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Franz-Josef Wagner
Kolumnist und Fachmann für das Privateste und Persönlichste
Als Franz-Josef Wagner noch Chefredakteur der BZ war,
produzierte er die schönsten Titelzeilen der Berliner
Presselandschaft: "Bein gebrochen, Urlaub im Ar...",
"Sie verliebte sich in den Falschen, Kehle
durchgeschnitten", "Als Hund hast du in Berlin
nichts mehr zu lachen", "Der Wirt mit den besten
Kohlrouladen der Stadt vom letzten Gast erschlagen",
"Berlins Polizeipräsident schlägt Kampfhund nieder",
"Kann sich der Kanzler auf Mallorca nicht mehr
waschen?", "Berliner empört: Wofür brauchen Obdachlose
ein Handy?", "Die 1oo schmutzigsten Läden Berlins";
unter Wagners Führung wurde die BZ zum Zentralorgan
des Neo-Dadaismus; obwohl oder weil sie die Interessen
der Rentner, Schrebergärtner und Hundehalter
artikulierte. Daneben kam auch die bessere Berliner
Gesellschaft ausgiebig zu Wort, was praktisch
bedeutete, dass fast in jeder Ausgabe Rolf Eden, Udo
Walz und Gräfin Hardenberg vorgeführt wurden. Wagner
machte Bouletten-Journalismus und servierte dazu
Aldi-Champagner. Und wenn er dann abends bei Lutter
und Wegner oder in der Paris Bar saß und sein
Weltschmerz-Gesicht aufgesetzt hatte, wussten alle:
Heute war ihm wieder eine ganz besonders schöne Zeile
eingefallen.
Doch eines Tages wurden bei Springer die Karten neu
gemischt. Georg Gafron, mit der Leitung des
Radiosenders Hundertkommasechs und des Fernsehsenders
tvberlin noch nicht ausgelastet, übernahm die BZ und
Wagner wurde zum Kolumnisten befördert, der allen
Menschen, die noch nie in der Paris Bar waren,
erklärt, woher der Wind bläst. "Wagners Welt" heißt
seine Kolumne in der "Welt am Sonntag", die schon
deswegen eine prima Zeitung ist, weil es sie bei der
Lufthansa umsonst gibt.
Vorletzten Sonntag nahm sich Wagner eine werdende
Mutter vor. Der Titel seiner Kolumne verriet eine
solide Sachkenntnis gepaart mit viel
Einfühlungsvermögen: "Als Steffi Graf als Schwangere
kotzte". Man konnte meinen, Franz-Josef habe der
Steffi das Eimerchen gehalten und dann aus dem Inhalt
seine Kolumne zusammen gerührt. Aber schon im ersten
Absatz gab Wagner zu, dass er nur Spekulationen
anstellte:
"Mir liegen leider keine exklusiven Kenntnisse darüber
vor, ob Steffi Graf heute morgen mit Heißhunger auf
Erdnussbutter oder auf süß-saure Gurken in oder
außerhalb Agassis Armen erwachte..." Wagner dagegen
wachte mit dem dringenden Bedürfnis auf, seine
Morgenlatte literarisch zu veredeln. Also richtete er
sich ganzkörperlich auf und haute der Klatschpresse
eine runter. "Steffis Busen sei schon um eine
Körbchengröße gewachsen, informieren uns die
gynäkologischen Fachredaktionen und ihr Bauch um 2o
cm angeschwollen... Ihr Baby im Bauch ist höchster
Unterhaltungswert. Das Privateste, Persönlichste wird
zum öffentlichen, gynäkologischen Stuhl. Da liegt
Deutschland-Steffi nun, bis ihr Baby kommt, mit
gespreizten Beinen."
Und WamS-Wagner hockt vor ihr, schaut in einen Abgrund
aus Erdnussbutter und süß-sauren Gurken und reibt
sich das Hörnchen, oder, wie Ulrich Wickert es sagen
würde: er schmiert sich Creme Fraiche auf sein
Croissant.
Es dauerte genau eine Woche, bis Wagner wieder zu
Sinnen kam. Letzten Sonntag schrieb er "67 Zeilen über
das Schreiben". Gleich im ersten Satz streute er sich
Asche aufs Haupt: "Oft, ich muss es leider gestehen,
schreibe ich schlecht. In verkrampften Händen
erstrahlen keine Worte."
Gut beobachtet, Franz-Josef. Aber warum so
zurückhaltend, wenn alle wissen, was gemeint ist?
Nicht einmal Wagner kann zugleich schreiben und
wichsen, denn wenn das Händchen schlapp macht, geht
den Worten die Luft aus. Aber für den Schmock der
Woche reicht es noch allemal, wenigstens für ein
Schmöckchen.
HMB, Berlin, 23.7.2oo1
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