...selber schuld, wenn Sie mir schreiben!
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Leo Ginster

Grass' Roots

Dass Günter Grass in seinen Geschichtchen, für jedes Kalenderjahr eine, stets die Ichform wählend in unterschiedlichste Personen schlüpft, vom Proleten zum Soldaten zum Sozialdemokraten, keine Distanz wahrend und sich immer durch Verständnis gemein machend, lässt ihn als ideellen Gesamtdeutschen erscheinen.

Ein Jahrhundert wird besichtigt

»Ich, ausgetauscht gegen mich, bin Jahr für Jahr dabeigewesen. Nicht immer in vorderster Linie, denn da allweil Krieg war, zog sich unsereins gerne in die Etappe zurück.«

Understatement eines Dabeigewesenen, den es nie so recht in der Etappe zu halten vermochte, trotzdem Günter Grass dies einleitend in »Mein Jahrhundert«, dem 19er Rückblick, behauptet. Dass er in seinen Geschichtchen, für jedes Kalenderjahr eine, stets die Ichform wählend in unterschiedlichste Personen schlüpft, vom Proleten zum Soldaten zum Sozialdemokraten, keine Distanz wahrend und mich immer durch Verständnis gemein machend, lässt ihn als ideellen Gesamtdeutschen erscheinen.

Dies macht sein Schreiben nicht besser, aber authentischer, ehrlicher. Er ist der linksdeutsche Idealtypus, der bei den Nazis großgeworden und als deren Luftwaffenhelfer im Krieg involviert ist und nach Eigenauskunft erst spät politisch zu denken beginnt. So entwickelt er stellvertretend für seine Generation, und prägend für die 68er, ein deutsches Denken aus Auschwitz. Wenn Grass ein halbes zwanzigstes Jahrhundert immer wieder betont: »Wir kommen an Auschwitz nicht vorbei.«, so klingt hier bitter empfundene Not heraus, der er entkommen möchte. Drei Punkte bestimmen dabei sein politisches Programm:

ERSTENS. Grass sagt den alten Nazis den Kampf an. Den Alten wird der Krieg angelastet, sie haben in seinem neuen Deutschland keinen Platz mehr. Mit diesem später auch für die 68er so typischen Generationsbruch, der vor allem einer zwischen den alten, immer noch etablierten und den neuen, gerade erst aufstrebenden Eliten ist, wird die eigene Entlastung und Entschuldung initiiert. Der gemeine Mann und die einfache Frau werden zumeist von der Kritik ausgenommen, sie fungieren als Geschundene der Zeitgeschichte, als Spielbälle der Mächtigen. Sie laborieren sich eher schlecht als recht durch die Zustände, denen sie ausgeliefert sind und an denen sie kaum Verantwortung tragen.

ZWEITENS. Grass fordert ein »Nachdenken über Deutschland«. Die Solidarität mit den kleinen Leuten und die Zuweisung der Schuld ausschließlich an die NS-Eliten ermöglicht es, am Projekt eines besseren Deutschlands und einer besseren Vaterlandsliebe mitzuwirken. Deutschland zu retten, indem ein patriotisches Zuviel vermieden wird, indem eher Danziger Erinnerungsprosa als Vertriebenen-Demagogie produziert wird, erscheint zielführender. Die »deutsche Frage« wirkt als nationales Lebenselixier, wird sie von Links beantwortet.

DRITTENS. Der Anspruch ist extensiv. Das Projekt der deutschen Läuterung als abgeschlossen betrachtend, weil mit den Sozialdemokraten zu Erfolg und Macht gekommen, ist Grass' Generation die Verantwortung zugewachsen, die eigene Moral zum Export feilzubieten. Sind die Abnehmer nicht willig, so darf auf dem Balkan oder in Israel nachgeholfen werden. Grass geriert sich als Vordenker eines moralischen Imperialismus deutscher Nation.

Schon in den 60er Jahren ist dieses politische Programm entwickelt, er verfolgt es ein knappes halbes Jahrhundert. Dafür hat er zwischen Berlin, Ramallah und Oslo Anerkennung gefunden.

Die Stunde Null: Nichtdenken

Grass am Ende des Krieges. »Als ich siebzehn Jahre zählte und mit hunderttausend anderen in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager unter freiem Himmel in einem Erdloch hauste, war ich, weil ausgehungert, mit gieriger Schläue einzig aufs Überleben bedacht, doch sonst ohne Begriff.« So begriffsstutzig wie der adoleszente Günter im Essay »Schreiben nach Auschwitz« (1990) eingeführt wird, scheint er nicht geblieben zu sein.

Das Bild des Soldaten im Erdloch, unter freiem Himmel, ausgehungert und im Leben bedroht, lange und aus guten Gründen mit in deutscher Kriegsgefangenschaft darbenden Sowjetsoldaten assoziiert, verkehrt Grass, von empirischer Relevanz nicht zu beirren, zur deutschen Leidensgeschichte. Die behaupteten Greuel wurden ihm von Amerikanern angetan; er wird sie ihnen nicht verzeihen.

Interessant ist nicht nur, dass Grass einen Aufsatz über Auschwitz mit der eigenen (Kriegsgefangenen-) Lagererfahrung beginnt. Er weiß, was ihn in die Hände der Amerikaner verschlagen hat. Ein typisch deutsches Schicksal war es: »Mit Glaubenssätzen dummgehalten und entsprechend auf idealistische Zielsetzungen getrimmt, so hatte das Dritte Reich mich und viele meiner Generation aus seinen Treuegelöbnissen entlassen.«

Den »getrimmten Idealisten« zwingt zunächst »amerikanischer Erziehungswille … zu Ansicht dieser Bilddokumente«, zur Ansicht der Fotos von gehäuften Schuhen, Haaren, Leichen, von Treblinka, Sobibór und Auschwitz. »Niemals hätten, nie haben Deutsche so etwas getan«, hofft der Kriegsgefangene. Doch Grass bemüht sich, nicht unbelehrbar zu wirken.

»Auschwitz wird, obgleich umdrängt von erklärenden Wörtern, nie zu begreifen sein.« Weil Grass dem eigenen Gedanken gern hohe Aufmerksamkeit sichert, wiederholt er diesen beständig. Und dennoch ist die Rede von Auschwitz als Unbegreiflichem wahr und falsch zugleich.

Wahr deshalb, weil nicht nur die Dimension nicht zu erfassen und zu denken ist, sondern weil der zugrundeliegende massenhafte Wahn des Antisemitismus und des Vernichtungswillens kaum rationalisierbar erscheint.

Falsch ist diese Rede aber vor allem deshalb, weil mit einigem Willen zur kritischen Reflexion die Elemente, die zu Auschwitz führten, sehr wohl untersucht und wenigstens als Fragmente einem Begreifen zugänglich gemacht werden können.

Es ist eine erfolgreiche und folgenreiche Operation in moralischer Absicht, Auschwitz dem Kulturerbe der Menschheit zu überantworten; das »Unbegreifliche«, was doch als deutsche Tat bestimmbar ist, zum Problem der westlichen Zivilisation im Allgemeinen zu stilisieren. Das Tor, Auschwitz überall zu entdecken, ist geöffnet; Grass nutzt dies lebenslänglich.

Diese Entlastungsstrategie funktioniert. Die Frage nach dem »Warum« braucht, da sie laut Grass nicht beantwortet werden kann, auch nicht gestellt zu werden. Auschwitz wird (aus-)schließlich zu einer Frage universaler Moral verdichtet.

Schreiben nach Auschwitz

Grass also fragt nicht, wie Auschwitz möglich war. Er lenkt die Aufmerksamkeit wieder unmittelbar auf seine Person. Denn ihn treibt das private Heil des Dichters um: »Wie war es möglich, üerhaupt möglich, dennoch möglich, nach Auschwitz zu schreiben?«

Der junge Schriftsteller Grass ist empört, als Theodor W. Adorno Anfang der 50er Jahre den unbeschädigten, von Zweifeln kaum angekränkelten Schriftstellern Einhalt gebot, als er formulierte: »…nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.« Grass erinnert sich: »Geradezu widernatürlich kam mir Adornos Gebot als Verbot vor; als hätte sich jemand gottväterlich angemaßt, den Vögeln das Singen zu verbieten.«

Noch 1990 droht Grass: »…dem Schreiben nach Auschwitz kann kein Ende versprochen werden, es sei denn, das Menschengeschlecht gäbe sich auf.« Diese Drohung gegen den »gottväterlich« und »widernatürlich« agierenden jüdischen Intellektuellen, kann nur von jemandem erhoben werden, den Zweifel am Menschengeschlecht nicht zu plagen brauchen.

Grass' Reflexionsvermögen scheint schon in jungen Jahren eingeschränkt. Die »grenzenlos empfundene Freiheit«, so sorgt sich schon der Jungdichter, »stand unter Aufsicht«, diese allerdings aufrecht zu erhalten hieß, dass das Adorno-Gebot »nur schreibend zu widerlegen war.«

Welche Lieder deutsche Vögel elf Jahre nach der Befreiung von Auschwitz von Berliner Dächern pfeifen würden, hat sich vermutlich noch nicht einmal Adorno vorstellen können, als er 1956 folgendermaßen von Grass »schreibend widerlegt« wurde.

GASAG

In unserer Vorstadt
sitzt eine Kröte auf dem Gasometer.
Sie atmet ein und aus,
damit wir kochen können.

In diesem Lichte scheint naheliegend, dass Adorno kein Verbot, nicht einmal ein Gebot, sondern nichts als einen hoffnungslosen Wunsch formulierte, der Schweigen erbat, wo Grass' Generation zu reden und zu schreiben gedachte.

Gruppentherapie

Gedichte wie »GASAG« wurden, so erinnert sich Grass, in der »Gruppe 47« vorgelesen. »Viele Texte«, so Grass über seinen Vierzeiler, »die dort gelesen wurden, waren direkter als meine. Einige sprachen sich … eindeutig, das heißt, mit Hilfe positiver Helden, gegen den Nationalsozialismus aus.«

Dies ist des Günter Grass' Sache nicht. Er nimmt sich der alten Kameraden an, die wie er im Krieg waren, die von Idealismus beladen nun am Rhein entlang schlendernd das Empfindsame und die Poesie entdecken wollen. »Ach Freund, als Du uns von Deinem Meister Speer erzähltest, mit welcher Schwermut Ihr fünfhunderttausend Panzer frischgeputzt dahinschwinden sahet, wie liebte ich Dich und Deine Seele, die keinen Materialverschleiß ertragen konnte: So weich und empfindsam warst Du gestimmt.« Dies nur als Satire zu interpretieren, würde zu kurz greifen, Grass denkt sich in den Freund ein, er empfindet »Mitleid und Bewunderung«, spricht von der »misshandelten Größe«. Nicht 45 ist der Bruch. Grass' Freund entscheidet sich für einen bürgerlichen Beruf statt fürs Dichterleben, dies erst ist der Wendepunkt, Grass ruft ihn an: »Raffe Dich auf … komme im Herbst zur Tagung der Gruppe 47, vielleicht kriegste einen Preis … Es darf nicht zu Deutschlands geistigem Schicksal werden, dass alle großen Geister, wie Goethe, Schiller und Hölderlin von heute, in die alles nivellierende Wirtschaft abgedrängt werden…«

Grass lässt sich nicht abdrängen. Er findet in der Gruppe 47, einem vom Publizisten Hans Werner Richter organisierten lockeren Zusammenschluss vor allem linksdeutscher Dichter, sein politisches wie literarisches Podium. Hier übt sich die Flakhelfer-Generation.

Die Erfahrungen jüdischer Autoren finden in dieser Gruppe kaum Platz. Klaus Briegleb weist in seiner Streitschrift zum Antisemitismus der 47er darauf hin, dass es einen geradezu kaltschneuzigen Umgang mit jüdischen Emigranten und eine reflexartige Zurückweisung einer Beschäftigung mit dem Antisemitismus gab. Die Erinnerungen der 47er waren Kriegserinnerungen. Brieglebs These ist, dass die Gruppe 47 »am Gedeihen des besonderen deutschen Antisemitismus nach der Shoa aus der Position einer angepassten moralischen Unbescholtenheit und Sprecherkompetenz heraus mitgewirkt hat, mitgewirkt auf den Untergrund von Missachtung, Desinteresse und Verdrängung.«

Entweder, so Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie »Mein Leben«, wurde jeder Hinweis auf die Erfahrungen jüdischer Autoren wie Peter Weiss oder Hans Mayer tunlichst vermieden, oder aber, wenn dies nicht gelang, aggressiv abgehandelt. Als Paul Celan der Gruppe sein Gedicht »Todesfuge« vortrug, fiel er durch. Er rede »wie Goebbels«, höhnte es dem jüdischen Lyriker entgegen. Gruppenleiter Richter befand, Celan habe mit »einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge.«

Briegleb spricht darum von »aggressiv belehrender Rechthaberei in jüdischen Angelegenheiten« und einem »'intellektuell' verbrämten neudeutschen Barbarentum«.

Grass übernimmt in der Gruppe 47 eine Vorreiterrolle. Briegleb attestiert ihm eine Vitalität im Umgang mit Juden, die ein Vertrauen in der Gruppe begründete, »das darauf zurückzuführen ist, dass da einer macht, wozu einem selber die 'Unbefangenheit' fehlt. Ist das Vertrauen zu Stil und Erfolg solchen Umgangs einmal gefasst, versucht man sich in eigenen Annäherungen an jene Grenze des Tabu.«

Das Tabu heißt Auschwitz.

Auschwitz überall. Textausschnitte, ohne Kommentar

Günter Grass in einem öffentlichen Brief an Anna Seghers im August 1961

An die Vorsitzende des Deutschen Schriftstellerverbandes in der DDR, verehrte Frau Anna Seghers … die Angst Ihres Georg Heisler hat sich mir unverkäuflich mitgeteilt; nur heißt der Kommdandant des Konzentrationslagers heute nicht mehr Fahrenberg, er heißt Walter Ulbricht und steht ihrem Staate vor.

Ornament

Günter Grass in einer Rede in Berlin im März 1968:

…unsere amerikanischen Verbündeten setzen in Vietnam Kriegsverbrechen fort, die als deutsche Kriegsverbrechen vom Nürnberger Tribunal, also auch von amerikanischen Richtern, zu Recht verurteilt worden sind. Da niemand dieses schroffe Urteil zu widerlegen vermag, rettet sich die Bundesregierung in devote Bekenntnisse zur Vasallentreue…

Ornament

Günter Grass in einem offenen Brief an den senegalesischen Präsidenten Léopold Sédar Senghor vom Oktober 1968:

Sehr geehrter Herr Senghor … Als Deutscher habe ich lernen müssen, das Wort 'Völkermord' nicht leichtfertig auszusprechen … Ich bitte Sie, als Staatsmann und Humanist, das Massensterben in Biafra und Südsudan als Völkermord zu verurteilen. Ich bitte Sie, an die verantwortlichen Regierungen zu appellieren, damit der Völkermord ein Ende findet, damit die Verbrechen von Auschwitz und Treblinka nicht weiterhin in Afrika fortgesetzt werden.

Ornament

Günter Grass in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung von Februar 1990:

…die atomare, stündlich mögliche Selbstvernichtung verhält sich zu Auschwitz und erweitert die Endlösung auf globales Maß.

Ornament

Günter Grass in einer Rede zur Eröffnung der Ausstellung »Menschen in Auschwitz« im Mai 1970

Es gilt, Auschwitz in seiner geschichtlichen Vergangenheit zu begreifen, in seiner Gegenwart zu erkennen und in Zukunft nicht blindlings auszuschließen. Auschwitz liegt nicht nur hinter uns.

Weltinnenpolitik

Mit dem Ende der politischen 60er und frühen 70er Jahre (die Studentenbewegung hat es nicht zur Revolution gebracht, die Sozialdemokraten regieren, kurz: alles ist gut gegangen) wird Grass das bisherige Bezugsrahmen zu klein, so »…ist nicht mehr Europa, auch nicht das doppelte Deutschland und ganz gewiss nicht Danzig — Gdansk das Maß aller Dinge, vielmehr sind es die immer schneller wachsende und in wachsendem Elend kümmernde Bevölkerung Asiens und das sogenannte Nord-Süd-Gefälle, die Druck machen und den erzählenden Text zu utopischen Sprüngen nötigen.«

Diese Weltinnenpolitik will über sich hinauswachsen. Noch 1968 bedauert Grass: »Das zerrissene Deutschland von heute, das den Frieden sucht und den ehrlichen Willen zu einer geläuterten nationalen Existenz hat, ist … noch immer in die moralische Defensive verwiesen.« Diese Defensive zu überwinden, treibt Grass um.

Er beginnt zu Hause. In Berlin, schreibt er 1971 in sein politisches Tagebuch, fehlt ein Minarett. »Vom Kreuzberg aus eine Utopie entwerfen … Direkt neben Schultheiß am Fuße des Kreuzberges lasse ich eine Moschee samt Minarett wachsen.« Utopien werden Wirklichkeit. Die Moschee mit gleich zwei Minaretten steht heute an der Hasenheide, an jenem Park also, wo zu Anfang des 19. Jahrhunderts ein gewisser Friedrich Jahn seine deutsche Utopie — germanisch, antisemitisch und antiwestlich — turnerisch auszuleben begann.

Gemeinsam anders sein, nebeneinander, miteinander — Grass hat den völkischen Antirassismus schon früh für sich entdeckt; er bleibt ihm treu.

Im Januar 2003 sendet die Deutsche Welle auf seinen arabischen Frequenzen einen Beitrag über den Besuch Günter Grass' im Jemen. Dort heißt es: »Überwältigt von den Jahrtausende alten historischen Sehenswürdigkeiten und fasziniert von den Lehmbauten, schlug er [Grass] die Gründung einer Berufsschule für das traditionelle Bauhandwerk vor und stiftete sogleich 10.000 Euro.« Wie die eigene schlesische und pommersche Urkultur, um die er zu Hause besorgt ist, so soll nun auch die jemenitische gerettet werden.

Nach der Spende versucht der Dichter darüber aufzuklären, dass der islamistische Terror den Westen nicht unterschiedslos ins Visier nehmen dürfe. So vermeldet die Deutsche Welle weiter: »Manche Araber würden den Westen als monolithischen Block betrachten, obwohl doch die lautesten Stimmen einer Opposition gegen die amerikanische Politik in Europa … zu hören seien.«

Auf die Beziehungen Deutschlands zu Israel angesprochen, spricht Grass vom »schlechten Gewissen der Deutschen gegenüber den Juden« um dann missverständlich klarzustellen: »Israels Existenzberechtigung ist indiskutabel.«

Belehrungen für Israel

In den 50er und frühen 60er Jahren hat Grass, weil anderes kaum denkbar war, sich gelegentlich wohlwollend zu Israel geäußert. Erste Zweifel tauchten auf, als Filbinger Israel 1967 Israel besuchen wollte, »…zumal Herr Springer kürzlich sein gutes Geld gegeben hat, damit dort eine Universitätsbibliothek erbaut werden kann. Auch mögen die Israelis — so heißt es — den Franz Josef Strauß.«

Grass ist verwirrt. Auf Einladung der israelischen Botschaft im selben Jahr zum ersten Mal zu Besuch in Tel Aviv, liest der Deutsche den Juden die Leviten: »Ich bin nicht bereit, dieser allzu melodischen Harmonie meine Stimme zu leihen!« Er empört sich darüber, dass der »Antisemitismus der Eltern … den Kindern zum gegenstandslosen Philosemitismus« geriet. Vorwürfe gegen Deutschland blockt er in Tel Aviv ab. »Die Geschichte der Menschheit ist, so hell wir ihre Glanzlichter putzen mögen, zugleich die Geschichte völkervernichtender Verbrechen … Kaum eine europäische Nation hat es gegeben, die sich nicht zeitweilig das Verbrechen zum politischen Verbündeten gewählt hatte.«

Nach dieser Universalisierung der Schuld, fordert er für die deutsche Jugend ein, was in Israel als Affront gesehen werden muss: »Die Jugend in meinem Land … ist aufgeschlossen, höflich, beflissen, hilfsbereit, diskussionsfreudig; und wenn man sie nicht zwingt, stellvertretend für ein Deutschland zu sprechen, das sie nicht erlebt hat, sogar unverkrampft.«

Gerhard Schröder gehörte, als Grass in Israel polterte, zur erwähnten deutschen Jugend. Dreißig Jahre später will sich der deutscher Kanzler tatsächlich nichts mehr aufzwingen lassen und regiert unverkrampft.

Grass verstand Israel immer als indirekten Nachbarn, »eine Nachbarschaft, die auf schuldhafter Verstickung beruht«, mehrfach spricht er — welch antisemitische Geschmacklosigkeit! — von Deutschland als Schuldner und Israel als Gläubiger.

Die Verwirrung des Günter Grass über »Springers Philosemitismus« löst sich mit der militärischen Selbstbehauptung Israels gegen die arabischen Nachbarn zur gleichen Zeit. Er erklärt: »Ich spreche hier nicht, um die Leistungen der israelischen Armee zu feiern. Im Gegenteil: Ich bitte die israelische Regierung, diesem Sieg den Stachel des Triumphs zu nehmen, damit nicht neuer Hass auf arabischer Seite den Weg zu einem umfassenden Frieden verhindert.«

Der Flakhelfer der Nationalsozialisten weiß fortan, wem er Friedensratschläge zu urteilen hat. Das bipolare Weltbild, hier Springer, die Amerikaner, die Nazis und die CDU und dort der Brandt, die Linken und die Sozialdemokraten, war wieder im Lot. Grass weiß fortan Israel einzusortieren.

Zwanzig Jahre später: Ein Exempel wird statuiert

Während des Golf-Krieges 1991 besucht der israelische Schriftsteller und Friedensaktivist Yoram Kaniuk Deutschland, um sich einem öffentlichen Gespräch mit seinem Kollegen Grass zu stellen. Israel sah sich damals von irakischen Raketen bedroht, deren Bewaffnung mit aus Deutschland geliefertem Gas vermutet werden musste. Kaniuk ist über die anti-israelische Linke in Deutschland erschüttert. In einem Aufsatz für die ZEIT schreibt er: »Meine Stimme habe ich gegen das Verhalten der sogenannten Linken, des fortschrittlichen Lagers, der deutschen Friedensbewegung, der Intellektuellen erhoben.«

Grass reagiert hochgereizt auf die Frage, wo er war, als jüdische Demonstranten vor den Toren deutscher Chemiekonzerne standen. Er spricht fortan an Kaniuk vorbei zum Publikum, erwähnt immer wieder die Palästinenser und stellt die Parole »Blut für Öl« in den Raum.

Kaniuk erinnert sich: »…nach etwa zwanzig Minuten also kam der Junge zum Vorschein, der einst der Hitlerjugend angehört, jener junge Mann, der tieffliegende amerikanische Flugzeuge beschossen hatte; die Blechtrommel verwandelte sich in jemand anderen, in eine Stahltrommel vielleicht … Zum Schluss fiel alles ab und wurde vom Winde verweht, wir blieben dort nackt, ich war mein Großvater, er sein Großvater, der Deutsche gegen den Juden.«

Der Rückblick auf die Gruppe 47 drängt sich auf. Grass, der Flakhelfer, der Dichter, der Deutsche. Für ihn galten und gelten keine jüdischen Erfahrungen. Schon Briegleb stellte in seiner 47er-Schrift einen Nationalismus fest, »der sich aus dem ideologischen Rechts-Links-Schema gelöst hat und sich nährt aus einem 'neuen' Konkurrenzgefühl, das deutsche Intellektuelle in 'Gesprächen' vornehmlich mit Juden zum Ausdruck bringen.« Grass und Kollegen verlieren schnell die Nerven, wenn sie in Auseinandersetzungen mit Juden geraten, deren Kritik sie nicht ertragen können.

Kaniuk resigniert, stellt verzeifelt fest, dass »kein deutsch-jüdischer Dialog das Problem zu lösen vermag; er vermag nicht zu erklären, warum Grass, ein wichtiger Schriftsteller, ein Geistesmensch, sich plötzlich in seinen Großvater verwandelte und mich bekämpfte, wie man mich einst neben Wotans Eichen bekämpft hatte.«

Zwischen der Auseinandersetzung mit Adorno und mit Kaniuk liegen mehr als dreißig Jahre. Grass fühlt sich also nicht zum ersten Mal von vermeintlicher jüdischer/israelischer Aggression gereizt. Er versteht sich darum auch selbst als Provokateur, wenn er sich traut, Juden zu widersprechen, wenn er sich wagt, deutsche Erfahrungen gegen jüdische in Anschlag zu bringen.

Rund 600 Gäste sitzen beim Streit zwischen Grass und Kaniuk im Publikum, sie applaudieren dem deutschen Dichter, der nach dreieinhalb Stunden den Saal als Sieger verlässt. Moshe Zuckermann attestiert seinen Deutschen in »Zweierlei Holocaust«, recht gehandelt zu haben, denn Kaniuk »…beging die Reise, um ein individuell Neurotisches aufs Kollektive zu projezieren, eine persönliche Idiosynkrasie öffentlich auszutragen … unverzeilich ist an Kaniuks Einstellung … sein grober, dabei bedachter Missbrauch des Holocaust-Andenkens. Es ist die heteronome Instrumentalisierung von Auschwitz.«

Freundschaftsdienste

»Die USA bedürfen der Kritik … Deutschland hat im letzten Weltkrieg die Bombardierung offener Städte erfahren müssen … Diese Erkenntnis gibt uns das Recht auf Mitsprache.«

Nein, es ist noch nicht die Zeit der Golfkriege. Das Zitat datiert wieder von 1968. In den folgenden Jahren radikalisiert Grass seine Freundschaften. Und dies betrifft nicht nur Amerika: »Die Mentalität der Wasserscheide — Wer nicht für mich ist, ist gegen mich — mag in Pionierzeiten ihre Berechtigung gehabt habe; heute sollte sich Israel von seinen Freunden nicht nur Hilfe gefallen, sondern auch Kritik bieten lassen. Nichts wäre schlimmer als das oberflächliche Harmonisieren der bestehenden Konflikte; nichts wäre beschämender als die kritiklose Feigheit vor dem Freund.« Der inzwischen ein Feind ist, möchte man nachtragen. Was aus kritischer Feigheit dann doch unausgesprochen bleibt.

Wir antisemitisch ist Günter Grass? Schon 1971 halluziniert er die Macht Israels, Kritik zu unterbinden, wähnt er, dass Israel begierig Hilfe einstreicht und — gänzlich undeutsch — oberflächlich Konflikte zu harmonisieren wünscht.

Verwundert notiert Grass, während Israel gerade einen neuerlichen Krieg gewonnen hat, in seinen Aufsatz »Israel und ich«: »Die Freunde in Israel verstehen mich nicht. Sie vermissen ein direktes, parteiergreifendes Wort. Sie fühlen sich verlassen, verraten. Enttäuscht stellen sie ungenaue Vergleiche an. Doch das Fehlverhalten beider Seiten erlaubt keine eindeutige Parteinahme. Nicht nur die arabische Seite, auch der Staat Israel (Regierung und Opposition) hat sich aus Sicherheitsbedürfnis fehl verhalten.« Denn Israel ist an seiner gefährdeten Situation selbst schuld: »…so hat Israel durch die schleichende Annexion der besetzten Gebiete den arabischen Staaten einen Vorwand für deren Angriff geliefert.« Deshalb, so Grass, müsse ein von der UNO und des Westeuropäern militärisch garantierter Frieden zwischen den Arabern und den Israelis implementiert werden. Und dieses militärische Engagement meint auch deutsche Truppen im Nahen Osten, denn an deutscher Verantwortung kann man sich nicht mehr, so Grass, »vorbeischwindeln«.

Es sei noch einmal wiederholt: Wir schreiben das Jahr 1971. Der Kanzler heißt noch lange nicht Schröder.

September Eleven

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001, die für viele Linke zu einer Entsicherung aller antiamerikanischen und antisemitischen Ressentiments führte, braucht sich auch Grass nicht mehr im Zaume zu halten. In einem Spiegel-Interview vom 10. Oktober 2001, keinen Monat nach den Terrorangriffen, die Militäroperationen gegen die Taliban laufen gerade an, ist er beunruhigt:

Ich bin in Sorge, dass sich dies nun, wie angekündigt, zu einem latenten Kriegszustand über Jahre ausdehnen wird — in der Diktion der Vereinigten Staaten von Schurke zu Schurke, von Schurkenstaat zu Schurkenstaat …

Die CIA war im Grunde, in ihrer Praxis auch eine terroristische Vereinigung  … Das muss man sehen, und es macht keinen Sinn, nur mit den Fingern auf andere zu weisen…

Ich fühle mich vielen Amerikanern und dem Land gegenüber als Freund verbunden. Freundschaft verlangt aber auch, einem Freund in den Arm zu fallen, wenn er droht, etwas falsch zu machen…

Da ist sie wieder, die deutsche Freundschaft. In selbigem Interview ist auch Israel vor ihr nicht sicher: »Es ist für mich auch ein Freundschaftsbeweis Israel gegenüber, dass ich es mir erlaube, das Land zu kritisieren — weil ich ihm helfen will … Solche Kritik aber zu kritisieren — damit muss man aufhören…«

Vom angestammten Krebsgang verfällt Grass in wilde Raserei: »Israel muss aber nicht nur die besetzten Gebiete räumen. Auch die Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedelung ist eine kriminelle Handlung. Das muss nicht nur aufhören, sondern rückgängig gemacht werden.« Nachdem der Nobelpreisträger also nicht nur den Rückzug aus den besetzten Gebieten, sondern über diese hinaus, gefordert hat, ist unzweifelhaft, was bezweckt wird: Die »kriminelle Besitznahme palästinensischen Bodens« — gemeint ist wohl das Palästina vor der israelischen Staatsgründung — ist rückgängig zu machen. Israel hat sich aufzulösen, sonst wird kein Frieden sein. Nicht fehlen darf in solchen Äußerungen der übliche antisemitische Hinweis auf das Alte Testament: »Aber dieses Auge um Auge, Zahn um Zahn der gegenwärtigen Politik schaukelt allen Zorn nur noch weiter hoch.«

Was ist des Deutschen Vaterland?

So einer wie Günter Grass macht sich folgerichtig »deutsche Gedanken«. Auch deshalb hat er oft auf das Gedicht von Ernst Moritz Arndt rekurriert. Schlesien, Hinterpommern, Ostpreußen, »…diese Provinzen vertan, verspielt, eine Welt herausfordernd verloren.« Dieser Verlust treibt ihn um. Was ihn allerdings von den Vertriebenenfunktionären unterscheidet, ist der realistische Blick auf das Machbare. Er fühlt Betrug bei Maximalforderungen. Schon in einer Rede im Bundestagswahlkampf 1965 spricht er sich für Pragmatismus aus: »…über den Verbleib von Stettin und üer den Lausitzzipfel waren sich die Siegermächte in Jalta und Potsdam nicht einig … Wenn es uns an Stettin und der Lausitz gelegen ist, sollten wir den Mut aufbringen, Königsberg und Breslau … zu streichen…«

Ansonsten fordert er die Rettung aussterbender Dialekte und die Gründung von Neu-Königsberg, Neu-Breslau und Neu-Danzig als Vertriebenenoasen in Westdeutschland.

So war Grass auch nicht gegen die Wiedervereinigung. In besagter Wahlkampfrede warnte er, wie erwähnt, vor den unrealistischen Forderungen der CDU/CSU: »Sollten die Bundestagswahlen am 19. September der Koalitionsregierung unter Ludwig Erhard abermals die Mehrheit sichern, wird bewusst oder unbewusst der endgültige Verzicht auf die Wiedervereinigung beider Teile Deutschlands ausgesprochen!«

Dem Mythos der deutschen Kulturnation verpflichtet, befürchtet er 1989 den faschistischen Rückfall unter Kohls CDU. Für Grass stand die CDU immer schon in der Traditionslinie der Nazis, der Skandal um Filbinger hielt ihm auch in den 90er Jahren noch als Beweis her. Die »deutsche Frage«, so Grass, sei bei der Linken, besser aufgehoben.

Um dies abzuwenden empfiehlt er 1989/90 eine Konföderation zweier deutscher Staaten als eine Kulturnation. Denn Deutschlands moralische Verantwortung liege darin, der Welt ein Vorbild zu sein. Zwangsläufig gerät ihm Israel wieder ins Visier. Im Februar 1990 spricht er in der Evangelischen Akademie in Tutzig: »Eine Konföderation der beiden deutschen Staaten als eine Kulturnation gäbe durch ihre konfliktlösende Existenz Anstoß für die Lösung weltweit unterschiedlicher und dennoch vergleichbarer Konflikte … auch im Nahen Osten, überall dort, wo nationalstaatliches Handeln aggressiv Grenzen gesetzt hat und erweitern will.« Heißt Deutschland denken Auschwitz denken?

Schiffe versenken

Grass, der Antifaschist, einer, der sich um Aussöhnung mit Polen und um die sogenannte europäische Idee verdient gemacht haben soll, brachte im Februar 2002 ein Buch heraus, das einen politischen Höhepunkt markierte, nicht angekränkelt von der deutschen Schuld die eigenen Opfer zu betrauern.

Die Novelle »Im Krebsgang« wird eingeleitet mit »in memoriam«, ohne noch diejenigen benennen zu müssen, derer gedacht wird. Grass schafft mit der Geschichte der Gustloff, einem KdF-Dampfer mit flüchtenden Deutschen, der am Ende des Krieges von einem sowjetischen U-Boot versenkt wurde, was keinem Rechten vorher gelingen konnte: Das deutsche Leid in den Mittelpunkt zu stellen, als Bild des Grauens entpolitisiert und moralisch aufgeladen dem individuellen Bedenken zu entreißen und zu kollektivieren.

Dieser Tabubruch, der schon lange keiner mehr war, und schon gar nicht für Günter Grass, wurde quer durch die bundesrepublikanische Öffentlichkeit goutiert. Damit nicht genug.

In diesem Buch wird auch die Geschichte zweier Jugendlicher unserer Tage erzählt. Da ist der Neonazi Konny, dessen Vater der Sprecher der Novelle ist, und sein Gegenspieler David, ein Nicht-Jude, der sich, um zu provozieren, als Jude ausgibt, und daraufhin vom Neonazi ermordet wird. Selbstverständlich schreibt Grass gegen den Neonazismus in Schnürstiefeln an, denn er bleibt ja Antifaschist. Und was für einer. Grass lässt den Neonazi Konny im Internet chatten: »Großzügig befand Konny: 'Israel ist okay. Genau dahin gehört der Mordjude. Könnte sich dort nützlich machen, im Kibbuz oder sonstwo.' Überhaupt habe er nichts gegen Israel. Dessen schlagkräftige Armee bewundere er sogar. Und völlig einverstanden sei er mit der Entschlossenheit der Israelis, Härte zu zeigen … Palästinensern und ähnlichen Moslems gegenüber dürfe man keinen Fingerbreit nachgeben. Klar, wenn alle Juden, wie damals der Mordjude Frankfurter, ins Gelobte Land abhauen würden, fände er das in Ordnung, 'dann ist der Rest der Welt endlich judenfrei.' Diese Ungeheuerlichkeit nahm David hin; er gab [Konny] im Prinzip sogar Recht.«

Yoram Kaniuk schrieb nach seinem 91er Streit mit Grass: »Der allergrößte Teil der deutschen Nachkriegsliteratur derer, die Juden gekannt und mit ihnen gelebt haben, ist judenrein; das ärgerte Grass, weil er wusste, dass ich recht hatte, und er zeigte als Rechtfertigung zwei Juden aus seinen Büchern vor, was — selbst in seinen Augen — lächerlich war.«

Dabei haben die wenigen jüdische Figuren in Grass' Büchern geradezu groteske Züge, erst recht der »Ersatzjude« aus dem »Krebsgang«. In des Dichters Paralleluniversum sind die Neonazis dabei nicht fern von den Juden verortet, in der Novelle finden sie im gemeinsamen Statement gegenüber den Palästinensern sogar zum Konsens. Damit kann Grass beide Seiten — die Jungnazis und die Juden — als Spiegelbilder des Extremismus kurzschließen.

Die entscheidende Szene sei ausführlich dokumentiert. So reflektiert der Vater des Neonazis den Mordprozess gegen seinen Sohn, er macht sich Vorhaltungen ob seines eigenen Versagens.

Ähnliche Vorwürfe haben sich übrigens die Eltern des armen David gemacht, der mit Vornamen eigentlich Wolfgang hieß und dessen philosemitisches Gebaren offenbar unseren Konny provoziert hatte…

Und Frau Stremplin meinte, Wolfgang sei immer schon ein Sonderling gewesen. Mit Gleichaltrigen habe er allenfalls beim Tischtennis Kontakt gesucht. Von engeren Beziehungen zu einer Freundin sei ihr nie etwas bekannt geworden. Doch habe ihr Sohn sich schon früh, seit seinem vierzehnten Lebensjahr, den Namen David auferlegt und sich wegen der, weiß Gott, sattsam bekannten Kriegsverbrechen und Massentötungen derart in Sühnegedanken gesteigert, dass ihm schließlich alles Jüdische irgendwie heilig gewesen sei. Letztes Jahr habe er sich ausgerechnet zu Weihnachten einen siebenarmigen Leuchter gewünscht…

Ihre Ermahnungen — irgendwann müsse Schluss sein mit den ewigen Anklagen — seien überhört worden. »In letzter Zeit ist unser Bub unerreichbar gewesen.«…

»Haben wir etwa zu früh aufgehört, erzieherisch auf ihn einzuwirken?« Frau Stremplin sprach stoßweise. Ihr Mann nickte bestätigend.

Eine Zusammenfassung sei erlaubt: Wer sich ernsthaft mit deutscher Vergangenheit auseinandersetzt, muss sozial vereinsamt sein, hat kaum Liebesleben, wird womöglich zum Philosemiten und hat zu wenig Pädagogik erfahren. Wie lässt es Günter Grass die Mutter des vom Neonazi Ermordeten sagen: »Irgendwann müsse Schluss sein mit den ewigen Anklagen.«

So schreibt ein linker deutscher Antifaschist.

Letzte Tänze

Grass' Leben ist die Geschichte eines neuen Deutschen und Europäers. Dafür, weniger für seine Literatur, hat er mit dem Nobelpreis die gerechte Auszeichnung erhalten. Schon vor den 68ern hatte er, der deutsche Flakhelfer, der von den Amerikanern Gefangene, der Vogel, der sich von einem Juden nicht das Singen verbieten lassen wollte, seine antiimperialistischen und antiwestlichen Ressentiments gepflegt und auf das linke Schild gehoben. Als geschichtsrevisionistischer Provokateur gegen Israel und Amerika ist Europa ihm deshalb zu Dank verpflicht. So stehen seine Stahlgewitter denen von Ernst Jünger kaum nach. Beide haben das Nachkriegsdeutschland intellektuell zu dem regrediert, was links wie rechts dieses Land heute ausmacht. Doch was wie ein Nachruf klingt, ist keiner.

Irrsal und Wirrsal finden ihre Fortsetzung. Auch dafür hat der Dichterdenker eine Antwort. Es soll für diesmal die letzte sein: »Auch in gescheiten Köpfen, desgleichen in solchen, in denen es kunstsinnig und ästhetisch verfeinert zugeht, kann der Irrsinn Volten schlagen, kann Dummheit Quartier beziehen.« Genau so ist es.

Leo Ginster, 28. Juli 2004

Ornament

Alle Zitate aus:

  • Günter Grass: »Schreiben nach Auschwitz. Frankfurter Poetik-Vorlesung«, Luchterhand Literaturverlag, 1990
  • Günter Grass: »Essays und Reden« Band I bis III, Steidl Verlag, Göttingen 1997
  • Grünter Grass: »Mein Jahrhundert«, Steidl Verlag, Göttingen 1999
  • Grünter Grass: »Im Krebsgang«, Steidl Verlag, Göttingen 2002
  • Klaus Briegleb: »Missachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: Wie antisemitisch war die Gruppe 47?« Philo-Verlag, Berlin/Wien 2003
  • Moshe Zuckermann: »Zweierlei Holocaust«, Wallstein-Verlag, Göttingen 1999
  • Interview mit Günter Grass, SPIEGEL-Online vom 10. Oktober 2001
  • Rundfunkbeitrag von Fares Youwakim, Deutsche Welle, Januar 2003
  • Yoram Kaniuk: »Dreieinhalb Stunden und fünfzig Jahre mit Günter Grass in Berlin«, Die ZEIT, Hamburg 21. Juni 1991
Copyright © 2005 Leo Ginster
Quelle: http://www.henryk-broder.de/fremde_federn/ginster2.html

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