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Dr. Motte Unternehmer, Idealist, Friedenskämpfer
Berlin ist reich an komischen Gestalten. Klaus Landowsky ist ein "Pate", Rolf
Eden ist ein "Playboy", Udo Walz ist ein "Poet", Artur Brauner ist ein
"Produzent" und wer in der Paris Bar vom Ober geduzt wird, ist "prominent".
Die komischste Gestalt aber unter dem Berliner Himmel ist "Dr. Motte", der
eigentlich Matthias Roeingh heißt und schon früh die Ahnung hatte, dass er mit
diesem Namen nix werden konnte. In Berlin ist er weltberühmt, denn seit 12
Jahren veranstaltet er die "Love-Parade", nach den traditionellen Krawallen
zum 1. Mai die größte Berliner Tourismus-Attraktion. Wo sonst kann man einen
ganzen Tag lang Ecstasy schlucken, freigelegte Titten und Ärsche begucken, in
die Büsche scheißen, im Freien stuppen und hinterher damit angeben, man habe
was für das Image der Stadt getan. Roeingh hat nicht nur die "Love Parade"
erfunden, er hat sich zusammen mit ein paar Kumpels den Titel international
schützen lassen. Und er hat es geschafft, den Berliner Politikern einzureden,
dass die "Love Parade" eine politische Demo ist, was für ihn und seine Partner
den enormen Vorteil hat, dass sie die Gewinne einsacken und die
Begleitkosten der Stadt überlassen können.
Bis jetzt haben "Dr. Motte" und seine "planetcom GmbH" ihre Bilanzen nicht
offen gelegt. Fest steht, dass sie über Lizenzen, Sponsorengelder und TV-Rechte
Millionen einnehmen und trotzdem den Hals nicht voll kriegen. Letztes Jahr
gab es einen Riesenkrawall im Vorfeld der Parade, nachdem die Stadt den
Straßen-Getränkeverkauf nicht an die "planetcom"-Gang sondern an eine
andere Firma vergeben hatte. Um ein Haar wäre die Love-Parade als ein
gemeinnütziges Unternehmen anerkannt worden, wenn es am Rande nicht auch ein
paar unappetitliche Unfälle mit Todesfolge gegeben hätte.
Dieses Jahr nun hat der Berliner Senator Werthebach, über den es sonst nicht
viel Gutes zu sagen gibt, endlich beschlossen, die Love Parade nicht mehr als
politische Kundgebung anzuerkennen. Und seitdem läuft Dr. Motte Amok, droht
damit, die Love Parade ausfallen zu lasen oder sie nach Bad Oeynhausen oder
Wunsiedel zu verlegen. Denn wenn die Love Parade keine politische Demo mehr
ist, dann müssten die Veranstalter zumindest einen Teil der Kosten für die
Müllabfuhr mittragen. Was deren Profit natürlich schmälern würde. Also
bestehen sie darauf, dass es sich um eine politische Demonstration handelt.
Vor kurzem hat Dr. Motte der "Welt" ein Interview gegeben, in dem er seine
Position noch einmal darlegt. Nebenbei wird in dem Gespräch mit ihm auch
klar, welchen Schaden die Techno-Musik auf die Dauer anrichtet, wobei im
Falle von Dr. Motte nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, was
Ursache und was Wirkung ist.
Auf die Frage, ob er eine sogenannte "Sondernutzung für die Strecke", wie sie
bei Straßenfesten üblich ist, beantragen wird, sagt "Dr. Motte":
"Wir sind doch kein Techno-Karnevalsumzug, sondern eine politische
Demonstration. Unsere Ideale werfen wir nicht über Bord."
Die heißen: Geld, Kohle und Zaster. Wie allen großen Idealisten geht es
auch Dr. Motte um das große Ganze, die Grundrechte und überhaupt:
"Mein Eindruck ist, dass irgendjemand versucht, die Versammlungsfreiheit zu
beschränken. Das ist eine Kampfansage an uns und an die Demokratie."
Und würde jemand versuchen, den Drogenhandel zu unterbinden, wäre es ein
Eingriff in die Gewerbefreiheit und die soziale Marktwirtschaft.
Auf die Nachfrage, was an der Love Parade politisch wäre, sagt Dr. Motte:
"Sie findet mitten in einer politischen Gesellschaft statt. Und deren Zweck
ist es, einen Gemeinschaftssinn herbeizuführen."
Ja, in diesem Sinne ist der Kölner Karneval die Fortsetzung der Französischen
Revolution und das Oktoberfest in München eine Art Räterepublik im Bierzelt,
in jedem Fall: hochpolitisch. Wobei Dr. Motte noch mehr erreichen möchte:
"Mit jeder Love Parade kommen wir dem Weltfrieden ein Stück näher."
Wenn er nur durchhält und sich nicht unterkriegen läßt, werden in spätestens
zehn Jahren die Serben und die Kroaten miteinander an der Siegessäule tanzen,
die Iren und die Engländer im Cafe am Neuen See Tee trinken und die Israelis
und die Palästinenser im Tiergarten Friedenstauben grillen. Alles Dank "Dr.
Motte". Damit es ihm jetzt schon ein wenig warm ums Herz wird, bekommt er
heute den Schmock der Woche verliehen.
HMB, 25.5.2oo1
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