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Fish 'n Chips unter Palmen
In unserer Reihe "Orte, die niemand kennt", besuchen
wir heute die britische Insel Alderney im Ärmelkanal
vor der französischen Küste.
Wer sich noch an den Film "Die Maus, die brüllte"
erinnern kann, der fühlt sich auf Alderney gleich
heimisch. Der gleiche Hafen, die gleichen Straßen, die
gleichen Pubs und vor allem: die gleichen Menschen,
leicht skurril und dabei sehr freundlich, durch und
durch britisch aber doch anders, beinah mediterran.
Denn Alderney liegt viel näher bei Frankreich als bei
England, hat ein mildes Klima und eine subtropische
Vegetation. Mitten im Kanal wachsen Palmen und andere
exotische Pflanzen.
Der größte Vorzug der Insel ist ihre Überschaubarkeit.
Knappe sechs Kilometer lang und an der breitesten
Stelle gut zwei Kilometer weit, kann man praktisch
überall zu Fuß hingehen. Vom Flughafen in die
"Hauptstadt" St. Anne braucht man keine zehn Minuten.
Genauso lange dauert es, die ganze Insel mit dem Auto
zu umrunden. Man kann Fish 'n Chips bestellen, eine
Runde fahren, und sitzt wieder am Tisch, wenn das
Essen kommt.
Alderneys wahre Größe misst sich nicht nach Meilen. Die
Insel gehört zum United Kingdom, untersteht aber der
Krone, nicht dem Parlament.
Außen- und Verteidigungspolitik wird in London
gemacht, alles übrige besorgen die rund 2.4oo
Insulaner selber. Alderney ist autonom, der
Inselhäuptling (de facto der Bürgermeister von St.
Anne) trägt den Titel "President of the States", die
zehn Gemeinderäte nennen sich "Members of the States
of Alderney". Alle zwei Jahre werden fünf von ihnen
neu gewählt, was praktisch dazu führt, dass jeder
mündige Bürger der "States of Alderney" im Laufe
seines Lebens einmal an der Reihe ist.
Ein weiterer Vorzug von Alderney liegt darin, dass es
keinen regulären Fährverkehr gibt, weder nach England,
noch nach Frankreich, noch zu den anderen Kanalinseln.
So bleibt die Insel vom Massentourismus verschont,
Besucher kommen mit kleinen Propellermaschinen, die
maximal sechzehn Passagiere fassen. Man kann auch eine
Passage auf einem Frachtschiff von Guernsey aus
buchen, aber das fährt nur zweimal in der Woche und
die Überfahrt dauert, je nach Wind und Wetter, bis zu
drei Stunden. Kapitän Jeff, der auf dem
1ooo-Tonnen-Frachter "Burhou 1" alles auf die Insel
schafft, was die Einwohner zum Leben brauchen, freut
sich über jeden Gast auf der Kommandobrücke, mit dem
er schwatzen kann, während der Autopilot das Schiff
steuert.
Alderney hat auch eine dunkle Seite, die Insel trägt
ein düsteres Geheimnis mit sich. Während des Krieges
waren die Kanalinseln von den Deutschen okkupiert,
die unbedingt ein Stück Großbritannien besetzen
wollten, um die Briten zu demütigen. Die waren
freilich schlau genug, den Teutonen den Spaß zu
verderben, zogen ihre Truppen ab und schickten eine
Botschaft nach Berlin, die Inseln wären
entmilitarisiert. Was die Wehrmacht-Helden freilich
nicht davon abhielt, vor der Anreise schnell noch ein
paar Bomben abzuwerfen. Alderney wurde komplett
evakuiert, so dass die deutschen Gäste ein leeres
Gelände vorfanden, das sie nach ihrem Geschmack
gestalten konnten. Noch heute kann man die gut
erhaltenen Überreste des German Anti-Tank Wall in der
Longis Bay besichtigen, ein Bauwerk, das den gleichen
Charme verbreitet wie die Berliner Mauer; nicht weit
davon stehen der German Fortress Kommandant's Bunker,
der Hospital Bunker und der German Artillery
Kommandant's Bunker. Am schönsten und am besten
erhalten ist der German Fire Directory Post, ein
dreistöckiger Betonturm im späten Bauhaus-Stil, mit
runden Ecken und schmalen Sichtschlitzen, auf einem
Hügel über dem Leuchtturm an der Cats Bay gebaut.
Damit sich die Nazis auf der entvölkerten Insel nicht
langweilten und sie jemand hatten, den sie
herumkommandieren konnten, holten sie ein paar tausend
Zwangsarbeiter aus ganz Europa nach Alderney und
ließen sie all die Bunker, Wälle und Kommandoposten
bauen, mit denen die Deutschen die Briten für immer
und ewig abschrecken wollten. Die Zwangsarbeiter
wurden in Lagern untergebracht, die deutsche Namen
trugen: Lager Borkum, Lager Helgoland, Lager Norderney,
Lager Sylt.
Denn auch Alderney ist eine Insel und wie die
deutschen Inseln von Wasser umgeben. So was verbindet.
Heute leben ein paar Deutsche auf Alderney, freiwillig
und ohne aufzufallen. Wie Ilona Soane-Sands, die in
München geboren wurde, in Italien einen Engländer
kennen lernte, mit ihm zuerst nach London und dann
nach Alderney zog. Seit 11 Jahren lebt das Paar auf
der Insel und will "nie mehr weg". Er dreht Reportagen
fürs Fernsehen, sie arbeitet als "Public Affairs &
Marketing Manager" für die "States of Alderney" und
wird für ihre Arbeit bezahlt, während der "President"
und die "Members of the States" ihre Jobs ehrenamtlich
leisten. Zur Zeit hat Ilona besonders viel zu tun. Die
Regierung von Alderney hat sechs Lizenzen für "Virtual
Casinos" ausgeschrieben, die ersten Internet-Kasinos
in Europa, die nicht im Off-Shore-Zwielicht sondern
ganz legal arbeiten sollen. Jede Lizenz wird 75.ooo
Pfund pro Jahr kosten, das macht 45o.ooo Pfund, eine
Menge Geld für eine kleine Insel. Seit 1999 existiert
bereits eine "Gambling Commission", die dafür sorgen
soll, dass nur seriöse Bewerber eine Lizenz bekommen.
"Wir wollen hier keine Mafia und keine Geldwäscher
haben", sagt Ilona. Dass auch die Zocker daheim bleiben
und ihre Einsätze online erledigen, macht die Sache
noch angenehmer. Und damit die Leute von Alderney
immer nur gewinnen, hat ihnen die Regierung den Besuch
der "Virtual Casinos" schon vor dem Start vorsorglich
verboten.
HMB, 24.7.2oo1; Photos: Alex Gorski, Paris
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