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Die Achse des Guten

DIE ARNI-SAGA

Aus dem Knast in die Karibik

Gleich drei große Werke der Weltliteratur spielen zu Füßen des Snaefellsjökulls. Doch Stoff für Sagas gibt es auch im heutigen Island: Eine Europarat-Kommission genießt den Besuch isländischer Gefängnisse, ein verurteilter Abgeordneter nimmt seinen Wärter mit auf eine Kreuzfahrt.

Gletscher Snaefellsjökull: Start der »Reise zum Mittelpunkt der Erde«
Gletscher Snaefellsjökull:
Start der »Reise zum
Mittelpunkt der Erde«
Foto: Ashkan Sahihi

Auf den ersten Blick ist der Snaefellsjökull nur ein mittelgroßer Berg mit einer Schneekappe obendrauf, die auch im Sommer nicht wegschmilzt. Und gemessen an den anderen Gletschern, wie dem Vatnajökull im Osten, ist er nur ein Zwerg. Dafür aber hat er eine literarische Geschichte, um die ihn die größeren Gletscher beneiden. Gleich drei große Werke der Weltliteratur spielen zu seinen Füßen: die Bardar-Saga über den Sohn des norwegischen Königs Dumbur vor über tausend Jahren, Jules Verne ließ seine »Reise zum Mittelpunkt der Erde« hier anfangen, und auch Halldór Laxness schrieb seinen Roman «Am Gletscher« über Menschen, die am Snaefellsjökull lebten.

Der Vulkan unter der Schneekappe ist nicht mehr aktiv, obwohl man das in Island nie so genau sagen kann. Es reicht, dass er seit ewigen Zeiten nicht mehr ausgebrochen ist. Wir sitzen im Hotel Budir, genießen die Aussicht und warten auf das Essen, nur 300 Kilometer vom Polarkreis entfernt an der isländischen Riviera, denn unterhalb des Gletschers gibt es kilometerlange gelbe Sandstrände. Eine Seltenheit auf Island, wo die Strände sonst schwarz sind, weil sie aus Lava-Asche bestehen. Wäre das Wasser nicht so kalt, höchstens 14 Grad Celsius im Hochsommer, könnte man sogar ans Baden denken. Ideal wäre es, das kalte Meerwasser mit heißem Quellwasser anzuwärmen, wie das in einem Freibad in Reykjavik schon gemacht wird. Dann wäre die isländische Riviera eine echte Alternative zur überfüllten Adria-Küste. Das Essen auch.

Koch Thordorson: Weitgereister Isländer
Koch Thordorson:
Weitgereister Isländer
Foto: Ashkan Sahihi

Der Koch im Budir heißt Petur Thordorson, ist 32 Jahre alt, nicht verheiratet und Vater zweier Kinder. Thordorson war schon in Bolivien, Thailand, Portugal, Spanien und Israel und vor kurzem in der Mongolei, wo er für ein isländisches Filmteam gekocht hat, ein typischer Isländer also. Aber im Gegensatz zu seinen Landsleuten ist er ziemlich wortkarg. Statt zu reden, führt er uns in die Lava-Felder, wo wilder Thymian, Blaubeerenkraut, Sauerampfer und andere Zutaten wachsen, die er in seiner Küche benutzt. Er hat auch einen Gemüsegarten angelegt, nur den Fisch muss er auf dem Markt von Olafsvik kaufen.

Die meisten Gefangenen haben gerade Urlaub

Am Nebentisch sitzt eine Gruppe von Gästen, die schon beim Nachtisch angekommen sind. Unser Freund Magnus, der immer nervös wird, wenn er jemanden nicht kennt, geht rüber und erkundigt sich, wo sie herkämen und was sie so machen würden. Nach zehn Minuten kommt er zurück, mit einem Grinsen im Gesicht. »Ihr werdet es nicht glauben, das ist eine Kommission des Europarates, die Gefängnisse in Island besucht, um zu prüfen, wie die Haftbedingungen bei uns sind.«

Landschaft nahe des Hotels Budir: Wäre das Wasser nicht so kalt, wäre die isländische Riviera eine echte Alternative zur überfüllten Adria-Küste
Landschaft nahe des Hotels
Budir: Wäre das Wasser
nicht so kalt, wäre die
isländische Riviera eine echte
Alternative zur überfüllten
Adria-Küste
Foto: Ashkan Sahihi

Da wir vom Kontinent kommen und die europäischen Prioritäten kennen, glauben wir es ihm sofort. Natürlich sind die Haftbedingungen in Island, wo die meisten Häftlinge wegen Trunkenheit im Verkehr oder Kneipenschlägereien einsitzen, eine Angelegenheit, die nach Kontrolle schreit. Wir wissen nicht, ob die Kommission schon Gefängnisse in der Ukraine und in Weißrussland besucht hat, aber wir können es uns vorstellen, dass es mehr Spaß macht, Gefängnisse in Island zu besuchen, wo man sich auf dem Weg von einem Knast zum nächsten mit Lachs und Hummer stärken kann - statt mit Soljanka und Kuttelnsuppe.

Das Problem in Island sei nur, sagt Magnus, dass man nur wenige Gefangene im Knast trifft, denn die meisten »sind entweder Freigänger oder haben grade Urlaub«, was die Arbeit der Kommission andererseits sehr erleichtert. Dazu kommt, dass es nur wenig echte Gewaltkriminalität gibt, alle paar Jahre passiert ein Mord, und das ist dann entweder ein Familiendrama oder eine Tat unter Drogeneinfluss.

»Sed og heyrt«: Mit Gefängniswärter auf Kreuzfahrt in die Karibik
»Sed og heyrt«: Mit
Gefängniswärter auf
Kreuzfahrt in die
Karibik
Foto: Ashkan Sahihi

Und dann erzählt uns Magnus eine wahre Geschichte, die europäisches Format hat und bei der Aufnahme Islands in die EU positiv berücksichtigt werden sollte, den Fall des konservativen Abgeordneten Arni Johnsen. Der saß in einer Kommission, die für den Umbau des isländischen Nationaltheaters zuständig war, bis eines Tages irgendjemand bemerkte, dass Arni auf Rechnung der Kommission Material kaufte, das er für den Umbau seines Privathauses benutzte. Das ist auch in Island nicht erlaubt, und so kam Arni vor ein Gericht, wurde wegen Untreue verurteilt und musste seine Strafe, fast ein Jahr, absitzen.

Saga aus der Gegenwart

Im Knast entfaltete der umtriebige Arni die gleichen Qualitäten wie in der Politik, er freundete sich mit dem Direktor an, sorgte dafür, dass neue Betten für die Gefangenen angeschafft wurden und der Hobbyraum ausgebaut wurde, alles mit Hilfe von Sponsoren. Nach seiner Entlassung im Frühjahr brach Arni sofort zu einer Kreuzfahrt in die Karibik auf. Er nahm nicht nur seine Frau, sondern auch seinen Gefängniswärter und dessen Frau mit, die im Knast als Köchin arbeitet. Und so kreuzten sie zu viert durch die Karibik, begleitet vom Staunen der Isländer, die von »Sed og heyrt« (Gesehen und gehört), der isländischen »Bunten«, auf dem Laufenden gehalten wurden.

Haus von Arni Johnsen: Baumaterial auf Kosten des Staates
Haus von Arni Johnsen: Bau-
material auf Kosten des
Staates
Foto: Ashkan Sahihi

Arni gehört nach seiner Verurteilung nicht mehr dem Parlament an, aber er hat eine »zweite Chance« bekommen: Er wurde in eine Kommission berufen, die sich mit Energiefragen beschäftigt, und kein Mensch wäre überrascht, wenn eines Tages bekannt würde, dass er den Strom für sein Haus kostenlos bekommt. »Ist das nicht eine wunderbare Geschichte?«, fragt Magnus, während der Snaefellsjökull vor uns in der Mitternachtssonne leuchtet.

Das ist sie wirklich. Eine Saga aus der Gegenwart, die auch Jules Verne und Halldór Laxness bestimmt gefallen würde.

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Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 02.08.2004
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