
|
Leo Ginster / Ingo Way Ein lebenslanger Kampf: Prof. Meggle gegen die Wissenschaft Was für ein Mann Die Philosophie, die ins Altfränkische mit Liebe zur Weisheit zu übersetzen wäre, erheischt gemeinhin das ehrfürchtige Gefühl, dass es in dieser sonderbaren Disziplin um die allerernstesten und wichtigsten Dinge geht. Der Leipziger Professor Georg Meggle ist ein ebenso alter Franke wie Philosoph. Ein Ritter ohne Furcht und Adel, der zu Fragen, zu denen »bei uns bisher fast nur geschwiegen wurde«, mutig eine weitere hinzufügt: »Muss das so bleiben?« Nur leider wurde zu so vielem schon so lange nicht mehr geschwiegen, woran Meggle seinen Anteil hat, den es nachfolgend zu ergründen gilt. »Ich arbeite als analytischer Philosoph«, bescheinigt sich Meggle. Das kann schon passieren, wenn im heimatlichen Kempten die Langeweile grassiert. Nach dem Studium in 68er Zeiten in München und Oxford sind die Metropolen Regensburg, Osnabrück, Münster und Saarbrücken seine nächsten Stationen. Inzwischen hält er an der Leipziger Universität einen Lehrstuhl für »Philosophische Grundlagen der Anthropologie und Kognitionswissenschaften«. Meggle allerdings scheint unzufrieden. Sein Problem bestehe darin, dass »Analytische Philosophen für Schlagzeilen selten gut sind.« Nur eine Hoffnung scheint ihm auf: »Wie in allen Expertenbereichen, so gibt es auch in der Philosophie Scharlatane«. Als solcher gilt er heute bei nicht wenigen seiner Kollegen. Er hat es geschafft: Mit dem Bruch von »Denk- und Redeverboten«, mit Lebenshilfeliteratur (»Vom Sinn des Lebens«, dtv 2004) und seiner Hinwendung zu einer »Praktischen Ethik«. Restlebenswert und »Euthanasie« Mit dem 1989 vollzogenen Wechsel von Münster nach Saarbrücken entdeckte Meggle, bis dahin mit ungefährlichen Prädikatenkalkülen beschäftigt, sein Faible für die »Praktische Ethik«. Ein gleichnamiges Buch des Australiers Peter Singer, das bereits 1979 auf Englisch und zehn Jahre später auch auf Deutsch erschien, mag hier ein gewisses Interesse befördert haben. Gleich mit Amtsantritt in Saarbrücken beschäftigte sich Meggle darum auch mit der »Bewertung der Früheuthanasie bei schwerstbehinderten Neugeborenen« . Für seine positive Bewertung dieses »brisanten Themas der Medizinethik« ist — man ahnt es wohl — der eben erwähnte Peter Singer bekannt. Nachdem dieser sich in den 70er Jahren noch für Tiere interessierte (»Animal Liberation«) stellte er in den 80ern fest, dass von einer gewissen Interessensabwägung ausgehend »Euthanasie« durchaus gerechtfertigt sein kann. »Should the baby live?« Nicht unbedingt, so Singer. Meggle lud Singer zum Vortrag an die Saarbrücker Universität, wozu Meggle sich nicht nur berechtigt, sondern gar verpflichtet fühlte: »Wozu sind Universitäten eigentlich da?« Als praktischer Ethiker notiert Singer in seinen Traktaten: »Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche …, weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben.« Wegen solcher Statements wurde Singer auch vom aufgebrachten Publikum während seines Saarbrücker Vortrages mit Pfeifkonzerten und der hinreichend logischen Zuschreibung »Faschist« konfrontiert; Meggle stand ihm bei. In einem eigenen Vortrag meinte Meggle: »Es geht hier um unsere begriffliche Software, die bereits der Selektion der von uns auch nur in Betracht zu ziehenden Letalalternativen zugrunde liegt.« Meggle rechnet mit »W — der Wert eines Lebens von x = Summe der einzelnen Lebensabschnitte von x und entsprechend spezieller: W*: Der Wert des von jetzt an gesehen dem x noch verbleibenden Lebens…« um irgendwann 50.000 DM als beispielhaften Restlebenswert in die Formeln einzusetzen. So lebensnah kann Mathematik sein. Der Saarbrücker Zeitung unterlief die Freudsche Leistung, über Dr. Meggle als Dr. Mengele zu berichten: »Ein Druckfehler, tut uns leid.« Die Worte eines Wissenschaftsjournalisten können durchaus töten; und nachdem sich Meggle »an die Wand gestellt« fühlte, sah er sich dem (Frei-)Tod nahe. »Gott sei Dank waren damals meine beiden Kinder schon auf der Welt.« Diese waren gesund und munter; praktische ethische Fragen stellten sich somit nicht, und Meggle wechselte nach Leipzig. Terror-Apologie In der sächsischen Heldenstadt, sicher noch forciert durch die Entwicklungen seit September Eleven, interessierte sich Meggle für den Terrorismus, den er, der analytischen Abstraktion fähig, zum »T« verdichtete. Meggle im »T« suchte sich für seine Vorlesungsreihe wieder einen entsprechenden Partner, diesmal Ted Honderich. Sein Buch »Nach dem Terror«, dessen treffenderer Titel wohl »Für den Terror« lauten müsste, erschien zunächst auf Empfehlung von Jürgen Habermas im Suhrkamp-Verlag. Die moralische Rechtfertigung palästinensischen Mordens gegen Israelis rief jedoch 2003 noch gewisse Widerstände hervor; Micha Brumlik warf Honderich »antisemitischen Antizionismus« vor, Suhrkamp zog das Buch zurück. Später erschien es im Stammverlag des antisemitischen Antizionismus bei Abraham Melzer in der bezeichnenden Reihe SEMIT. Honderich sprach im SONNTAGSGESPRÄCH der Universität Leipzig, um eine »Provokation eines Nachdenkens über Themen dieser Art« zu lancieren. Dies sei, so Meggle, der »gesetzliche Auftrag« einer Universität. Die Frage nach Wissenschaftlichkeit, nach dem rationalen Argument, nach den Grenzen des im demokratischen oder auch akademischen Diskurs Verhandelbaren scheint in Leipzig längst negativ beantwortet. Meggle bestätigt dies: »Die Universität wusste genau, was sie tat … Ich kenne in Deutschland keine Universität, die sich diesem Auftrag derzeit furchtloser stellt als die Universität Leipzig. Das dürfte mit der Rolle und dem Selbstverständnis dieser Stadt zusammenhängen. Stichwort: 1989.« Das Stichwort trifft auch die Leipziger Volkszeitung: »Der Mut der Alma Mater [Ted Honderich] einzuladen, ist bemerkenswert.« Mutig auch gibt Honderich der Jungen Welt zu Protokoll, Meggle sei einer »der besten neuen Philosophen in Deutschland«. Zudem wendet er Meggles theoretische »T-Akte« ganz praktisch: »Grob gesagt erstreckt sich das Recht der Palästinenser auf die Art von Terrorismus, den sie zur Zeit ausüben. Konkret benannt, handelt es sich um Selbstverteidigung, Freiheitskampf, Widerstand gegen ethnische Säuberung und Staatsterrorismus, Selbsterhaltung als Volk und Terrorismus im Namen der Humanität. Muss man dieses Recht noch näher beschreiben?« Nein, danke, man hat verstanden. Nach allerlei Konsens zwischen Honderich und Meggle z.B. darüber, dass Israels Politik gegenüber den Palästinensern ein Verbrechen sei und dass Bush und Sharon vor ein internationales Gericht zu stellen wären, vermag Meggle durchaus noch Honderich zu kritisieren. Immerhin hält er ihm ein »Distinktions-Defizit« bei der Verwendung des Begriffes »T« vor. Der Leipziger Professor kann nämlich weit besser über diesen »Kampfbegriff« aufklären. Dazu hatte Meggle zwei Semester in einer Ringvorlesung »Terror & der Krieg gegen ihn« Zeit. Meggle erinnert sich an seine Zeit als Logiker und analytischer Philosoph. Er definiert zunächst: »T = Terroristischer Akt minus Bewertung«. Er unterscheidet zwischen Gewalt-Adressaten (z.B. Caféhausbesuchern), Terror-Adressaten (z.B. Bevölkerung) und Finalen Adressaten (z.B. Regierung), und wenn die Sendung korrekt zugestellt werden konnte, kann sich die bezweckte Wirkung (z.B. Freilassung der Gefangenen) einstellen, welches dann als Erfolg eines »T-Kalküls« zu bezeichnen wäre. Der Professor definiert genauer: »T-Akte sind Akte des (versuchten) Bewirkens von Zwecken mittels gewaltinduziertem Terror gegenüber legitimen Gewalt-Zielen«. Der Logiker in Meggle erfindet dann Formelfragmente wie H(Z), d.h. Z erfährt Horror, oder G(Y), d.h. Y ist Gewalt-Adressat, um bei einer stringenten »T-Logik« zu landen. Er differenziert starken und schwachen T, schwurbelt über eine »T-Pragmatik«. Die aufgeworfenen Fragen wie »Kann Terrorismus gerecht, moralisch rechtfertigbar sein? Unter Umständen gar geboten?« werden ebenso logisch wie pragmatisch einer Beantwortung zugeführt. Dies hat auch für die tagespolitische Bewertung Folgen: »Terror wird oft … von denen benutzt, die gar nicht in der Lage sind, Kriege zu führen, entweder weil sie die Mittel dazu nicht haben oder weil der Gegner so stark ist, dass normale militärische Gewalt gegen ihn völlig zwecklos ist.« Dies kann im Prädikatenkalkül schnell zu dem Schlug führen, dass beispielsweise die USA zu einer »der motivierendsten Quellen für den Terrorismus« würden. Man möge darum die NATO auflösen und Wiederaufbau-Zahlungen in Afghanistan und im Irak einstellen, um die »US-Kriegskosten-Berechnungen« nicht unnötig zu entlasten. Im Nahen Osten hält Meggle Demokratien für kaum möglich: »Und ich würde diesen Staaten auch nicht das Modell der USA empfehlen wollen.« Meggles erklärte »Lieblingsmethode« ist es, sich bei so »brisanten Themen« wie dem Terrorismus erst einmal naiv zu stellen: »Bei diesem Thema [T] fiel mir diese [Methode] besonders leicht.« Dabei hilft es wenig, viel zu lesen, meint der Akademiker, denn Desinformation sei der Normalfall. Keine Bücher? Nein, und auch kein Fernsehen. Man ist wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Die Beschäftigung mit dem Terrorismus »ist eher eine Nervensache, weniger eine nur für den Kopf.« Soviel Antiintellektualismus war lange nicht an deutschen Universitäten. Doch dann kommt, wenn nicht der Verstand, so doch das Gehirn noch einmal ins Spiel: »Von der Verurteilungskomponente im Wort TERRORIST auch nur hypothetisch zu abstrahieren … das ist eine echte Gehirnleistung, und zwar eine verdammt schwere.« Aber Meggle schafft das schon. Bis hin zur Feststellung: »TERRORISMUS ist bei uns ein mindestens so schreckliches Negativwort wie das Wort NIGGER.« Weshalb vom Pejorativen abzuheben und von der Bewertung zu abstrahieren sei. Obwohl Meggle sich in Leipzig mit derartigem Un-Sinn kaprizieren darf und die Universitätsleitung ihn in all seinen Machenschaften stützt, ahnt er doch durch seine Singer- und Honderich-Erfahrungen, »wie man in Deutschland mundtot gemacht wird«. Von der Stilisierung zum Opfer bis zum aktiven Selbstopfer ist es gelegentlich nur ein kleiner Schritt. Eurabia gegen Amerika Meggles großes Faible sind seit einiger Zeit Palästina und die arabische Welt. In der Eröffnungsrede zur Vortragsreihe »Palästina — Land und Leute« übt er sich in Ausgewogenheit: »Selbstverteidigung legitimiert keinen Völkermord; Unrecht nicht weiteres Unrecht; Terror nicht Gegenterror. Und wohlgemerkt: diese Sätze gelten für beide Seiten« — womit ganz nonchalant gesagt ist, Israel verübe Terror und Völkermord. Meggle, der hier nicht »als Philosoph« sondern »als Mensch« zu seiner Zuhörerschaft redet, weiß nicht ein noch aus: »Wenn ich mit einem israelischen Freund rede, vertrete ich eher die palästinensische Position; wenn ich mit einem palästinensischen Freund rede« — vertritt er die israelische? Nicht doch: »fühle ich mich zu Hinweisen auf israelische Befürchtungen genötigt. Kann mir jemand sagen, wie ich diesem Dilemma entkommen kann, ohne so simpel denken zu müssen wie Bush? Bitte, helfen Sie mir!« Kann dem Mann denn wirklich niemand helfen? Denn es geht um alles: »Wer Palästina vergisst, riskiert nicht nur die Zukunft Palästinas; er setzt seine eigene Zukunft aufs Spiel.« Die Schnittmenge zwischen Leipzig und Palästina errechnet sich als Meggle plus x: »Palästina liegt nicht nur in Palästina. Es liegt überall dort, wo es Menschen gibt, die an die Zukunft Palästinas weiterhin glauben. Und daraus folgt: Ein Teil von Palästina liegt auch bei uns in Leipzig.« Meggle empfiehlt, nicht nur Philosoph und Mensch, sondern auch Geostratege, die Gründung von »Eurabia«, d.h. die Verbindung von »Arabien« und Europa unter Eingemeindung des dritten abrahamitischen Bruders im Bunde, der sich, »voller Angst und bis an die Zähne bewaffnet, in Israel« versteckt — aber ohne oder vielmehr gegen die USA. Denn die USA streben »schlicht und einfach die maximale Annäherung an die Weltherrschaft« an. Mit den Vereinigten Staaten kennt sich der Antikapitalist Meggle aus: »Auch das gehört, um die heutige Welt zu verstehen, zum Minimalwissen: Freejazz, das bedeutet in Amerikas Software primär die Freiheit des Austausches von Gütern … Amerikas Freiheits-Kriege sind in der Regel Handelskriege … wobei die Unterscheidung zwischen militärischer vs. wirtschaftlicher Kriegsführung immer mehr zu einer künstlichen wird.« Deshalb steht die Freiheitsstatue auch südlich von Manhattan, also nahe dem Financial District, deshalb kann man auch als Akademiker beim Irak-Krieg vom »megageilen Hyper-Superbowlspiel« sprechen, deshalb kann man zu Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und Menschenwürde fragen: »Wie bitte?« Dabei lernen die Amerikaner ihren Anti-Terror-Kampf insbesondere von den Israelis; das Muster ist die »israelische Präventiv-Mord-Strategie auch gegen einzelne Individuen«. Als einen Kriegsgrund im Irak führt Meggle deshalb auch an: »Der beste Weg nach Jerusalem führt über Bagdad, Teheran und schließlich Damaskus.« Dabei haben die Amerikaner ein Interesse am Terrorismus im Irak, Meggle kennt die amerikanischen Vorstellungen: »Es gibt im Irak kein einheitliches Staatsvolk. Ein Riesenfeuerwerk mit Megaterrorwirkung zu Beginn — und die drei rivalisierenden Gruppen (Sunniten, Schiiten und Kurden) fallen übereinander her, und nehmen uns so eine Menge Arbeit ab.« Im best case macht man künftig mit Terroristen tolle Geschäfte, im worst case wird den Amerikanern nur der Einsatz der Atombombe bleiben. Schon der Afghanistan-Krieg war laut Meggle ein Verbrechen. Der Logiker: »Daraus folgt: Da an Verbrechen sich zu beteiligen keine Pflicht sein kann, gibt es für uns auch keine Pflicht, uns im Kampf gegen den Terror am Afghanistan-Krieg zu beteiligen. Da dieser Krieg ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, ist es vielmehr sogar jedermanns moralische Pflicht, sich nicht an ihm zu beteiligen.« Woher all diese Erkenntnisse? Aus dem Bauch: »Aber mit allem Amerikanischen … habe ich schon furchtbare Bauchschmerzen.« Antisemitismus als Lehrangebot Meggle bleibt nicht beim »T« und Amerika. Als Freund der arabischen und palästinensischen Sache veranstaltet er aktuell eine zweisemestrige Ringvorlesung »Deutschland — Israel — Palästina«. Und wieder sind seine Gäste herausragend: Den Einführungsvortrag hielt der Liebling der Friedensbewegung Noam Chomsky, der bis heute den Massenmord der Roten Khmer in Kambodscha leugnet. Mehrere Referenten sind oder waren Lehrende an der berüchtigten palästinensischen Bir-Zeit-Universität, so der Politikwissenschaftler Martin Beck, heute Mitarbeiter am Deutschen Orient-Institut, die Hamas-Versteherin Helga Baumgarten, sowie die Botanikerin Sumaya Farhat-Naser (»Alltag unter israelischer Besatzung«). Der Philosoph Uwe Steinhoff schloss sich in seinem Vortrag »Deutsche Doppelmoral« der Meinung des berüchtigten Ted Honderich an — der palästinensische Selbstmordterrorismus sei moralisch gerechtfertigt, um die israelische Besatzung zu beenden — begründet dies mit dem Bombardement deutscher Zivilisten im Zweiten Weltkrieg, die ja auch niemand von Honderichs Kritikern für verwerflich halte — um daraufhin ebendiese Bombardements in Jörg-Friedrichscher Manier zu Kriegsverbrechen zu erklären. (Logik ist der Moralphilosophen Stärke wohl nicht immer.) Wenn von einigen Kritikern der Ringvorlesung geäußert wird: »Deutsche Täter sind keine Opfer«, dann werde man ja wohl auch sagen dürfen: »Jüdische Täter sind keine Opfer«. Sonst sei man anti-deutscher Rassist. (Selbstverständlich vergisst Steinhoff es nicht, zu betonen, dass er selbstverständlich beide Sätze für rassistisch hält, was ihn allerdings nicht daran hindert, Attentate auf Israelis für gerechtfertigt zu halten.) Bisheriger Höhe- bzw. Tiefpunkt war der Vortrag des achtzigjährigen Hajo Meyer, der als »Auschwitzüberlebender, Physiker, Geigenbauer und Publizist« vorgestellt wird: Ein älterer Herr versucht Studenten das Judentum zu erklären und weiß dabei zwischen zwei Arten desselben zu unterschieden: Das »gute Judentum« sei sozial, humanitär und ethisch, es wurde u.a. von Jesus geprägt. Das vorherrschende »böse Judentum« dagegen sei grausam und fremdenfeindlich. Diese dunkle Seite könne heute mit Israel und seiner Blut- und Boden-Ideologie identifiziert werden. Mit ihm komme es zur Selbstvernichtung des Judentums. Die »Absonderung der Juden von ihrer nicht-jüdischen Umgebung« manifestiere sich in der Gedenktradition; der Holocaust sei eine Pseudoreligion. Zu den verbrecherischen Tätern könnten » Extremisten« wie de Winter und Broder in Europa und Peres, Sharansky und Sharon in Israel gezählt werden. Dieses »böse Judentum« weise offensichtliche Analogien zu Nazideutschland auf, man könne von einer israelischen Wehrmacht und einer jüdischen SS sprechen. Die Taktik in Jenin sei direkt dem Vorgehen der Deutschen gegen das Warschauer Ghetto abgeschaut. Nur einen Unterschied gäbe es noch: Israel betreibe (noch) keine Gaskammern, doch für einen Genozid gäbe es verschiedene Methoden. Adolf Hitler dagegen habe bis 1939 »nur« an die Vertreibung und nicht an die Vernichtung der Juden aus Europa gedacht, während er gleichzeitig den von Versailles gedemütigten Deutschen einen Platz an der Sonne ermöglichte. Georg Meggle dankt Hajo Meyer herzlich für seine Rede. Letzterer ist weder Nazi noch deutscher Revanchist. Meyer ist ein »guter Jude«, »der aus Auschwitz andere Lehren gezogen habe als viele andere«. Sein Verleger Abraham Melzer, der schon Ted Honderich verlegte, bezeichnet ihn als »biblischen Propheten«. Nur wenige im Publikum sehen das anders. Als sie sich nach dem Vortrag zur Widerrede melden, werden sie von Jung-Djihadisten der VASA (Vereinigung der arabischen Studierenden und Akademiker) angepöbelt, bedroht, fotografiert. Seit sie sich bei einer ähnlichen Veranstaltung dagegen zu wehren versuchten, ist Polizei anwesend und Prof. Meggle spricht von Psychoterror — gegen den Veranstalter. Aus dem Publikum werden Stimmen laut: »Halt die Klappe, sonst passiert was!« — »Wer bezahlt dich eigentlich?« Meyer erzählt etwas von Mossad-Agenten, die bei ähnlichen Podiumsdiskussionen in Holland »nachweislich« die Diskussion monopolisierten. So absurd sei die Frage also nicht. Im kommenden Wintersemester wird die Ringvorlesung fortgesetzt. Wieder werden prominente Gäste erwartet, wobei die Einladungspolitik deutlich um »Ausgewogenheit« bemüht ist: Ulla Unseld-Berkéwitz (die, wie man hört, über die Herausgabe des Traktats von Ted Honderich im Verlag ihres Gatten nicht so recht glücklich war) stellt die naheliegende Frage »Vielleicht werden wir alle verrückt«. Verena Klemm, Professorin am Orientalischen Institut der Universität Leipzig, wird über »Liebe im Nahostkonflikt« plaudern. Mit Mirjam Gläser und Jochen Müller sind sogar zwei Mitarbeiter der deutschen Sektion von MEMRI vertreten. Dann kommt aber doch noch der große antizionistische Zampano: Der emeritierte Politologe Ekkehardt Krippendorf, der 1991 in der taz die originelle These aufgestellt hatte, die Juden hätten durch passiven Widerstand dem Holocaust entgehen können (»Man stelle sich vor, kein deutscher Jude wäre Befehlen gefolgt, sich zu Sammeltransporten bei den vorgesehenen Sammelplätzen einzufinden — einige Dutzend, einige Hundert, einige Tausend, vielleicht auch einige Zehntausend hätte die deutsche Polizei einzeln (passiver Widerstand!) aus ihren Wohnungen gezerrt und auf Lastwagen verladen; aber Hunderttausende? ... Oder man stelle sich vor, die Kolonnen Hunderte und Tausende auf dem Weg zu den Güterbahnhöfen hätten sich schlicht hingesetzt, 'Sitzstreik' nennen wir das heute ...« Ebendieser Krippendorff, der auch schon mal von einer »mächtigen und einflussreichen jüdischen Lobby in den USA« raunt, darf über sein Lieblingsthema »USA & Israel. Zwei Projekte der Moderne« referieren, wobei eine Neuauflage seines Aufsatzes von 2002 zu befürchten ist, in welchem er Israel als eine »kompromittierte, nämlich nur 'ethnische Demokratie'« bezeichnet und ihm eine »Perversion der Auserwähltheit« attestiert hatte. Den Abschlussvortrag wird — so schließt sich der Kreis — mit dem Gush-Shalom-Oberguru Uri Avnery ein weiterer jüdischer Antizionist und Liebling der Deutschen halten. Avnery, der in Israel als halbseiden und nur bedingt zurechnungsfähig gilt, schreibt hierzulande u.a. für Junge Welt, Junge Freiheit, Spiegel, Focus, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Freitag; und er hat u.a. den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis (1995), den Aachener Friedenspreis (1997), den österreichischen Kreisky-Preis für Menschenrechte (1997) und den Niedersächsischen Menschenrechtspreis (1998) erhalten. Die Universitätsleitung steht hinter Prof. Meggle; sie freut sich über so prominente Gäste wie Noam Chomsky und Uri Avnery. Das einst Unsagbare, das nunmehr nur noch ein Unsägliches ist, überlässt man Juden; dies schützt vor all zu harscher Kritik. Dem Vorwurf der Einseitigkeit will man entgehen, indem auch Kritiker zum Vortrag gebeten werden. Und doch kann das als akademischer Diskurs Apostrophierte kaum täuschen: Mit Wissenschaftlichkeit hat die erlebte Propaganda nichts zu tun. Die Mehrheit des Publikums dankt es mit Gesinnungsklatschen, dass ein deutscher Professor beispielsweise mit Hajo Meyer einen alten, wirren Juden zum Kronzeugen gegen die Juden selbst macht. Die Ringvorlesung wird, so wies es die Homepage Meggles Anfangs aus, u.a. von der Israelischen Botschaft in Berlin, vom Zentralrat der Juden in Deutschland und vom Amerikanischen Konsulat Leipzig unterstützt. Dies scheint fern der Wahrheit. Inzwischen ist die Erwähnung der Israelischen Botschaft als Unterstützer von der Homepage verschwunden. Der Zentralrat hat die Veranstaltung zwar »mit Interesse zur Kenntnis genommen«, man würde eine derartige Initiative »kritisch« begleiten, aber eine »darüber hinausgehende Unterstützung der Veranstaltungsreihe haben wir nicht zugesagt.« Das Amerikanische Konsulat erklärte, dass weder die Vorlesungsreihe noch die konkrete Veranstaltung mit Noam Chomsky eine Unterstützung erfahren würde. Nachsatz Ob »Euthanasie« oder »T-Akte«, ob Eurabien gegen Amerika oder Schluss mit dem Judentum: Praktische Ethik scheint für Prof. Meggle vor allem zu bedeuten, akademisch verbrämt zu verhandeln, wer wen umbringen darf und wer wen nicht. Irrsal und Wirrsal sind keine Grenzen mehr gesetzt. Es scheint, an deutschen Universitäten ist heute wieder alles möglich.
Copyright © 2005 Leo Ginster
Quelle: http://www.henryk-broder.de/fremde_federn/ginster.html |
|
|
Artikelübersicht |
|
Das Blog | Tagebuch | Schmock der Woche | Foto des Tages | Forsicht Freddy! | Fremde Federn | Audio | Bücher | Galerie | Links | Kontakt | Impressum | Sitemap · Letzte Aktualisierung: 24.7.2005 · Copyright © 2005 Henryk M. Broder · Diese Seite ist optimiert für die aktuellen Versionen von Internet Explorer, Netscape oder Firefox · Empfohlene Bildschirmauflösung 1024x768 Pixel