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Veit Medick Akademische (V)Erklärungen Ich gebe gerne zu: Akademische Ziele waren es sicher nicht, die mich nach Kairo gelockt haben. Dennoch fiel es mir schwer, mich mit dem Seminarangebot meines Studiengangs »Euro-Mediterranean-Relations« anzufreunden, als ich pünktlich zur vierten Woche nach Anfang des Semesters zum ersten Mal einen Blick in das Vorlesungsverzeichnis warf. Ich stieß auf zunächst sechs Kurse:
Schwer geschockt vom nicht gerade vielseitigen Angebot des Programms erschien mir der siebte Kurs ob seines schon im Titel enthaltenen komparativen, mehrdimensionalen Ansatzes schließlich wie eine Fata Morgana: »History of Europe and the Arab World«. In der Eindeutigkeit und Spezialisierung des Themas hätte der Kurs sicher nur von den Seminaren »Geschichte der Menschheit von 2000 v. chr. bis 1993«, »Mensch und Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft - ein Blick zurück«, »Analyse und Vergleich politischer Systeme - ein internationaler Vergleich unter Ausschluss Dänemarks« und »Lesezeichen - Zusammenfassung und Analyse der Literatur von sieben ausgewählten Kontinenten« übertroffen werden können. Es kam jedoch wie befürchtet: Wird ein autistisches multiple-choice-Bildungssystem von solch revolutionären Modellen erschüttert, so findet meist der Dozent selbst einen Weg, das Interesse für die Alternative so gering wie möglich zu halten, den Studenten somit den Pfad zurück zu ebnen oder sie ganz von akademischem und intellektuellem Wissensdurst zu befreien. Um dies auch Außenstehenden näher zu bringen, seien nun einige der prägnantesten Sätze des — es sei vorweggenommen — vergeblichen Versuchs seitens der Dozentin Mona A. dokumentiert, innerhalb von nun fünf Unterrichtseinheiten, die insgesamt 15 Stunden umfassten, uns Studenten einen klaren Einblick in ihre Überlegungen und ihre Ziele bezüglich der Arbeit des Seminars zu geben. Als Quellen dienen hierbei während des Unterrichts aufgrund völliger Ratlosigkeit entnommene Exzerpte von Mona A.'s Frontalshow, sowie die großzügige Bereitstellung von (hier recht üblichen) Audioaufzeichnungen einer Reihe meiner ägyptischen Studienkollegen. 23. Februar 2005 (noch 9 Sitzungen): Since it is the first lecture, please allow me to provide you with an overview of my approach to study the history of Europe and the Arab world as interdisciplinary as possible. Following a tentative anatomy and genealogy applied to the respective civilizational orbits, Europe and the Arab world, the focus will shift to exploring the dialectics of an encounter that has assumed a variety of topos, tempos, modes, intensities, and directions over a protracted period of time (…). Emblematic junctures or formative Moments and Sites will provide the venue for this foray. In this context, socio-cultural perspectives will be brought to bear on an analysis and synthesis that are grounded at the interstices of the encounter. Within the versatility of a virtual space, noted for its ambiguity and heuristics we broach some fundamental questions relating to identity formation, evolutionary trajectories, critical and formative experiences, cross-cultural influences and susceptibilities (…). We also try to tap into the psycho-dynamics of an all-pervasive latent and effective power-relations complex that punctuates institutional, ideational, symbolic, and valuational dimensions in the respective orbits. Sichtlich angeschlagen, verließen wir nach guten drei Stunden den Raum und verlegten unsere Hoffungen auf eine Erklärung des Seminarthemas auf die folgende Woche. 2. März 2005 (noch 8 Sitzungen): We find ourselves in the second meeting now and I do believe I have to deepen my outline which I unfortunately were not able to conclude in our last lecture. Let me specify: The overall approach will be holistic, drawing on some of my theoretical work on »contrasting epistemes« and related analytical/thought constructs in an effort to extend it empirically (…). Other conceptual tools and frames of reference in modern areas of sociological inquiry will be creatively adapted to the purposes of an analytic, deconstructive, or hermeneutical foray, as the case may be in Sorokin's typologies and Bourdieu's »habitus«, as well as certain Khaldunian propositions, formal & substantive, pertaining to community/state formation, religion & »asabiya« — this among other contributions and insights from a rich and generative field. Nach der zweiten Sitzung war eine gewisse Unruhe innerhalb der Seminarteilnehmer nicht verkennbar. Was blieb da anderes übrig, als das zu machen, was jeder ordentliche Weltbürger in komplizierten, klärungsbedürftigen Situationen unternehmen sollte: Es wurde eine »task-force« in Form einer Yahoo!-Group eingerichtet, die sich verständlicherweise an der Effizienz der vom DFB ins Leben gerufenen orientierte. 9. März 2005 (noch 7 Sitzungen): As some of you complained last week, I will use the following three hours to open you up for a new way of thinking, for a different way of analyzing and for a clearer understanding of the main objectives of this course. As far as course methodology goes, there will be an element of the dramaturgical, alongside the theoretical and the historical. The historical will be approached eclectically combining the socio-cultural, hermeneutic, critical reflective, as well as the conventional power political and »ideological« — properly speaking, the gamut of the »civilizational symbiosis« — that subsumes the all critical and elusive dimensions & stakes like faith and identity (…). I prepared a PowerPoint Presentation on »The City as a metaphor« that I will shortly go through. Ihr Alter ist keine Entschuldigung. Auch mit 50 kann man in der Lage sein, eine PowerPoint Präsentation in einem angemessenen Zeitrahmen zu halten und sich nicht über 90 Minuten an zwei Folien abzumühen. 16. März 2005 (noch 6 Sitzungen): Because of the conceptualizational importance of »The city as a metaphor« I would like to restart my presentation from last week so that you can better grasp upon my fundamental ideas of the seminar. ??? Sicher, die PowerPoint Präsentation war bisher einer der Höhepunkte des Seminars. In der fünften Sitzung jedoch überschlugen sich die Ereignisse. Erst schaffte es Mona A. tatsächlich, ihre Präsentation nach einem dritten Anlauf zu vollenden, bevor sie schließlich mit realen Literaturvorschlägen zum Thema »Vermittler zwischen den Zivilisationen« — man könnte es auch »Konvertiten zum Islam« nennen - ungläubiges Staunen erntete. 23. März 2005 (noch 5 Sitzungen): Mediators:
Und siehe da - wer fand sich dort doch tatsächlich auf der Liste? Unser Freund und Mediator Murad Hofmann! Auch wenn Mona A. nur noch fünf Sitzungen versuchen kann, uns den Inhalt ihres Unterrichts zu vermitteln, so beginne ich angesichts der einmaligen Chance, Murads Offenbarungen einmal genauer unter die Lupe nehmen zu können, langsam auch das akademische Leben hier zu genießen.
Copyright © 2005 Veit Medick
Quelle: http://www.henryk-broder.de/fremde_federn/medick2.html |
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