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Die Achse des Guten

GÄSTEHAUS »FROST UND FEUER«

Mit Stalin und Swetlana unter einem Dach

Das Gästehaus »Frost und Feuer« ist voll gestopft mit Bildern und Objekten, in den Zimmern stehen Skulpturen und Plastiken. Ein Rechtsanwalt machte seine Leidenschaft zum Lebensprojekt, wurde Herbergsvater und teilt seine Kunstsammlung mit seinen Gästen. Denn: »Kunst ist für alle da!«

Knutur Bruunmit einem Teller von Malewitsch: »Meine Ideen waren für diese Leute zu groß«
Knutur Bruun mit
einem Teller von
Malewitsch: »Meine
Ideen waren für
diese Leute zu
groß«
Foto: Ashkan Sahihi

Knutur Bruun hat seinen Van direkt vor der Tür geparkt und schleppt gelbe Plastiktaschen ins Haus. Er war bei Bonus einkaufen, dem Aldi von Island, um seine Vorräte aufzustocken: Brot und Orangensaft, Käse und Tomaten, Hering und Lammfleisch. Er erwartet neue Gäste, und in einem ordentlichen Gästehaus, auch wenn es nur sechs Zimmer hat, muss der Kühlschrank immer voll sein. Knutur ist der Besitzer von »Frost und Feuer«, Empfangschef, Chefeinkäufer, Gästebetreuer und Zimmermädchen - alles zugleich.

Seit einer Woche hat er eine Mitarbeiterin, Anna aus Thüringen, 25 Jahre alt. Sie hat Ökotrophologie in Deutschland studiert (Haushalts- und Ernährungswissenschaften), keinen Job gefunden und wurde dann vom Arbeitsamt nach Island vermittelt. So haben alle etwas davon: In Deutschland ist die Arbeitslosenstatistik entlastet, Knutur muss sich nicht um alles kümmern, und Anna freut sich, weil es ihr in Island gut gefällt.

Knutur spricht Englisch mit dänischem Akzent, sein Vater, ein Optiker, war Däne, deswegen hat er einen dänischen und keinen isländischen Nachnamen, die bei Männern immer mit son (Sohn) und bei Frauen mit dottir (Tochter) enden. Er klingt so wie der Koch in der Muppet-Show.

Stalin und seine Tochter Swetlana: Wandteppich des überzeugten Kommunisten Oskar Magnusson
Stalin und seine Tochter
Swetlana: Wandteppich des
überzeugten Kommunisten
Oskar Magnusson
Foto: Ashkan Sahihi

Sonst aber ist Knutur ein typischer Isländer. 1935 in Reykjavik geboren, wollte er eigentlich ein Dichter werden, denn einer seiner Onkel war ein bekannter Theaterautor. »Dann merkte ich, dass mein Talent nicht ausreicht, um weltberühmt zu werden, so wurde ich Rechtsanwalt.« Nach dem Jura-Studium in Reykjavik machte er eine eigene »Firma« auf und suchte sich eine Klientel, die ihm gefiel: Künstler.

Haus als private Galerie

Ende der siebziger Jahre gründete er eine eigene Galerie und Anfang der neunziger Jahre die »Visual Artists Copyright Association«, deren Vorsitzender er bis heute ist. Die Vereinigung vertritt Architekten, Fotografen, Bühnenbildner, Maler und Zeichner, Skulpturenmacher und Video-Künstler und hat 1300 Mitglieder, das ist etwa ein halbes Prozent der Bevölkerung, in Island eine Massenorganisation.

»Nicht alle sind Profis«, sagt Knutur, »aber es sind viele dabei, die wirklich gut sind«. Nachdem er sich lange für strikte Copyright-Regelungen eingesetzt hat, findet Knutur heute, dass die Regeln wieder gelockert werden müssen. »Es geht nicht, dass für jedes Bild, das zufällig im Fernsehen gezeigt wird, sofort eine Gebühr fällig wird.«

1990 ließ er sich »von meiner schönen Frau« scheiden und zog von Reykjavik nach Hveragerdi, weil er »an einem Ort leben wollte, wo es heißes und kaltes Wasser zugleich gibt«. Er fand ein Grundstück mit einer Baracke direkt am Ufer des »Varma«-Flusses, der deswegen so heißt, weil mitten im eiskalten Wasser heiße Quellen sprudeln, auch in Island gibt es das nicht sehr oft. Knutur fing an, sich ein Haus zu bauen, »das meine private Galerie werden sollte«, denn inzwischen hatte er eine Sammlung zeitgenössischer isländischer Kunst zusammen.

Dann wurde es aber ein Gästehaus, was den Vorteil hatte, »dass ich meine Sammlung mit anderen teilen konnte«. In allen Zimmern des »Frost und Feuer« hängen Bilder und Objekte, stehen Skulpturen und Plastiken. Knutur wohnt inzwischen nebenan, in einem Fertighaus aus Schweden, das in einer Woche zusammengebaut wurde und auch voll mit Kunst ist.

Der Varma-Fluss: Heiße Quelle im eiskalten Wasser
Der Varma-Fluss: Heiße
Quelle im eiskalten Wasser
Foto: Ashkan Sahihi

»Ich habe nie selbst gezeichnet oder gemalt, Gott sei dank nicht.« Dafür ging er 1994 in die Kommunalpolitik, kandidierte für den Stadtrat von Hveragerdi (2000 Einwohner) und wurde auch gewählt. Doch schon zwei Jahre später überwarf er sich mit seinen Freunden von der Konservativen Partei beziehungsweise sie mit ihm und hörte mit der Politik auf. Er wollte »eine bessere Architektur« durchsetzen und Hveragerdi als Kurort ausbauen. Das war zu viel des Guten. »Meine Ideen waren für diese Leute zu groß.«

Nun, inzwischen 69 Jahre alt, will er auf eigene Faust ein Kurhotel bauen, denn: »Je älter ich werde, umso aktiver werde ich.« Außerdem braucht er mehr Platz für seine Sammlung. Und da sind es nicht immer die wertvollsten Stücke, die ihm am meisten bedeuten. Eines seiner Lieblingsobjekte ist ein kleiner Wandteppich, den ein ehemaliger Hafenarbeiter aus Reykjavik, Oskar Magnusson, gewebt hat. »Er war ein überzeugter Kommunist, wahrscheinlich der letzte seiner Art in Island.« Auf dem Teppich, der unter Glas an einer Wand hängt, sind Stalin und seine Tochter Swetlana zu sehen.

Auch Knuturs Parole lautet: »Kunst ist für alle da!« Deswegen fuhr er vor zwei Jahren nach Petersburg und bestellte dort bei der Porzellanmanufaktur 300 große Teller mit Motiven von Kasimir Malewitsch. »Die Russen haben sich sehr gewundert, aber brav geliefert.«

Jetzt sind Stalin und Swetlana nicht mehr die einzigen Russen, die im »Frost und Feuer« an der »Varma« ein schönes Zuhause gefunden haben.

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Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 02.08.2004
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