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Ein Schmock kommt selten allein
Der Doppelschmock der Woche geht an Paul Spiegel und Rafael Seligmann für
deren engagierten Einsatz gegen rechtsextreme Gewalt
Beinah wäre es ein rundum schöner Abend geworden. Ich war mit Reinhard Mohr
bei Paul Sahner, wir hatten ein witziges Gespräch über die Promis dieser
Welt, dann ging ich zurück zum Hauptbahnhof und kaufte mir unterwegs die
Münchener Abendzeitung. Und was sehe ich da auf Seite eins? Ein "AZ-Interview
mit Paul Spiegel über Zunahme rechtsextremer Gewalt": Das allein wäre noch
nichts Besonderes, denn vom Flensburger Tageblatt bis zum Allgäuer Boten gibt
es inzwischen keine Zeitung im neuen Deutschland, der Paul Spiegel noch kein
Interview über die Zunahme rechtsextremer Gewalt gegeben hätte. Das Besondere
in diesem Fall war nicht, dass sich jetzt auch die AZ (aus Anlass der Eröffnung
der Woche der Brüderlichkeit) des Themas annahm, das Besondere war, dass Paul
Spiegel, der Vertreter des rheinischen Frohsinns, von "AZ-Mitarbeiter Rafael
Seligmann", dem Repräsentanten des deutschen Landjudentums, interviewt wurde.
(Seligmann erzählt jedem, seine Familie habe über 4oo Jahre in Ichenhausen
gelebt, bevor die Nazis auch in Ichenhausen an die Macht kamen. Bis jetzt
habe ich Katowice für das Letzte gehalten, womit man angeben könnte, aber
Ichenhausen ist das Allerletzte.) Also: Seligmann interviewt Spiegel, denn
erstens sind für die Bewertung und Bekämpfung rechtsextremer Gewalt in
Deutschland die Juden zuständig, und zweitens kann einfach nix schief gehen,
wenn ein Jude einen anderen Juden über ein Problem interviewt, das die
"nichtjüdischen Deutschen", wie sich die Arier inzwischen gerne selbst
nennen, nur als Linienrichter betrifft. Es wäre deswegen vollkommen sinnlos,
Boris Becker zu einem Interview mit Michael Stich über rechtsextreme Gewalt
zu schicken. Oder Petra Perle zu Sissy Perlinger. Aber Spiegel und
Seligmann sind das thematische Traumpaar. So als würde Dolly Buster ihre
Kollegin Gina Wild über die richtige AIDS-Prävention befragen. Was soll man
tun, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern? Wobei der einzige
Unterschied zwischen AIDS und Antisemitismus darin liegt, dass der
Antisemitismus weiter verbreitet und gänzlich unheilbar ist.
Also gilt es, die Dinge beim Namen zu nennen. Und so stellt Seligmann an
Spiegel die knallharte investigative Frage, wie er es immer tut, wenn er ein
Interview führt: "Wo sehen Sie die Ursachen für die Zunahme des
Rechtsextremismus?"
Und Paul Spiegel antwortet, ebenso knallhart: "Mehrere Dinge: Vor allem in
Ostdeutschland wurden die Mittel für die Jugendarbeit drastisch
zusammengestrichen. Dann sind viele Lehrer bei ihrer Aufgabe, vor dem
Radikalismus zu warnen, noch immer überfordert. Schließlich: Manchmal wurde
zu viel des Guten getan. Die Schüler wurden überlastet. Hier gilt es,
einfühlsam aufzuklären."
Was gilt denn nun? Wurde zu wenig oder zu viel des Guten getan? Wurden die
Schüler unterfordert oder überlastet? Und wie müsste man "einfühlsam
aufklären"? Wäre ein Abend mit Paul Spiegel und Peter Maffay bei Johannes
Rau die sensible Alternative zu einer Reise nach Auschwitz?
Ein wenig verwirrt setzte ich mich in den Zug. Wenn schon Rafael Seligmann
und Paul Spiegel so ratlos sind, wie sollen dann die "nicht-jüdischen
Deutschen" mit dem Phänomen der rechtsextremen Gewalt zurecht kommen?
Jetzt warte ich nur darauf, dass Paul Spiegel demnächst Rafael Seligmann
interviewt. Ein schönes Thema wäre: "Was tun gegen Haarausfall?"
Auch hier gilt es, einfühlsam aufzuklären und die Mittel richtig zu dosieren.
HMB, Berlin, 8.3.2oo1
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