|
| Offizielle Homepage von Henryk M. Broder |
|
Das Letzte Ein bescheidener Mann Vor kurzem hat der deutsche Außenminister Joschka Fischer die palästinensische Führung in Ramallah besucht und einen Kranz am Grabe von Jassir Arafat niedergelegt. Wir dokumentieren die Rede, die er aus diesem Anlass gehalten hat. Liebe Freunde, Jassir Arafat, der Gründer und Führer der PLO, ist erst seit kurzem tot, und schon weht ein frischer Wind im Nahen Osten. In den palästinensischen Gebieten werden Wahlen vorbereitet, die israelische Regierung hat angekündigt, dass sie mit der neu gewählten Führung verhandeln wird, der israelische und der palästinensische Außenminister reden wieder miteinander, die israelische Friedensbewegung unterstützt Arik Sharon und sogar die radikalen palästinensischen Organisationen haben erklärt, dass sie sich am politischen Prozess beteiligen möchten. Das alles sind mehr als positive Zeichen, die dafür sorgen, dass sich unsere Trauer über das Ableben von Jassir Arafat mit Erleichterung mischt.
Und während wir hier am Grab des Gründers und Führers der PLO stehen, fragen wir uns: Wo sind die rund 9oo Millionen Dollar geblieben, die er zur Seite geschafft hat, obwohl das Geld dazu bestimmt war, die Lebensverhältnisse der Palästinenser zu verbessern? Wo ist das kleine schwarze Buch geblieben, in das er die Bewegungen auf seinen vielen Konten notierte, darunter auch eines bei der Bank Leumi in Tel Aviv? Hat er sowohl das Geheimnis um das Geld wie auch das kleine schwarze Buch in sein Grab mitgenommen? Wir wissen, dass Jassir Arafat ein bescheidener Mann war, der sparsam gelebt hat. Er ernährte sich von Pita, Cola und Thunfisch in Dosen, er trug immer dieselbe Uniform und dasselbe Kopftuch. Er hatte kein Privatflugzeug, keine Jacht, nicht einmal einen gebrauchten Porsche. Er hatte nur ein Hobby: Er sammelte Geld, so wie andere Leute Briefmarken, Bierdeckel oder Schneekugeln sammeln. Und als Sammler war er sehr erfolgreich, er brachte es zum sechstreichsten Mann der Welt, nach Bill Gates, den Aldi-Brüdern und Dagobert Duck. Derweil lebte ein Teil seines Volkes unter mehr als kümmerlichen Bedingungen in Flüchtlingslagern, bekam Lebensmittelrationen von der UNRWA und träumte von der Rückkehr nach Akko, Jaffo und Ejn Kerem. Für Jassir Arafat war es ein schöner Traum. Er trat vor der UNO auf, wurde vom Papst empfangen, von Jacques Chirac umarmt und von Journalisten umlagert, die es schick fanden, tagelang auf einen Termin zu warten, um schließlich morgens um vier an sein Feldbett gerufen zu werden. Arafat war, nach dem Ableben von Enver Hodscha, Kim Il Sung, Pol Pot und Nicola Ceaucescu und der Absetzung von Saddam Hussein der letzte Despot, der sich auf die »Liebe« seines Volkes zu ihm verlassen konnte, eine Liebe, die er mit Angst, Bestechung und Korruption in Gang hielt und von 12 Geheimdiensten sichern ließ. Nein, er war nicht der letzte, Castro und Ghaddafi sind noch im Amt, aber die stehen wenigstens an der Spitze richtiger Unternehmen, während Arafat ein Kapitän in einer Badewanne war, ein Feldherr ohne Hügel, ein Intendant, dessen Theater nur in seinem Kopf existierte. Er hat euch, meine lieben Freunde, nicht nur 4o Jahre lang im Kreis geführt, er hat euch auch belogen, betrogen und ausgenommen. Ist euch noch nie der Gedanke gekommen, dass Arafat an allem, nur nicht an einem Ende des Konflikts und der Gründung eines palästinensischen Staates interessiert war? Dass ein demokratischer palästinensischer Staat neben und nicht auf den Trümmern von Israel, mit einem frei gewählten Parlament, mit Gewaltenteilung, Pressefreiheit, gleichen Rechten für alle das Ende von Arafats Karriere bedeutet hätte? Selbst wenn er der erste Präsident oder Regierungschef eines souveränen Palästina geworden wäre, er hätte seine Macht mit anderen teilen müssen, und er wäre der Präsident oder Regierungschefs eines Zwergstaates von der Größe des Saarlandes geworden, reduziert auf das wahre Maß seiner Bedeutung, zuständig und verantwortlich für Arbeit und Soziales, Wirtschaft und Bildung, Straßenbau und Müllabfuhr. Kann sich einer von euch vorstellen, Arafat wäre mit so einer Rolle zufrieden und glücklich gewesen? Ihr seid natürlich nicht das erste Volk, das seinem Unterdrücker die Stiefel küsst und an seinem Grab Tränen vergießt. So etwas hat es in der Geschichte öfter gegeben. Ich sage nur: Stalin. Aber müsst ihr euch an den Russen ein Beispiel nehmen? Warum nicht an den Italienern, die ihren Mussolini entsorgt haben oder an den Ukrainern, die grade im Begriff sind, ihren Diktator loszuwerden? Arafat war ein Glücksfall für Israel, aber für euch war er der Supergau. Er hat euch mit Illusionen gefüttert, von einem Desaster ins andere geführt und jede historische Chance vergeigt, die ihm geboten wurde. Nach dem ersten Abkommen von Camp David, nach dem ersten Irak-Krieg, nach Oslo, nach Taba, nach allem. Ihr seid ihm nachgelaufen, und wir haben ihn gewähren lassen. Was aber wäre gewesen, wenn er schon vor zehn Jahren gestorben oder wenigstens zurück getreten wäre? Er war immerhin weiter als Moses gekommen, Arafat hatte das Gelobte Land betreten. Doch kaum war er in Gaza und Jericho angekommen, organisierte er Militäraufmärsche, empfing Diplomaten aus aller Welt, unterschrieb Todesurteile gegen Volksverräter und erklärte immer wieder, er wollte als Märtyrer sterben. Aber er ließ immer nur andere sterben. Mit den Israelis, die von euren Märtyrern in die Luft gejagt wurden, hatte er so viel Mitleid, wie mit euren Kindern, die von den Israelis getötet wurden. Warum hat es Arafat nicht wenigstens ein Jahr lang probehalber mit gewaltlosem Widerstand versucht, wie Gandhi gegen die Briten? Er hätte nicht nur die ganze Welt, er hätte auch die Mehrzahl der Israelis auf seiner Seite gehabt. Und ihr hättet inzwischen euren Staat, nicht so groß, wie ihr ihn haben wolltet, aber auf jeden Fall größer als das, was ihr heute bekommen könnt. Und wenn ich euch heute einen guten Rat geben darf: Nehmt, was euch angeboten wird, und wenn es für den Anfang nur Gaza ist. Da könnt ihr eine Weile üben, wie man einen Staat organisiert, wie man mit Extremisten fertig wird und wie man aus Schwertern Pflugscharen macht. Dazu müsst ihr nur eure Milizen entmachten, eure Banden entwaffnen und euren Märtyrern sagen, dass es nirgendwo in der Welt 72 Jungfrauen auf einmal gibt, nicht einmal im Himmel. Das war es, was ich euch heute am Gab von Jassir Arafat sagen wollte. Ich hätte es euch auch eher sagen können, aber ich hatte zu viel zu tun. Außerdem: besser spät als gar nicht. Nehmt euch an mir ein Beispiel. Salam aleikum.
Startseite |
Tagebuch |
Schmock der Woche |
Audio |
Forsicht Freddy!
Fremde Federn | Bücher | Galerie | Links | Kontakt | Sitemap
Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 13.12.2004
Webdesign von patfisch.de |
||||||||||||||||||||||||||||