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KUNSTGALERIE UNTER WELLBLECH Jack the Ripper von Island Gunnar Orn Gunnarsson war schon immer seiner Zeit voraus. Heute betreibt der Künstler die »nördlichste internationale Kunstgalerie« in einem wellblechverkleideten Bauernhäuschen aus dem Jahre 1930 und präsentiert große Namen auf kleinem Raum.
Die Isländer lieben Superlative. Und sie haben eine Menge von ihnen anzubieten. Nicht nur die meisten Handys, die meisten Computer und die meisten Autos (immer auf die Bevölkerung bezogen!) in ganz Europa, sogar die meisten Nobelpreisträger. Es ist zwar nur einer, Halldor Laxness, aber wenn man ihn »hochrechnet«, dann müssten zum Beispiel die Deutschen etwa 240 haben. Auch die Franzosen, die Italiener und die Schweizer können mit den Isländern nicht Schritt halten, nicht mal die Amerikaner. Ein Nobelpreis auf 284.000 Einwohner ist weltweit eine einmalige Leistung. In Hvolsvöllur, einem Städtchen am Fuße des Hekla-Vulkans, wurde vor einigen Jahren ein Stück über die Wikinger aufgeführt. Es war »das nördlichste Musical Europas«. Eine knappe Autostunde weiter östlich, in dem Dorf Vik, legen die Einwohner Wert darauf, dass man von Vik aus einen freien Blick zum Südpol hat oder hätte, wenn die Erdkrümmung nicht wäre. Denn zwischen Vik und dem Südpol gibt es kein Land, nur Wasser, und eine solche »Sichtverbindung« von Nord nach Süd ist einmalig in der Welt.
Und so war es klar, dass wir auch die »nördlichste internationale Kunstgalerie« besuchen mussten, die »Galleri Kambur« - »Am Grat« Ein Mini-Haus, sechs auf sechs Meter groß. Der eigentliche Galerie-Raum misst grade 24 Quadratmeter. Aber Größe ist immer relativ, und auf Island, wo beinah 90 Prozent des Landes unbewohnbar und unbebaubar sind, werden auch kleine Flächen klug genutzt. »Ich habe die Galerie 1998 eröffnet, weil ich internationale Kunst aufs Land bringen wollte, zu den Bauern«, sagt Gunnar Orn Gunnarsson, selbst ein international bekannter Künstler, der Island 1988 auf der Kunst-Biennale in Venedig vertreten hat. »Aber dann kamen vor allem die Leute aus Reykjavik, um Kunst auf dem Land zu sehen.« Die Galleri Kambur hat nur zwei Monate im Jahr geöffnet, im Mai und im September. Zur Eröffnung zeigte Gunnar Bilder seines Onkels Thordur Valdimarsson, der »selbst ein Kunstwerk war«. Er nannte sich Kiko Korriro, hatte in Los Angeles und Paris politische Wissenschaften studiert, war schizophren und zeitlebens arbeitslos, hatte erst spät mit dem Malen begonnen, malte dann bis zu zehn Bilder am Tag, und als er 2002 achtzigjährig starb, hinterließ er rund 5000 Bilder, ein Naiver im Rausch der Sinne. Die zweite Ausstellung, im Herbst 1998, präsentierte Arbeiten von Olafur Eliasson, dem wohl bekanntesten isländischen Künstler der Gegenwart. Der lebt mal in Kopenhagen, mal in New York, mal in Berlin und fehlt in keiner Sammlung moderner Kunst. »Die Welt ist sein Atelier«, sagt Gunnar.
Die Welt kommt in die Galleri Kambur, ein altes wellblechverkleidetes Bauernhäuschen aus dem Jahre 1930, inmitten einer Landschaft, die so rasend schön ist, dass man sich mit ihr besaufen möchte, wenn man sie in Flaschen abfüllen könnte. William Anastasi und William Anthony (USA) waren schon im Kambur zu sehen, auch Albert Mertz, der Klassiker der dänischen Moderne. Jeder Galerist würde sich um solche Exponate reißen, aber Gunnar Orn Gunnarsson greift nur zum Telefon. »Ich rufe die Künstler oder deren Galeristen an und frage, ob sie kommen möchten.« Und sie kommen gerne, die Ausstellungsstücke im Handgepäck. Das spart Transport- und Versicherungskosten. »Es gibt kein Geld, also können wir auch nicht Pleite gehen.« Objekte, die für die Galerie zu groß sind, stehen im Freien: eine Glasskulptur von Dale Chihuly, ein Verkehrszeichen von Solveig Eggertsdottir mit dem ersten Gebot »Ich bin der Herr, dein Gott...« auf Isländisch. Zwischen den Kunstwerken laufen kräftig gebaute Hühner frei umher. »Die stammen auch von den Wikingern ab«, sagt Gunnar. Nur einen Künstler würde er nie ausstellen: sich selbst, »das würde die ganze Idee ruinieren«. Er arbeitet in einem großen Schuppen neben der Galerie, beim Malen hört er Musik von Erik Satie, und wenn er sich entspannen will, setzt er sich ans Schlagzeug und trommelt ein paar Runden, am liebsten zu Songs von Jimmy Hendrix. Das Schlagzeug hat ihm seine Tochter Maria geschenkt, die jetzt Design in Dänemark studiert und früher in einer Gruppe namens »Die wilden Schlampen« in Akureyri gespielt hat. Gunnar selbst hat »nichts gelernt«, er ist ein typischer Autodidakt, den das Leben geformt hat. 1946 in dem Fischerdorf Gardur geboren, besuchte er die Grundschule und wurde, kaum dass er mit der Schule fertig war, mit 16 zum ersten Mal Vater.
Mit 20 hatte er schon drei Kinder mit zwei Frauen. »Da durfte ich aber noch nicht allein in eine Bar gehen.« (Inzwischen hat er sechs Kinder, von 40 bis 12, und neun Enkel und zu allen »eine wunderbare Beziehung«.) Er arbeitete als Fischer rund um Island und als Kellner in England, lernte Cello spielen und fing an zu malen, als ihm das Cello zu langweilig wurde. Um 1980 herum hatte er eine »schwere Krise«, verbunden mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Damals galt er als der »Jack the Ripper of Icelandic Art«, seine Bilder waren wild und aggressiv, wie sein Auftreten. Heute ist Gunnar »noch lange nicht am Ziel der Reise«, aber ruhig und freundlich, und so sind auch die Bilder, die er inzwischen malt. Nur wenn er sich mit ein paar Freunden aus der Gegend trifft, wird es laut und die Erde bebt. Doch es ist nicht der Vulkan Hekla, der seinen Ausbruch ankündigt, sondern Gunnar am Schlagzeug mit den » Blues-Farmers«, die den »One O'Clock Jump« von Count Basie spielen. Es ist, wir haben es schon vermutet, die heißeste Jazz-Band in Island.
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