
Forsicht Freddy! Was bleibt, sind seine Gedichte: Nachruf auf den Dichter Johannes Schenk Am vierten Dezember 2006 starb der Dichter Johannes Schenk; zeitlebens war er, wie das so schön heißt, ein "Original". Der Tod ereilte ihn unvermittelt an einem der beiden Wohnorte, zwischen denen er seit Jahrzehnten hin und her pendelte: im Atelier seiner Lebensgefährtin Natascha Ungeheuer in Berlin-Kreuzberg, dort, wo bis 1989 die Mauer gleich hinter dem Haus verlief. Sein zweiter Wohnsitz war ein "Zirkuswagen" in Worpswede; in dem Künstlerstädtchen bei Bremen hatte der 1941 in Berlin Geborene bereits einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht, nachdem sein Vater, der Schriftsteller und Avantgardefotograf Gustav Schenk, dort in einer Art inneren Emigration mit seiner Familie Zuflucht vor nazistischen Zumutungen gefunden hatte. In seltsamer Symbiose begannen wir, Johannes Schenk und ich, unsere literarischen Karrieren beim selben Verleger, an dessen Stand wir uns während der Frankfurter Buchmesse 1966 kennenlernten. Viktor Otto ("V.O.") Stomps hatte eine kleine Novelle von mir, Der Ausbruchsversuch, für das Verlagsprogramm 1967 seiner legendären Eremitenpresse akzeptiert; mein Büchlein konnte dort im März 1967 noch erscheinen, das letzte unter V.O.'s Ägide, bevor er sich mit erst kürzlich in seinen Verlag eingetretenen jungen Geschäftspartnern überwarf, ihnen die Eremitenpresse überließ und mitsamt der Restauflage meiner Story nach Berlin zog, um seine von den Nazis Mitte der dreißiger Jahre geschlossene Rabenpresse wiederzubeleben. Der Ausbruchsversuch wurde mit einem verlagsändernden Aufkleber verziert, ein kurioser Brückenschlag vom alten zum neuen Verlag, während Fisch aus Holz, Gedichte von Johannes Schenk mit Illustrationen von Natascha Ungeheuer, als erstes eigenes Bändchen bei der Neuen Rabenpresse herauskam.
Johannes Schenk fiel auf; da waren einmal seine strubbeligen Haare und seine Vorliebe für Seemannskleidung, die ihn von der Knochenarbeit auf Schiffen bis zum Berliner Hinterhof sein Leben lang nicht verließ. Er war mal als Schiffsjunge zur See gefahren und hatte sich dabei unheilbar angesteckt mit Träumereien vom weiten Meer, deren mehrfach versuchte Verwirklichung ihm später jedoch von einem Boot zum anderen mißglückte; so blieb es immer wieder dabei, daß er sich seine romantische Fernweh in pittoresken Gedichten von der Seele schrieb. Vor allem aber fiel Johannes Schenk bereits in jenen frühen Jahren auf durch die schöne, mysteriöse Frau mit den langen schwarzen Haaren an seiner Seite: seine Lebensgefährtin Natascha Ungeheuer, Malerin einer phantasmagorischen Welt, in der ihr Freund, Geliebter, Partner Johannes irgendwo und irgendwie aus fast jedem ihrer großartigen Gemälde schaut. Er war ungeheuer stolz auf seine Natascha, und sie auf ihn. Ihre Beziehung hielt all den langen Jahren stand, von der Kreuzberger Boheme um Günter Bruno Fuchs und die Rixdorfer in den frühen Sechzigern über die wilde Zeit der achtundsechziger Studentenbewegung und das Straßentheater, mit dem sie sich in den Siebzigern ein Vehikel für ihre antiautoritären politischen Stücke schufen, bis in die Jahre nach der Wende, in denen es stiller um die beiden wurde.
Nachdem ich 1973 von Nordrhein-Westfalen nach Berlin gezogen war, sahen wir uns häufig. 1976 reisten wir gemeinsam mit zehn weiteren jüngeren deutschen Autoren drei Wochen lang durch die USA, um uns selbst ein Bild zu machen von jenem Land, gegen dessen kriegerische Abenteuer in Südostasien und CIA-gesponsorte Putsche in anderen Teilen der Welt (Chile vergaßen wir den Amis nicht so leicht) wir so heftig protestiert hatten. Im Gegensatz zu manchen anderen unter uns war es gerade Johannes, der doch der imperialistischen Hydra ewige Feindschaft geschworen hatte, der frei von Zynismus das Noble in allen Menschen sah und sich während dieser amerikanischen Reise mit seiner Gutmütigkeit und Geduld überall Freunde schaffte.
Drei Jahre darauf, 1979, als ich am Oberlin College unterrichtete, holten wir Johannes für ein Semester als writer-in-residence in das liberale Universitätsstädtchen im Norden Ohios. Sofort scharten sich Studenten und auch Professoren um ihn -- er und Natascha waren ein "Hit". In seinem informellen Seminar diskutierte er nicht nur seine eigenen Texte und erläuterte seine Schreibprozesse, sondern ließ sich aus über dies und das, war dabei stets offen, Fragen zu beantworten. Und er war ebenso begierig, von den Studenten zu lernen, wie diese auf seine Weisheit versessen waren. Obwohl er und Natascha selber nie Anstalten machten, ihre Beziehung staatlich sanktionieren zu lassen, waren sie sofort Feuer und Flamme, als Rita Dove und ich erklärten, nach zweieinhalb Jahren unseres Zusammenlebens "den Knoten schnüren" zu wollen; so kam es, daß unsere Heiratsurkunde mit dem prächtigen Namen Natascha Ungeheuer als Zeugin geschmückt wurde.
In den Achtzigern blieben wir weiter in Kontakt, vor allem in den Sommern, die Rita und ich oft wochen-, ja monatelang in Berlin verbrachten. Die Dresdener Straße war einer unserer ersten Anlaufpunkte, wenn wir aus den USA kamen. Das änderte sich erst nach der Wende -- da öffnete sich auf einmal die Stadt hinter dem alten, verkommenden Arbeiterviertelgebäude aus dem 19. Jahrhundert, in dem Natascha und Johannes so viele Jahre ohne Furcht gewohnt hatten, daß ihnen jemand in den Rücken fallen könnte; auf einmal war die Dresdener Straße offen nach Berlin Mitte, das geliebte Westberliner Randviertel Kreuzberg rückte von der Peripherie nah ans neue alte Zentrum, und die Spekulationsgeier begannen zu kreisen. Nachdem Johannes seinen letzten Versuch aufgegeben hatte, mit einem vom Nachlaß seiner verstorbenen Mutter erstandenen russischen Fischtrawler noch einmal in See zu stechen, zog er sich weitgehend nach Worpswede zurück, während Rita und ich immer seltener im Sommer nach Berlin kamen. So begannen wir uns zu verpassen, und schließlich sahen wir uns gar nicht mehr: Wie das so ist, wenn man weit weg zieht und nur hin und wieder kurz zum Schnuppern an den Orten seines früheren, jüngeren Lebens auftaucht. Was einst enge Freundesbande waren, zerbröselt mit den Jahren unter dem Druck neuer Lebenseindrücke, neuer Bekanntschaften, neuer Freunde zu Erinnerungskrumen,von denen man immer weniger zehrt. Die Verpflichtungen der Gegenwart und die Anforderungen der Zukunft geben unserer begrenzten Zeit mehr als genug Futter. Die anregenden Samstagnachmittage in der Autorenbuchhandlung in der Carmerstraße, wo wir bei Kaffee und Sekt klönten bis über die Ladenschlußzeit hinaus, bis der Hunger uns in die Pizzeria um die Ecke trieb, um dort weiter über Gott und die literarische Welt zu debattieren, sind längst Vergangenheit, und ein Bürger dieses Mikrokosmos alter Freunde nach dem anderen hat uns in den letzten Jahren verlassen -- zuerst Klaus Schlesinger, dann Klaus Peter Herbach, und nun Johannes Schenk. Ich hatte Johannes seit Jahren -- einem Jahrzehnt vielleicht? -- nicht mehr gesehen. Gelegentlich erhielt ich von ihm einen Brief. Begleitet waren seine schwungvoll handgeschriebenen Umschläge regelmäßig von einem Signal der Sehnsucht: Neben meine Adresse malte er auf seine Umschläge nach Amerika immer ein steil aufsteigendes Flugzeug. Ich vermisse Johannes Schenk. Ich vermisse seine erfrischende Naivität, seine Furchtlosigkeit, mit der er gegen die Leichtgewichtigkeit gefälliger Lyrik anschrieb, seine ruhige Stimme, mit der er unbequeme Fragen stellen konnte. Ich vermisse die Beharrlichkeit, mit der er gegen den Strom schwamm. Obwohl ich darin anders denke und fühle, vermisse ich seine Verweigerung der Gepflogenheiten des Computerzeitalters, der "Maschinerie aus Quarz", wie er es nannte, wünsche mir manchmal in nostalgischer Tagträumerei, ich könnte so konsequent sein wie er. In seinem letzten Brief an mich schrieb er: "Ich habe mit dem Netz so meine Schwierigkeiten... Du weißt vielleicht, daß ich meine Handschrift und die Bücher liebe und der Wirrwarr der Computer mich sehr ängstigt." In seinem Gedicht "Das Buch", das 1982 in dem Poesieband Gesang des bremischen Privatmanns Johann Jakob Daniel Meyer erschien, stehen folgende Zeilen:
Die Zeiten stapeln sich, blick hindurch, Ich vermisse Johannes Schenks unbequeme Angst, mit der er sich mühte, Licht ins Dunkel seiner Zeiten zu bringen. Die ungewisse Bestimmtheit des Todes ließ ihn unbeirrt. Vielleicht, weil er nie die Hoffnung aufgab, daß "seine Gedichte bleiben" -- wie Natascha Ungeheuer in ihrer Todesanzeige schrieb. Und diese Hoffnung, daß seine Gedichte bleiben, muß uns als Trost genügen.
Copyright © 2005 Fred Viebahn
Quelle: http://www.henryk-broder.de/forsicht_freddy/wasbleibt.html |
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