|
|
Rafael Seligmann
Musterjude und Musterdeutscher, räumt mit der neudeutschen Bescheidenheit auf
"Man soll keine Dummheit zweimal begehen", hat Sartre mal gesagt, "die
Auswahl ist schließlich groß genug". Das gilt auch für den "Schmock der
Woche". Es gibt genug Kandidaten, die nur darauf warten, aufgerufen zu
werden. Deswegen grenzt es an Verschwendung, den "Schmock der Woche" zum
zweiten oder sogar dritten Mal an Rafael (Raffi) Seligmann zu verleihen, den
Publizisten und Schriftsteller, dessen Romane sich wie Leitartikel lesen und
dessen Leitartikel so klingen wie ein Text von Jürgen Drews, der sich nicht
reimt. Aber es muss sein. Raffi hat sich mit einem "Gastkommentar" in der Welt
("Lass dein Grämen und dein Schämen") sogar für höhere Weihen qualifiziert,
den "Schmock des Jahres", den er nur deswegen vorerst nicht bekommt, weil es
sein könnte, dass Artur Brauner oder Rolf Eden in diesem Jahr noch was
Bemerkenswertes von sich geben.
Raffi also, der sich vor kurzem vergeblich darum bemüht hat, in die
Repräsentantenversammlung (das Parlament) der Berliner jüdischen Gemeinde
gewählt zu werden, hat die Niederlage schnell überwunden und tritt wieder
an, diesmal als "Praeceptor Germaniae". Man könnte auch sagen, der
"Musterjude" folgt dem Beispiel von Dr. Jekyll und Mr. Hyde und mustiert zum
"Musterdeutschen". Denn wo alle von deutscher Leitkultur, deutscher
Identität, von Patriotismus und Deutschlands Rolle in der Welt reden, da will
Raffi mit dabei sein, und zwar möglichst an der Spitze der Bewegung, obwohl
er doch nur ein Trittbrettfahrer ist, der einen Zug besprungen hat, der
sinnlos im Kreis herumfährt.
Raffi wendet sich gegen "das Mantra der so genannten neudeutschen
Bescheidenheit" und will, dass Deutschland "eigenständige außenpolitische
Interessen" mutig vertritt, statt sich "hinter den Rockzipfeln von
Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten zu verbergen".
Denn wir sind wieder wer und haben es nicht nötig, uns kleiner zu machen als
wir sind: "Deutschland ist der bevölkerungsreichste Staat Europas. Wir
besitzen die größte Volkswirtschaft und sind eine erstrangige Exportnation.
Die Vertretung außenpolitischer Interessen ist für unser Land legitim und
existenziell. Deutschland hat seine Wiedervereinigung mit Milliarden nach
Russland und dem Euro nach Westen erkauft. Die Osterweiterung der EU liegt in
unserem Interesse. Doch wir dürfen auf die Dauer nicht der alleinige
Zahlmeister Europas sein."
Raffi zeigt den Deutschen, wo der Bartel den Mist holt. Dabei dreht er das
ganz große Rad, fährt in 8o Zeilen um die ganze Welt. Gleich 15 mal sagt er
"wir Deutschen", "unsere Interessen", "unser Land", "unser Vaterland" und
ähnlichen Stuss, nur weil "unser Raffi" so gern einen Platz am Fenster haben
möchte, falls das neue Deutschland eines Tages wieder Sonderzüge auf die
Reise schickt. Raffi sorgt vor, obwohl er seine Platzkarte längst in der
Tasche hat.
Doch in der letzten Welt-Kolumne überholt er sich selbst. Von der "größten
Volkswirtschaft" und der "erstrangigen Exportnation" schlägt er einen weiten
Bogen bis nach "Anatolien". Und so wie Theo Sommer (der Onkel von Arianne)
früher immer darüber schrieb, was "hinter den Karawanken" passiert,
räsonniert Raffi über die Zustände am Bosporus:
"Die türkische Demokratie ist wackelig... Will Berlin Ankara in das
nahöstliche Chaos abdriften lassen? Oder sollen wir versuchen, die Türkei zu
stabilisieren und nach Europa zu ziehen?"
Gute Frage, Raffi, sag UNS bitte nur noch, was WIR mit dem Rest des Tages
machen sollen, sobald WIR die Türkei stabilisiert haben. WIR könnten zum
Beispiel den Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern lösen,
denn: "Unabhängig von Hitler und der deutschen Vergangenheit haben wir reale
Interessen in dieser Weltgegend."
Unabhängig von Raffi und der deutschen Gegenwart hätte Karl Kraus für einen
solchen Satz den sofortigen Vollzug der Prügelstrafe gefordert,
doch Raffi hat Glück, Karl Kraus ist tot, die Prügelstrafe abgeschafft und so
kann er zu einer rasanten Fahrt ins Ziel ansetzen, wo schon solche Größen
wie Merkel, Merz, Meyer, Stoiber, Gauweiler und Walser Platz genommen haben:
"Es ist Zeit, dass wir Deutschen aufhören, mit unserer Bescheidenheit zu
kokettieren... Wir sind aus Ruinen auferstanden und haben eine blühende
Volkswirtschaft aufgebaut. Wir haben eine vorbildliche Demokratie
entwickelt. Unser Vaterland hat friedlich zusammengefunden."
Ganz zum Schluss, berauscht vom eigenen Schwung, dreht Raffi vollkommen durch
und zitiert Heinrich Heine, dem er sich so verbunden fühlt wie Alice
Schwarzer der Emma Goldman und Pastor Fliege dem lieben Gott. "Lass dein
Grämen und dein Schämen! Werde keck und fordere laut, und man wird sich dir
bequemen, und du führest heim die Braut."
Den Rat hat Heine nicht den Deutschen an sich, sondern den deutschen Juden
gegeben, die sich zu seiner Zeit so durch das Leben duckten, wie es die Juden
noch immer tun, wenn sie "wir" und "uns" sagen, um der arischen Mehrheit zu
beweisen, dass sie die besseren Deutschen sind. Und über unseren Raffi hat
Heine auch was geschrieben, einen Vierzeiler, wie maßgeschneidert für einen
stolzen Deutschen mosaischen Glaubens, der seine Mitbürger auffordert, sie
sollten aufhören, mit ihrer Bescheidenheit zu kokettieren:
"Im lieben Deutschland daheime, da wachsen viel' Lebensbäume; doch lockt die
Kirsche noch so sehr, die Vogelscheuche schreckt noch mehr."
HMB, 1o.6.2oo1
|