín zur Zeit wohl etwa ähnlich touristensicher wie Jerusalem, das heißt, man sollte nicht einfach ohne Sinn und Verstand und gute Vor-Ort-Informationen naiv durch die Gegend stolpern, sich aber andererseits nicht einschüchtern lassen von Gräueltaten, wie sie sich auch in der Berliner S-Bahn nicht ganz unbekannt sind. (Ich behaupte das mal mit dem Caveat, dass Gewalt völlig unberechenbar sein kann, wie kürzlich in London demonstriert, und dass Vorsicht nur die Gefahren verringern, aber nicht ausschließen kann; gerade in Jerusalem erlebten das meine Frau und ich vor Jahrzehnten ungemütlich nah, und zwar lange vor der ersten Intifada, als sprengstoffgürtelbewehrte palästinensische Selbstmörder nicht mal in unseren wildesten Albträumen umher geisterten und die meisten dieser himmelfahrenden Attentäter noch nicht geboren waren. Da tranken wir eines Nachmittags auf der Ben-Yehuda-Straße mit Freunden einen Kaffee, um dann in den Abendnachrichten den Schocker abzukriegen, dass knapp zwei Stunden später in eben jenem Cafe eine in einem Fahrradrahmen versteckte Zeitzünderbombe mehrere Menschen in den Tod riss und Dutzende verletzte.)
Medellín, here we come! Auf dem Flug von Nord- nach Südamerika raubten uns nicht nur Meer und Landschaften den Atem, wie wir zwischen Wolkenbäuschen im blauen Licht der Karibik ein- und auftauchten, dann plötzlich klare Sicht bekamen auf das nur wenige Fallschirmspringerminuten entfernte Kuba, sondern auch die Bocksprünge, die die Maschine der nationalen kolumbianischen Fluggesellschaft Avianca über wilde Berge und dunkelgrüne Andentäler beim Anflug auf unser Ziel machte. Wir gaben uns ganz unbesorgt, denn wir hatten nicht vor, auf eigene Faust Spritztouren in die Umgebung der Stadt zu unternehmen oder gar per Auto nach Bogota zu kutschieren — ein Abenteuer, das manche mit Entführung, Folter, monate- oder jahrelangem unfreiwilligem Dschungelaufenthalt oder schlicht mit ihrem Exitus bezahlt haben. Seit Jahrzehnten herrscht in Kolumbien ein brutaler Fünffrontenkrieg, in Schwung gehalten mehr vom Kokainhandel als irgendwelchen wirren Revolutionsideen. Die erste Front bilden die milliardenschweren Drogenmafias, die bei der Verteidigung ihrer Pfründe vor nichts zurückschrecken und neben alltäglichen Attentaten auf Politiker, Richter, Polizeibeamte und Rivalen auch mal einen Jet mit hundert Passagieren aus dem Himmel bomben, so wie es dem einst unumschränkten Herrscher des Medellín-Kartells, dem berüchtigten Pablo Escobar, 1989 gelang. An der zweiten Front maraudieren die paramilitärischen Rechtsextremisten der AUC (»Vereinigte Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens«). Die dritte Front wird von den Terroristen der FARC (»Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens - Volksarmee«) gehalten, schätzungsweise etwa zwanzigtausend Banditen, die sich als marxistisch gerieren und außerhalb der Großstädte mehr als ein Drittel des Landes kontrollieren. An der vierten Front plündern und rauben die fünf- bis achttausend Wegelagerer der ELN (»Nationale Befreiungsarmee«), eine kleinere linksextremistisch posierende Konkurrenz zur FARC, und an der fünften Front tritt und schlägt der zwischen totalitären Allüren, demokratischem Heldenmut und Korruption hin und her gebeutelte Staat mehr oder minder hilflos um sich. Dabei verschieben sich ständig Allianzen — mal kaufen sich die Drogenbosse mit ihren Dollars eine Bande kommunistischer Killergenossen, mal einen Trupp faschistischer Todeskommandos, und in Staatsdiensten und im Militär gibt's auch so manche korrupte Mordgesellen, die für ein paar Pesos ihre Seelen verscherbeln und hinterhältig Messer wetzen.
Wir landeten auf dem internationalen Flughafen von Medellín, der eine knappe Stunde außerhalb der Stadt in einem benachbarten Andental liegt, ohne unser Gepäck, das in Miami hängengeblieben war und uns erst zwei Tage später unbeschadet erreichte — aber das stellte sich bei der Ankunft als ganz praktisch heraus, denn die drei Koffer hätten unmöglich in den Kleinwagen gepasst, mit dem uns der kolumbianische Übersetzer meiner Frau und zwei seiner Freunde abholten. In der einbrechenden Dunkelheit krochen wir über einen Pass, nach dessen Überquerung uns die Lichter der Großstadt recht spektakulär entgegen blinzelten. Während andere Fahrzeuge in den unübersichtlichsten Kurven auf halsbrecherische Weise an uns vorbei rasten, schnitt Raul, Ritas enthusiastischer Übersetzer, ungerührt Probleme des Übersetzens aus dem Englischen an und wollte wissen, welche power, welche Einflussmöglichkeiten wir der zeitgenössischen Dichtkunst beimäßen. Na, das sieht doch ein Blinder, wollte ich rufen, ein bisschen Mitgefühl bei Wohlgesinnten kommt sicher auf, vielleicht Trauer oder Sentimentalität beim einen und Glücksgefühle beim anderen Gedicht — aber was schert das Terrorkommunisten und Drogenkapitalisten, denen kommen höchstens die Krokodilstränen bei schlechten Schlagerreimen. Bevor ich jedoch ein Wort raus brachte, wurde mir von der Serpentinenfahrt in der Enge des Rücksitzes schlecht; dass der Fahrer, selber unerklärlicherweise in eine dicke Jacke gehüllt, anzunehmen schien, wir Gringos bräuchten ein bisschen mehr Hitze, und die Heizung andrehte, half auch nicht gerade, und so hielt ich meinen Kopf aus dem Fenster in die milde Abendluft.
»Dichtung ist Macht!« Es war 1991, als sechs Medellíner Dichter dieses Motto auf Plakaten verkündeten und ihr erstes Festival organisierten; Telefonzellen waren ihr Büro. Sie wollten die »Wunden der Gewalt« mit Lyrik zu heilen versuchen, den Bewohnern der Stadt Gelegenheit geben, außerhalb von Angst und Religion neue Gemeinsamkeiten zu entdecken. Das war zwei rasche Jahre, nachdem Pablo Escobar sich kein Gewissen daraus gemacht hatte, den Absturz der Avianca-Passagiermaschine mit ihren hundert Passagieren zu inszenieren, und im selben Jahr, als er aus wütendem Protest gegen die Auslieferung gefangener compadres an die U.S.A. überall in der Stadt Bomben hochgehen ließ. Was kümmerten ihn Menschenleben — dieser südamerikanische Saddam Hussein-Verschnitt hatte sich zwar oft und gerne als Robin Hood glorifizieren lassen, wenn er mit ein paar Tropfen des milliardenschweren Blutzolls, der ihm in die Kassen floss, Fußballstadien und Häuser für Obdachlose baute, aber er betrachtete Medellín als sein Privatdomäne, wo er tun und lassen konnte, was er wollte. Nachdem ihn schließlich und endlich am 2. Dezember 1993 im Kugelhagel der Polizei auf dem Dach eines Medellíner Wohnhauses sein längst verdientes Schicksal ereilt hatte, ging die Schreckensziffer von fast zehntausend Morden pro Jahr (bei etwa zwei Millionen Einwohnern) tatsächlich langsam zurück. Da war das Internationale Dichterfestival von Medellín bereits dabei, aus den Kinderschuhen zu wachsen, aber inwieweit Lyrik nun nicht nur vielleicht Trost, sondern tatsächlich Heilung bieten oder, wie Idealisten meinen, eine Gandhi-artige Friedenskraft gegen unbarmherzige Gewalt aufbringen kann, sei dahingestellt. Neueren Statistiken zufolge liegt die Mordziffer in Medellín heutzutage eher bei eintausend pro Jahr, was einigen Großstädten in den USA vergleichbar wäre. Aber es ist unwahrscheinlich, dass die Gründe in der Begeisterung der Bevölkerung für Poesie zu finden sind; selbst das für Lyriklesungen erstaunlich große Publikum in Medellín, wo während des Festivals allabendlich Tausende stundenlang begeistert mehreren Dichtern zuhören (oft in einer fremden Sprache, die dann übersetzt wird), repräsentiert nur einen kleinen Prozentsatz der Bevölkerung. Eher ist anzunehmen, dass der taktische Rückzug der sich immer mehr zu einer Art eigenem Drogenkartell mausernden FARC auf schwer zugängliche, quasi-autonome Gebiete, wo sie einen Staat im Staat bilden und mit ihren Kokaindollars den vermeintlichen Sieg ihrer Revolution zelebrieren können, die Städter etwas leichter atmen lässt. (Dabei radieren die ehemaligen Stadtguerillas auch mal ohne viel Federlesen ein paar Indiodörfer aus, die sich nicht unterjochen lassen wollen.) Auch hat die Staatsmacht, nachdem sie im Dschungel so oft den kürzeren gezogen hat, sich in den letzten Jahren darauf konzentriert, in den Städten eine militärisch stabilere Oberhand zu behalten. Aber die alte Saat der Gewalt des Medellín-Kartells mit seiner schwer bewaffneten Privatmiliz, seinem Heer an Drogenschmugglern, seiner Flotte von Flugzeugen und Yachten und Luxusautos, Pablo Escobars persönlichen Luxusvillen (neunzehn allein in Medellín, alle mit Hubschrauberlandeplätzen), seinen großzügigen Schmiergeldern für willige Helfer und Helfershelfer und nicht zuletzt seinen brutalen, oft eigenhändig ausgeführten Exekutionen Tausender wirklicher und eingebildeter Gegner — diese wuchernde Saat der Gewalt geht weiterhin auf, solange die weltweite Nachfrage nach dem weißen Koks nicht zurückgeht und es nicht gelingt, Coca-Anbau und Kokainschmuggel unter Kontrolle zu bekommen. Der böse Genie, einmal aus der Flasche, lässt sich so schnell nicht wieder einsperren, und so fand auch mit Pablo Escobars Tod in Medellín der Terror keineswegs ein Ende — er verlagerte sich nur ein wenig; denn kaum war Escobar ausgeschaltet und sein Ring schwer angeschlagen, als von der südlich von Bogota gelegenen Stadt Cali aus ein Konkurrenzkartell gierig in die Bresche sprang. Das Internationale Poesiefestival tat anderthalb Jahrzehnte lang sein Bestes, das Image Medellíns aufzupolieren und den Bildungsbürgern der Stadt (ich meine das im besten Sinne des Wortes) eine Oase des Geistes inmitten all der Skrupellosigkeit zu bieten. Und doch, neben den üblichen Raub-, Rache- und Vergeltungsmorden, denen kaum noch außerhalb der eigentlichen Tatorte Beachtung zuteil wird, gab es seit Escobars blutigem Ende von Zeit zu Zeit weitere spektakuläre Fälle, die dafür sorgten, dass sich Medellíns schlechter Ruf so schnell nicht verflüchtigt: So wurde im Sommer 1994 der Fußballnationalspieler Andres Escobar (mit Pablo Escobar nicht verwandt) umgelegt, als er in Schimpf und Schande von der Weltmeisterschaft in den USA nach Medellín heimkehrte — er hatte nämlich im Spiel gegen die Vereinigten Staaten ein Eigentor geschossen und damit nicht nur seiner Mannschaft den Einzug in die nächste Runde vermasselt und den kolumbianischen Machostolz besudelt, sondern auch Glücksspielern ihre Wetten verdorben. Passenderweise, als wäre selbst das Töten ein Witz, brüllte der vermutlich von Wettwüterichen gedungene Mordbube bei jeder der zwölf Kugeln, die er in den Kicker pumpte: »Tor! Tor!« (Übrigens war dieser Mord besonders peinlich für den früheren schottischen Nationalspieler Alan Hansen, der nach Andres Escobars Eigentor im kalifornischen Pasadena als Kommentator der BBC in sein Mikrofon gerufen hatte: »Für so einen Fehler müsste dieser Spieler eigentlich erschossen werden.«) Ein Jahr später, 1995, etwa zur selben Zeit, als Medellíns bis heute wie geleckt saubere, von keinerlei Graffiti garnierte Metro eröffnet wurde, jagten Terroristen während eines Volksfestes Fernando Boteros Bronzestatue einer Friedenstaube in die Luft, wobei sie 23 Menschen umbrachten und hunderte verletzten. Die Täter wurden nie gefasst; die Hintermänner gaben sich nicht zu erkennen, und keiner der politischen Verbrecherbanden, die dieses Land zwischen Atlantik, Pazifik und Amazonas unsicher machen, konnte eindeutig die Verantwortung zugemessen werden.
Mal ebbt, mal flutet die Gewalt im Lande, die alle Schichten der Gesellschaft in ihrem Maelstrom erfasst und durchtränkt hat, aber eine Pause macht sie nie. Eine Aufzählung der Opfer über die Jahre würde wohl die Zahl der Leidtragenden des amerikanischen Irakabenteuers in den Schatten stellen, aber in der internationalen Medienlandschaft krähen nur noch wenige Hähne danach — so wie nach Ingrid Betancourt, der mutigen Gründerin der Grünenpartei in Kolumbien, die im Februar 2002 während ihres Präsidentschaftswahlkampfs entführt wurde und bis heute irgendwo im Dschungel festgehalten wird, kaum noch ein Pressehahn kräht. Osama bin Laden okkupiert unsere beschränkte Sensibilität und unser ausgrenzendes Vorstellungsvermögen, unsere Kapazität für Furcht und unsere Angst vor dem Unbekannten — wer hat da noch Zeit für Gräueltaten außerhalb der New York Times Front Page, wie im Fall des Gandhi-Anhängers Gillermo Gaviria Correa, wer jenseits der Grenzen Kolumbiens erinnert sich überhaupt noch an solche eigentlich recht kurz zurückliegende Scheußlichkeiten? Correa, im Jahr 2000 auf einer Plattform strikter Gewaltlosigkeit zum Gouverneur der Provinz Antioquia gewählt, von der Medellín die Hauptstadt ist, wurde im April 2002 bei einem Friedensmarsch, für den er im Sinne seiner Friedensideologie Militär- und Polizeischutz abgelehnt hatte, von einer FARC-Gang entführt und ein Jahr später während eines Befreiungsversuchs des kolumbianischen Militärs von seinen Bewachern kurzerhand umgebracht. Schlussfolgerung: Wer die andere Wange hinhält, bezahlt womöglich für seine Ideale ohne jede Gegenleistung mit dem Leben — was nicht bedeutet, dass das andere Extrem, Auge um Auge, Zahn um Zahn, bessere Resultate zeitigt.
Das Gran Hotel in der Medellíner Innenstadt wimmelte von Dichtern und den zahlreichen meist jungen Volontären des Festivals. Bei der Ankunft wurden wir gebeten, uns möglichst nicht alleine, sondern nur in Begleitung dieser Einheimischen die Stadt zu erkunden. Ach was, tat dies der englische Dichter James Fenton beim Frühstücksbuffet ab; er, der in den Siebzigern als Zeitungskorrespondent aus Vietnam und Kambodscha berichtet hatte, hatte sich gleich am ersten Tag alleine ins Getümmel der Medellíner Innenstadt gestürzt. Da uns nicht einleuchtete, wie uns ortsansässige Lyrikliebhaber zum Beispiel vor einem Bombenanschlag schützen könnten, wie er vor genau einem Jahr, Anfang August 2004, aufs jährliche Blumenfestival verübt wurde, schlichen wir uns bald an den eifrigen Volontären vorbei aus der Hotellobby und wanderten durch die Straßen, über den bunten Markt an der Kathedrale, ins Museum, staksten über auf dem Bürgersteig hockende Bettler hinweg, fotografierten die Skribenten, die in einer Gasse hinter dem in einen »Kulturpalast« umfunktionierten prächtigen alten Gouverneurspalast mit Schreibmaschinen auf Schreibunkundige warteten. Wir beschwatzten Raul, den Übersetzer von Ritas Gedichten, der unter Höhenangst leidet, mit uns in die im vorigen Jahr eingeweihte hochmoderne Kabelbahn zu steigen, mit der wir über den Wellblechdächern eines enggepferchten, armseligen Barrios geräuschlos und sanft einen Berg erklommen; die Kabelbahn bewegt sich so geruhsam, dass man an ihren Bahnhöfen wie bei einem Paternoster ein- und aussteigen kann, ohne dass die Gondeln halt machen. Sie ist voll ins Metronetz eingebunden — ein Modell, dem weitere Kabelbahnen folgen sollen, um auch den Bewohnern der an anderen Hügeln hochkletternden Armenviertel die Wege in die Innenstadt, zu Arbeitsplätzen und Einkaufsgelegenheiten zu erleichtern. Mirabay erzählte uns, seit der Inbetriebnahme von Metrokabel habe die Kriminalität in den durch sie verbundenen Barrios abgenommen.
Ach ja, Mirabay, unser ganz persönlicher Engel von Medellín: Die zierliche hübsche Person mit den rot gefärbten Haaren, thirty-something, las bei den öffentlichen Auftritten die von Raul übersetzten Gedichte Ritas auf spanisch vor — so lernten wir sie kennen. Ihr Englisch war ein bisschen holprig, aber natürlich hundertmillionenmal besser als unser nicht existentes Spanisch, und sie bot uns gleich ihre Hilfe bei der Jagd nach den während unseres Fliegerwechsels in Miami verschluderten Koffern an. »You know, I'm Afro«, sagte sie und umarmte Rita, »like you, but Afro-Colombian.« Man sah's, wenn sie auch recht hellhäutig war. Es gäbe nicht viele Afro-Kolumbianer außerhalb der Unterschicht, dies sei eine rassistische Gesellschaft wie früher in den USA, aber ihre Mutter sei schwarz und ihr Vater weiß. »Like our daughter«, sagte ich. Da guckte sie mich verblüfft an und fragte in tadellosem Deutsch, mit leicht berlinerischer Färbung: »Bist du etwa aus Deutschland?« Ja ja, der Akzent — nach fast drei Jahrzehnten in Amerika verrät der mich guten Ohren immer noch. (Schlechte Ohren halten mich entweder für schwedisch oder australisch — bei der letzteren Mutmaßung lacht sich meine Frau gewöhnlich schief.) Als in den frühen Achtzigern Belisario Betancur Präsident des Landes wurde, bestellte seine Regierung Mirabays Mutter Teresita Gomez, eine bekannte Konzertpianistin, zum Kulturattache an der kolumbianischen Botschaft in Ost-Berlin. So kam es, dass die damals Fünfzehnjährige nicht nur plötzlich in eine fremde Kultur mit einer fremden Sprache verschlagen wurde, sondern sich inmitten der Absurditäten einer kommunistischen Bananenrepublik wiederfand, in der es nur selten Bananen gab. Quirlig und intelligent, lernte sie schnell Deutsch. Sie wollte nicht mit den hochnäsigen Jugendlichen anderer Diplomaten auf einem speziellen Elitegymnasium zusammen hocken, sondern die Einheimischen kennen lernen, also bestand sie darauf, dass sie in die 29. Polytechnische Oberschule Berlin-Pankow aufgenommen wurde. Sie ging recht selten mit ihrem Diplomatenpass jenseits der Mauer einkaufen, aber die Pflichtklassen in Marxismus-Leninismus verfehlten schließlich ihre Wirkung nicht, denn als sie nach drei Jahren ihr Abitur machte, hatte sie vom Honeckerschen Kommunismus die Nase voll, und während ihre Mutter nach Kolumbien zurückkehrte, immatrikulierte Mirabay sich an der westberliner HfbK, studierte Musik, heiratete einen westdeutschen Drummer, und abends verdiente sie mit ihrer rauchigen Stimme ihren Lebensunterhalt in Jazzclubs. Noch bevor die Mauer fiel, brach ihre Ehe mit dem Schlagzeuger auseinander — er war »ein netter Junge«, sagt Mirabay, aber »so deutsch« — womit sie nicht meint, dass er steif, ordentlich, ein Regelfreak war, im Gegenteil (so haben sich die Zeiten geändert!): er wollte »freie Liebe«, erwartete von seiner Frau, dass sie bei seinen Affären beide Augen zudrückte, und das konnte sie nicht, dazu war sie »zu konservativ erzogen«.
So kehrte sie zurück nach Kolumbien, schließlich nach Medellín, wo sie heute eine populäre Jazz- und Popsängerin ist und eine Jazzband leitet, heiratete noch zweimal, ist aber seit vorigem Herbst wieder single. Als wir sie trafen, war gerade ihre neue, von ihr selbst mit ihrer Band produzierte CD erschienen. Am nächsten Tag machte sie mit uns einen Bummel durch das schicke San Diego-Einkaufszentrum, das sich von ähnlichen Einrichtungen in den USA oder Europa hauptsächlich dadurch unterscheidet, dass an jeder Ecke mindestens ein schwer bewaffneter Sicherheitsmensch mit meist martialischer Miene die Einkäufer beobachtet; nur wenn Mirabay vorüberging, lächelten sie und nickten. Überall wurde Mirabay von Fremden gegrüßt; einige riefen bewundernd ihren Namen. Sie nahm die Huldigungen hin und plapperte weiter in ihrem berlinerisch gefärbten Deutsch — bis sie plötzlich in einen Laden stürmte, der ihre CD in der Schaufensterauslage zeigte. In Sekundenschnelle kam sie wütend wieder herausgeschossen: »Er betrügt mich!« Damit meinte sie ihren Manager, der auch den Vertrieb ihrer CDs kontrolliert. Da der Preis, der im Laden für ihre CD verlangt wurde, höher war als der, auf dessen Basis Mirabay ihre Prozente erhielt, folgerte sie logischerweise, dass ihr Manager sich die Differenz in die eigene Tasche steckte. »Könnt ihr das glauben?« Sie war den Tränen nah. »Er betrügt mich ganz offen!« An einem Nachmittag mieteten wir mit Mirabay ein Taxi, das uns durch die verschiedenen Stadtteile kutschierte, jedenfalls diejenigen, die sich überhaupt auf Straßen erreichen lassen. Die gelben Taxis, oft ältliche Kleinwagen, aber manchmal auch neuere Minivan-Modelle, sind unglaublich billig: im Stadtkern kostet jede Fahrt ungefähr einen Euro. Wir berappten etwa zwölf Euro für die drei Stunden, machten mal hier halt und mal da, und als freie Zugabe durften wir gelegentlich um unser Leben zittern, wenn andere Fahrzeuge, meist ebenfalls Taxis, uns zentimeterscharf schnitten oder sich einfach bei Rot die Vorfahrt erzwangen. Dabei blieb unser Fahrer die Ruhe selbst, den linken Arm lässig aus dem Fenster gelehnt. (Verblüffenderweise sahen wir in der ganzen Woche keinen einzigen Autounfall.) Nachdem wir einen Vorortmarkt besucht hatten, wo Mirabay gleich von einem Blumenverkäufer erkannt wurde, mussten wir in der Eingangshalle der Akademie der Schönen Künste das Wandfresko bewundern, das Mirabays Mutter am Klavier zeigt. Die Geschichte von Teresita Gomez, die es vom Waisenkind zur Konzertpianistin internationaler Reputation brachte, klingt wie ein Märchen: Eine wohl verzweifelte Mutter hatte ihren Säugling auf den Stufen der Akademie der Schönen Künste abgelegt, wo es vom Hausmeister gefunden wurde. Das Hausmeisterehepaar nahm sich des Babys an und adoptierte es schließlich. Die kleine Teresita verliebte sich bald in die magischen Melodien, die sie überall im Akademiegebäude hörte — vor allem, wenn sie auf einem Klavier gespielt wurden. Sie beschloss, dieses herrliche Instrument beherrschen zu lernen. Abends, wenn die Studenten und Professoren heimgegangen waren, ließen ihre Hausmeistereltern zu, dass sie sich nach und nach selbst das Spielen beibrachte. Eines späten Abends hörte sie ein Professor, der unbemerkt vom Hausmeister länger im Gebäude geblieben war — and the rest is history. Nach einer von Ritas Dichterlesungen machten wir ein Versprechen wahr, das wir ihrem Übersetzer Raul gegeben hatten, und besuchten seine fahrbare Leihbücherstube. An diesem Abend hatte er den mit vollgestopften Regalen ausstaffierten bescheidenen Campinganhänger in einem Park gegenüber einem Veranstaltungszelt aufgestellt, weil dort eine vom Fernsehen übertragene Podiumsdiskussion mit dem Bürgermeister Medellíns und seinem Kulturdezernenten stattfand; Raul hoffte, dass die beiden nach dem Ende der Diskussion sein neues Projekt besuchen und ihm damit Publizität für seinen Traum beschaffen würden, weitere Leihbibliotheken auf Rädern zu finanzieren und sie in die vielen bücherlosen Barrios schicken zu können. Diese erste hatte er aus eigener Tasche bezahlt, die Bücher waren gespendet, und man konnte sich ohne weitere Umstände kostenlos ausleihen, was man wollte. Noch sei kein einziges Buch gestohlen worden, sagte Raul stolz. Die Nähe des Bürgermeisters sorgte für ein Gewimmel von Soldaten und Polizei um uns herum. Als sich die Veranstaltung im Zelt dem Ende zuneigte und das Fernsehen seine Scheinwerfer ausschaltete, wurde Raul, nie der Gelassenste, immer nervöser: Kommen sie nun zu ihm, oder nicht? »Kein Problem«, sagte Mirabay, »die kommen.« Und sie spazierte durch den Militärkordon hindurch, um kurz darauf in Begleitung von Bürgermeister, Kulturdezernent und Medellíns First Lady, gefolgt von einer beträchtlichen Leibwache, zurückzukehren.
Dass Sergio Fajardo, der Bürgermeister von Medellín, fließend englisch spricht, verwundert nicht, wenn man weiß, dass er seinen Doktor in Mathematik 1984 an der Universität von Wisconsin in Madison machte; Thema seiner Dissertation: Beiträge zur Modelltheorie der Wahrscheinlichkeitslogik. Bevor er Ende 2003 als parteiunabhängiger Kandidat auf seiner Antikorruptionsplattform mit wenig Geld, aber der enthusiastischen Unterstützung vieler meist junger Wahlhelfer — vor allem der gemäßigt-linken Indigenen-Allianz — die etablierten Parteien konsternierte, lehrte der gebürtige Medellíner Mathematik an der Nationaluniversität in Bogota. Er konnte das politische Elend, die Armut, den Drogenwahnsinn nicht mehr tatenlos mit ansehen, er musste was unternehmen, um seine Heimatstadt zu retten, sagte er uns, und nach anderthalb Jahren im Amt mag Medellín ja nun in der Tat, so sieht es für uns Außenstehende aus und so bestätigen es viele Medellíner, auf dem Weg aus dem langen Schatten Pablo Escobars zu ein bisschen mehr »Normalität« zu sein. Wer weiß — Fajardo strahlt ein Charisma aus, das leicht Hoffnung suggeriert.
Immerhin haben es die einst obskuren Dichter von Medellín unter Führung von Fernando Rendon, dem Chefredakteur der Lyrikzeitschrift PROMETEO, geschafft, mit relativ geringen eigenen Mitteln und den Almosen zahlreicher ausländischer Kulturinstitutionen eine staunenswerte Organisation auf die Beine zu stellen; sie haben dabei für die vielen Veranstaltungen, bei denen der Eintritt grundsätzlich frei ist, ein breites Publikum gewonnen, ohne im Treibsand der Extremisten jeder Couleur den Boden unter den Füßen zu verlieren. Vor fünf Jahren gab es zwar bei einer Lesung in der Universität von Antiocquia eine kurze Bühnenbesetzung durch vermummte Sympathisanten der FARC, aber nachdem die sich mit einer Sprühdose ihren Frust von der Seele gespritzt und ein paar Sprüche geklopft hatten, war der Spuk vorbei und es ging weiter mit Lyrik.
Am letzten Abend, während der Abschlussveranstaltung im großen Freilichttheater auf dem Nutibara-Hügel, sollte sich jeder der fast achtzig anwesenden Dichter auf etwa zwei Minuten beschränken — über vier Stunden lang hielten es dabei die fünftausend Menschen im Publikum auf ihren steinernen Sitzen aus. Die meisten Teilnehmer hielten sich erstaunlich diszipliniert an diese dringend notwendige Begrenzung — bis die Reihe an Hanan Awwad war, ihres Zeichens Präsidentin des palästinensischen Schriftstellerverbandes. Mit unglaublicher Arroganz kümmerte sie sich überhaupt nicht um die Begrenzung, und als es ihr gelang, »im Gedenken an seine Exzellenz Jasser Arafat« eine mit ihr sympathisierende lautstarke Minderheit im Publikum mit ihren nationalistischen Tönen anzufeuern, geriet sie außer Rand und Band, als gehöre ihr die Bühne und die Zeit ganz allein. Wie lang sie las und zwischendurch politische Erklärungen abgab? Ich wünschte, ich hätte auf meine Uhr geschaut, aber zehn, fünfzehn Minuten waren es wohl. Zwar verstanden wir ihr Arabisch nicht, aber bei der spanischen Übersetzung kam eine ganze Menge altes Schullatein zur Hilfe, genug jedenfalls, um die Klischees vom »Vater des Befreiungskampfes« aufzuschnappen. Ich bin bereit, auch solchen Schwachsinn zwei Minuten lang zu tolerieren oder die Gelegenheit wahrzunehmen, pinkeln zu gehen — aber zusammen mit wichtigtuerischer Überheblichkeit, die sich rücksichtslos und egozentrisch über Regeln hinwegsetzt, wird Blödheit unerträglich. Andererseits hörte die Dame dann leider eine Minute zu früh mit ihrem Geschwätz auf, denn als sie sich endlich wieder auf ihren Platz setzte, hatten sich gerade einige Dichter halb erhoben, bereit, zum Zeichen des Protests die Bühne zu verlassen (oder vielleicht auch, was ich für durchaus angemessen gehalten hätte, ihr eine dicke Watschen zu verpassen). Warum war eigentlich kein israelischer Dichter eingeladen? Darf man ja wohl fragen, denn an der Qualität kann's nicht liegen; das Niveau der Präsidentin des palästinensischen Schriftstellerverbandes würde bestimmt jede reimende Hausfrau übertreffen, die bei einem Grußkartenschreibwettbewerb in Tel Aviv mitmacht und als Trostpreis einen Bic gewinnt. Vielleicht erschien kein israelischer Dichter, weil ihm oder ihr keiner die Reise bezahlte — es gab ja auch von vielen anderen Nationalitäten keine Repräsentanten. Für die Veranstalter des Festivals bequem war es jedenfalls, sonst hätten sie sich vielleicht auch noch mit dem Nahostkonflikt rumschlagen müssen. Und da meint man naiv, »Dichtung ist Macht«, das Gründungsmotto, sei ernst gemeint gewesen, und die »Wunden der Gewalt« ließen sich tatsächlich mit Lyrik heilen! Bleibt nur noch die Frage, wer die Reise der palästinensischen Agitpropfunktionärin von Jerusalem nach Kolumbien finanzierte.
Doch, Medellín war die Reise wert. Das lässt sich um so leichter sagen, als wir diese Reise nicht nur überlebt, sondern in mancher Hinsicht genossen haben. Zum Schluss, beim Abflug, bekamen wir obendrein noch Stoff für eine Slapstickkomödie geboten. Dank Raul, der diesmal einen großen Geländewagen zur Verfügung hatte, so besorgt war er um genügend Platz für unsere Koffer, trafen wir drei Stunden vor Abflug am Flughafen ein, also eine Stunde früher als nötig, und konnten doch nicht vermeiden, dass wir über zwei Stunden lang nur zentimeterweise in einer so chaotischen, dabei gar nicht sehr langen Schlange vorankamen, bevor wir endlich einchecken durften, wie wir sie sonstwo nicht mal kurz nach dem 11. September erlebten. Dass man mehrmals durchsucht und abgetastet wird, daran hat man sich inzwischen gewöhnt, ist ja vielleicht auch sicherer so — allerdings nahm das in Medellín absurde Ausmaße an: Erst kam der normale Personen- und Handgepäckdetektor — no problemo, anschließend ist man im Flugsteigbereich. Dann, nach der Passkontrolle für internationale Fluggäste, spielte sich nochmals ein ähnlicher Detektorenzirkus ab, dieses Mal begleitet von akribischer Befingerung des Handgepäcks durch Soldaten, die mehr für den Nahkampf mit der FARC ausgerüstet schienen als für eine Kontrolle harmloser Zivilisten; meiner war allerdings trotz seines martialischen Aussehens nett und freundlich und behandelte unsere zerbrechlichen Souvenirs mit Fingerspitzengefühl. Das wäre mal wieder ausgestanden, dachten wir, als wir am Flugsteig unserer Maschine nach Miami ankamen — aber man soll bekanntlich den Tag nicht vor dem Abend loben: Jetzt ging es erst richtig los, denn bei der dritten Detektiererei, ganz speziell für die Miamipassagiere und inszeniert vom zivilgekleideten privaten Sicherheitspersonal der Fluggesellschaft Avianca, geriet ich an einen verbissenen jungen Quatschkopf, der mich mit viel zu persönlichen Fragen traktierte und mich dabei dumm angrinste. Dann riss er das wenige Minuten zuvor von dem Soldaten sorgfältig wieder verpackte Päckchen reichlich derb auf. »Heh-heh,« sagte ich. Was nahm er sich heraus? »Where did you get this?« Er verhielt sich ungerührt. Ah, Mirabay! »Kauft nicht so ein schlechtes Zeug,« hatte sie gerufen, als wir auf dem Markt vor der Kathedrale nach Andenken suchten. »Kommt, wir fahren zum Shopping Center, da hat der Laden authentische Sachen.« Wir staunten immer wieder, wie ihr das Deutsch nach all den Jahren von den Lippen floss.
»Hier, guckt mal, das ist eine richtige Landbäckerei — so war das früher auf dem Land.« Die Bäckerin in der bunten Keramikstube sah fröhlich drein, das Leben war schön, es ging ihr offenbar blendend. Ich stellte mir vor, wie Rebellen mit ihren Maschinenpistolen ins Dorf stürmten und zu schießen anfingen, oder vielleicht waren es Paramilitärs, oder die reguläre Armee, oder die Mordbuben des Medellín-Kartells. Was dann im eben noch friedlichen Dorf passieren würde, wie es der gerade noch glücklichen Bäckersfrau an den Kragen ginge — davon gibt es keine Keramiken. Der Sicherheitsfritze der Avianca pochte nochmal mit dem Fingernagel auf die Rückwand und den Boden des Bäckerladens, bevor er's zufrieden war. »OK,« kommandierte er und wandte sich dem nächsten Fluggast zu, »pack it up. You are clear.« Als ich die Backstubenszene vorsichtig zurück in ihr Plastikpolster schob, sah ich es erst — der Idiot hatte ihr am Dach eine kleine Ecke abgebrochen. Vielleicht wollte er ja nur gucken, ob da Kokain reingebacken war.
Copyright © 2005 Fred Viebahn
Quelle: http://www.henryk-broder.de/forsicht_freddy/medellin.html |
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