|
Kristin Helberg, Damaskus
22. Januar 2003
An die Präsidentin des Goetheinstitutes Prof. Dr. Jutta Limbach
Sehr geehrte Frau Limbach.
Mit Bestürzung habe ich von der Versetzung Ihres Goethe-Institut-Leiters Manfried Wüst von
Damaskus nach Indien gehört. Ich lebe als freie Hörfunkjournalistin in Syrien und habe Herrn
Wüst bei einigen offiziellen Anlässen persönlich kennen gelernt. Seine Kenntnis der Region,
seine langjährigen Erfahrungen mit arabischen Christen, Muslimen und Juden, seine Offenheit und
Bereitschaft zum Dialog und seine Fähigkeit, deutsches Rechtsverständnis in dieser Gegend der
Welt zu vertreten, halte ich für außergewöhnlich.
Das Goetheinstitut geht wohl davon aus, dass Herr Wüst über ein (wie die Tageszeitung Die Welt
es formuliert) "fragiles Rechtsbewusstsein" verfügt, das Gegenteil ist der Fall. Wer fünf
Jahre in Ramallah die regelmäßigen Schikanen und den Terror der israelischen Armee miterlebt,
ihn als Bewohner der Stadt zwangsläufig mit den Palästinensern teilt, kann die Israelis nicht
als einzige Opfer des Konfliktes wahrnehmen. Er sieht mit eigenen Augen, dass die militärische Gewalt
der Israelis eben nicht vor allem zur Verteidigung dient, sondern auch eine Form der Aggression gegen
unschuldige Zivilisten ist. Angesichts des Ungleichgewichts zwischen hochgerüsteten israelischen
Soldaten und sich mit bloßen Händen wehrenden Palästinensern kann selbst ein unpolitischer
Besucher nicht neutral bleiben. Dass ein Goetheinstitutsleiter nach fünf Jahren Ramallah palästinensische
Selbstmordattentäter nicht mit Terroristen gleichsetzt, sondern sie als Widerstandskämpfer
betrachtet, ist gerade ein Zeichen von Aufgeklärtheit und Rechtsbewusstsein. Dies nicht nur zu denken
(wie übrigens viele europäische Regierungsvertreter im Nahen Osten) sondern auch öffentlich
zu sagen, mögen manche für naiv und unklug halten, ich finde es ehrlich.
Ich weiß nicht, ob Ihnen, verehrte Frau Limbach, bewusst ist, dass die Veranstaltung in Berlin
anders verlaufen wäre, hätte sie vor einem Jahr stattgefunden. Kurz nach dem 11. September
war eine breite öffentliche Diskussion über die Definition des Terrorismus im Gange. Dabei
wurde in den Medien von verschiedenen Fachleuten darauf hingewiesen, dass nicht jede Form von Gewalt
in den großen Topf des internationalen Terrorismus passt. Widerstand gegen Unterdrückung von
staatlicher Seite verläuft in den seltensten Fällen gewaltfrei, erst recht wenn der Staat selbst
Gewalt ausübt. Und wenn wir in Europa stolz sind auf die französische Revolution, ist es meiner
Meinung nach anmaßend, heutige Widerstandbewegungen anderswo in der Welt als Terrorismus zu deklarieren
und ihnen damit jede Berechtigung zu entziehen. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich verurteile
jede Form von Gewalt, erst recht jene, die unschuldige da unbeteiligte Zivilisten trifft. Sie ist durch
nichts zu rechtfertigen, aber in vielen Fällen zu erklären. So sind palästinensische Selbstmordattentäter
nicht als solche geboren, ihr Leben, ihre menschenunwürdige Existenz in den besetzen Gebieten, ihre
Erfahrung mit der Besatzungsmacht Israel hat sie zu solchen gemacht. Sie haben schlicht nichts zu verlieren,
wenn sie sich umbringen. Wer will, dass Menschen in Palästina aufhören, sich und andere in
die Luft zu sprengen, gebe den Palästinensern Waffen, damit sie sich wehren können. Oder entwaffne
die Israelis. Die eine Partei jedoch jahrzehntelang aufzurüsten, sie zur best bewaffneten Nation
der Region zu machen und den anderen den Besitz von Waffen zu verbieten, widerspricht dem deutschen Rechtsverständnis
zutiefst.
Die RAF (die Henryk Broder in diesem Zusammenhang nennt) ist damit nicht zu vergleichen, da sie sich
nicht gegen unmittelbare Unterdrückung wehrt, sondern für eine Ideologie kämpft. Palästinensische
Selbstmordattentäter sterben weder für eine Ideologie noch für eine Philosophie, Religion
oder Weltanschauung - sie sterben für ein menschenwürdiges Leben, eine Zukunft, ein sicheres
Zuhause, ein eigenes Land. Alles Dinge, auf die wir Europäer uns so gerne berufen, wenn es um Menschenrechte
und ihre vermeintlich weltweite Gültigkeit geht. Dass Leute wie Henryk Broder palästinensische
Selbstmordattentäter mit den Attentätern des 11. September vergleichen, liegt (hoffentlich)
daran, dass ihnen das Wissen um den Ursprung des Nahost-Konfliktes fehlt: die Probleme begannen nicht
1948 mit der Gründung Israels und den darauf folgenden Angriffen der arabischen Nachbarn, sondern
lange vorher mit den Aktivitäten der Zionisten in der Region. Die Zionisten wiederum waren und sind
keine frommen Juden, sondern eine politische Bewegung. Der Konflikt ist kein religiöser, sondern
ein politischer, auch wenn Politiker sich immer wieder der Religion bedienen, um eigene Ziele zu rechtfertigen
und ihre Anhänger zu mobilisieren. Ich habe in Damaskus Christen, Muslime und Juden gemeinsam gegen
die israelische Besatzung demonstrieren gesehen. Übrigens allesamt Semiten. Vielleicht könnten
wenigstens Sie als Juristin sich für einen korrekten Sprachgebrauch einsetzen: Semiten sind Menschen
einer Sprachfamilie und damit nahezu alle Bewohner des Nahen Ostens unabhängig von ihrem Glauben.
Nur in Israel leben nicht mehr viele Semiten, denn die meisten Israelis sind Einwanderer aus Europa und
Amerika. Wer sich folglich Israel-kritisch äußert, kann als antiisraelisch beschimpft werden,
nicht aber als Antisemit.
Frau Limbach, ich bin enttäuscht, dass das Goetheinstitut sich vor dieser Realität im Nahen
Osten verschließt bzw. nicht den Mut hat, in der Öffentlichkeit für ein wahrhaftigeres
Bild des Konfliktes einzutreten. Dass Sie jemanden wie Herrn Wüst für sein Gerechtigkeitsempfinden
bestrafen und damit bei vielen Menschen das Vertrauen in die Bundesrepublik als Rechtsstaat ins Wanken
bringen, macht mich wütend. Und die Tatsache, dass sich das Goetheinstitut einer vorübergehenden
Stimmung im Land unterwirft anstatt eine kritische Debatte über Terrorismus, Widerstand, Freiheitskämpfer
und deren Unterschiede zu führen, frustriert mich sehr. Falls Sie den schönen großen
Eintopf aus "islamistisch-arabischem Terror" nach bewährt einfachem Rezept weiter am Kochen
halten möchten und somit ihre eigenen Vertreter im Ausland auf Linie bringen müssen, empfehle
ich Ihnen, das Goetheinstitut Ramallah zu schließen. Denn Sie können nicht verhindern, dass
ein dort lebender deutscher Staatsbürger mit deutscher Rechtsauffassung zu ähnlichen Erkenntnissen
wie Herr Wüst kommt. Sie sind eine logische Reaktion, die auf gesundem Menschenverstand und einem
tiefen Gerechtigkeitsempfinden basiert. Ich lade all jene, die von palästinensischem Terror und
israelischer Selbstverteidigung sprechen und schreiben, ein, den Alltag in diesem Teil der Welt persönlich
zu erleben.
Freundliche Grüsse von
Kristin Helberg.
|