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Ein Rentner sieht rosa

Büttenredner: Norbert Blüm
Büttenredner:
Norbert Blüm

Was macht eigentlich Norbert (»Die Renten sind sicher!«) Blüm, seit er selber in Rente ist? Man sieht ihn ab und zu im Fernsehen beim heiteren Beruferaten und als Büttenredner im Karneval. Damit ist er natürlich nicht ausgelastet, also besucht er Konferenzen über das Weltgeschehen, um auch außerhalb der närrischen Saison in die Bütt zu treten.

Zuletzt war er bei der »Stop The Wall«-Konferenz in Köln, über die Simon Wunder einen Bericht für »Fremde Federn« schrieb. Jetzt erreichte mich ein Brief von Blüm, der mit der Darstellung seines Auftritts nicht zufrieden war.

(Anklicken zum Vergrößern)

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lieber herr blums,

vielen dank für ihre zeilen vom 2.9.; ich bin froh, daß es ihnen gut geht und sie ihre rheinische frohnatur nicht eingebüßt haben. nachdem ich sie schon eine weile nicht mehr im fernsehen gesehen habe, nahm ich an, sie hätten sich in ein kloster zurückgezogen, um in sich zu gehen und buße zu tun für ihren satz »die renten sind sicher!«, der vermutlich nicht ganz so gemeint war, wie er gesagt wurde. wahrscheinlich wollten sie »meine rente ist sicher!« sagen, haben dann aber die allgemeine formel überzeugender gefunden.

daß sie eine konferenz besuchen, die »stop the wall« heißt und 14 jahre nach dem fall der berliner mauer in köln stattfindet, ist ihre sache. andere rentner machen freiwilligenarbeit in sozialstationen oder lösen kreuzworträtsel, sie machen in weltpolitik. daß sie aber von mir wissen wollen, an welcher konferenz sie teilgenommen haben, zeugt doch von einer leichten verwirrung. ebenso ihre behauptung, es sei ein bericht von mir gewesen, in dem ich sie falsch zitiert hätte.

ein blick auf den text hätte ihnen klarheit verschafft. er war nicht von mir, sondern von simon wunder, der überaus sachlich, ruhig, fast gütig geschrieben hat. wäre ich in köln dabei gewesen, lieber herr blams, hätte ich ihnen die narrenkappe dermaßen über die ohren gezogen, daß ihnen der stuß, den sie erzählt haben, gleich wieder hochgekommen wäre. geben sie mir bescheid, wenn sie sich wieder zum nahost-konflikt äußern. es wird mir eine freude sein, ihre bemerkungen, wie läppisch sie auch sein mögen, angemessen zu würdigen. beste grüße von der spree an den rhein

ihr

hmbroder, 11.9.2oo4

Lieber Herr Brabler,

nicht nur meine Rente ist sicher, sondern sogar Ihre, wenn Sie in die gesetzliche Rentenversicherung Beiträge eingezahlt haben. Jedenfalls sicherer als jede Rente einer Privatversicherung.

Vielleicht sollten Sie Ihre wertvolle Zeit nutzen, Palästina zu besuchen. Ich begleite Sie gerne, notfalls auch als Sehhilfe, falls Ihnen eine Brille fehlt, um die Folgen des israelischen Mauerbaus zu studieren.

Wie sagte schon meine Oma: »Hochmut kommt vor dem Fall« - Vorsicht: Sturzgefahr, Herr Brabler!

Norbert Blums

lieber herr bangs,

gut lesen können sie schlecht, aber schlecht schreiben können sie prima.

schön, daß sie immer noch meinen, die renten seien sicher. wenn sie mit diesem satz ihre nächste büttenrede anfangen, ist ihnen auch der auftaktlacher sicher.

ihr angebot, an ihrer hand die folgen des israelischen mauerbaus zu studieren, nehme ich gerne an. aber vorher packe ich sie zärtlich an den öhrchen, sie rheinische knalltüte, und zeige ihnen die folgen des palästinensischen terrors, der nun durch die mauer an der vollen entfaltung seiner sprengkraft gehindert wird. aber bevor wir zusammen nach israel und palästina fahren, bitte ich sie, mir drei fragen zu beantworten:

waren sie schon einmal auf einer konferenz namens »stop the terror«, auf der die hamas- und jihadkämpfer aufgefordert wurden, den terror einzustellen? wenn sie mit einem bus zur arbeit fahren müßten, auf den schon öfter anschläge verübt wurden, was wäre ihnen wichtiger: ihre sicherheit oder die bewegungsfreiheit für potentielle selbstmörder, die nur in gesellschaft sterben wollen?

waren sie schon im sudan, um die situation in darfur zu studieren? gibts demnächst in köln eine konferenz, auf der die massaker der arabischen »reitermilizen« dokumentiert und verurteilt werden - mit ihrer aktiven teilnahme?

nicht gleich schimpfen blümchen: ich will ihnen weder den spaß an der freud verderben noch den mund verbieten. ich habe nichts dagegen, daß deutsche, deutsche minister, sogar deutsche rentner sich für die palästinenser einsetzen. wer es mit den palästinensern gut meint, müßte ihnen freilich zuallererst sagen: hört mit dem terror auf, nicht nur weil ihr unschuldige trefft, sondern weil ihr euch selbst schadet. sie aber verlangen von den israelis, daß sie den terroristen freie bahn geben. ihr einsatz für die palästinenser ist nur eine funktion ihres ressentiments gegen die juden. wer von sich selber sagt, er könne kein antisemit sein, weil er an jesus glaubt und der sei jude gewesen, bestätigt nur den verdacht, den er vorsorglich aus der welt schaffen möchte.

ihre oma hat ihnen also gesagt »hochmut kommt vor dem fall!« ist das alles, was oma ihnen gesagt hat? hat sie nicht auch gesagt: »norbert, gib das schöne händchen!« oder: »erst denken, dann reden!« und »norbert, bleib bei deinem leisten!« daß sie sich sorgen machen, ich könnte abstürzen, ist lieb aber vollkommen überflüssig. und ein weiteres zeichen für ihre gestörte selbstwahrnehmung. demnächst sollen sie wieder beim unheiteren beruferaten auftreten. tiefer kann man kaum noch fallen. es sei denn, sie laufen am rosenmontag hinter dem zoch her und sammeln die kamelle ein.

mit einem fröhlichen alaaf und helau!

ihr broder, 22.9.2oo4

lieber herr broder,

als autor der jüdischen allgemeinen war ich zusammen mit simon wunder auf der »stop the wall« conferenz.

norbert blüm brachte dort noch ganz andere bonmots zum besten: seinen redebeitrag eröffnete er u.a. mit dem satz »ich kann kein antisemit sein, schließlich ist jesus mein boss«. während einer pause versuchte ich als pressevertreter mit ihm ein gespräch zu führen. die tatsache, dass im foyer des veranstaltungsraums 10 euro für den irakischen widerstand gesammelt wurde, nahm er mit einem achselzucken zur kenntnis. dann grummelte er nur etwas, dass man mit allen reden müsste, egal mit wem. meine frage, ob man denn auch mit scheich yassin hätte reden sollen, würde er denn noch leben, bejahte er. unterbrochen wurde sein mümmelgreismonolog dann durch den libyschen botschafter, der blüm seine aufwartung machte, worauf sich dieser sofort in urlauberinnerungen erging und von seinem lybienaufenthalt im jahre 99 schwärmte.

simon wunder war in seiner beschreibung der blüm'schen positionen also noch sehr wohlwollend.

mit freundlichen grüssen
ralf balke

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Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 28.09.2004
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