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SCHRIFTSTELLERIN HALLDORSDOTTIR »Ich wollte braune Kinder!« Die Hera Lind der isländischen Literatur versorgt 27 Kühe, 65 Pferde und 120 Schafe, sie hat zwei Kinder aus Asien adoptiert und 23 Bücher geschrieben. Jetzt wünscht sie sich nur noch eines: den Super-Bestseller.
Sydri-Langamyri ist kein Name, den man als Europäer aussprechen kann, ohne sich zu blamieren. Also fragen wir nicht nach dem Hof, sondern nach Birgitta, der Schriftstellerin. Das ist einfacher und bringt uns schneller ans Ziel. Auf dem Tisch in der kleinen Küche warten schon vier Sorten Kuchen auf uns, alle von der Hausfrau selbst gebacken, dazu lauwarme Milch, die sie eben im Stall gezapft hat. Birgitta Halldorsdottir fährt selten in die Stadt, aber sie freut sich immer, wenn sie Besuch bekommt. Sie hat einen Mann und zwei Kinder, kümmert sich um 27 Kühe, 65 Pferde und 120 Schafe, und das bedeutet, dass sie jeden Tag 12 bis 14 Stunden arbeitet. Trotzdem hat sie in den letzten 24 Jahren 23 Bücher veröffentlicht, 21 Romane und zwei Interviewbände mit Heilern und Hellsehern, die in Island zu den angesehenen und anerkannten Berufen gehören. Birgitta Halldorsdottir, 1959 geboren, ist die Hera Lind der isländischen Literatur. Oder die Susanne Fröhlich. Oder die Gaby Hauptmann. Jedenfalls ähnlich erfolgreich, natürlich nach isländischen Maßstäben. Ihr erstes Buch hat sie mit 23 Jahren geschrieben, es hieß »Inga« und war »eine Art Roman mit Sex, Love und Crime«. Es war einfacher, als sie gedacht hatte. »Es hat sich von allein geschrieben, dann hab ich es eingeschickt und sie haben es angenommen.« Verkauft wurden etwa 1500 Exemplare, eine ordentliche Auflage für eine bis dahin völlig unbekannte Autorin. (In Deutschland wären es, im Verhältnis zur Bevölkerung, über 300.000 Exemplare.)
Und weil es so einfach war, machte sie gleich weiter, jedes Jahr ein Buch, Kriminalromane mit Titeln wie »Tochter des Regenbogens«, »Bekenntnis«, »Ein Schuldiger flieht, obwohl ihn niemand verfolgt« und »Schach für Vier«. Im Buchregal füllen sie ein ganzes Fach, auf dem Couchtisch, zu zwei Stapeln aufgetürmt, sehen ihre Bücher wie komplettes Verlagsprogramm aus. Letztes Jahr hat sie sich frei genommen und kein Buch auf den Markt gebracht. »Da haben Leser und Journalisten bei mir angerufen und gefragt, ob ich noch lebe.« Ende dieses Jahres erscheint »Die fremde Frau«, ihr 22. Roman und das 24. Buch überhaupt. Isländische Literatur ist ein Exportartikel Wann findet eine Bäuerin, die mit ihrem Mann einen Hof bewirtschaftet, der so groß ist, dass sie nicht mal sagen kann, wo die eigenen Felder aufhören und die des Nachbarn anfangen, die Zeit zum Schreiben? »Mal am Tag, mal bei Nacht, vor allem aber im Winter. Wenn man es gerne macht, findet man immer die Zeit.« Trotzdem könnte sie vom Schreiben allein nicht leben. Denn Birgitta hat noch kein Buch im Ausland veröffentlicht, und das ist der Markt, von dem isländische Schriftsteller leben, ebenso wie die Fischer und die Musiker. Auch die isländische Literatur ist ein Exportartikel.
Es gibt von Birgittas Romanen keine Übersetzungen, nur eine Esperanto-Zeitschrift hat mal eine Kurzgeschichte abgedruckt. Und im Frankfurter Fischer Verlag ist in diesem Frühjahr ein Buch mit den »besten Kriminalgeschichten aus Skandinavien« erschienen (»Morden im Norden«), mit einer Erzählung von ihr (»Mord in der Innenstadt«), die sie eigens für diese Anthologie geschrieben hat. Auch wenn Island, genau genommen, nicht zu Skandinavien gehört, hofft Birgitta nun auf einen Durchbruch. Nein, sie würde den Hof nicht aufgeben und nicht in ein Penthouse in der Stadt ziehen, und sie würde auch weiter ihren alten Lada fahren, es wäre nur einfach schön, Erfolg zu haben, wie Einar Karason oder Kristin Baldursdottir, die auch außerhalb Islands gelesen werden. »Sie sind Isländer« Vielleicht sollte sie ihre eigene Geschichte aufschreiben. Birgitta Halldorsdottir wurde von ihren Eltern adoptiert, sie und ihr Mann Sigurd haben zwei Kleinkinder adoptiert: ein Mädchen aus Indien und einen Jungen aus Thailand. Das Mädchen (Gudbjörg Palina) ist jetzt vier, der Junge (Halldor Ingi) zwölf Jahre alt. Beide sprechen Isländisch, gehen in den Kindergarten beziehungsweise in die Schule und sind, Birgitta schwört es, noch nie angeraunzt oder angepöbelt worden, weil sie nicht so aussehen wie die anderen Kinder in der Schule beziehungsweise im Kindergarten. »Sie sind Isländer, das Aussehen spielt keine Rolle.« Warum hat sie zwei Kinder aus Asien adoptiert, es gibt doch bestimmt auch Waisen in Island? »Ich wollte braune Kinder.« Sie sagt es so, wie andere sagen, dass sie lieber Kakao statt Milch trinken, ohne jedes multikulturelle Nebengeräusch oder Gutmenschen-Gesäusel. Und dann geht es in den Stall, zu den Kühen, die 120.000 Liter Milch pro Jahr geben. Das wäre auch die Auflage, die sich Birgitta für ihr nächstes Buch wünschen würde.
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