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Klonen und Kleiden
Von Renée Zucker
Warum sich eigentlich vorm Klonen fürchten? Manchmal sieht man Menschen,
bei denen kommt einem ganz spontan die Idee, dass der Replikant längst
Realität geworden ist. Ja, wahrscheinlich werden sie mittlerweile schon
generationenweise in Massen für den jeweiligen Winter- und
Sommerschlussverkauf hergestellt. Die wenigste Mühe gibt sich die
inländische Klon-Produktion übrigens mit den Alten. Besonders die Männer
werden offenbar im lieblosen Ruckzuckverfahren gefertigt: Ab dem 65sten
Lebensjahr steckt man sie im Sommer in braune Sandalen mit grauen Socken,
beige Anoraks und karierte, kurzärmlige Hemden; für den Winter gibt's
zusätzlich ein graues Schuhpaar und die dazu passende graue Jacke, und
dann müssen sie nur noch ordentlich freudlos und maulig sein.
Gleichaltrige Frauen kriegen zu Hammerzeh und Überbein den bequemen
Sportschuh verpasst und dürfen darüber je nach Temperament unauffällige
oder großblumige Kleidung unter der Dauerwelle tragen. Nun könnte man
annehmen, dass man bei der Jugendkollektion ambitionierter vorgeht - aber
denkste - Mädchen und Jungen unterscheiden sich nur noch durch Glatze oder
Primaballerinafrisur - Ansonsten sehen sie im Sommer wie Übriggebliebene
der Love Parade aus: enge T-Shirts in Quietschfarben, die Taschen mit den
Handyfächern in den breiten Gurten quer über der Brust und Hosen bis unter
die Knie. Früher haben die Muttis ihre Kinder so liebe- und mühevoll für
den Kindergarten hergerichtet - heute fertigt man die Jugend gleich
passend zum buntem Picknickgeschirr aus Plastik an. Warum macht ihr
Anblick so aggressiv? Damals, als wir feinrippige Cordhosen, hochgeschnürte
Boots und einen bestickten Lammfellmantel trugen, und man an den Haaren
unser Geschlecht nicht erkennen konnte, waren wir gegen die Diktatur der
Mode. Deshalb teilten wir die Kritik des Westens an Maos Kulturrevolution
zumindest insofern, als wir zwar wollten, dass alle gleich sind, aber
nicht, dass alle gleich aussehen. So fanden wir es nahezu lächerlich, dass
man für Uniformität auch noch Geld ausgeben sollte. Wir kauften auf dem
Flohmarkt, vorausgesetzt, es konnten mindestens drei Vorbesitzer
nachgewiesen werden. Und dann gab es ja noch die, die nähen konnten. Aber,
- phänomenal: wer nähen konnte, hatte meistens einen wahnsinnig spießigen
Geschmack und wollte ständig überall Schulterpolster und Abnäher machen.
Und dann kamen auch schon die ersten, etwas missgestalteten Klons auf -
sie hießen Popper, hatten den Haarscheitel auf der gleichen Seite,
erfanden das Cocktailtrinken neu und zeichneten sich durch bewusstes
Desinteresse an Tiefgang aus. So korrespondierte ihre innere Mode mit der
Äußeren. Heute, dreißig Jahre später ist die Serie absolut perfektioniert.
Und wenn was nicht passt, stehen schon Pharmazie und Schönheitschirurgie
zum Korrigieren bereit. Wenn der Schaum vorm Mund überhand nimmt, mahnt
Guru Henryk zur Toleranz: "Jeder von denen hat eine Mama, die ihn lieb
hat." Auf meinen vorwitzigen Einwand, dass das ja für Klone nicht gelten
könne, fügt er das alte Sprichwort hinzu: "Kein Kleid steht einer Frau
besser denn Schweigen."
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