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Tobias Kaufmann
Urlaub auf deutsch
Ich habe die soziale Hängematte des deutschen Volkes gesehen. Sie hängt
in Prora auf Rügen. In Urlaubszimmern mit zwei Betten, einem Waschbecken, zwei
Stühlen, Tisch, Liegesofa. Alles auf zwei mal vier Meter fünfzig zusammen
geschoben. Durchs Fenster blickt die rauschende Ostsee. Hier kann man endlich mal
unter sich sein. Zusammen mit 20.000 Volksgenossen. Weit und breit kein Engländer,
der es auf unsere Liegestühle abgesehen hat. Raus zur Morgengymnasik erst um
7 Uhr 30 - es sind ja Ferien. Abends: Gemeinsam dem Schnarren des Führers im
Volksempfänger lauschen. Es gibt Fortschritte an der Ostfront... So hätte
er sein können, der kollektive Freizeitpark. Doch dann kam der Russe. Prora
auf Rügen ist nicht mehr, wie es einmal war. Genau genommen war es auch nie,
wie es einmal sein sollte: eine acht Kilometer lange Gebäudereihe parallel zum
Strand mit einer Festhalle für 20000 Gäste. Denn 1939 ließ der Führer
die Bauarbeiten am halb fertigen deutschen Urlaubsparadies einstellen. Das war nur
konsequent, denn statt am Strand zu urlauben starb der deutsche Familienvater damals
an der Front. Oder, um es mit dem original Zeitzeugenvideo zu sagen, das ich in der
KulturKunststattProra bewundern durfte: "Es kamen andere Zeiten mit anderen
Prioritäten." Jetzt, wo die Fassaden bröckeln, ist Prora allein wegen
dieses Museums in Block 3, Trakt 3 / TH2 eine Reise wert. Eintritt: 6 Euro 50. Dafür
flimmert im Erdgeschoss in einer Art Mini-Kinosaal besagtes Doku-Video vor sich hin.
Ein ehrenamtlich gesprochener Text voller Grammatikfehler erzählt darin, wie
Fürst Malte seinen Küstenlandstrich "auf Wunsch des Führers"
für das deutsche Erholungseldorado zur Verfügung stellte. Ein schönes
Bild, das sich da im inneren Auge des Betrachters selbst malt. Der Führer, wie
er Fürst Malte flehend anschnarrt: "Bitte, geben Sie mir Ihren Küstenlandstrich
für mein Volksbad." "Wenn Sie nicht möchten, führen wir sie raus und erschießen
Sie", fügt ein junger Mann aus dem Gefolge des Führers wohlwollend
hinzu. Oh, wie würde Bahnchef Mehdorn frohlocken, wenn auch seine Verhandlungen
zum Flächenkauf zwecks Bau neuer Bahnstrecken so einfach wären. Ich schweife
ab? Das macht nichts, denn das passiert dem Museum in Prora auch. Pornobunt brüllen
Plakate von allen Wänden auf die Besucher herab: "20 Fernsehteams drehten
schon bei uns" - und in anderer Schrift darunter - "weil wir interessant
sind". Schließlich vereint dieses monströse Ensemble das "NS-Kraft
durch Freude-Museum", das "NVA-in-Prora-Museum 1 / 16. Kompanie in Prora",
das "NVA-in-Prora-Museum 2 / Standortdokumentation-Saal", das "Rügen-Museum
1 mit acht rügentypischen Sonderausstellungen", Schülerbildern (teilweise
preisgekrönt), der "NVA-Kunst der Nationen"-Sammlung, drei Originalmodellen
der KdF-Schiffe "Der Deutsche", "Robert Ley", "Wilhelm Gustloff"
(jeweils in altdeutscher Schrift präsentiert), dem Original-KdF-Urlauber-Zimmer
und dem Original-NVA-Urlauber-Zimmer aus dem "Erholungsheim Walter Ulbricht,
Prora, Block 1, Stand 1988" sowie, im fünften Stock, das "Rügen-Musem
2" mit vier Modellanlagen zu Rügens Geschichte ("Privileg: Kulturgeschichtlich
besonders wertvoll") und dem Wiener Kaffeehaus, für das wir unten am Eingang
zwei Weinprobengutscheine erhalten hatten. Bei all dem Krimskrams, den die Museumsmacher
auf ihren fünf Etagen zusammengesammelt haben, bleibt das enscheidende jedoch
zu keiner Zeit verborgen: Die ganze Leidenschaft des Personals gehört der Nationalen
Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik. Nicht weniger als 23 Räume
hat man originalgetreu rekonstruiert. Einen Schlafraum der Mannschaften, das Büro
des Majors, den Clubraum. In zwei Räumen ist sogar ein Schießstand untergebracht. Überall
stehen Kleiderständer mit Original-Uniformen herum, über die Klarsichtfolie
gezogen ist - falls die Dinger noch mal gebraucht werden, sollen sie ja staubfrei
sein. Ein Zimmer füllt das lebensgroße Abbild des Museumsgründers
Hans Müller, der wenige Tage nach der Schlüsselübergabe 1999 an einem
Herzschlag verstarb. Neben seinen weißen Slippern stehen Plastikblumen. Ein
Schriftzug der Mitarbeiter, die - wie Müller - auf eine erfolgreiche NVA-Karriere
zurückblicken können, versichert ewiges Gedenken an den Verstorbenen, der
"Freund, Respektperson, Denker und Lenker" in einem war. Das Gästebuch
im vierten Stock umfasst knapp dreißig Bände. Unter die Mitteilung eines
Besuchers, dass er über die völlig kritik- und distanzlose Rekonstruktion
erzürnt sei, weil er hier die schlimmsten 1 ½ Jahre seines Lebens verbracht
habe, hat irgendwer ein einziges Wort gekritzelt. "Weichei". "Schade,
dass sie dieses Monstrum nie abgerissen haben", sagt Süße während
unserer Flucht über den Parkplatz voller Reisebusse, auf dem ein anatolischer
Imbiss einen Hauch Globalisierung in die muckelige
"wir-wollen-aber-wieder-unseren-kleinen-deutschen-Staat-haben-mit-Mauer-drumherum"-Stimmung
grillt. Doch diesmal hat Süße nicht recht. Angebracht ist die Melancholie,
mit der der letzte Satz des "Zeitzeugen-Videos" im Erdgeschoss verhallt.
"Prora - quo vadis?" unkt der Sprecher. Wir sehen eine Luftaufnahme des
denkmalgeschützten KdF-Seebades, der zur Heimat eines NVA-Raketen-Ausbildungs-Zentrums
und 25 Kompanien wurde und seit der Wende vor sich hingammelt. Prora, wohin gehst
du?
Das ZDF hat eine mögliche Antwort gegeben. Unfreiwillig. Und zwar, als es in
nicht zu überbietender chauvinistischer Instinktsicherheit die grausigen Bilder
der Terroranschläge in Marokko mit der Frage verband: "Wo kann man überhaupt
noch sicher Urlaub machen?" Dass ausgerechnet jene, die Fremde am wenigsten
leiden können, nur noch dank der Touristen aus dem Westen überleben können
- diese Gottes Humor beweisende Groteske verbindet viele Gegenden auf der Welt. Also,
Volksgenossen. Packt den Zementsack ein, tut ¢nen Spaten noch mit rein und nix
wie raus nach Prora. Hans Müller wird sich strahlend im Grabe drehen. Und wenn
sich die soziale Hängematte des deutschen Volkes dann endlich im Winde wiegt,
darf die KulturkunststattProra einen neuen lila-grünen Werbespruch an Proras
Fassaden schrauben: Warum in den Nahen Osten fliegen, wenn der Osten so nah ist?
Von Tobias Kaufmann - www.tobias-kaufmann.de
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