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melvin jules bukiet, jahrgang 53, lebt auf der upper west side von manhattan, hat noch nie eine folge von "seinfeld" gesehen, ist kettenraucher und glaubt, seine familie würde es nicht merken, weil er die kippen und die asche in einer schublade unter seinem imac entsorgt. von dieser macke abgesehen, ist er ein kluger, freundlicher und umgänglicher mensch. er sitzt den ganzen tag in seinem "studio" und schreibt - großartig irre texte, die immer von irren handeln, die großes vollbringen. in deutschland sind zwein romane von MJB erschienen: "danach" (1997) und "zeichen und wunder" (1999), beide bei luchterhand. in den usa hat er zuletzt die anthologie "neurotica - jewish writers on sex" herausgegeben, mit texten u.a. von woody allen, erica jong, binnie kirshenbaum, isaac bashevis singer - lauter experten in sachen "trennen und stuppen". bukiet verläßt sein haus nur aus drei gründen: um ein baseballspiel zu besuchen, um am sarah lawrence college literaturkurse zu geben oder um freunde und fans in der KGB bar (85 east 4th street) zu treffen, einer literatur-vorlese-kneipe, die zur hälfte ihm gehört und wo offen geraucht werden darf. der folgende text ist noch unveröffentlicht. es ist ein vorschlag, mit dem MJB die deutsche mahnmaldebatte auf das richtige gleis bringen möchte.
Im folgenden ein Kommentar von T. Adler: In 1729 schrieb Jonathan Swift, Autor von Gulliver's Travels und einer der größten political pamphleteers aller Zeiten
A Modest Proposal Die Idee hinter dem Text ist »England frisst Irland.« Da schlägt Swift eine Lösung für die vielen hungrigen, unterdrückten katholischen Bauer Irlands vor, die ihre großen Familien nicht ernähren können. Er zeigt die unmögliche Lage der Mütter und ihren zahlreichen Kindern und geht logisch, Schritt für Schritt, bis zu seinem Vorschlag: Das Beste für die Mütter und für das Land wäre, dass die Kleinkinder als Delikatesse den Adligen serviert werden, im Alter von eins, wenn sie noch zart sind. Das Fleisch wird etwas teuer sein, aber die Adligen können sich das leisten und haben auch ein Recht dazu, da sie schon die Eltern der Kinder gefressen haben: »I grant this food will be somewhat dear, and therefore very proper for landlords, who, as they have already devoured most of the parents, seem to have the best title to the children.« Swift entwickelt sein Thema so systematisch und überzeugend, dass der Leser ihm glaubt und mitmacht, bis er sich plötzlich im tiefsten Unsinn befindet. Der grausame Vorschlag, so einfach und praktisch, ist Swifts gute Gelegenheit seinem grenzenlosen Mitleid für die armen, hilflosen irischen Bauern Ausdruck zu geben. Er beschreibt ausführlich ihre Armut und hoffnungslose Lage. Ihr Elend sei nicht zu lösen, deswegen zeigt er die Vorteile seines eigenen Vorschlags: So werden die Mütter ihre Kinder loswerden und dabei gutes Geld verdienen. Sogar das Verhalten der Ehemänner wird sich verbessern indem sie ihre Frauen während der Schwangerschaft weniger prügeln werden. Zweihundertsiebzig Jahre später nimmt Melvin Jules Bukiet Swifts Text und benutzt ihn für seinen eigenen »bescheidenen Vorschlag«. Sein Vorschlag ist eine grausame Lösung für das unlösbare Problem, dass der Holocaust nie wirklich erinnert werden kann. Das wäre an sich nicht schlecht. Diese so gelassen gebrauchte klassische Quelle lässt sich aber genauer studieren. Die Unzulänglichkeit der Kunstmittel in der Holocaustdarstellung ist ein altes Thema. Dichter, Maler, Autoren aller Arten versuchten diese Horror irgendwie im Gedächtnis der Nachfolger lebendig zu halten und verstanden, dass »DIE Sache« eigentlich nicht weitergegeben werden kann. Wie Elie Wiesel einmal sagte, »Ein Roman über Treblinka wäre entweder kein Roman, oder nicht über Treblinka.« Das Eisenman Projekt ist also keineswegs der erste gescheiterte Versuch. Dass das Berliner Mahnmahl zu einer gegenteiligen Wirkung als gewünscht führen könnte haben viele gesagt und noch mehrere gedacht. Wie geht Bukiet an die Sache heran? Deutschland hat schon längst den Holocaust offiziell anerkannt. Dagegen hat Bukiet nichts einzuwenden. Sein Protest kommt davon, dass Eisenmans Projekt für eine echte Erinnerung an den Holocaust »nicht genügt«. Aber reicht das, um Bukiets grausamen Vorschlag zu rechtfertigen? Oder genauer gesagt: Reicht das, damit Bukiet Swifts erbarmungslose Attacke kopiert? Weiter beschreibt Bukiet wie er den Holocaust seinen Kindern beigebracht hat: Every Israeli bus and taxi is a Mercedes. Ich habe meinen deutschen Gemüseschäler und Dr. Oetker's Käsekuchen Hilfe (old Oetker was a Nazi sympathizer, but his son isn't und die Israelis sind nüchtern genug zu unterscheiden) in meinem Ramat-Aviv Supersol und meinen deutschen Radiergummi beim Schreibwarengeschäft der Uni Tel-Aviv gekauft. The sun rises in the east, the Germans killED the Jews, stopped killing them some fifty-five years ago and have been neurotic about it ever since. But of course, Bukiet has a right to be neurotic as well. Alle Kinder sollten über den Holocaust gründlich lernen, aber aus der Schoah mother's milk für die eigenen Kinder zu machen klingt wie a profession of hate more than like a just teaching and remembrance of history. Nun weiter Bukiet: Jetzt kommen wir zu Bukiets wichtigsten Punkt: Wie kann man den Holocaust lebendig halten? Eine Frage, die schon gestellt, als Bukiet sich knapp in seiner post-Windeln Phase befand und lange diskutiert wurde, während er sich fieberhaft Beispiele durch die englische Literatur suchte, lautet, ob die Schoah »realistisch« dargestellt werden könnte und sollte. Wollen wir etwa unseren Kindern ein Stück Auschwitz anbieten? Altes Problem, und Bukiet löst es keineswegs besser als Eisenman und alle Anderen. Hier allerdings folgt Bukiet Swifts Pamphlet am genauesten: Swift: »I shall now therefore humbly propose my own thoughts, which I hope will not be liable to the least objection. … a young healthy child well nursed is at a year old a most delicious, nourishing, and wholesome food …« Bukiet: »Such a sacrifice might seem horrifying, but the benefits clearly outweigh minor moral considerations. By viewing such an event, the active experience of viewing will subsequently create genuine memories, which will then be reflected upon by generation after generation of genuine witnesses. No more will my father have to lament that people can never understand. From now on, everyone will understand and, yes, remember. Over the long term, the steel walls of the Berlin memorial may prove as transitory as the wooden barracks at Auschwitz, but the infinitely greater treasure of memory will remain intact.« Swift: »I think the advantages by the proposal which I have made are obvious and many, as well as of the highest importance. For first, … it would greatly lessen the number of Papists …« Hier kommen fünf weitere Gründe, die an die vollkommene Misere in Irland andeuten. Bukiet hat nicht einmal Geduld, fertig entwickelte Argumente vollständig zu kopieren. Das wird ihm zu lang. Bukiet bearbeitet Swifts Pamphlet weiter: »To my way of thinking a purely random drawing from a list of [Jewish people's] passports would be most efficient and most effective. Then, perhaps a random German could be chosen in a similar fashion to administer the injection.« Was meint er damit? Das muss eine Realität reflektieren. Das damalige England fraß Swifts Irland in der Tat, aber wer berührt ein jüdisches Haar im heutigen Deutschland? »A random Jew« bedeutet ANY Jew und »a random German« bedeutet ANY German. Die unterstellte böse Absicht stimmt nicht, was immer die Deutschen falsch machen, man kann nicht sagen, dass sie sich einen erneuten Holocaust wünschen, das entspricht keiner Realität, das ist billige und ungerechtfertigte Provokation. Henryk Broders Artikel von der Debatte über das Berliner Mahnmal (Dabei sein ist alles, Dieser Wahnsinn heißt Vernunft) waren ganz anders. Es war seine eigene Wut, die durch die Wörter explodierte. Es waren keine geliehene, sondern seine eigenen Ideen, die in unerwarteten Figuren gesetzt den Leser überraschten. Last but not least, es war die Verzweiflung gegen die Realität, dass es wieder schief gehen soll, weil von der ganzen Horror nur die political correctness und der deutsche Schuld-Exhibitionismus zum Vorschein kommen und die Tiefe der Wahrheit bleibt ungerührt. Und es war menschlich und überzeugend. Jedes Wort. Zitieren und Ausleihen sind gut, müssen aber mit Quellen und Anführungsstrichen versehen werden. Zum allermindesten, wenn der großzügige Freund anbietet, das eindeutige Plagiat auf seiner Homepage zu veröffentlichen, dann muss der Kerl mit den letzten Fetzen seines Gewissens springen und sagen: »Hör mal zu, das hab ich mir von irgendwo geholt, falls jemand fragt« oder so. Swifts Pamphlet ist in der angelsächsischen Welt genug bekannt, um keine besondere Vorstellung zu brauchen. Der Titel A Modest Proposal wurde teilweise zum Begriff für eine gewisse absurde Ironie oder Satire. Das Problem mit Bukiet ist, dass er nicht nur Swifts Titel, sondern sein ganzes Pamphlet ziemlich systematisch und geschmacklos verwendet. Geschmacklos, weil die von Swift übernommene absurde Lösung keiner heutigen reellen Situation entspricht. In Deutschland sind Swifts Werke außerhalb dem Bereich der Anglistik nicht sehr bekannt. Von Gulliver kennen nur wenige den Cartoon von Max und Dave Fleischer und mehrere die Kinderbücher mit der Reise nach Lilliput, aber sie wissen meistens nicht, dass das vollständige Buch aus vier Reisen besteht, die zusammen eine der gnadenlosesten Kritiken der menschlichen Ungerechtigkeit und Verdorbenheit aufbauen. Und wer soll dann von diesem kleineren Pamphlet etwas wissen? Nur ein Kulturneurotiker, wenn überhaupt. Und heute haben Neurotiker Bukiets Art viel mehrere Chancen. Swifts Feder ist mir nicht fremd, Bukiets wird es höchstwahrscheinlich bleiben. Mit Absicht. T. Adler
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