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Die Achse des Guten

ISLAND-TAGEBUCH

Kein Beben ohne Ragnar

Mit nur 16 Millionen Jahren ist Island fast wie neu und deswegen für wissenschaftliche Studien besonders geeignet. Der Mann, der in die Erde horcht, ist auf der Insel so bekannt wie Björk und pflegt die Erinnerung an den »Eiffelturm von Island«.

Ragnar Stefansson: So bekannt wie Björk
Ragnar Stefansson: So
bekannt wie Björk
Foto: Ashkan Sahihi

Wann immer ein Vulkan ausbricht oder die Erde bebt, und das passiert in Island relativ oft, in jedem Fall viel öfter als auf dem europäischen Kontinent, geht Ragnar Stefansson in ein Studio des isländischen Fernsehens und erklärt den Zuschauern, was grade passiert ist und wie sie sich verhalten sollten. Der Seismologe und Leiter der Abteilung für Geophysik am Isländischen Meteorologischen Büro (der »Wetterstube«) ist auf der Insel so bekannt wie Björk, jeder kennt sein Gesicht und seine Stimme, er wird deswegen »Ragnar, das Beben« genannt. Kein Beben ohne Ragnar.

Sein letzter Einsatz liegt freilich schon vier Jahre zurück. Im Juni 2000 gab es zwei größere Beben an der Südküste im Abstand von nur vier Tagen. »Beim ersten Beben haben wir den Ort und die Stärke vorausgesagt, beim zweiten den Ort und den Zeitpunkt, es trat dann genau 25 Stunden später ein.« 40 größere Vulkane gibt es auf Island, einige grummeln vor sich hin, andere liegen im Tiefschlaf. Vorauszuberechnen, wann welcher Vulkan aktiv werden oder wann und wo es zu einem Erdbeben kommen könnte, ist nicht nur eine wissenschaftliche Herausforderung, die Sache hat auch einen praktischen Wert. Was für Touristen ein Naturspektakel ist, das ist für die Einheimischen eine Art Lebensversicherung. Nach dem Ausbruch des Askja-Vulkans im Jahre 1875 und einem schweren Erdbeben im Jahre 1896 war das Land wirtschaftlich so geschädigt, dass rund 15.000 Isländer auswandern mussten - etwa ein Fünftel der damaligen Bevölkerung.

Das große Beben

Für geophysikalische Studien, sagt Ragnar, das Beben, »ist Island das ideale Gelände«. Die Insel ist quasi der letzte Akt der Schöpfung. Die ältesten Steinformationen sind »grade 16 Millionen Jahre alt, also ganz neu«. Auf dem europäischen Kontinent hat man Steinproben gefunden, die 200 Millionen Jahre alt sind. »Wenn man das Alter der Erde mit einem Tag ansetzt, dann wurde Island vor etwa einer Stunde geboren.« In Europa geht die Erdoberfläche 40 bis 50 Kilometer in die Tiefe, in Island sind es nur 10 bis 20 Kilometer, an einigen Stellen sogar nur fünf Kilometer. »Man muss also nur ein wenig kratzen, um an den Erdkern heranzukommen.« Das erklärt vieles, und deswegen unterstützt die Europäische Union ein Forschungsprojekt, an dem 14 Institutionen aus acht Ländern teilnehmen. Leiter des Projekts ist natürlich Ragnar, das Beben.

Seismologe Stefansson auf seinem Hof bei Davlik: Problem Landflucht
Seismologe Stefansson auf
seinem Hof bei Davlik:
Problem Landflucht
Foto: Ashkan Sahihi

1938 in Reykjavik geboren und aufgewachsen, hat er in Stockholm und Uppsala Mathematik, Physik und Seismologie studiert und seine Doktorarbeit über »Ursachen von Erdbeben« geschrieben. 1966 kam er nach Island zurück und hat seitdem an der »Wetterstube« gearbeitet. Statt in Rente zu gehen, zog er vor vier Jahren von Reykjavik nach Davlik, eine Kleinstadt an der Nordküste, wo er einen aufgegebenen Bauernhof kaufte. »Mit unseren Messgeräten und Computern spielt es heute keine Rolle, wo mein Tisch steht.« Und so geht er jeden Tag zur Arbeit, ohne daß er sich feste Schuhe anziehen müsste, wertet Daten aus und setzt sie in Vorhersagen um. »Zurzeit haben wir keine Anzeichen für ein Erdbeben in naher Zukunft.« In Davlik, wo er heute wohnt, bebte die Erde zum letzten Mal im Juni 1934. Die Messgeräte zeigten 6,5 Punkte auf der Richterskala. Zur Erinnerung »an das große Beben« feiern die Einwohner alle zehn Jahre ein »großes Fest«, das sich über Wochen hinzieht.

»Liga für Fortschritt in der Dalvik-Region«

Natürlich ist Ragnar mit seiner wissenschaftlichen Arbeit nicht ausgelastet. Er sagt: »We are very active in everything!«, was in seinem Fall bedeutet: Es gibt kaum eine linke Gruppe in Island, die er ausgelassen hätte, sogar bei den Trotzkisten hat er eine Weile mitgemacht. Älter und ruhiger geworden, engagiert er sich heute für die »Linken Grünen« und arbeitet in der »Liga für Fortschritt in der Dalvik-Region« mit, denn die Gegend um Dalvik leidet ebenso unter Landflucht wie alle übrigen Landregionen. Ragnar möchte verhindern, daß in 20 Jahren 90 Prozent der Isländer im Großraum Reykjavik leben, heute sind es schon über 50 Prozent. »Es geht um das Recht der Menschen, überall leben zu können. Wir wollen nicht vor der Marktwirtschaft kapitulieren, die uns sagt, wo wir leben sollen.« Da bricht der alte Klassenkämpfer wieder durch, der mit 66 Jahren noch immer die nächste Barrikade sucht, auf die er steigen möchte.

Johann »Risi« Petursson neben Walter »Däumling« Böning: »Eiffelturm von Island«
Johann »Risi«
Petursson neben
Walter »Däumling«
Böning: »Eiffel-
turm von Island«
Foto: Ashkan Sahihi

Doch dann lässt er die Erdbeben und die Landflucht und den Kampf gegen das System ruhen und wendet sich einem anderen wichtigen Thema zu, dem »Eiffelturm von Island«: Johann Petursson, genannt »Risi«, der Riese, 1913 geboren, galt zu seiner Zeit als »der größte Mann der Welt«, 2,37 Meter groß. Er trat in den USA und in Europa auf, in Deutschland zusammen mit Walter Böning, der nur 58 Zentimeter klein war und deswegen »Prinz Däumling« hieß. Kennen gelernt haben sich die beiden 1938 in Delmenhorst bei Bremen. »Ein seltsameres Paar hat es in der Geschichte des Zirkus nicht gegeben.« Selbst Bette Davis, die Petursson 1949 traf, sieht neben dem Isländer wie ein Zwerg aus.

Risi starb 1984 und wurde in Davlik begraben. Eine kleine Ausstellung im Gemeindemuseum erinnert an den größten Sohn des Ortes. »Er war zu groß für Island«, sagt Ragnar und es klingt ein wenig so, als würde er nicht nur Johann »Risi« Petursson meinen.

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Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 02.08.2004
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