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Glatte Zukunft
Von Renée Zucker
"Das dritte Jahrtausend wird haarlos sein", sagte Elzie düster, als wir
die Party in Hamburg Eppendorf verließen. Sie hatte sich den ganzen Abend
mit einem Schönheitschirurgen unterhalten, und der hatte ihr erzählt, dass
sein Hauptklientel nicht etwa die gelangweilten Gattinnen von
gutverdienenden Fremdgehern über 50 seien, sondern vor allem Mädchen und
Jungen zwischen 17 und 25, die ihr Erspartes von Kommunionen,
Konfirmationen, Geburts- und Namenstagen bei ihm ließen. Der Hit unter den
Jungen ist derzeit das Weglasern von Brustbehaarung, berichtete Elzie noch
völlig fasziniert von ihrem Gespräch. "Tatsächlich läuft alles auf die
endgültige Vernichtung des menschlichen Haars hinaus. Erst haben sich die
Frauen die Beine rasiert, dann musste es unter den Achseln weg und die
sogenannte Bikini-Zone sollte auch babymäßig rein sein."
"Daran sind die Makrobioten und die Russen schuld", wusste ich sofort. "Der
Makrobiotik-Guru Oshawa hat schon in den Sechzigern gesagt, dass Frauen mit
Haaren an den Beinen schlimmer als die Atombombe sind, und dann kamen nach
der Maueröffnung die Russen hierher und haben gesagt, nur Prostituierte
haben Haare unter den Achseln - echt -", versicherte ich Elzie, die mir
einen Vogel zeigt, "ich kann mich noch genau erinnern, was mir 89 mein
erster Russe sagte: Eigentlich fand er alles ganz in Ordnung hier, aber
das schlimmste am Westen seien die Frauen mit den Haaren unter den
Achseln, hat er gesagt."
"Jaja," winkte meine Freundin ungeduldig ab, "der Russe ist einfach zu sensibel
und zu überzivilisiert, das weiß man doch,
das kommt von zu viel Literatur. Aber in Wirklichkeit sind die Amerikaner
mit ihrem Killing-Germs-Tick schuld. Nichts mehr soll an den Menschen als
Säugetier erinnern, nirgendwo darf sich eine Bakterie verstecken, deshalb
wird sofort alles beschnitten, und nichts kann mehr nach Sex riechen.
Schon gar nicht bei Frauen."
"Und jetzt sind die Männer dran", begriff
ich, "erst machen sie alle einen auf Wallrabenstein um ihren kreisrunden
Haarausfall zu kaschieren, jetzt rasieren sie sich auch noch unter den
Armen, und seitdem sich Zlatko öffentlich die Brusthaare mit der Pinzette
rausgezogen hat, lassen sie sich auch noch die Brustbehaarung wegmachen".
Ich war nun auch von der drohenden Zukunft mit lauter glattrasierten
Mannfrauen überzeugt und vergaß fast, Elzie von meinem Gespräch mit dem
Zahnarzt zu erzählen, der mir eine neue Vorderfront plus Weglasern von
geplatzten Wangenäderchen im saisonalen Sonderangebot offeriert hatte.
Wenn ich allerdings noch ein permanent Make-Up, also etwa eine
Lippenkontur oder die komplette Wimpernverdichtung dazu nähme, würde es
noch billiger werden, "Von dem, was einem die AOK für Zahnreparaturen
ersetzt, kann doch kein Mensch mehr leben," hatte mir der Zahnarzt
augenzwinkernd seine Karte in die Hand gedrückt. Die geschäftstüchtige
Elzie witterte in dieser Weg-mit-den-Haaren-Bewegung natürlich gleich
unsere Chance, in Zukunft auf der Kirmes als die letzten Exemplare der
behaarten und unreparierten Spezies Mensch aufzutreten. "Dann reißen wir
immer die Arme hoch und erschrecken alle mit unseren Achseln," strahlt sie
zufrieden.
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