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Tote und lebende Päpste
von Renée Zucker
Wir scheinen in Rom aber auch wirklich alles wesentliche verpasst zu haben. Zuerst die versammelte internationale
155köpfige Kardinalsschaft, die nur wenige Minuten, nachdem wir den Vorraum zum Himmelreich verlassen hatten,
mit dem Chef daselbst den Petersdom betraten. Wahrscheinlich waren wir unkonzentriert, sonst hätten uns die
vielen Gläubigen mit den erwartungsvoll leuchtenden Augen zeigen müssen, dass irgend etwas besonderes im
Schwange war. Diese Unaufmerksamkeit war der Enttäuschung geschuldet, die uns vorher auf der Via Condotti
überfallen hatte. Dort, wo sich Mode und Eleganz immer als zu vereinbarende Gegensätze präsentieren
konnten, hatte inzwischen auch mit Hilfe von Prada und Gucci die ästhetische Umweltverschmutzung Einzug gehalten.
Die kleine Italienerin rannte dort zuhauf und wie ihr eigenes Klischee herum: Die Sonnebrille mit den breiten Bügeln
und den draufgepappten Blechgoldinsignien hoch ins gelb gefärbte Haar geschoben, Grün- und Schlammtöne am
Körper und alle die gleichen geschmacklosen Schuhe mit den Donald-Duck-Maul-Spitzen. Bei der Jugend jetzt sehr beliebt:
der Sneaker als Badeschlappen. Wo hatte sich nur Anna Magnani verkrochen? Voller Kummer darüber also in den Petersdom -
wo man zu allem Überfluss auch noch den jugendlichen Michelangelo-Christus verhüllt hatte - darüber noch mehr
verstimmt, gleich wieder raus und damit den Auftritt des Chefs und seiner Vorstandsetage verpasst. Den noch lebenden Chef.
Einen seiner toten Vorgänger fuhren sie ja dann im gläsernen Sarg durchs staunende Publikum. Das schönste
an dieser Nachricht: die Schuhe, die er anhat, sind schöner als alle Modelle in der Via Condotti! Auch davon wussten
wir wieder nichts. Kein Römer hat uns Bescheid gesagt. Vielleicht, weil nur die wenigsten Italiener und erst recht
nicht die Römer religiös sind. Vielleicht war ihnen dieser doch etwas Primitivkulturelle, geradezu heidnisch
anmutende Vorgang vor uns Nordeuropäern hochnotpeinlich. Was sollen die nur von uns denken: Erst lassen sie einen
verurteilten Betrüger Präsident werden, dann einen Kommunisten Hauptstadt-Bürgermeister und nun zeigen
sie ständig eine 38 Jahre alte Leiche rum. Wir wissen nicht, ob der Italiener das Märchen von Schneewittchen
kennt. Ob er weiß, dass man den Sarg nur mal ordentlich ruckeln muss, bis dem Papst das vergiftete Apfelstückchen
aus dem Mund fällt, er den Prinzen heiraten kann und dann alles wieder in Ordnung ist.
Dieser wunderbarste aller Päpste, der kurz bevor er starb, jenen luziden Traum hatte - er erzählte seinem
Sekretär, er sei doch tatsächlich in der Nacht bei Gott gewesen. "Und?" fragte der Sekretär
ganz gespannt? "Wie war es? Wie sah Gott aus?" Johannes XXIII. lächelte vergnügt. "Er trug
einen Tallit", sagte er - jener Papa buono also, der Gott im Traum mit dem jüdischen Gebetsmantel antraf -
ausgerechnet er soll es schön finden, wie eine Figur aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett durch die Straßen
Roms gezogen zu werden? Und derweil wettern in Berlin die katholischen Kirchenvertreter gegen die Körperwelten-Ausstellung.
Guru Henryk fällt dazu naturgemäß außer "andere Baustelle" gar nichts ein.
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