...selber schuld, wenn Sie mir schreiben!
...selber schuld, wenn Sie mir schreiben!...selber schuld, wenn Sie mir schreiben!
Die offizielle Homepage von Henryk M. Broder
Forsicht Freddy!

Forsicht Freddy!

Schräge Typen

Werden und Welken der Aliana Brodmann Ebermayer von Richthofen

Forsicht Freddy koennte der Beginn einer interessanten Sammlung Deiner Beobachtungen sein. Ich habe es mit Interesse gelesen. Liebe Gruesse, viel Spass und bis bald, Deine Aliana [15.2.2005]

Diese Geschichte zu schreiben sollte mir eigentlich leicht fallen, und doch liegt sie mir schwer im Magen. Sie fängt in der Gegenwart an und reicht zurück in die sechziger Jahre … eine irre Story mit wirren Typen, eine verquere Saga von Lug und Selbstüberschätzung, ein verrücktes Dokudrama von Unverschämtheit und Zerstörungswut.

Ornament

Von 1998 bis 2001 arbeitete die heute 56jährige Dame, von der meine Story handelt, als »Senior Writer« am Dana Farber-Krebsinstitut der Harvard-Universität. Als sie dort anfing, hieß sie noch Aliana Brodmann-Menkes; nach ihrer Heirat mit dem ein Dutzend Jahre älteren deutschen Schauspieler und Regieassistenten Alexander Ebermayer von Richthofen im Herbst 1998 legte sie den Nachnamen ihres Anfang der achtziger Jahre verstorbenen ersten Mannes ab und fügte stattdessen den Familiennamen ihres zweiten dem Geburtsnamen hinzu. Schon bald gab es Klagen über sie bei ihrem Arbeitgeber; Mitarbeiter beschwerten sich über die Minderwertigkeit von ihr abgelieferter Manuskripte, darüber, daß ganze Schriftsätze gründlich redigiert oder gar neu verfaßt werden mußten.

Im Frühjahr 2001 kam es zu einem merkwürdigen Zwischenfall: In einem Gespräch unter vier Augen, so behauptete Mrs. Brodmann in einer Beschwerde, habe eine Kollegin Hitler verherrlicht, und zwar in vollem Bewußtsein, daß Mrs. Brodmann jüdisch sei und viele nahe Verwandte von Hitlers Schergen ermordet wurden. Die Kollegin stritt eine Verherrlichung Hitlers ab; ihrer Version zufolge war es in beiläufigem Gespräch darum gegangen, daß manche Menschen nur ihren eigenen persönlichen Profit im Auge hätten und andere hauptsächlich von Ideen und Ideologien motiviert würden, und dabei hätte sie Hitler der letzteren Gruppe zugeordnet.

Die Vorgesetzten am Krebsinstitut nahmen Mrs. Brodmanns Beschwerde zum Anlaß, die beiden bislang in einem gemeinsamen Büro arbeitenden Frauen räumlich zu trennen. Was sich nicht änderte war, daß Mrs. Brodmanns Schreibmühen weiterhin hinter den Erwartungen des Arbeitgebers zurückblieben; ohne sie gehaltlich zurückzustufen, teilte man ihr weniger verantwortungsvolle Aufgaben zu. Mrs. Brodmann jedoch fühlte sich diskriminiert; sie behauptete, es bestünde ein Kausalzusammenhang zwischen dieser Diskriminierung und ihrer Beschwerde gegen die Mitarbeiterin, vor allem, nachdem sie in den Computer ihrer Vorgesetzten eingebrochen war und sich dort vertraulicher Dokumente bemächtigt hatte.

Ende 2001, sieben Monate nach der Hitlerbeschwerde, erschien Mrs. Brodmann plötzlich nicht mehr zur Arbeit. Stattdessen verklagte sie ihren nun ehemaligen Arbeitgeber und drei leitende Angestellte des Krebsinstituts auf mindestens zwei Millionen Dollar Schadenersatz.

Ornament

Schnitt, Szenenwechsel: Blenden wir dreieinhalb Jahrzehnte zurück. Damals kamen wir uns schon verdammt alt vor, jedenfalls altklug, als wir — Henryk Broder, Reinhard Hippen, Rolf-Ulrich Kaiser und ich — im letzten der verflixten sechziger Jahre zwischen Köln und Mainz unsere respektlose »Underground«-Postille PoPoPo (»Pop-Politik-Pornografie«) bastelten. Dabei waren wir gerade mal Anfang bis Mitte zwanzig und trotz aller antiautoritären Drohgebärden und unserer von den rasenden Hormonen der Jugend angeheizten Libido recht sanfte Wüteriche, die nicht lange stillsitzen konnten. Kein Wunder also, daß Henryk und ich eines wolkigen Tages nach wenigen Minuten eines Sit-in auf dem Kölner Rudolfplatz, mit dem antiautoritäre Studenten den wild hupenden Verkehr zu Demonstrationszwecken aufhielten und sich damit beim gemeinen Volk besonders beliebt machten, beschlossen, lieber eine Cola trinken zu gehen, als uns von den anrückenden Bullen Gummiknüppel über die Dickschädel ziehen zu lassen. (Ich kann mich nicht mehr recht erinnern, ob es bei der Demo um Vietnam oder Kurt Georg Kiesinger oder eine Fahrpreiserhöhung der Kölner Verkehrsbetriebe ging — zum Protestieren gab es damals haufenweise Gelegenheiten.)

1969 -- das Santa Marlena am Kölner Hohenzollernring

Es war nicht weit zum Santa Marlena, dem mediterran angehauchten Café am Hohenzollernring, wo sich die hippe kölsche Jugend Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger ein Stelldichein gab, aber noch bevor wir die Tür erreichten, rief Henryk nicht ohne Begeisterung: »Da ist ja die Aliana!« Und setzte fröhlich hinzu: »Sie hat einen Roman geschrieben. Komm, ich stell sie dir vor.«

Aliana Brodmann fiel auf — ihre dunkelhaarige Schönheit zog die Blicke der Männer auf sich. In ihrem Verhalten mischte sich Koketterie, Schüchternheit und Unsicherheit mit genau der richtigen Prise Hochmut — eine potente Mixtur, nach der so mancher Kerl lechzt. Dabei war sie umgänglich, höflich und charmant vor allem älteren Leuten gegenüber, bedankte sich artig, wußte Komplimente zu machen. Meiner Mutter ist es heute noch unbegreiflich, daß Aliana und ich niemals »was miteinander hatten«; sie bezweifelte es eine Zeitlang, dachte, ich lüge, wenn sie uns auf der Couch in meinem Zimmer nebeneinander hocken sah, die Köpfe über einen Stapel betipptes Papier gebeugt, während sie uns geschälte Äpfel servierte. »Sie ist so ein nettes Mädchen«, sagte sie erwartungsvoll, »hast du denn kein Interesse an ihr?« Durch die Blume gab sie mir zu verstehen, daß sie ihr besser gefiel als meine damalige Freundin.

Ja, Aliana hatte einen Roman geschrieben, eine freche Mixtur aus der Autobiografie einer gutbürgerlichen Pädagogikstudentin und den wilden Geschichten einer flotten sexuellen Möchtegernin. »Typen her!« stand auf dem dicken Manuskript, das sie mir kurz nach dem Treffen im Santa Marlena überreichte. Ich las es in einem Zug; vieles darin gefiel mir, da war eine Affinität — hatte ich doch gerade selbst meinen ersten Roman mit oft ähnlich flippigen Stimmungsbildern unserer Generation veröffentlicht. Also schickte ich das Manuskript mit dringender Empfehlung an meinen Verleger Andreas Meyer vom Merlin Verlag, dem es ebenfalls auf Anhieb zusagte; gleichzeitig teilte Andreas — im verklemmten deutschen Literaturbetrieb anzüglich blödelnd »Schweinemeyer« genannt, weil er Jean Genet, den Marquis de Sade und weitere sexuell freizügige Literatur im Programm führte — mit mir meine Bedenken: Das Ding war zu lang, verstrickte sich an manchen Stellen in Geschwätzigkeit und strotzte von Wiederholungen; vor einer Veröffentlichung mußte unbedingt verschlankt werden.

Als der Zwanzigjährigen ein Verlagsvertrag winkte, war sie ekstatisch und ließ sich gerne von mir an die Lektoratskandare nehmen. Die Zusammenarbeit verlief schmerzlos, angenehm und gutgelaunt. Bei unseren Sitzungen auf der Couch in meinem Zimmer bot sie meinem breitflächig streichenden Bleistift nur schwachen Widerstand und machte geflissentlich über Nacht ihre »Hausaufgaben«, wenn ich ihr nahelegte, die eine oder andere Passage umzuschreiben.

Ornament

Buchcover 'Schräge Typen'

Aliana Brodmanns Roman Typen her! wurde vom Merlin Verlag ins Herbstprogramm 1970 eingeplant. Doch auf einmal, ein halbes Jahr vor der Frankfurter Buchmesse, gab's mächtiges Gezeter: Ihre Eltern, Betreiber des Kölner Synagogenrestaurants, hatten Wind davon bekommen, daß ihre Tochter einen reichlich unkoscheren Roman verbrochen hatte und dabei war, sich mit ihrem guten Namen ausgerechnet in Schweinemeyers Stall zu suhlen. Es hagelte von elterlicher Unlogik gespeiste Vorwürfe, und man schwang die Geißel des schlechten Gewissens: Wie konnte sie das ihnen als Überlebenden der Konzentrationslager antun? Im Nu zerplatzte Alianas Seifenblase an Selbstvertrauen; die Chuzpe, die sie auf dem Papier bewiesen hatte, wich Reflexen kindlicher Gehorsamkeit. Und doch — sie war immerhin volljährig, jedenfalls erwachsen genug, daß ihre Unterschrift unter dem Verlagsvertrag nicht einfach für nichtig erklärt werden konnte; außerdem war das Buch mittlerweile, im Frühjahr 1970, bereits bei den Fahnenabzügen angelangt, da konnte der wütende Vater noch so sehr toben. Er beruhigte sich aber nicht eher, bis es ihm gelang, einen »Kompromiß« auszuhandeln: Er kaufte seine Tochter vom Schweinemeyer los (ich erfuhr nie, wieviel ihn das kostete) und erlaubte ihr, die Fahnen dem damals nicht weniger von Pornographie triefenden, doch immerhin jüdischen Joseph Melzer Verlag zu überlassen, wo der Roman nicht nur ohne Zeitverlust, sondern auch ohne viel Aufhebens im Herbst 1970 unter dem amputierten Titel Typen erschien, allerdings unter Pseudonym. Nur wenigen Eingeweihten war bekannt, wer sich hinter der Ana Bé verbarg. Den Eltern war's nur recht, öffentliche Auftritte verboten sich von selbst, die Werbetrommel konnte kaum gerührt werden — so ging das Buch sang- und klanglos im Mediensumpf unter. Die Unterdrückung war so gut wie total, denn die Autorin rückte es nie ins Licht ihrer bibliographischen Angaben. Im Jahr nach dem Debakel um ihre Jugendsünde heiratete sie den Amerikaner Peter Menkes, angehenden Arzt aus jüdischer Familie, und ging mit ihm in die Staaten.

ca. 1970: Freddy auf der Frankfurter Buchmesse mit Andreas Meyer vom Merlin Verlag, nachdem Aliana Brodmann als Ana Bé bei Melzer untertauchte

1977 erschien das »erste« Buch der Aliana Brodmann. …und du bist ab barg kein Risiko, ihren guten Namen zu besudeln; mit dieser bewegenden, autobiografisch beeinflußten Geschichte eines siebenjährigen jüdischen Mädchens in einer deutschen Volksschule, das die selbstgewählte Isolation ihrer traumatisierten Eltern überwindet, tauschte sie die schnöselige Dreistigkeit der Typen gegen eine trotz aller Konflikte recht brave Kinderbuchwelt ein. Inzwischen Mutter zweier Töchter, machte sie es sich bald darauf, 1980, mit der Fortsetzung …damit die Welt nicht stumm bleibt noch bequemer in einer Nische der Jugendliteratur, aus der sie sich nie wieder so recht hervorgewagt hat.

Ornament

Dreizehn Jahre nach dem Typen-Debakel trafen wir uns wieder. Nicht lange zuvor hatte ich Alianas Namen im Mitgliederverzeichnis des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland entdeckt, der Nachfolgeorganisation des von Heinrich Mann, Klaus Mann, Leon Feuchtwanger, Anna Seghers, Ernst Toller, Alfred Döblin, Arnold Zweig, Stefan Zweig und anderen Emigranten 1934 als Antwort auf die Exilierung und Verfolgung deutscher Schriftsteller und die Gleichschaltung des deutschen PEN mit der Reichsschrifttumskammer gegründeten Exilverbandes mit Sitz in London. Ich lebte schon mehrere Jahre in den USA, glücklich verheiratet mit der afroamerikanischen Dichterin und Literaturprofessorin Rita Dove. Im Sommer 1983, unsere Tochter war ein halbes Jahr alt und wir befanden uns auf dem Weg von unserem damaligen Wohnsitz in Arizona zu Buchrecherchen in Frankreich, besuchten wir Aliana Brodmann-Menkes und ihre etwa acht- und zehnjährigen Töchter in ihrer hellen, geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung nicht weit von Bostons Innenstadt. Mittlerweile waren Aliana und ich Mitte dreißig, doch ihre Anmut hatte nichts von ihrem Reiz verloren, trotz des Schicksalsschlags, der ihr im Vorjahr den Ehemann nach kurzer schwerer Krankheit geraubt hatte. In ihre Unsicherheit, die zu verbergen sie schon immer viel Kraft kostete, hatte sich nun eine fast aufsässige Melancholie verwoben. Sie wollte aus der Wohnung weg, in der sie viel Beschwerendes an das Leben mit dem Vater ihrer Kinder erinnerte, suchte nach einem Haus. Dunkel munkelte sie von einer Verschwörung gegen ihren Mann, davon, er sei möglicherweise von Neidern umgebracht worden. So, wie sie es schilderte, klang es durchaus plausibel.

Vorstand des Exil-PEN

Über die nächsten anderthalb Jahrzehnte sahen wir uns gelegentlich, wenn ich nach Boston reiste. In Wellesley, einem gutbürgerlichen Vorort der Großstadt, hatte sie ein hübsches Haus gefunden, nicht weit vom Reitstall, wo ihre Töchter Reitunterricht nahmen. Sie überwand die Trauer um ihren verstorbenen Mann, suchte nach einem neuen Partner. Männer waren zur Genüge hinter ihr her. Aber bei der Qual der Wahl ließ »der Richtige« auf sich warten, und ihre Boyfriends wechselten — mal war einer mit neunzehn deutlich zu jung, oder ein anderer entpuppte sich als neurotischer Hygienefanatiker, bei dessen Duschzwang das Zusammenleben unmöglich wurde. Jedesmal, wenn ich sie traf oder wenn wir telefonierten, fragte sie mich, ob ich von Henryk Broder gehört hätte. Als ich ihr von meinem Besuch bei Henryk in Jerusalem im Dezember 1987 erzählte, in den ersten Tagen der ersten Intifada und einen Monat vor der Geburt von Henryks Tochter, gestand sie endlich ein, was ich schon lange vermutet hatte, eigentlich seit unserem ersten Treffen 1969 vorm Santa Marlena in Köln: Er war und blieb ihr heimlicher Schwarm, eine platonische Jugendliebe, die gerade wegen der langjährigen Unerfülltheit und Selbstleugnung in ihren Tagträumen fast mythische Züge angenommen hatte. Er war ihr zu klug gewesen, zu ironisch, zu zynisch, als daß sie gewagt hätte, ihm ihre Faszination zu beichten und sich damit in Gefahr zu begeben, er hatte zu wild ausgesehen mit seinen langen Wuschelhaaren und dem Hippiebart, und er schrieb zu unanständige Sachen — so einen hätten ihre Eltern nicht so leicht akzeptiert, auch wenn sie ihn und seine Eltern kannten, Jude hin oder Jude her, fast genauso wenig wie mich. Denn zur gleichen Zeit, als meine Mutter uns mit einem Augenzwinkern geschälte Äpfel ins Zimmer brachte, vermutete Alianas Mutter in mir einen teuflischen Goij, der dabei war, ihre unschuldige Tochter zu verführen oder gar schon verführt hatte.

Später kam er dann doch, ein deutscher Goij, und zwar mit Paukenschlag! Ende der achtziger oder Anfang der neunziger Jahre entpuppte sich im fernen München ein neuer Verehrer, ein, wie Aliana mit spöttischer Hochachtung verkündete, »Neffe des roten Barons«, den sie, wenn ich mich recht erinnere, beim Bayrischen Rundfunk kennenlernte, als sie dort ein Projekt präsentierte. Er mache Fernsehgeschichten, berichtete sie, ohne sich in Einzelheiten zu ergehen. Über Jahre hinweg hofierte er sie beharrlich, ließ sich nicht abweisen. »Er will mich heiraten«, erzählte sie geschmeichelt, und es war klar, daß sie der Adelstitel lockte; dazu gestand sie einen Kitzel ein, den sie als Tochter von Juden, die das KZ überlebt hatten, empfand, sich nicht nur einen »echten Arier« zu angeln, sondern einen Mann mit solch bedeutungsschwerem Namen, einen, bei dem Assoziationen von Deutschtum, Krieg und Sieg nur so prasselten.

»Soll ich oder soll ich nicht?« fragte sie mich.

»Liebst du ihn?«

»Er ist sehr lieb.«

Im Herbst 1998 war es soweit — sie war bereit. Der Freiherr zog zu ihr nach Wellesley, Massachusetts, und es wurde Hochzeit gefeiert.

Ornament

Erich Ebermayer und sein Vater, der Reichsoberanwalt -- ca. 1930

An dieser Stelle muß ich von der traurigen Heldin dieser eskalierenden Tragikomödie in zwei miteinander verquickte Nebengeschichten abschweifen, die den Schlamassel, in dem sich Aliana Brodmann verheddern sollte, aus dem Morast der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts speisen. Alexander von Richthofen wurde 1938 geboren und war in Wirklichkeit nichts weiter als ein Namensvetter Manfred von Richthofens; die heute noch berühmten oder berüchtigten Namensträger in der weitverzweigten Familie — Frieda von Richthofen, die den Lady Chatterley's Lover-Autor D.H. Lawrence heiratete, oder der Legion Condor-Befehlshaber, Schlächter von Guernica und spätere Nazi-Generalfeldmarschall Wolfram von Richthofen — waren weder näher verwandt mit ihm noch untereinander; der gemeinsame Ahnherr hatte bereits im siebzehnten Jahrhundert das Zeitliche gesegnet. Aber wie's so geht: Namen machen Leute, und wen kümmern noch die harten Fakten, wenn sich angeberisches Seemannsgarn spinnen läßt. Dabei hätte dieser Richthofen durchaus eine eigene interessante Herkunft vorzuweisen vermocht. Sein Vater Wolfgang — laut Aliana Luftwaffenpilot wie der Rote Baron — war in den ersten Wochen des 2. Weltkriegs gefallen, da war Baby Alex gerade anderthalb Jahre alt, und als 1947 seine Mutter Marianne starb, war der hübsche Knabe noch keine zehn. Er wurde daraufhin von einem alten Freund der Familie adoptiert, einem gewissen Juristen Dr. Ebermayer, so schilderte es Aliana, um das »E Punkt« in ihrem neuen Ehenamen, Aliana Brodmann E. Von Richthofen, zu erklären. Denn seit der Adoption hieß ihr frischbackener zweiter Mann Alexander Ebermayer von Richthofen — ein Name, der seinen Adelsgeruch keineswegs bürgerlich verstänkerte, im Gegenteil: Er sollte ihm ein ganz eigenartiges Parfüm verleihen.

Richtig spannend wird die Geschichte des Nicht-Neffen des Roten Barons, wenn man nach seinem Adoptivvater sucht, so wie ich es kürzlich tat. (Geduld, liebe Leser — meine Neugier erklärt sich weiter unten von selbst.) In den einschlägigen deutschen Verzeichnissen tauchen nur zwei Juristen Dr. Ebermayer auf, Vater und Sohn. Der 1858 geborene und 1933 verstorbene Ludwig Ebermayer war in den zwanziger Jahren Oberreichsanwalt in Leipzig und als höchster Ankläger der Weimarer Republik an den Prozessen gegen die Kapp-Putschisten und die Mörder von Rathenau und Erzberger beteiligt, und sein Sohn Erich, 1900 geboren und 1970 gestorben, praktizierte ein Jahrzehnt als Rechtsanwalt, bis er 1934 freiwillig aus der Anwaltschaft ausschied. Seine juristische Karriere lag während des Dritten Reichs auf Eis, wurde jedoch nach dem Krieg kurz wiedererweckt; bei den Nürnberger Prozessen kürten ihn die Alliierten zum Verteidiger von, unter anderen, Emmy Göring und Winifred Wagner.

Ebermayers Schloß Kaibitz in der Oberpfalz

Die Nazizeit überstand Dr. Erich Ebermayer nach anfänglichen Schwierigkeiten mit den Machthabern in großem Stil, als wohlhabender Schloßbesitzer in der Oberpfalz, nicht weit vom Wagnerschen Haus Wahnfried. Er war nämlich nicht nur Anwalt — er war auch ein vielversprechender Schriftsteller, der seine homoerotischen Zuneigungen dem damaligen Strafparagraphen 175 zum Trotz nicht gerade unter den Scheffel stellte und dem wegen Unzucht mit minderjährigen Knaben verurteilten jugendbewegten, verquast rassistischen Pädagogen Gustav Wyneken zeitlebens eng verbunden blieb. Bereits Mitte der zwanziger Jahre hatte er, ein im wahrsten Sinne enger Busenfreund von Klaus Mann, mit schwul angehauchten Veröffentlichungen brilliert, und als heißentbrannter Jünger von Klausens Vater, dem schönen jungen Männern ebenfalls nicht abholden Nobelpreisträger, ging er im Münchner Hause Mann ein und aus. Als Klaus Mann und andere gute Freunde kurz nach Hitlers Machtübernahme aus Deutschland flohen und Thomas Mann von einer Reise in die Schweiz nicht zurückkehrte, verharrte Erich Ebermayer allerdings im Reich, wenn auch die nazistischen Literaturbanausen unter Reichsschrifttumskammerboß Hanns Johst ihm nicht recht wohlgesonnen waren und seine Bücher wegen »zersetzender pazifistischer Tendenzen« verboten. (Die Ehre, auf die offizielle Goebbels-Liste zur Bücherverbrennung gesetzt zu werden, wurde ihm allerdings nicht zuteil.) In seinem Tagebuch finden sich aus der Zeit wortreiche Klagen über die Nationalsozialisten; so vertraute er ihm am 9. Mai 1933, am Tag vor der Bücherverbrennung, an, seine Mutter habe sich mit einer ihrer engsten Freundinnen, der Baronin von Richthofen, zerstritten, weil die Adelige von ihr verlangte, endlich Hakenkreuzflagge zu zeigen.

Eines Tages bestellte Joseph Goebbels, der sich selbst mal als expressionistischer Romancier versucht hatte, den mittlerweile im inneren Exil gegen die neuen Gralshüter der Literatur schmollenden, drei Jahre jüngeren Erich Ebermayer zu sich. Die »zersetzenden pazifistischen Tendenzen« der Weimarer Zeit waren vergessen und vergeben — der Reichspropagandaminister hatte ein untrügliches Gespür dafür, wem er die Seele abkaufen konnte. Und so ging es nach dieser Aussprache für Ebermayer, ausstaffiert mit einer blitzsauberen neuen Karriere, steil bergauf, neuen Zenithen entgegen; in kürzester Zeit wurde er einer der erfolgreichsten und bestbezahlten Drehbuchautoren des Dritten Reichs, ein gewandter Worthandwerker, der Emil Jannings und Hitlers Lieblingsschauspielerin Olga Tschechowa die Rollen auf den Leib schrieb.

Verwunderlich war es deshalb kaum, daß ihm nach dem Krieg mancher aus dem wirklichen Exil zurückgekehrter früherer Freund die Rührgeschichte von der inneren Emigration nicht abkaufte; da half es wenig, daß er 1952 in der von selbsternannten inneren Emigranten wimmelnden Bundesrepublik mit Gefährtin des Teufels - Leben und Tod der Magda Goebbels und ein Jahr darauf bei einem englischen Verlag mit Evil Genius. The Story of Joseph Goebbels auf den Leichen seines einstigen Spezis und von dessen Frau herumtrampelte. Sowohl Klaus als auch Thomas Mann ließen kein gutes Haar an dem Opportunisten und Kollaborateur. Und doch bekam Erich Ebermayer nach seinem Gastspiel als Verteidiger bei den Nürnberger Prozessen die neue deutsche Luft ganz ausgezeichnet, war sie doch in der Filmbranche vom alten Mief kaum zu unterscheiden. So machte er fröhlich und fast nahtlos dort weiter, wo er 1945 eine Pause hatte einlegen müssen, schrieb Drehbücher für manche derselben Regisseure und Schauspieler, denen er schon früher die Worte zur Volksvernebelung geliefert hatte — darunter so populäre Reißer wie Heidi Brühls Immenhof-Schnulzen und Alfred Weidenmanns Canaris.

Zur selben Zeit, als es Erich Ebermayer beim deutschen Film gelang, seinen gehobenen Lebensstil ungebrochen fortzusetzen, debütierte der sechzehnjährige Alexander Ebermayer von Richthofen auf der Leinwand als Schauspieler. Dem Streifen Der erste Kuß von 1954 (Regie Erik Ode) folgten 1955 Axel von Ambessers Ihr erstes Rendezvous und Hermann Kugelstadts Der dunkle Stern. Weiter ging es unter anderem mit zwei Heinz Erhardt-Filmen; in einem davon, Witwer mit fünf Töchtern, stand Richthofen mit Olga Tschechowas Enkelin Vera vor der Kamera. Kurz darauf dann schlug seine Filmkarriere eine andere Richtung ein. Kaum volljährig, machte er 1959 Aufnahmeleitung bei Der blaue Nachtfalter mit Zarah Leander, einem Film, zu dem Erich Ebermayer das Drehbuch lieferte.

In den sechziger Jahren avancierte Richthofen vom Aufnahmeleiter zum Regieassistenten. Nachdem er sich als solcher bei Filmen wie Ulrich Schamonis Quartett im Bett seine Sporen verdient hatte, half er Volker Schlöndorff, Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll und Die Blechtrommel von Günter Grass zu inszenieren. Zu einer Eigenleistung brachte er es im Kino jedoch nicht.

Wie so vieles lassen sich einige Puzzlestücke und Trivia dieses nicht immer ganz privaten Lebens im Internet finden, ohne daß ohne weiteres das ganze Bild ins Auge fällt. So lebte Alexander E. von Richthofen von 1960 bis 1963 mit der vielbeschäftigten finnischen Schauspielerin Ann Savo zusammen, die in Edgar Wallace-Verfilmungen von sich reden machte und, im Anschluß an die Liebschaft mit Richthofen, durch ihr Verhältnis mit Toni Sailer. 1964 heiratete er Ute Nerz, mit der er zwei Söhne zeugte.

Erich Ebermayer auf Schloß Kaibitz, ca. 1968

Geschichte kann ein verwirrendes Vexirspiel sein, in dem eine Frage die nächste gebiert und wo nichts bleibt, wie es war und ist. Also fragte ich mich, ohne nach den Vorfällen der letzten Monate, auf die ich weiter unten zu sprechen komme, die Protagonisten dieser Geschichte selbst fragen zu können: Ist der erfolgreiche Filmdramatiker und promovierte frühere Rechtsanwalt Erich Ebermayer identisch mit dem Juristen Dr. Ebermayer, der laut Stammbaum der Familie von Richthofen 1951 das dreizehnjährige Waisenkind Alexander adoptierte? War die Baronin von Richthofen, die ihre gute Freundin, Erich Ebermayers Mutter, 1933 rügte, weil sie den Nazis nicht zujubelte, die Mutter Wolfgang von Richthofens, Elisabeth geb. Barchewitz, und folglich die Großmutter Alexanders?

Wie der Zufall so spielt: Unvermittelt stieß ich in der Welt auf eine Rezension, die mir den Weg zur Beantwortung dieser Fragen wies. Tilman Krause besprach dort am 28. Januar 2006 das im vorigen Herbst bei LangenMüller erschienene Buch Eh ich's vergesse, die bislang unbekannten Aufzeichnungen Erich Ebermayers, herausgegeben vom Münchner Literaturwissenschaftler Dirk Heißerer; Heißerer war vor anderthalb Jahren bei einem Zufallsbesuch im Schloß Kaibitz bei Bayreuth, das Ebermayer mit den Golddukaten seines Filmesels in den dreißiger Jahren gekauft hatte und wo er den Landjunker mimen konnte, auf den jahrzehntelang verschollenen, verstaubten und dahinrottenden Nachlaß gestoßen. In seiner Rezension schrieb Krause, Ebermayer sei gegen »die Reize von unbeträchtlichen Fernseh-Häschen gefeit« gewesen, »weil schwul; sein letzter Lebensgefährte: ein Freiherr von Richthofen.«

Aber: Ist dieser Freiherr identisch mit Alexander, dem hübschen jungen Burschen, der sich im deutschen Kino der fünfziger Jahre eine Zeitlang als Schauspieler versuchte und der seit 1998 verheiratet ist mit Aliana Brodmann? Hielt der erfolgreiche Filmautor seinem Ziehsohn 1954 zum sechzehnten Geburtstag den Steigbügel in die eigene Branche? Ich lasse mir das Buch schnellstens aus Deutschland kommen, und siehe da: Volltreffer!

Und warum klingelte ich nicht einfach durch bei Alex in der Middlesex Street in Wellesley, Massachusetts oder in der Oberföhringer Straße in München, je nachdem in welchem Zuhause er sich gerade aufhalten mochte? Hier muß die Katze aus dem Sack: Mein Verhältnis zum Ehepaar Brodmann-von Richthofen ist im letzten Jahr von einem Erdrutsch solch ungeahnten Ausmaßes verschüttet worden, daß das einfach nicht mehr in Frage kam — einem Erdrutsch, der den Hauptakt unserer Farce füllt.

Ornament

Ende 2001 rief mich Aliana aufgeregt an: »Unser« PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland sei von Präsident Fritz Beer und Sekretär Uwe Westphal ohne gründliche Diskussion unter den Mitgliedern und ohne Abstimmung im Vorstand, dem sie angehörte, für aufgelöst erklärt worden. Sie und ein weiteres in den USA lebendes Vorstandsmitglied, Erich Wolfgang Skwara in Kalifornien, würden sich dem unverzüglich widersetzen — könnten sie dabei auf mich zählen? Obwohl das Zentrum seit Jahren in London ein scheintotes Dasein fristete, kam mir so ein sang- und klangloses Abwürgen nach fast siebzig Jahren doch ein bißchen absolutistisch und vorschnell vor, vor allem, da der Vorwurf, die Aktivitäten seien auf dem Nullpunkt angelangt, von gerade denjenigen erhoben wurde, die sich mit ihren geschäftsführenden Vorstandsposten freiwillig die Verantwortung aufgehalst hatten, für Aktivitäten zu sorgen. (Aktivitäten unter den Mitgliedern, die überwiegend außerhalb deutschsprachiger Länder leben oder aber sich aus welchen Gründen auch immer nicht so recht zuhause fühlen im deutschen, österreichischen und Schweizer PEN-Betrieb, konnte man sich genug vorstellen; sowohl darüber als auch über Sinn und Zweck des Zentrums sechzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches gibt es inzwischen eine lebhafte Diskussion, die ich hier nicht widerkäuen muß.)

Mit der Erklärung der Auflösung überwiesen Beer und Westphal der Dachorganisation, dem International PEN mit Sitz in London, das Vermögen des Zentrums, die Medien veröffentlichten ein paar Nachrufe, und damit schien der deutsche Exil-PEN zu den Akten gelegt. Allerdings hatte niemand mit dem heftigen Widerstand einiger Mitglieder gerechnet, einem Widerstand, dem der internationale PEN-Vorstand unter seinem Präsidenten, dem Mexikaner Homero Aridjis, beim Kongreß 2002 im mazedonischen Ohrid insofern nachgab, daß das Zentrum nicht einfach von der Liste getilgt, sondern zunächst für ein Jahr als »dormant« erklärt wurde, um den Protestanten unter bestimmten Bedingungen Gelegenheit zu Wiederbelebungsversuchen zu geben. Im nachhinein sieht diese abwartende Haltung des International PEN fast gutmütig aus, denn Aliana, die sich von Anfang an als Speerspitze des Überlebenskampfes verstand, hatte an Aridjis einen recht schnippischen Brief mit drohenden Untertönen abgefeuert. Zwar war mir ihr Säbelrasseln nicht ganz geheuer, aber noch schrieb ich's dem Übereifer des Gefechts zu.

Anfang 2003 wurde ziemlich informell ein neuer Vorstand aus neun Mitgliedern gewählt, mit Aliana als Präsidentin; neun war einer mehr als von der Satzung erlaubt, aber so genau nahm man das nicht. Ich unterstützte die Bemühungen moralisch, hatte jedoch keinen Bock darauf, selber aktiv mitzuarbeiten; die Vereinsmeierei in den Juso- und SPD-Vorständen, bei denen ich Anfang der siebziger Jahre einige Zeit vergeudete, sowie die unergiebigen Streitereien im Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller, wo ich von 1974-76 mitmotzte, lagen mir noch im Magen. Allerdings konnte ich durch meine und meiner Frau langjährige persönliche Freundschaft mit dem Ehepaar Aridjis hinter der Bühne beim internationalen PEN so gut Wetter machen, daß bereits vor dem Kongreß im November 2003 in Mexico City unser Überleben gesichert war. Dabei wurde mir auch klar, daß es zwar einige mehr oder weniger einflußreiche Kräfte unter den internationalen PENnern gab, die unser Zentrum für überlebt und überflüssig hielten und es gerne von der Bildfläche verschwinden sehen wollten, von einem allseitigen Würgegriff, einer großangelegten Verschwörung gegen uns, wie sie Aliana praktisch bereits für erwiesen hielt, konnte jedoch keine Rede sein.

Nach dem ersten Jubel herrschte ein knappes Jahr lang, bis Herbst 2004, ziemliche Ruhe im Verband. Es wurde zwar die in der Satzung zwingend für "spätestens Mai" vorgesehene jährliche Vorstandswahl nicht einberufen, aber das schien niemanden zu kümmern, wie sich auch keiner daran störte, daß Aliana die Satzung unbekümmert in den Wind schlug, als sie ein sich völlig irregulär vordrängelndes Mitglied, Richard Wagners Urenkel Gottfried Wagner, wohl des berühmten Namens willen als Zehnten in den Vorstand zu kooptieren versuchte; sowohl der Mangel eines notwendigen Quorums bei der Vorstandssitzung als auch die erneute Überschreitung der in der Satzung festgelegten Personengrenze von acht Vorstandsmitgliedern verdammten dieses illegale Unterfangen von Anfang an.

Im Oktober 2004 begannen die vereinsmeierischen Ballereien im Ernst, und zwar damit, daß zwei der drei geschäftsführenden Vorstandsmitglieder (Sekretärin Andrea Reiter und Schatzmeisterin Gabrielle Alioth) aus Protest gegen undemokratische Vorstandsmanipulationen zurücktraten. Aliana, deren Ton gegenüber ihren Kollegen immer anmaßender, maßregelnder und diktatorischer geworden war, reagierte darauf mit Frechheiten, die bald zu ihrem Standardrepertoire wurden; so schrieb sie an Frau Reiter: »Hoeren Sie bitte umgehend mit dem Unsinn auf, permanent unsere Mitglieder mit Ihren Tiraden zu belaestigen. … Ich weiss nicht, was sich in Ihrem Leben abspielt und habe Mitgefuehl fuer wasimmer es sein mag. Ich bitte Sie aber, sich … nun endgueltig zurueckzuziehen.« Und in einem Rundbrief an alle Mitglieder kommentierte sie diese Rücktritte: "Ich weiss nicht, was Leute bewegt, destruktiv zu werden, wenn sie ihre eigenen Interessen nicht durchsetzen koennen und denke, dass die meisten unserer Mitglieder ihre eigenen Interessen tatsaechlich sehr gut mit denen des Zentrums vereinen koennen. Wer es nicht kann und damit Probleme hat muss sich eben etwas anderes ueberlegen." Daß sie mit diesen Worten recht treffend, wenn auch ungewollt ihr eigenes Verhalten umrissen hatte, merkte sie nicht. Als ich versuchte, sie zu etwas mehr Takt im Umgang mit Kollegen zu bewegen, fiel sie mir ins Wort: Ich hätte überhaupt keine Ahnung, was sich wirklich abspiele, sie müsse mir das mal im einzelnen erklären — es sei halt so, daß überall gegen uns intrigiert werde, wahrscheinlich würden gar von einigen Mitgliedern von innen Komplotte geschmiedet; da dürfe man keine Schwächen zeigen, sondern, das habe uns die Geschichte doch nun wirklich gelehrt, müsse beherzt den Anfängen wehren.

Nach dem Rücktritt der Damen Reiter und Alioth wurde der in Israel lebende Beisitzer Chaim Noll amtierender Sekretär, während Präsidentin Brodmann zusätzlich das Schatzmeisteramt übernahm und sich die etwa zehntausend Dollar, die zu der Zeit in der Verbandskasse klingelten, auf ihr amerikanisches Konto überweisen ließ. Im Laufe der nächsten Monate schrumpfte der Vorstand durch einen Todesfall und die Rücktritte dreier weiterer den Brandsätzen Brodmannscher Arroganz ausweichender Vorstandsmitglieder bis auf drei. Dennoch fiel es ihr keineswegs ein, die nun schon zum zweitenmal überfällig werdenden jährlichen Vorstandswahlen einzuleiten; im Gegenteil, in eigenmächtigem Verstoß gegen die Statuten bestimmte sie den Herbst 2006 als Termin für die nächsten Wahlen — ein leicht durchschaubares Manöver, mit dem sie wohl absichern wollte, daß sie bei einer großen Holocaust-Gedenkveranstaltung in Boston im Herbst 2005 sowie auf dem Internationalen PEN-Kongreß in Berlin im Mai 2006 als Präsidentin des deutschen Exil-PEN posieren konnte.

Mittlerweile schlitterte sie jedoch über die Grenze zum Größenwahn. Im Februar 2005 rief sie mich an, um in verschwörerischem Ton einen Schwall ungeheuerlicher Verdächtigungen und Anschuldigungen gegen den »Intriganten« Chaim Noll loszulassen. Bei dem langen Telefongespräch wurde es mir immer ungemütlicher, denn Beweise für ihre Behauptungen — z.B., daß er »uns« an den von ihr als diabolischen Widersacher empfundenen innerdeutschen PEN »verraten« wolle — nannte sie nicht, das könne sie nicht am Telefon. Als sie ein paar Wochen später abrupt, ohne Vorstandsmandat und ohne jede Satzungsgrundlage, auf eigene Faust ein Ausschlußverfahren gegen Noll einleitete, ließ sie die Katze aus dem Sack: Es paßte ihr nicht, daß der Vorstandssekretär, bis vor kurzem noch ihr engster Mit- und Zuarbeiter, auf einmal ihr gegenüber Rückgrat zeigte und sich beim Entwurf der neuen Verbandssatzung einem Passus widersetzte, der der Präsidentin Sonderrechte einräumen sollte. Sie verteidigte ihren Herrschaftsanspruch in einem fürchterlichen Kauderwelsch, das ihr nun, auf ihre älteren Tage, zunehmend die Sprache zu vermasseln schien: »Ich war es, und besonders mit meinem Mann, dem auch Ungerechtigkeit höchst zuwider ist und der in Mexico City jeden einzelnen Delegierten ansprach und persönlich bat, an der historischen Abstimmung für die Aufhebung des dormant Status und die offizielle Anerkennung des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland zu wählen. Ich sehe mich nicht als Präsidentin priviligiert oder Vorrechte zu haben … Dennoch sollte … der Präsidentin weiterhin auch die Diskretion gewährt bleiben, im Interesse des Zentrums bei unüberwindbaren Uneinigkeiten das letzte Wort zu haben.« Mir schlackerten die Ohren; so unter aller Sau hatte sie doch früher nicht geschrieben? Hatte sie dieses Stroh überhaupt selbst gedroschen? Ich suchte nach Erklärungen: Konnte es sein, daß Alianas irrationales Verhalten weniger auf ihrem eigenen Mist gewachsen als vielmehr das Resultat einer unberechenbaren Dynamik in ihrer Ehe mit Alexander Ebermayer von Richthofen war? Kollegen, die die beiden bei PEN-Kongressen in Aktion erlebt hatten, erzählten, bei den Sitzungen sei Alexander gelegentlich aufgesprungen, um das große Wort für seine Frau zu führen; kurz, er mischte sich in Sachen ein, die ihn — der nicht Mitglied und schon gar nicht Delegierter unseres PEN-Zentrums war —eigentlich nichts angingen. Motivierte er sie, oder motivierte sie ihn? Oder war es ein Wechselspiel ihrer individuellen Verquertheiten, das immer unerfreulichere Resultate zeitigte?

1983 - noch ist die Beauty kein Biest

Noch gravierender bei Sekretär Nolls Aufmucken gegen die Möchtegernautokratin war, daß er sich gegen den folgenden von ihr verfaßten egozentrischen und wenig akkuraten Text für den Buchumschlag der inzwischen druckreifen Anthologie zum siebzigjährigen Bestehen des deutschen Exil-PEN wehrte, in dem sie sich als Retterin des Zentrums zelebrierte: »Es folgten zweieinhalb Jahre harter Kampf auf internationaler Ebene und im November 2003 wurde dieses PEN Zentrum nach einer aufwühlenden Rede der heutigen Präsidentin auf dem Weltkongress des Internationalen PEN in Mexico City mit überwältigender Stimmenmehrheit wieder als unverändert bestehendes PEN Zentrum anerkannt.« Wenn ihr angelerntes Englisch in den Texten fürs Dana Farber-Krebsinstítut so verquast war wie ihre ausdrücklich für den Buchdruck bestimmte und abgesegnete Muttersprache, wundern einen die abfälligen Beurteilungen ihrer früheren Institutsbosse überhaupt nicht mehr.

Ich machte Aliana gegenüber keinen Hehl aus meiner Meinung, daß auch ich solche »Selbstverherrlichung« auf dem Umschlag der Anthologie unangemessen fände. Damit war ich in ihren Augen zum Feind übergelaufen, und sie weinte sich bei Mitgliedern aus, bei denen sie hoffte, weiterhin Unterstützung zu finden; Originalton »Aliana B.E.v.R.«, wie sie gerne ihre Briefe an alte Freunde zeichnete: »…die Rettung dieses Zentrums durch die jetzige Praesidentin … wurde als 'Selbstverherrlichung' diskriminiert, weil mit der Rettung des Zentrums natuerlich auch die versuchte Eliminierung dieses Zentrums im Raum war und sich die Frage stellen musste, wer genau hinter diesem jahrzehntelangen Betreiben stand. Wer das ist wissen wir alle. Das wurde zur Genuege zu unserem 60jaehrigen Bestehen in der damaligen Presse diskutiert. Wenn die angebliche 'Selbstverherrlichung' der Praesidentin aus dem Text genommen wird, ist damit auch die dramatische juengere Geschichte unseres Zentrums gestrichen und was bleibt, ist ein belangloser, nichtssagender und damit fehlinformierender Text. Selbst wenn mir mit der Erwaehnung des jahrelangen Kampfes und der Entscheidung in Mexico City Anerkennung zuteil wuerde, waere das denn wirklich so unpassend, nachdem mir dafuer noch nie Anerkennung oder Dank entgegengebracht wurde?«

Arme Einzelkämpferin, die Welt ist Helden gegenüber so schrecklich undankbar, die sich dagegen wehren, daß ein Verlag »gleichgeschaltet mit der deutschen Presse und anderen literarischen Institutionen in Deutschland die Geschichte unseres Zentrums verfaelschen will.« Und wer waren die Drahtzieher hinter dem jahrzehntelangen erbarmungslosen Unterfangen, das dazu führte, »dass die Existenz dieses PEN Zentrums bis heute in Deutschland am liebsten weitgehend totgeschwiegen wird?« In einem Brief an den Verleger der Anthologie, Johann Koch vom Synchron-Verlag, vermutete Aliana unverblümt, Johano Strasser, der Präsident des innerdeutschen PEN, stecke hinter der Kabale, sozusagen als neuester Kommandeur der alten Koalition, von der sie schon immer wußte, sie habe es auf uns abgesehen: die deutsche Presse und das deutsche Literaturestablishment. Mit ihrer Großmuftiattitüde verquickte sich nunmehr eine Paranoia, für die es kein Halten mehr gab. So belehrte sie die erstaunten Mitglieder (wie in den anderen Zitaten habe ich ihre Schreibweise und Fehler unverändert beibehalten): »Es haben leider schon andere Zerstoerer selbst hohe Kulturen runiniert und grosses Unheil angerichtet. Genau das passiert hier im Rahmen unserer hochgeistigen Gesellschaft. … Die Mitglieder … werden sich ueberlegen muessen, ob sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren koennen, dieses Zentrum, dessen Mitglieder … uns immer Inspiration gewesen sind, so schaendlich untergehen lassen zu koennen. Ich selbst habe die Aufgabe erfuellt, die ich mir … gestellt hatte: oeffentlich darauf hinzuweisen, dass in der Tat weiterhin und sicherlich noch ueber Generationen hinaus, Literaten, die in der Ferne deutsch schreiben und leben ueber ihre Exil Existenz trauern. Das habe ich erreicht und es wurde anerkannt.« Hm — hatte sie nicht eben noch gejammert, es sei ihr »noch nie Anerkennung oder Dank entgegengebracht« worden?

Vielleicht sind's die Wechseljahre, dachte ich stereotyp, ohne mich zu trauen, das laut zu sagen, denn das ist so ähnlich politisch unkorrekt, als wenn man Frauen als hysterisch bezeichnet; Feministinnen der überschwenglichen Art hauen einem dann gleich eins auf den Rüssel. Damit ich nicht gesteinigt werde, gebe ich hier ausdrücklich zu Protokoll: Ich weiß, daß sowohl Frauen wie Männer Wechseljahre durchleben, in denen physiologische und hormonale Veränderungen psychoneurotische Folgen haben können. Ferner ist mir klar, daß Hysterie nicht geschlechtsspezifisch ist und sowohl Männer als auch Frauen in irrationale Zustände versetzen kann. Und nun erlaube man mir, da hier von einer Frau die Rede ist, auch im Hinblick auf den Irrsinn, der noch folgen sollte, endlich offen zu sagen: Vielleicht läßt sich Aliana Brodmann Ebermayer von Richthofens stetig anschwellende Hysterie wenigstens teilweise durch bei ihr psychosomatisch besonders gravierende Wechseljahre erklären. Gründe muß es ja geben, wenn man jemanden, den man gut zu kennen meinte, auf einmal nicht mehr wiedererkennt.

Ich versuchte zu vermitteln, hatte den Glauben an die Überzeugungskraft stichhaltiger Argumente noch nicht ganz verloren. Vernunft war Aliana nun jedoch völlig abhanden gekommen; wer nicht uneingeschränkt für sie war, war gegen sie und kriegte, egal wie freundlich und bedacht man Einwände formulierte, gleich in rüdem Ton eins über die Rübe, wobei sie sich nicht entblödete, Kollegen dessen zu zeihen, was eher auf sie selber paßte: der »Aggressivitaet und Gemeinheit selbstsuechtiger Karrierefunktionaere«. Rasch wurde es zahlreichen Mitgliedern zu bunt; eine aufgebrachte Mehrheit forderte sofortige Vorstandsneuwahlen. Da laut Satzung für die Einberufung außerordentlicher Wahlen nur ein Viertel der Mitglieder nötig war, leitete Sekretär Noll diese in der zweiten Aprilwoche ein; als Wahlleiter wurde ich per Akklamation ernannt — ich hatte mich in meinem Zorn auf Alianas Ausrasten wohl unplanmäßig als Stimme der Vernunft profiliert. Vom Dreier-Restvorstand unterstützten zwei — Noll und Beisitzer Günter Kunert — diesen Versuch, auf Demokratie zu beharren, während sich die Präsidentin oft mehrmals täglich in eine wütende Emailkampagne stürzte, in der sie mit garstigen, verquer formulierten Flunkereien nur so um sich warf. Es war atemberaubend, wie sie Tatsachen auf den Kopf zu stellen verstand. Dabei war ihr ständiger totalitärer Tenor: »Wir« erkennen die Wahlen nicht an, »wir« bestimmen dies oder das — eine irrwitzige Pluralis Majestatis-Gebetsmühle, bei der es ihr nur um eines ging: sich an der Macht der Bananenrepublik, zu der sie unser PEN-Zentrum in ihrem Köpfchen degradiert hatte, total festzuklammern. Der einzige, der dabei zu ihr hielt, war Gottfried Wagner; er, der sich gern als schwarzes Schaf seiner Familie geriert, hat womöglich die Torheit von seiner Großmutter, dem fanatischen Hitler-Fan Winifred, geerbt. Der promovierte Musikwissenschaftler entlarvte sich als ein törichter Bengel, der sich vermutlich bereits auf die von Aliana für den Herbst versprochene »all expenses paid«-Einladung zur Holocaust-Veranstaltung in Boston gefreut hatte und dieses Fell nicht davonschwimmen sehen wollte. Opportunisten kommen in allen Farben und Formen, und am schlimmsten sind die, die ihren Schwanz mit dem Lendenschurz des Nonkonformismus bedecken, um im Kulturdschungel Tarzan zu spielen.

Da Aliana die Neuwahlen, wie es sich für eine selbstgefällige Potentatin gehörte, nicht anerkannte, ließ sie sich auch nicht für den neuen Vorstand aufstellen. Daraufhin verweigerte ihr die Zweiermehrheit im verkrüppelten Nochvorstand das Mandat, das Zentrum im Juni 2005 beim internationalen Kongreß in Bled, Slowenien als Delegierte zu vertreten. Bei fast allen Mitgliedern (außer ihrem Komplizen Gottfried) fiel ihr schrilles Gezeter auf taube Ohren, und ihre unverfrorene Lüge in letzter Minute, der International PEN in London habe die Neuwahlen der "Noll-Gruppe" für ungültig erklärt, war nur noch lachhaft; selbst die irrationale Bösartigkeit, mit der sie der »Noll-Gruppe« unterstellte, DDR-Methoden anzuwenden, war nichts weiter als ein blödsinnig perverser Witz, denn gerade Chaim Noll und Günter Kunert hatten als Dissidenten unter der Verfolgung des Stasi-Regimes zu leiden gehabt. Nolls Vater Dieter war ein berüchtigter Systemschriftsteller der Ulbricht- und Honeckerdiktatur gewesen, also beschimpfte Aliana in ihrer dumm-dreisten Sippenhaft-Mentalität nun alle die, die sich nicht ihrer imaginären Knute beugten, als »Noll-Gruppe« und schnauzte sie in ihrem inzwischen völlig verkommenen Deutsch an, wie »erschreckend« es sei, »dass er [Noll] selbst bei Leuten wie Sie Unterstueztung fuer sein eigennuetziges Unternehmen gefunden hat.«

Bis zum Stichtag Mitte Mai hatten etwa 85% der Mitglieder ihre Stimmen in versiegelten Umschlägen abgegeben. Um die Auszählung hieb- und stichfest zu machen, ließ ich diese Umschläge unter Aufsicht einer Notarin von zwei Zeugen öffnen und tabulieren. Alle fünf Kandidaten erhielten eine überwältigende Mehrheit: Günter Kunert als Präsident, Chaim Noll als Sekretär, ich als Schatzmeister, Peter Finkelgruen und Hans-Christian Oeser als Beisitzer. Damit war erstmals seit der Wiederzulassung durch den International PEN ein neuer Vorstand gewählt. Aufgrund dieses Ergebnisses erklärte sich eine Woche später die allseits geschätzte, doch von Aliana im Herbst 2004 aus dem Verband geekelte frühere Schatzmeisterin Gabrielle Alioth bereit, wieder beizutreten und sich vom neuen Vorstand, dem es peinlich war, nur aus Mannsbildern zu bestehen, kooptieren zu lassen. Flugs wurde der International PEN informiert, und Frau Brodmann wurde aufgefordert, unverzüglich alle Vorstandsunterlagen und die Verbandskasse den Nachfolgern zu übergeben.

Dabei hatten wir allerdings die Rechnung ohne die betrügerische Wirtin gemacht. Wäre sie halbwegs rational gewesen und hätte das geringste demokratische Gespür behalten, wäre der Spuk nun vorüber gewesen, und das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland hätte sich endlich wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmen können. Leider trat ein, was zu befürchten war: Sie weigerte sich nicht nur, das Resultat anzuerkennen und die Kasse abzurechnen, sondern ihre wahnwitzigen Rundumschläge gegen alle, die sich ihr nicht unterwarfen, wurden noch rabiater. Natürlich hatte ich sie »am meisten .. enttaeuscht«, deshalb drohte sie mir: »Irgendwann wird es ernst und Du wirst Dich dafuer verantworten muessen.« Ich konnte es kaum abwarten.

Aufgrund ihrer Weigerung, die Kasse zu übergeben, wurde Aliana Brodmann E. von Richthofen Ende Mai wegen verbandsschädigenden Verhaltens aus dem PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland ausgeschlossen. Und nun passierte etwas, womit wir im naiven Glauben an Logik und demokratische Prinzipien überhaupt nicht gerechnet hatten: Die Zentrale des internationalen PEN in London gab sich einerseits zwar salomonisch, man wolle sich nicht einmischen, mischte sich jedoch andererseits im selben Atemzug massiv ein: Wenn wir uns nicht untereinander (d.h. mit der früheren Präsidentin) einigen könnten, würden wir beim internationalen Kongreß Mitte Juni in Bled, Slowenien halt wieder für »dormant« erklärt, und all unsere Rechte würden uns entzogen. Könnten wir uns dann bis zum nächsten Kongreß immer noch nicht untereinander (d.h., mit der nunmehrigen Präsidentenhochstaplerin) einigen, würden wir halt aufgelöst. Welch saftige Ironie, uns, dem aus dem Widerstand gegen die Nazis hervorgegangenen PEN, die Vernichtung ausgerechnet in Berlin anzudrohen, der Stätte des nächsten internationalen Kongresses im Mai 2006 — unter der Ägide des innerdeutschen PEN!

Nichts half zunächst gegen die Londoner Sturheit (oder war es Feigheit vor dem Feind, vor dem Gezeter der um ihre eingebildete Macht kämpfenden Möchtegern-Potentatin?). Die umfangreichen Dokumentationen, die die Rechtmäßigkeit des von mindestens 85% der Mitglieder unterstützten neuen Vorstands bewiesen, wurden in London auf eine unfair tarierte Waage gelegt, die den hohlen Brodmannschen Worten das gleiche Gewicht beimaß. Und nicht nur das: Als Aliana in Bled auftauchte, erhielt sie Delegiertenstatus und wurde auf Kosten des internationalen PEN im Delegiertenhotel untergebracht! Was für ein kümmerliches Lehrstück, in dem die Kollegen der PEN-Zentrale, die sich dauernd mit mutigen Erklärungen in die Geschicke des Weltgeschehens einmischen, vor den cholerischen Drohgebärden der Frau von Richthofen kuschten — als duckten sie sich vor einem Tieffliegerangriff des Roten Barons. Erst in letzter Minute konnte der neue Vorstand mit einer Unterschriftenaktion unter unseren aufgebrachten Mitgliedern wenigstens etwas kontern und den internationalen PEN-Funktionären genügend Respekt abnötigen, daß sie, um eine Konfrontation zu vermeiden, bei der eigentlichen Delegiertenversammlung Aliana das Stimmrecht absprachen und unser Zentrum in einem Ton, als wolle man nochmal Gnade vor Recht ergehen lassen, mit einer Art Warnung maßregelten: Wir müßten uns auf jeden Fall mit Frau Brodmann von Richthofen einigen, wollten wir als Zentrum am Leben gelassen werden. Oh schnöde Volksherrschaft der bescheidenen Vernunft — hoch lebe die Diktatur des gemeinen Aberwitzes!

Schräge Typen? Ana Bé und ihr Baron

Weniger als eine Woche nach diesem Kongreß sollte der Wahnsinn noch wahnsinniger werden: Aliana Brodmann von Richthofen verklagte tatsächlich ihren Nachfolger als Präsidenten, den Dichter Günter Kunert, vor dem Landgericht seines Wohnortes Itzehoe in Schleswig-Holstein auf Unterlassung seiner Wahlanerkennung! Zu einem eilig anberaumten Gerichtstermin erschien sie in Itzehoe in Begleitung ihres Rechtsanwalts Wolfgang Radmann, im Schlepptau Ehegatte Alexander und Adlatus Gottfried Wagner. Wolfgang Radmanns Sohn Friedrich, ebenfalls Anwalt, der wie sein Vater in der Münchner Maximilianstraße praktiziert, hatte sie schon früher einmal eigenmächtig, ohne Genehmigung des Vorstands, aber gegen Entgelt aus der Verbandskasse bemüht, als es um den Verlagsvertrag zur Jubiläumsanthologie ging; in keinem Fall legte sie offen, daß die beiden Radmänner über Alexander von Richthofens Tante Gunhild mit ihr verschwägert sind.

Der Richter, ein Salomon ganz eigener Art, hielt sich mit dem Verfahren nicht lange auf; schlicht und einfach befand er, der Satzung des Zentrums zufolge gäbe es bereits seit Mai 2004 keinen gültigen Vorstand mehr, also sollten beide Kontrahenten mit sofortiger Wirkung darauf verzichten, sich als Präsidenten des Zentrums zu bezeichnen, und stattdessen auf abermalige Neuwahlen des gesamten Vorstandes hinwirken, und zwar — jetzt wurde die Sache meschugge — unter Aufsicht eines temporären Sekretärs. Dieser Übergangssekretär müsse zunächst mal gewählt werden, und zwar binnen eines Monats bei einer speziellen Wahl, die gemeinsam von der im Oktober 2004 zurückgetretenen früheren Sekretärin Andrea Reiter und dem amtierenden Sekretär Chaim Noll zu organisieren sei. Da dieses Verdikt dem richterlichen Witzbold noch nicht kompliziert und sinnlos genug war, verlangte er Abstimmung per Einschreiben. Ob er überhaupt die geringste Zuständigkeit besaß für das, was in einem nicht in Deutschland registrierten Club mit überwiegend ausländischen Vorstandsmitgliedern geschah, schien ihn nicht zu interessieren. Erst Wochen später stellte sich heraus, daß die Klägerin bei der gerichtlichen Vorlage der Verbandssatzung in betrügerischem Eigeninteresse schlichtweg die letzte Seite unterschlagen hatte, auf der ein abschließender Paragraph englische Rechtshoheit bestimmte! Wenn das kein Straftatbestand ist… Zunächst einmal jedoch wurde der wahrlich verrückte Vergleich von Itzehoe, der weder die Verbandssatzung berücksichtigte noch sich bei den in aller Welt verstreuten Mitgliedern und ihren diversen postalischen Systemen praktisch durchführen ließ, von beiden Parteien akzeptiert. Günter Kunert, der sich in die Ecke gedrängt fühlte, wollte damit verständlicherweise vermeiden, im Treibsand eskalierender Gerichtskosten zu versinken, während Aliana vielleicht von ihrem Anwalt nahegelegt wurde, daß Frechheit nicht immer siegt, auch wenn sie es ständig auf Biegen und Brechen versuchte — oder hatte sie schon kalkuliert, wie sie nun ihren Vernichtungsfeldzug erfolgreich beenden könnte nach dem Motto, was ich nicht haben kann, hau ich kaputt?

Eigentlich hatte der neue Vorstand, abgesehen vielleicht vom Präsidenten, mit dem Itzehoer Schelmenspiel nichts am Hut. Es war eine personenbezogene Privatklage. Andererseits — ich war zwar Schatzmeister, aber hatte keinen Schatz, und irgendwie mußten wir versuchen, an unser Geld zu kommen, schon um die beim Verlag festgefrorene Jubiläumsanthologie loszueisen. Also wandte sich der Vorstand leicht verzweifelt abermals um Hilfe an den internationalen PEN in London. Dem fiel leider zunächst nichts besseres ein, als vor dem Itzehoer Richter den Kotau zu machen — durch dessen Vergleich seien dem PEN die Hände gebunden, wir sollten uns daran halten. Nachdem die Londoner den legitimen neuen Vorstand zwei Monate lang hochmütig abgeschmettert oder mit lahmen Ausflüchten hingehalten hatten, zeigten sie nun keine rechte Lust, sich mit der Brodmann anzulegen, die unser Verbandsvermögen in Geiselhaft hielt. Erst als wir nachwiesen, daß es sich bei dem deutschen Verfahren um Gerichtsbetrug handelte, kam Bewegung in die Londoner. Sie ließen sich von einem englischen Anwalt beraten, der ihnen aufgrund des von Aliana dem deutschen Gericht vorenthaltenen Satzungsparagraphen bescheinigte, daß sie sehr wohl das Recht hätten, hier das Heft in die Hand zu nehmen. Nach einigem Hin und Her deutete Aliana Bereitschaft an (wenn auch in widersprüchlichen Schreiben), bei einer vom internationalen PEN abgesegneten Wahl die Kasse endlich abzurechnen.

Kurz darauf, Mitte August, erklärten sie und ihr getreuer Knappe Gottfried Wagner abrupt ihren Austritt aus dem Zentrum (aus dem sie ja eigentlich schon Ende Mai ausgeschlossen worden war); sie konnte es aber weiterhin nicht lassen, mit Giftschlamm um sich werfen, und wollte partout nicht akzeptieren, daß sie bei den kurzen Beinen ihrer Lügen schließlich darüber gestolpert und voll auf die Schnauze gefallen war. In ihrem Abschiedsbrief an die Mitglieder zieh sie den in der DDR unseligen Angedenkens wegen Wehrdienstverweigerung in einer psychiatrischen Anstalt drangsalierten und schließlich ausgebürgerten Chaim Noll »einschlägiger Kadererfahrung«, mit der er die »systematische Reduzierung dieses Zentrums in ein Kader« betreibe, und beschimpfte ihn als »notorischen Lügner und Betrüger«. Sie keifte mit perversem Triumph, Günter Kunert habe vor Gericht eine »jämmerliche Figur« abgegeben, und forderte Kunerts Anwältin, als die sich nach dem Verbleib der Verbandskasse erkundigte, auf, den Brodmannschen Anwalt und von Richthofen-Verwandten Radmann, der sich zu der Zeit in Urlaub befand, »nicht weiter mit unsinnigen Forderungen zu belästigen«, denn bei der Forderung nach dem Verbandsvermögen handele es sich lediglich um »peripheres Geplänkel«, an dem Kunerts Anwältin wohl nur interessiert sei, weil sie daraus »womöglich« die »Honorierung ihrer Bemühungen« erwarte. Außerdem unterstellte sie der Anwältin »wahrheitswidrige, rufschädigende Behauptungen Nollscher Prägung« und nannte ihren Versuch, Antworten auf offene Fragen zu erhalten, »schlicht unverschämt und so nicht sehr beeindruckend«. Eine Woche nach der Austrittserklärung zog sie ihren bereits entfernten Beitrag aus der eingefrorenen Jubiläumsanthologie des Zentrums zurück, wies den Verlag jedoch gleichzeitig in manischer Hybris »vorsorglich, aber ausdrücklich darauf hin, dass ich … in jedem Zusammenhang mit dem 70jährigen Bestehen dieses PEN Zentrums und jeder Form einer Veröffentlichung dazu als zu dem Zeitpunkt alleinige rechtmässige Präsidentin genannt werden muss.«

Die erneute, diesmal vom International PEN durchgeführte Vorstandswahl endete Mitte Oktober mit einer überwältigenden Bestätigung des gesamten Maivorstands; als Beisitzer stießen noch Freya Klier und Guy Stern hinzu. Unverdrossen schlug Aliana jedoch — verwunderte es? — die Abmachungen weiter in den Wind. Endlich, im November, zwei Monate nach dem mit dem internationalen PEN verabredeten Termin, bequemte sie sich, eine sogenannte Abrechnung nach London zu schicken.

Daß in ihrer Buchhaltung die Lücken nur so klafften, war bei weitem nicht das Ärgste; das Schlimmste war — man hätte es ahnen sollen — daß sie es geschafft hatte, das gesamte Vermögen, simsalabim, verschwinden zu lassen. Ob man's nun Veruntreuung, Unterschlagung, Diebstahl nennt — es war weggeschrumpft, mit Brodmannschen Eskapaden verpraßt. Sie hatte sich die Reise von Boston nach Slowenien daraus bezahlt, die anschließende Fahrt nach Itzehoe, sämtliche Anwalts- und Gerichtskosten (wovon ein hübscher Batzen an den Verwandten ihres Mannes ging), die Unkosten des in Italien lebenden Gottfried Wagner als vom Richter nichtmal anerkannten Zeugen beim Gerichtstermin… Da gingen leicht Tausende und Abertausende von Euros und Dollars drauf. Da ihr das aber wohl noch nicht reichte, stellte sie dem PEN-Zentrum zusätzlich eine zehnprozentige »Provision« auf eine Subvention des Auswärtigen Amtes vom Vorjahr in Rechnung, denn schließlich habe sie sich die Arbeit gemacht, diese Subvention zu beantragen! Unter dem Strich kalkulierte sie auf diese Weise schließlich sogar ein Defizit von knapp zweitausend Dollar, das sie nun von dem von ihr selber völlig ausgeplünderten PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren einforderte. Uns blieb die Spucke weg.

Einer der Typen der Ana Bé, anno 1969?

Diese schwarz auf weiß belegte Unverfrorenheit reichte endlich auch dem internationalen PEN. Anfang Dezember wies das Londoner Büro Aliana Brodmann von Richthofen darauf hin, bei ihrer Klage gegen Günter Kunert und ihre Prozeßkostenfinanzierung aus der PEN-Kasse handele es sich um grundsätzliche Verstöße gegen ethische Grundsätze des PEN, und der eigenmächtige Griff in die Kasse für die Reisekosten nach Bled bedeute eine Veruntreuung, da sie keinen entsprechenden Vorstandsbeschluß nachweisen konnte — ganz zu schweigen von der rechtswidrigen Berechnung einer »Provision« aus staatlichen Zuschüssen. Aufgrund dieses Verhaltens sei sie bei internationalen PEN-Kongressen nicht mehr erwünscht. Nachdem uns London mit bürokratischen Ausflüchten monatelang hatte ohne Boden unter den Füßen zappeln lassen, wurde uns nun zu verstehen gegeben, als unabhängiges Zentrum läge es an uns, der Diebin unser rechtmäßiges Vermögen abzujagen. Kein Wort davon, daß dieser Schlamassel weitgehend hätte vermieden werden können, hätte man im Mai 2005 unsere wohldokumentierte, satzungsgemäß korrekte Neuwahl anerkannt und Aliana nicht noch nach der Neuwahl offiziell als Delegierte in Bled willkommen geheißen. Warum London damals trotz des Protests des gerade neu gewählten Vorstands von ihr keinen Nachweis eines entsprechenden Vorstandsbeschlusses forderte (eines Beschlusses, den es auch vom alten Vorstand nicht gab), bleibt weiterhin unerfindlich.

Im Januar 2006 gelang es dem am finanziellen Krückstock stolpernden PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, einen deutschen Anwalt »pro bono« für die Veruntreuungen der Freiherrn-Gattin zu interessieren, wenn auch nach den Albernheiten von Itzehoe das Vertrauen in die deutsche Justiz auf einem Tiefpunkt angelangt war. Die Preisfrage aber blieb: Wie zerrt man Betrüger vor den Kadi, die sich in den USA verschanzen, wenn kein Geld da ist für amerikanische Anwälte? Tja, da kratzt man sich ratlos am Kopf — ich muß es wissen, denn schließlich bin ich Schatzmeister, wenn auch leider immer noch ohne Schatz.

Ornament

Die Sorgen hatte das Dana Farber-Krebsinstitut nicht, als es sich vier Jahre lang gegen die geldgierige Klage ihrer ehemaligen Angestellten zur Wehr setzte. Das Institut konnte es sich leisten, mit schweren Geschützen zurückzuschießen. So verlor am 9. Dezember 2005, nach zweiwöchiger Verhandlung im Norfolk Superior Court, Massachusetts, Aliana Brodmann E. von Richthofen ihren Schadenersatzprozeß. Die Jury kaufte ihr die Behauptung nicht ab, Dana Farber hätte ihr Leben und Arbeit vermiest, weil sie sich über die angebliche hitlerfreundliche Bemerkung einer Kollegin beschwert habe; folglich weigerte sich die Jury, ihr auch nur einen roten Heller der über zwei Millionen Dollar zuzusprechen, die sie zum Ausgleich von Verdienstausfall und erlittenen psychischen Torturen verlangte. Mrs. Brodmann von Richthofen hatte ihr Luftschloß wohl zu sehr im Vertrauen auf das amerikanische System gebaut, wo Firmen oft den Skandal eines Verfahrens scheuen und lieber tief ins Säckel greifen. Dana Farber jedoch spielte nicht mit, bot keinen lukrativen Vergleich an, und nun saß Mrs. Brodmann von Richthofen auf einem Haufen Prozeßkosten, und von den Unsummen, die sie seit ihrer Kündigung für ihre psychiatrische Behandlung ausgegeben hatte, war auch nicht mehr als Seelenasche übrig. Sie zeigte sich ob des Urteils »schockiert«; dieses Resultat sei für sie »entsetzlich«, vertraute sie der Presse an, denn: »Ich ging [vor Gericht], um meine Wunden in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen…«

Immer wieder betete sie während der vier Jahre, in denen der Fall durchs Rechtssystem krabbelte, öffentlich ihr biografisches Mantra: daß viele ihrer Familie in KZs ums Leben kamen, und daß ihre »armen Eltern … diese unglaublichen Schmerzen durchlebten.« Die Ermordung der Großeltern, die Qualen der Eltern wies sie als eigene Stigmata vor; das müßte doch zwei Millionen Dollar wert sein? Der Zeitschrift Jewish Advocate gegenüber sagte sie, ihre direkte frühere Vorgesetzte bei Dana-Farber, eine Jüdin, habe sich an einer »Vergeltung gegen mich beteiligt, die einen an die Juden in den Ghettos erinnert, die andere Juden den Deportationen auslieferten« — ein Vergleich, bei dessen Obszönität einem die Spucke wegbleibt. »Letztendlich ging es bei diesem Fall um Leistung«, kommentierte dagegen ein Vizepräsident des Krebsinstituts. »Die Klägerin versuchte ständig, die Schuld an ihren eigenen Unzulänglichkeiten auf andere zu schieben, und ihre Klage war lediglich ein extremes Beispiel dieses Schemas.«

Laut Bostoner Jewish Advocate kündigte die abgewiesene Klägerin um die Jahreswende an, sie wolle in Berufung gehen; allerdings lehnte es ihre Anwältin ab, sie weiterhin zu vertreten, also müsse eine neue Rechtsvertretung angeheuert werden. Davon, ob Aliana Brodmann von Richthofens psychiatrische Behandlung fortgesetzt wird, war keine Rede. (Ein unabhängiges Gutachten ihres Geisteszustandes wäre sicherlich angebracht.) Und woher das viele weitere Geld für die Fortsetzung kommen soll, wurde auch nicht erwähnt. Die paartausend aus der PEN-Kasse geklauten Euro wären da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht ist es das Ebermayersche Vermögen? Welch zum Himmel stinkende Ironie, sollte es aus Erich Ebermayers Hinterlassenschaft stammen, deren wundersame Vermehrung an jenem trächtigen Tag begann, als Joseph Goebbels dem inneren Emigranten erlaubte, den Dukatenesel seines nationalsozialistischen Volkserfreuungskinos zu reiten und sich des Esels goldene Scheiße ins Säckel zu stopfen!

Ornament

»Das kann ich überhaupt nicht verstehen«, sagt meine Mutter bedauernd, als ich ihr am Telefon die neuesten Eskapaden der einst von ihr so geschätzten Aliana Brodmann schildere. »Dabei war sie doch früher so lieb.« Sie glaubt's mir wohl immer noch nicht ganz, daß da nichts war zwischen uns beiden, wenn wir hinter geschlossener Tür in meinem Zimmer hockten. Meine Mutter erinnert sich gerne, wie sich das muntere Fräulein Brodmann abends artig von ihr verabschiedete, um in ihren schnittigen Glas 1700 zu steigen und winkend davonzufahren. So frisch, so zuversichtlich … so jung!

Freddy macht Ferien von Ana Bé, anno 69

Und jetzt welkt diese einst so charmante Grazie verstockt und unaufhaltsam dahin, ein weiblicher Dorian Gray, deren bösartiger Realitätsverlust und häßliche Selbstüberschätzung das Jugendbildnis liebenswert koketter Selbstironie völlig verunstaltet hat. Beauty and the Beast — wobei im Gegensatz zum Märchen das Biest, der innere Schweinehund, das ungestalte Monster menschlicher Niedertracht die Schönheit von innen her immer grotesker verunstaltet. Ich zerbreche mir den Kopf, welche Rolle ihr Ehemann dabei spielen mag, der Arier, der Edelmann, der Abkömmling von Hakenkreuzanbetern, der Ziehsohn eines erfolgreichen homosexuellen Nazikollaborateurs. Ich erinnere mich an mein einziges Treffen mit ihm, das mir im nachhinein, nun, nachdem ich von seinem und seines Adoptivvaters Wirken beim deutschen Film weiß, reichlich zu denken gibt — aber in welche Richtung ich da denken soll, bleibt mir schleierhaft. 1998, drei Monate vor ihrer Hochzeit, kamen Aliana und Alex zur Premiere eines Liederzyklus, den meine Frau mit dem Komponisten John Williams geschrieben hatte; es war ein festlicher Abend beim Tanglewood Festival in Massachusetts mit viel Prominenz im Publikum, denn der fünffache Oscar-Preisträger und Vertoner populärer Filme (»Star Wars«, »Schindlers Liste«, »Indiana Jones«, usw.) dirigierte selbst das Boston Symphony Orchestra bei dieser seiner ersten Zusammenarbeit mit einer Dichterin. Anschließend gab es eine Premierenparty, bei der auch Hollywoodstars umherschwirrten. Weder Alexander noch Aliana gaben einen Pieps von sich, daß er selber früher geschauspielert, daß er als Regieassistent bei einigen der bedeutendsten deutschen Filme der siebziger Jahre mitgewirkt hatte, ganz zu schweigen — im wörtlichsten Sinne — vom einst cineastisch einflußreichen Adoptivvater. Stattdessen standen die beiden eine Zeitlang wie bestellt und nicht abgeholt herum, nippten an ihren Weingläsern und zogen sich bald in ihr Hotel zurück. War das Bescheidenheit, Schüchternheit, Scham? Scham wofür — etwas nicht »geschafft« zu haben, »nur« der Regieassistent, nicht der Regisseur bedeutender Filme gewesen zu sein? Nach den großen Hoffnungen des ersten, publizistisch verpatzten und persönlich verschwiegenen Romans es »nur« zur Autorin von ein paar Kinderbüchern geschafft zu haben? Wer vermag schon in die tiefsten Winkel des Gewissens zu schauen, in denen sich manch einer bis zum Wahnsinn quält?

Vor dreieinhalb Jahrzehnten, als wir noch frisch und naiv waren, vertrauensselig auf unser Potenzial zur Welteroberung, klappte Ana Bé ihren Roman Typen mit einem Bob Dylan-Zitat zu: »But it's all over now.« Richtig, es ist alles vorbei, baby blue, und kommt nie mehr wieder. Aliana Brodmann verheiratete Ebermayer von Richthofen verwitwete Menkes hat es geschafft, sich selbst auszuweiden, bis nichts mehr übrig blieb als bittere Galle.

»So ein hübsches Mädchen«, sagt meine Mutter. »Das verstehe mal einer!«

© 2006 by Fred Viebahn

Copyright © 2005 Fred Viebahn
Quelle: http://www.henryk-broder.de/forsicht_freddy/richthofen.html

Das Blog | Tagebuch | Schmock der Woche | Foto des Tages | Forsicht Freddy! | Fremde Federn | Audio | Bücher | Galerie | Links | Kontakt | Impressum | Sitemap · Letzte Aktualisierung: 24.02.2006 · Copyright © 2005 Henryk M. Broder · Diese Seite ist optimiert für die aktuellen Versionen von Internet Explorer, Netscape oder Firefox · Empfohlene Bildschirmauflösung 1024x768 Pixel

kostenloser Counter