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Fremde Federn Die Philosophie des Schaumschlagens Gert Scobel interviewt am 17. Juni 2oo4 Peter Sloterdijk in der »Kulturzeit« auf 3sat über das letzte »Sphären«-Buch des Karlsruher Gelehrten. Wörtliche Abschrift des Gesprächs.
Scobel: Schönen guten Abend, Peter Sloterdijk! Sloterdijk: Guten Abend! Wir reden jetzt in sieben Minuten über drei Bände und mehrere Tausend Seiten. Was ist jetzt, kurz umrissen, das Sphärenprojekt? Sphären sind die Räume, in denen die Menschen wirklich leben. Und ich versuche zu zeigen, dass Menschen bis jetzt immer falsch verstanden worden sind, deswegen, weil man den Ort, an dem sie sich aufhalten, stillschweigend voraussetzt, ohne ihn wirklich bewusst zu machen. Diesen Ort nenne ich Sphäre, um darauf hinzuweisen, dass wir nie nur nackt im großen Ganzen sind, nicht nur in einer physikalischen Umgebung, in einer physikalisch-biologischen Umwelt, sondern dass wir selber raumschöpferische Wesen sind, die gar nicht anders können als im selbst gemachten Raum sich aufzuhalten. Und dafür setze ich den Ausdruck Sphäre ein. Ein Strang Ihres letzten Buches, des dritten Bandes, ist, dass Sie in gewisser Weise das Projekt von Hans Blumenberg weiter fort führen. Blumenberg hat versucht, Metaphern zu analysieren und hat im Grunde gesagt, es gibt so absolute Metaphern, die leiten uns, da kommen wir auch in unseren Vorstellungen nicht mehr raus und selbst die Naturwissenschaftler müssen letztlich auf diese Metaphern zurückkommen. Sie gehen darüber hinaus und schlagen eine Metapher vor, nämlich die des Schaums. Was gewinnen wir durch diese Metapher? Wir gewinnen, dass wir vom Schaum, vom Bild des Schaums her, ein Verhältnis denken, das die Menschen zu denken außerordentlich widerwillig sind. Denn wir möchten normalerweise ja weite Panoramen denken, den Raum mit einem herrschaftlichen Blick erschließen und können nicht verstehen, dass wir in der Welt nicht sind wie ein Feldherr, der von einem Horizont herab einen großen Horizont abgreift, sondern wir sind in der Welt wie Nachbarblasen innerhalb eines Verbundes von benachbarten und ähnlich gebauten räumlichen Systemen. Das heißt also, mit dem Bild des Schaums können wir die zwei Grundmerkmale der menschlichen Existenz denken, das heißt nämlich Nachbarschaft im Sinne von Zusammenarbeit und Isolierung zugleich. Und dieses Verhältnis, isolierte Verbundenheit, connected isolation, wie amerikanische Architekten gesagt haben, ist das Grundverhältnis, das im Schaum zur Erscheinung kommt. Schaum ist ja für jemand, der an Macht interessiert ist, nicht besonders gut, weil Schaum scheint etwas zu sein, das zunächst mal leicht zerplatzt... ...ja, weil der Schaum ist nicht das Material der Herrenmenschen, sondern zunächst mal ist es eine verächtliche Größe gewesen, es gibt eine ganze Tradition Schaum verachtender Redeweisen, die bis in die Alltagssprache eingedrungen sind und heute stehen wir vor der Aufgabe, das Zerbrechliche positiv neu zu bewerten. Ich glaube, das gehört zum Abenteuer moderner Philosophie, dass wir die Synonomie von Existenz und Zerbrechlichkeit denken müssen. Und der Begriff Sphäre hat so etwas, sollte klar haben von einem räumlichen Immunsystem, das Menschen schaffen, um sich darin aufhalten zu können. Für mich eines der kreativsten Kapitel, da habe ich wirklich selber sehr viel gelernt in dem Buch, ist ihre Typologie der Inseln. Die Inseln sind ja so abgegrenzte Bereiche, trotzdem irgendwie miteinander verbunden, und gleichzeitig Weltbilder. Können Sie dazu was sagen? Was es mit diesen Inseln auf sich hat? Ich gehe von der These aus, dass Menschen, ohne es zu wissen, meistens Insulaner sind. Sie selber halten sich für Festlandbewohner, die meisten Menschen, alle Menschen sind im Grunde Inselbewohner, weil man nirgendwo anders sein kann als in einer Insel, denn alle Kulturen sind nichts anderes als von Zeichen klimatisierte Sinninseln innerhalb einer Natur, in der wir uns einbilden zu leben, in Wirklichkeit leben wir aber nur in dieser Atmosphäre, in der Atmosphäre der Kulturen, die wir um uns herum geschaffen haben. Deswegen spielt die Metapher der Insel eine ebenso große Rolle wie die Metapher des Treibhauses. Für meine Augen sind Menschen Treibhausgeschöpfe und Insulaner zugleich und sie atmen die Luft ein, die sie selber klimatisiert haben. ... die ja der Gaskrieg, das schreiben Sie ja auch in Ihrem Buch, die der Gaskrieg, also diese Atmosphäre zerstört hat. Jetzt haben wir gestern ein Gespräch gehabt, da gings um Kardinal Ratzinger, der sagte, Leute wie Derrida, die im Grunde genommen das Feste dekonstruieren, die sind gefährlich, weil sie leisten einem fundamentalistischen Islamismus Vorschub, wir haben dem nichts Festes mehr entgegen zu setzen. Kann dem eine Theorie der Schäume entgegnen? Ich halte diese Äußerung für ziemlich fatal, denn der Herr, der da spricht, begreift nicht einmal, dass es seines Amtes wäre, für das Klima zu sorgen, in dem solche Kommunikationen stattfinden. Die katholische Kirche ist ja berühmt für ihren Weihrauchbeitrag zur Atmosphäre, hier wird aber nicht Weihrauch, hier werden semantische Kampfstoffe in die Atmosphäre frei gesetzt und das sind Aufrufe zu einer Art semantischen Weltbürgerkrieg, die man gerade aus dem Munde eines katholischen Geistlichen befremdlich empfinden muss. Hängt's nicht vielleicht auch damit zusammen, dass die Architektur sozusagen eine andere ist? Dass man nicht auf Pfeilern, auf Grundfundamenten aufbaut, sondern, das ist auch das Titelbild hier, vielleicht kann ich das mal in die Kamera zeigen, sondern dass diese Blasen sozusagen halten durch Kräfte, die sie gegeneinander rücken, ohne dass es feste Fundamente, Strukturen gibt? Richtig. Also die ganze moderne Architektur lebt ja von dem Abenteuer der Entdeckung der Oberflächenspannung und überhaupt der Spannungsarchitektur. Herr Ratzinger und alle Menschen, die in den Begriffen des Fundaments leben, glauben an die allein selig machende Kraft des Pfeilers, der Wand, der Säule und der vertikal abgetragenen Lasten. Kein moderner Architekt denkt mehr so, wir haben diese Erfahrung gemacht, dass man von dieser schweren Denkweise abgehen kann, indem man sozusagen die Entdeckung der Schwerelosigkeit, der antigraphen Kräfte selber in das Bauen hinein trägt. Das ist einer der Gründe, warum dieses Buch vom Anfang bis Ende durchzogen ist von Reflektionen über moderne Architektur und über diese moderne Gebildelogik, über eine Systemtheorie des Bauens, die zeigt, dass die ganz progressiven Architekten der Gegenwart vom Studium der Schäume am meisten gelernt haben.
Vielen Dank für das Gespräch, Peter Sloterdijk! Und noch einmal das Buch, meine Damen und Herren, Sphären 3, erschienen im Suhrkamp Verlag, der Abschluss der Trilogie.
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