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Freiheit, Gleichheit, Hingabe
Von Renée Zucker
Erst delirierten wir in the heat of nights and days, und dann klappte es
noch nicht mal mehr mit dem Computer. Im Grunde ist doch vollkommen klar,
warum Berlin niemals eine Hochwasserkatastrophe erleben könnte. Es liegt
nicht nur, wie manche behaupten, am märkischen Sandboden, der trocken und
dankbar alles aufsaugt, was an Nass herunterkommt. Es liegt vor allem
daran, dass der Berliner als Gesamtmasse völlig unfähig ist, mit
natürlichen Phänomen umzugehen. Von Katastrophen ganz zu schweigen. Krieg
und Nachkriegszeit okay, das schaffen wir locker. Aber bitte keine Natur.
Man kann es schon am Straßenverkehr erkennen, wenn es mal regnet: da ist
ein dilettantisch Rumgeirre, als habe niemand einen Scheibenwischer.
Dabei werden doch mittlerweile die Autos nur noch auf ihren Spaßfaktor hin
gebaut, alles andere ist sowieso selbstverständlich. Also, drei Tage und
Nächte hintereinander schönes Wetter, schon ist überall nur noch tatütata.
Und wenn dann noch ein Gewitter dazu kommt, dann ist alles aus auch die
Verbindung zur Welt. Neulich hörte ich, dass eine Frau komplett ausgeflippt
ist, weil sie ihr Handy verloren hatte hochmütig behauptete ich, das
würde mir gar nichts ausmachen aber als der Computer mich neulich nach
einem Gewitter nicht mehr ins Netz ließ, da hab ich mich anschließend die
halbe Nacht schlaflos im Bett gewälzt. Als ob die Emails schlecht werden,
wenn man sie nicht wenigstens dreimal täglich abruft. Bei Regen, um noch
mal auf die Natur zurückzukommen, bricht also in Berlin alles zusammen.
Hingegen nach drei Tagen Sonnenschein gleiten die Einwohner unmerklich in
einen friedlich somnambulen, wenn nicht gar freundlich retardierten
Gemütszustand. So hektisch und unfreundlich sie auch im Normalzustand sein
mögen, im überdurchschnittlichen Sonnenschein bricht selbst bei dieser
sonst chronisch ungenießbaren Art der kleine Lebemann und die kleine
Lebefrau durch. Es sei denn, sie sitzen im Auto, dann tritt der
gegenteilige Albtraumeffekt mit Amoktendenzen ein! Aber ohne Auto sitzen
sie, als gäb's kein Morgen in den Eisdielen und sind einfach auf seltsam
anarchistische Weise glücklich beim Kugeln-kleiner-lecken oder
Sahnehineinschaufeln. Ob in Neukölln oder Westend: beim Eisessen haben
alle den gleichen konzentrierten, nach innen gekehrt seligen
Gesichtsausdruck. Der Unterschied zwischen diesen leicht Verrückten in
Neukölln und Westend ist natürlich die sichtbare Ab-, bzw. Anwesenheit von
materiellen Sorgen - die seelischen lassen wir jetzt mal außen vor - und
die erstaunlichste Erkenntnis: beides hat durchaus seine prickelnden
Reize. In beiden Milieus liegt etwas aufregend unberechenbares in der
Luft. Vielleicht kriegt man bei denen MIT materiellen Sorgen schneller
eine aufs Maul, aber verbürgen würde ich mich für den puren Pazifismus
demjenigen OHNE materielle Sorgen auch nicht! Und jetzt haben wir doch
tatsächlich schon wieder nicht über den Vegetarismus gesprochen. "Macht
nichts", tröstet Guru Henryk, "wirklich wichtig ist nur, dass alle Spaß
beim Essen haben, denn wie heißt es schon so schön im 5. Mose 16,14: Du
sollst erfreuen an deinem Feste".
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