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Leander Haußmann
Theatermann, Experte für exotische Erotik und Liebhaber übersichtlicher Verhältnisse
Aus der DDR kommen nicht nur Burger Knäcke, Bautzener
Senf und Nordhäuser Doppelkorn, also ganz ordentliche
Konsumartikel, sondern auch Knallchargen wie Daniela
Dahn, Harry Thürk und Käthe Reichel. Sie haben die
Wende unbeschadet überstanden und einen Riesenspaß
daran, sich als Opfer der Geschichte darzustellen.
Daniela Dahn zum Beispiel wollte unbedingt
Verfassungsrichterin in Brandenburg werden und war
maßlos beleidigt, als ihr dieser Wunsch nicht erfüllt
wurde. Käthe Reichel gab aus Protest gegen die
Schließung des Berliner Schiller-Theaters ihr
Bundesverdienstkreuz, das ihr versehentlich verliehen
worden war, zurück, indem sie es sich vom Hals riss und
in die demonstrierende Menge warf. Auch Harry Thürk,
der Bestseller am Fließband produziert, die vor allem
im Osten geschätzt werden, liebt dramatische Gesten,
seine Bücher tragen Titel wie: "Sommer der toten
Träume" und "Die Stunde der toten Augen".
Gemeinsam mit Nervensägen wie Regine Hildebrandt,
Friedrich Schorlemmer und Peter-Michael Diestel sorgen
sie dafür, dass die Erinnerungen an die DDR um so
schöner werden, je länger die Republik der
Bummelanten, Simulanten und Mutanten nicht mehr
existiert. Es ist wie mit dem Opa, der die ganze
Familie terrorisierte: seit er tot ist, entdecken die
Hinterbliebenen immer mehr gute Züge an ihm. Vor
allem, dass er ihnen sagte, was sie tun müssen und
nicht tun dürfen und dass er sie liebevoll dafür
abstrafte, wenn sie ihm nicht gehorchten.
Jetzt ist auch ein an sich sympathischer Typ dem Club
der toten Seelen beigetreten, einer, der bei der Wende
grade 3o Jahre alt und der noch immer in Parchim
spielen und in Weimar inszenieren würde, wenn er nicht
mit der Wende eine Karriere im Westen begonnen hätte.
Leander Haußmann, 1959 in Quedlinburg geboren, wurde
1995 mit sechsunddreißig Jahren in Bochum
Deutschlands jüngster Theaterintendant. Und da führte
er sich, sagen ehemalige Kollegen, wie eine Mischung
"aus Herrgott und Hausmeister" auf, was ihm nur
deswegen nicht übel genommen wurde, weil gute
Intendanten so sein müssen.
Inzwischen lebt Haußmann in Berlin. Zuletzt schaffte
er es bis auf die Titelseite der B.Z. ("Berlins
größte Zeitung"), nachdem ihn ein paar besoffene
Jugendliche im Prenzlauer Berg zusammengeschlagen
hatten, nur weil Haußmanns schwarzer Pudel "Kalle" sie
angebellt hatte. Der Hund blieb unverletzt, Haußmann
musste im Krankenhaus behandelt werden. Ein halbes Jahr
danach sind die Wunden verheilt, aber ein Trauma ist
geblieben. Denn Haußmann spricht plötzlich liebevoll
über den Osten, als wollte er durch vorsorgliche
Unterwerfung weiteren Überfällen zuvorkommen. Dem
Tagesspiegel sagte er: "Die DDR hatte eine absolut
exotische Erotik. Es war eine 17-Millionen-WG... Die
Mauer hat uns doch nicht die Freiheit genommen, so ein
Quatsch." Und in einem Interview mit der taz sehnte er
sich nach der Erotik der Kargheit zurück, die das
Leben in der DDR bestimmt hatte: "Bei mir um die Ecke
gibt's einen Laden, der bietet regionale Produkte an.
Ich bin erleichtert, mich nur zwischen zwei Käsesorten
entscheiden zu müssen. Das ist wahrscheinlich die
Sehnsucht nach Übersichtlichkeit. Ich bin schon am
irrsinnig werden, weil ich dauernd Angst habe, dass ich
mein Leben nicht geordnet kriege. Insofern hatte die
Diktatur natürlich etwas. Man fühlte sich geborgen, so
wie Gefangene auch ins Gefängnis zurück wollen."
Das ist alles total bescheuert, aber systemimmanent
ist es vollkommen richtig. Die exotische Erotik einer
17-Millionen-WG, deren Bewohner bei dem Versuch,
unerlaubt das Haus zu verlassen, ihr Leben riskierten,
lag vor allem darin, dass Sex unter Sklaven bzw.
Gefangenen die Sinne antörnt. Diesem Umstand
verdanken sowohl große Werke der Weltliteratur
("Onkel Toms Hütte") wie auch etliche RTL-Produktionen
("Im Frauenknast", "Die Camper") ihren großen Erfolg.
Die DDR war nicht nur eine 17-Millionen-WG, sondern
zumindest im intellektuellen Milieu auch eine
Peep-Show, deren Besucher mit auf die Matratze
durften. Noch heute schwärmen westdeutsche
Lusttouristen von den geilen Nächten in Ostberlin,
deren Höhepunkt darin lag, dass man im Nachthemd oder
Pyjama zur Grenzübergangsstelle rasen musste, um vor
Ablauf des Besuchervisums mitten in der Nacht
auszureisen und auf der Stelle wieder neu einzureisen,
damit das erotische Abenteuer zu einem organischen
Abschluss gebracht werden konnte. Seitdem hat es nie
wieder so viel exotische Erotik im Leben der Ost- und
Westberliner Bürger gegeben.
Auch Haußmanns zweiter Punkt, die Sehnsucht nach der
Übersichtlichkeit, trifft die ostdeutsche Seele
mitten in das blutende Herz. Endlich sagt es einer,
was die Osts so irre macht. Nicht die
Arbeitslosigkeit, die Sanierung der Plattenbauten oder
der frühe Tod von Helga Hahnemann, sondern die Not,
sich täglich zwischen unendlich vielen Käsesorten
entscheiden zu müssen, wo es früher nur die Auswahl
zwischen dem Käse-"Allerlei" aus dem VEB Käsewerk
Vahldorf und dem "Chester-Schmelzkäse" aus der VEB
Käsefabrik in Blievenstorf-Mecklenburg
gab. Ja, die Diktatur hatte was. Während die Menschen
heute nicht nur vollkommen ratlos vor der Käsetheke
bei Reichelt stehen, sondern die gleichen Symptome
auch im Reisebüro und im Wahllokal zeigen. Wie soll
man sich zwischen den vielen Angeboten entscheiden?
Wohin soll man fahren? Welchen Kandidaten soll man
wählen? Früher war doch alles so übersichtlich. Der
Betrieb schickte einen entweder nach Nienhagen an der
Ostsee oder nach Bad Schandau in der Sächsischen
Schweiz, und die Partei bereitete den Wahlzettel so
vor, dass man ihn nur noch falzen und abgeben musste.
Das Blöde ist nur, dass Haußmann gar nicht weiß, wie
sehr er recht hat. Er ist nicht auf eine naive Weise
klug, sondern auf eine dumme Art naiv.
Eben hat er "Die Legende von Paul und Paula" an der
Volksbühne inszeniert ("Was hat dieser Heimatabend
Längen..., dieses Ostberliner Krippenspiel..., ein
Kessel Buntes, in der Mikrowelle aufgewärmt..." -
Rüdiger Schaper im Tagesspiegel), er bereitet jetzt
einen Film über die NVA der DDR vor. Der wird bestimmt
noch lustiger werden, vor allem wenn er das Drehbuch
von Harry Thürk schreiben lässt, die weibliche
Hauptrolle mit Käthe Reichel besetzt, Daniela Dahn als
Beraterin und Egon Krenz als Produktionsleiter
verpflichtet. Mit den Dreharbeiten soll in ein bis
zwei Jahren begonnen werden. Bis dahin braucht Leander
Haußmann etwas, woran er sich innerlich festhalten
kann, um nicht irre zu werden an der
Unübersichtlichkeit der Welt. Der Schmock der Woche
wird ihm dabei helfen.
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