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Tobias Kaufmann
Rülpsen für den Frieden
Der Krieg ist aus. Ich weiß es schon deutlich länger als US-Präsident
Bush. Das verdanke ich dem Jugend-Musiksender Viva. Pünktlich mit Beginn des
Irakkriegs war auf Viva oben rechts im Bild wie von Geisterhand ein Peace-Zeichen
erschienen. Es blieb dort auch, als der Widerstand gegen die alliierten Truppen nur
noch aus der täglichen Märchenstunde von Iraks Informationsminister und
friendly Fire bestand. Wenige Stunden vor dem Fall Bagdads ignorierten die Amerikaner
sogar frech die Aufforderung eines PDS-Sonderparteitags, sofort abzuziehen. An diesem
Abend dachte ich, Viva sei umgefallen. Kein Peace-Zeichen. Doch Süße korrigierte
mich. "Es läuft Werbung. Da blenden sie das Peace-Zeichen nie ein."
Das fand ich einleuchtend. Während es gilt, CDs, Klamotten und Soft-Drinks an
den Teeny zu bringen, hat der Frieden Sendepause.
Denn die Aufmerksamkeit der Pisa-Generation
hat dann dem "Fanta-Kultgruß" zu gelten: Ein gerülpstes "Helloooo!",
das, auf Satellitenanlagen praktiziert, Außerirdische anlockt und neuerdings
per SMS verschickt werden kann. Man kann es gemein finden, dass Werbemanager ihre
jungen Kunden für so dämlich halten. Aber sind die nicht selbst daran schuld?
Kann man junge Menschen bemitleiden, die sich auf die Frage, warum sie gegen den
Krieg seien, freiwillig im Fernsehen mit der Befürchtung zitieren lassen, der
Irak könne sich aus Rache mit Israel verbünden und Deutschland angreifen?
Wenige Tage später war das Peace-Zeichen oben rechts genauso plötzlich
verschwunden, wie es erschienen war. Der Krieg war aus. Selbst bei Viva konnte ich
auf telefonische Nachfrage nicht genau erfahren, wann genau und warum das Zeichen
verschwand. "Naja, so irgendwann, nachdem Bagdad dann gefallen war", sagt
eine Sprecherin. In echt war der Krieg zwar noch nicht so richtig vorbei, es starben
weiter Menschen, aber Viva hatte offenbar gemeinsam mit dem Publikum beschlossen, dass sich
das Friedenszeichen aufgrund der Fakten an der Front erledigt hatte. So rein erlebnismäßig.
In dieser Hinsicht hat der vom Taschengeld abhängige Teil unserer Gesellschaft
übrigens eine erstaunliche Wesensgleichheit mit unserer Regierung vorzuweisen.
Vor dem Schießen waren jene, die dieses Land der Arbeitslosen so vielversprechend
voranbringen, gnadenlos gegen den Krieg. Nachdem er doch begonnen hatte, waren sie
für ein möglichst schnelles Ende und danach ließen sie es sich nicht
nehmen, dem Sieger fröhlich zu gratulieren. Natürlich nicht, ohne ihren
Teil vom Wiederaufbaukuchen einzufordern. Das erinnert in seiner Schizophrenie und
Dreistigkeit wohltuend an unsere Jugend. Von der Ahnung gepeinigt, dass sie wahrscheinlich
selbst mit zwei freiwilligen und einer gesetzlichen Altersvorsorge sowie einem Rentenbeitrag
von 64,6 Prozent erst mit 89 das Pensionsalter erreichen dürfte, hatte diese
vor wenigen Jahren in einer Allensbach-Umfrage folgendes gefordert: Weniger Staat.
Mehr Sozialleistungen. Zu merken, dass das ungefähr so logisch ist, wie Tour
de France ohne Doping, kann man nicht verlangen von einer Generation, die Demos,
Demokratie, Kirche und Bücher deutlich blöder findet als Kernenergie, Handies
und Unternehmer. Denkt noch irgendwer an dieses Lied von Herbert Grönemeyer?
Der sang: Kinder an die Macht! Und denkt inzwischen sicher selbst: Lieber nicht.
Die Jugend von heute ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Früher war die
Jugend von heute frech, muckte gegen Konventionen auf, hörte laut Musik und
trug grauenhafte Klamotten. Heute ist die Jugend von heute brav, muckt nur auf, wenn
die Fruchtzwerge alle sind und falls sie doch massenweise demonstrieren geht, dann
wenigstens im Einklang mit der Regierung. Zugegeben: Sie hört noch immer laut
Musik und trägt grauenhafte Klamotten. Oder wie soll man Oberteile sonst bezeichnen,
die so eng sind, dass man sie nichtmal zur legalen Ruhigstellung von abzuschiebenden
Asylbewerbern auf dem Frankfurter Flughafen verwenden dürfte? Wohin das voreilige
Entfernen von Peace-Zeichen bei Viva führen kann, hat der 1. Mai in Berlin gezeigt.
Die jungen Leute, die dort abseits der bescheiden besuchten Demos ihre Rucksäcke
mit den "No War!"-Aufnähern zum Transport von Pflastersteinen nutzen,
hatten viel Spaß dabei, den Alten die Party zu vermiesen. "Ich versteh
es nicht", stammelte die Organisatorin eines friedlichen Kreuzberger Straßenfestes,
das am späten Abend doch noch zu einer zünftigen Straßenschlacht
führte. "Erst demonstrieren die hier gegen den Krieg und dann brechen sie
ihn selbst vom Zaun." Dabei gibt es da gar nichts zu verstehen. Ein Polizeisprecher
hat es mit einem einzigen Begriff auf den Punkt gebracht. Bei den Steineschmeißern
des 1. Mai habe es sich nicht um Autonome oder sonstwie politisch motivierte Randalierer
gehandelt, sondern zumeist um "erlebnisorientierte Jugendliche". Deshalb
war auch das Geprügel der Polizei im Grunde eine spießige Reaktion. Tipp
fürs nächste Jahr: Ein gerülpstes "Helloooo!" aus dem Lautsprecherwagen
und Fanta für alle aus dem Wasserwerfer könnte die Situation ganz erlebnisorientiert
entschärfen.
Von Tobias Kaufmann - www.tobias-kaufmann.de
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