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Männer sind wie Goethe
von Renée Zucker
Wer Weimar wagt, muss weiter nach Rom. Wie Goethe. Schließlich war der Geheimrat dortselbst als Maler Möller eine Zeitlang ausnahmslos
glücklich gewesen, weshalb man ihm auch gleich in der Via del Corso, wo er in einer Art deutscher Künstlerkommune gelebt hatte, die Casa
di Goethe gewidmet hat. Ausgerechnet dort ist nun derzeit eine Ausstellung mit Kupferstichen aus der Renaissance zu sehen, obwohl der
Meister aus Deutschland mit Bildern eher nichts anzufangen wusste. In Rom interessierten ihn, frei nach dem Motto "das bisschen Kunst,
das ich brauche, mach ich mir selbst", nicht die Künstler und ihre Werke, sondern nur die Trümmer. Je antiker, desto besser, denn nur
"das unzulängliche ist produktiv". In den Ruinen konnte er umherschlendern und sich vorstellen, wie dort auf den Rängen des Kolosseum
die Massen jubelten, während unten im Rund die Tiere und Menschen blutig gehetzt wurden. Was hingegen hatte er selbst vor einem Gemälde
noch zu tun, als sich einem Veronese, Michelangelo oder Raffael schlicht hinzugeben und ihn nur zu bewundern? In der Sixtinischen Kapelle
ist er einfach eingeschlafen, was bedeutet, dass die Seitenbänke offensichtlich damals noch nicht so heiß umkämpft gewesen sind. Heute
werden die wenigen Sitzmöglichkeiten von ratlosen Asiaten verteidigt, die nicht wissen, was sie mit all diesen langnasigen Fleischmonstern
und dem nackten Popo jenes einzigen, eilig davonfliegenden bärtigen Gottes anfangen sollen, der gerade noch verlangend den Finger nach
einem lässig daliegenden, ausgesprochen attraktiven (für Europäer!) Adam ausstreckte. Das brachte Goethe nur zum Gähnen; was ihm fehlte,
war ein guter Führer mit zuverlässigen Informationen. Glücklicherweise traf er in einer päpstlichen Bildergalerie auf den sachverständigen
Schweizer Meyer und hielt ihn sich fortan als lebendes Lexikon für alle Kunstfragen.
Die Männer, die heute im Kolosseum oder Forum Romanum herumschlendern, können sich keinen Meyer leisten. Sie haben schon all ihr Geld
für schöne Shorts und eine digitale Kamera ausgegeben, mit der sie die misslungenen Fotos sofort aussortieren können. Während ihre
Gattinnen staunend vor Blümchen und Hälmlein stehen, die aus jahrtausendjahrealten Steinen wachsen (ob meine Nachbarin auch das Gießen
nicht vergisst?), lesen sie ihnen aus dem Führer vor, wie viele Straßenkilometer der Römer schon zur Antike durch sein Reich asphaltieren
konnte, dass das erste Aquädukt bereits 312 vor Christus oberirdisch verlief, um Wasser aus den Albaner Bergen nach Rom zu bringen, "und
guck mal, hier aus dem Gitter kamen im Film die Löwen und die Gladiatoren raus!" Die Frauen vergessen schon beim Zuhören und halten sich
mehr an das warme Licht in den Kirchen. Sie suchen das Vertraute in den Bildern Caravaggios oder Guido Renis. Eine Mutter zeigt ihr Kind
vor, ein alter Mann sieht einen Engel, eine Familie macht mal Pause auf dem Weg nach Ägypten."Deshalb", sagt Guru Henryk, "rät der Talmud
dem Mann, unbedingt eine Frau aus einem Gelehrtenhaushalt zu nehmen. Sie allein hat Verständnis dafür, dass ihr Mann viel Zeit für das
Studium braucht."
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