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Schmock der Woche"Es ist vergeblich..."Der Schmock der Woche geht an einen reizenden, gebildeten, alten HerrnKennen Sie den? Mosche und Schlomo kommen im KZ an, müde von der langen Zugfahrt, hungrig und verzweifelt. Mosche sagt: "Schlomo, frag doch mal den SS-Mann da vorne, was die mit uns vorhaben." Worauf Schlomo sagt: "Nur nicht provozieren, Mosche, der Deutsche könnte böse werden." Schon immer haben sich die Juden bemüht, die Antisemiten nicht zu provozieren. Vor allem die deutschen Juden waren gute Patrioten, meldeten sich freiwillig zur Front und waren stolz auf ihre Ritterkreuze. Was es genutzt hat, ist bekannt. Heute soll einer mit dem Schmock der Woche geehrt werden, der immer noch glaubt, "nur nicht provozieren" wäre die richtige Parole. Dabei ist er kein wirklicher Schmock, sondern ein reizender, gebildeter, kultivierter alter Herr, den man in Berlin auf jedem wichtigen Empfang zwischen Bundeskanzleramt und Nationalgalerie treffen kann: Heinz Berggruen. 1914 in Berlin geboren, emigrierte 1936 in die USA und eröffnete nach dem Krieg in Paris eine Kunstgalerie, die er zu einem Zentrum moderner Kunst ausbaute. 1996 verlegte er die "Sammlung Berggruen" nach Berlin, 85 Picassos, 5o Klees, dazu Gemälde von Cezanne, Matisse, Braque und van Gogh. Berggruen bekam vom Bund und vom Land Berlin ordentlich viel Geld, aber wie viel es auch war, es war viel weniger als er in den USA bekommen hätte. Und deswegen wird er in der Berliner Kunst-Szene geliebt und hofiert. Nun wurde Heinz Berggruen vor kurzem im Foyer seiner Sammlung von einem "Herrn mittleren Alters" gefragt: "Was sagen Sie zu Michel Friedman?" Der einzige Grund, warum Berggruen gefragt wurde, war: Er ist Jude und Friedman ist es auch. Berggruen hätte zurück fragen können: "Und was sagen Sie zu Stefan Raab oder Bodo Hauser und Ulrich Kienzle?" Weil er aber vermutlich nicht fernsieht oder nur arte nach Mitternacht, gab er eine Antwort, die er dazu noch in der FAZ veröffentlichte:
Da möchten wir doch gerne wissen, warum Heinz Berggruen 1936 Deutschland verlassen musste. Ein so reizender, kultivierter, gebildeter Mann. War er in seinen jungen Jahren ein Heißsporn, der seine Gegner mit zynischen und hämischen Bemerkungen vor den Kopf stieß? Zeigte er nicht genug Zurückhaltung? Und dafür umso mehr Hochmut? Das ist jetzt 66 Jahre her, eine lange Zeit. Inzwischen wissen wir, dass jüdische "Zurückhaltung" auf Antisemiten so wirkt wie Aspirin auf einen Amokläufer. "Nur nicht provozieren" ist als Vorsichtsmaßnahme so sinnvoll wie "Im Parkverbot nicht rauchen". Berggruen freilich beruft sich auf Jakob Wassermann und sein Buch "Mein Weg als Deutscher und Jude" (1921 erschienen) und schreibt:
Da hat Berggruen nicht nur eine seltsame Erinnerung an Bubis, der erst seit seinem Ableben als jüdische Lichtgestalt gilt, während er vorher von Walser und Konsorten beschimpft wurde, ohne dass irgendwer dagegen protestierte, er hat auch Wassermann entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. Wassermann spricht tatsächlich von einem "Brandherd", aber nicht "ahnungsvoll", sondern als akuten Zustand: "Heute ist es ein Brandherd". Und er beklagt die "Aussichtslosigkeit der Bemühung", bei der "die Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf" wird. An keiner Stelle empfiehlt Wassermann "Zurückhaltung" oder vorsichtiges Auftreten. Hier die zentrale Passage aus Wassermanns Buch:
Alles, was man über das deutsch-jüdische Verhältnis wissen muss, steht in diesen Zeilen. 1921 war Wassermann ein erfolgreicher und anerkannter Schriftsteller, Heinz Berggruen gerade sieben Jahre alt, die NSDAP 12 Jahre von der Machtergreifung entfernt und Auschwitz eine Kleinstadt namens Oswiecim an der Strecke Ratibor-Krakau mit einem Gleisanschluß. Es war alles in bester Ordnung. Heute gibt es wieder eine "jüdische Frage", die sich daran entzündet hat, dass ein Jude zynisch und hämisch ist, und es gibt Juden, die für Vorsicht und Zurückhaltung plädieren, damit aus der Frage kein Brandherd wird. Nur nicht provozieren eben, der Deutsche könnte böse werden. Man kann aus Erfahrung auch dumm werden. Und deswegen geht der Schmock der Woche an einen ansonsten reizenden, gebildeten und kultivierten Herrn: Heinz Berggruen. HMB, Bln, 28.6.2oo6
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