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Tobias Kaufmann
Schmeißt ihn raus!
Die Welt kritisiert Israel für den Wunsch, Yasser Arafat ins Exil zu schicken. Lieber sollte sie
die Palästinenser ermuntern, es selbst zu tun.
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Nicht Jesus Christus ist der passende historische Vergleich... |
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Ein alter Mann steht am Fenster und wirft Handküsschen zu den jubelnden Schülern. Sie haben
sich nur für ihn auf die Straße begeben. Ganz spontan natürlich, wie immer. Es geht Yasser
Arafat gut in diesen Tagen. Spätestens seit dem Grundsatzbeschluss des israelischen Kabinetts, den
Palästinenserpräsidenten aus seinem Amtssitz entfernen zu wollen, läuft er wieder zur
Hochform auf. Er trägt seine Fantasieuniform und sein Folklore-Palästinensertuch und spielt
die letzte Paraderolle, die ihm geblieben ist: Der Vater der palästinensischen Nation trotzt dem
nahen Tod durch die zionistischen Besatzer. Im März 2002, als Israels Armee seinen Amtssitz halb
nieder riss und dann umstellte, ließ sich Arafat bei Kerzenschein interviewen und streckte eine
runzelige Kartoffel in die Kameras. »Seht her«, sollte das heißen, »wir haben keinen
Strom und bald verhungern wir hier drin.« Doch er ist nicht nur dem Hunger-, sondern auch dem Scheintod
durch Ignorieren von der Schippe gesprungen, den Israel und die USA Arafat zugedacht hatten. Dank der
Europäer, die ihn weiter fleißig konsultierten. Nun redet er wieder davon, eher sterben zu
wollen als sich aus seiner Heimat verjagen zu lassen. »Heimat«, das heißt Jerusalem und
nicht etwa Kairo, was nach Ansicht seriöser Arafat-Biografen seine tatsächliche Geburtsstadt
ist. Doch egal ob er ein echter oder nur ein Polit-Palästinenser ist - die Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats
haben den Ausweisungs-Beschluss kritisiert. Allerdings aus völlig unterschiedlichen Motiven. Die
Amerikaner haben persönliche Gründe. Bush will sich seinen Generalplan vom befriedeten Nahen
Osten nicht davon kaputt machen lassen, dass Arafat in einem arabischen Staat als Asylant für Aufruhr
sorgt. Arabische Staaten wie Syrien sind nicht nur gegen Israels Entscheidung, weil sie in diesem Konflikt
zu ihren palästinensischen Brüdern stehen, sondern auch
, weil der Exilant Arafat für keinen arabischen Staat eine hübsche Vorstellung ist. Ehemalige
Gastgeber wie das jordanische Königshaus erinnern sich schließlich mit Grausen an das Wirken
seiner Entourage. Was aber die Europäer reitet, sich immer wieder hinter Arafat zu stellen, der
ihr Geld seit Jahren dreist veruntreut, bleibt ein Rätsel. Sollten sie immer noch nicht aus ihrem
wohligen Traum vom Friedensnobelpreisträger erwacht sein?
Moralisch gibt es keinen Grund, Arafat vor dem Rausschmiss zu bewahren. Strafbank und Rote Karte sind
nicht nur im Sport bewährte Mittel, um notorischen Rabauken eine Pause und dem Spiel einen regelgerechten
Ablauf zu gönnen. Richtig - und zwar aus rein taktischer Sicht - mag die Analyse der UN dennoch
sein, eine Ausweisung sei »nicht hilfreich«. Zu groß ist die Angst, einen Märtyrer
zu erschaffen und das Friedenshindernis Arafat noch weiter aufzupumpen. Genau deshalb hat Israels ehemaliger
Außenminister Shimon Peres die Pläne der Armee, Arafat zu töten, einst mit den Worten
abgelehnt: »Wozu brauchen wir einen zweiten Jesus?«
Von Taktik abgesehen ist Israel nicht dafür zuständig, Arafat von der Macht zu entfernen. Er
regiert, obwohl seine Amtszeit schon vor vier Jahren abgelaufen ist. Weder ein Wahlgesetz noch ein Wahlregister
hat seine Regierung seit 1996 aufgestellt, von einer funktionierenden Müllabfuhr ganz zu schweigen.
Der Lebensstandard der Palästinenser ist stetig gesunken, seit Arafat regiert. Er selbst aber liegt
im US-Magazin »Forbes« mit einem geschätzten Vermögen von 300 Millionen Dollar auf
Rang sechs der weltweit reichsten Staatsmänner. Er hat korrupten Weggefährten aus Zeiten des
tunesischen Exils wichtige und einträgliche Posten zugeschachert und gut ausgebildeten heimischen
Nachwuchs so in die Arme der Islamisten getrieben. Auch für die widerlichsten Auswüchse der
palästinensischen Gesellschaft - bezahlte Selbstmordattentate und eine regelrechte Kinderintifada
- ist der Multichef von Volk, Partei und Bewegung persönlich verantwortlich. Am Verhandlungstisch
schließlich hat er die Friedenshoffnungen seines Volkes zerstört. Der palästinensische
Intellektuelle Edward Said sagt über Arafat: »Seine Versagensbilanz ist zu groß und seine
Führungsqualitäten sind zu schwach und zu sehr von Inkompetenz geprägt, als dass er eine
neue Chance erhalten sollte, sich zu retten.«
Um das Friedenshindernis Arafat zu beseitigen, gehört sein Amtssitz tatsächlich gestürmt.
Aber nicht von Israel, sondern von den Palästinensern. Da er dafür gesorgt hat, dass sie ihn
nicht abwählen können, müssten eher heute als morgen bewaffnete Oppositionelle diesen
Präsidenten wegen Hochverrats für abgesetzt und verhaftet erklären. Nicht Jesus Christus
ist dafür der passende historische Vergleich, sondern Nicolae Ceausescu.
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