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WESTMÄNNERINSEL HEIMAEY Island in einer Nussschale Heimaey, die größte der Westmännerinseln, wurde vor über 30 Jahren bei einem Vulkanausbruch verwüstet. Heute sieht sei aus wie Legoland, kämpft mit Abwanderung und soll touristisch erschlossen werden. Wenn nötig, mit Diätkuren für Schweden und einem Tunnel zum »Festland«.
Über 20 Jahre hat Kristin Johannsdottir im Ausland gelebt und gearbeitet, als Korrespondentin für das isländische Radio und als Tourismusfachfrau, jetzt freut sie sich, dass sie »wieder zu Hause« ist und ihre beiden Söhne mit dem Fahrrad zur Schule rollen können, ohne die U-Bahn und den Bus nehmen zu müssen. Um 8 Uhr fängt die Schule an, fünf Minuten vorher verlassen sie das Haus. »Sie haben jeden Tag zwei Stunden mehr Zeit.« Auch Mutter Kristin hat es nicht weit zur Arbeit, einen knappen Kilometer, den sie zu Fuß geht. Ihr Schreibtisch steht im »Büro für Innovation«, das die Gemeindeverwaltung vor ein paar Wochen eröffnet hat. Zusammen mit Sigurjon Haraldsson, dem Bürochef, soll sie ein Konzept erarbeiten, um die Insel Heimaey wirtschaftlich und touristisch ins 21. Jahrhundert zu holen. Kristin versteht was von PR und Fremdenverkehr. Sigurjon hat an der Business School von Aarhus studiert und lange als Ökonom in Dänemark gearbeitet, bevor er mit seiner Familie (»Sieben Kinder! Und alle mit derselben Frau!«) nach Heimaey zurückging, wo er vor 46 Jahren geboren wurde.
Heimaey ist sozusagen Island in einer Nussschale. Ein hügeliger Felsen mit Hafen und Flughafen, 13 Quadratkilometer groß, von etwas mehr als 4000 Menschen bewohnt, die sich alle untereinander kennen und »Festland« oder »Mainland« sagen, wenn sie Island meinen, das nur zehn Kilometer entfernt liegt. Die übrigen 14 Inseln der »Westmänner«-Gruppe vor der isländischen Südküste sind unbewohnt, sie dienen als Weideland für Schafe, die im Frühjahr ausgesetzt und im Herbst wieder eingesammelt werden, und als Naturreservat für Vögel, darunter einige Millionen Papageientaucher, das Wahrzeichen der »Westmänner«. Es sind sehr praktische Tiere, sie sehen nett aus, liefern Federn für Daunenkissen, ihr Fleisch gilt als Delikatesse. Allerdings stehen sie inzwischen unter Naturschutz, nur noch etwa 100.000 dürfen jedes Jahr im Sommer gefangen und verarbeitet werden. »Pompeji des Nordens« Während sich die Papageientaucher fröhlich vermehren, geht die Zahl der Einwohner von Heimaey langsam, aber stetig zurück. Vor 30 Jahren waren es noch über 5000. Dann, in der Nacht zum 23. Januar 1973, brach ohne jede Vorwarnung ein neuer Vulkan auf der Insel aus, der »Feuerberg« (Eldfell), direkt neben dem Helgafell, der etwa 5000 Jahre inaktiv war. Alle Insulaner wurden noch in derselben Nacht mit Fischerbooten aufs »Festland« evakuiert, niemand kam zu Schaden. Der Ausbruch dauerte fünf Monate, und als sich die Erde wieder beruhigt hatte, war die Insel um zwei Quadratkilometer größer, etwa 300 Häuser waren unter der Lava verschwunden, die Übrigen unter einer meterhohen Schicht aus Asche und Bimsstein begraben. Island hatte sein »Pompeji des Nordens«.
Die Regierung erklärte den nationalen Notstand, die Aufräumarbeiten dauerten fast zwei Jahre, dann sah Heimaey wieder so aus wie vor dem V-Day oder sogar schöner, denn die Häuser mussten nicht nur ausgegraben, sondern auch neu verputzt werden. Von der Spitze des Feuerbergs, der natürlich umgehend zur touristischen Attraktion erklärt wurde, sieht die Stadt wie Legoland aus, bunt und heiter, sogar wenn dunkle Wolken den Himmel verdecken. Es gibt einen Gemeinderat mit sieben gewählten Mitgliedern, einen hauptamtlichen Bürgermeister, sechs Polizisten, drei Supermärkte, zwei Wochenzeitungen (»Die Wache« und »Die Nachrichten«), zwei Grundschulen und ein Gymnasium, mehrere Golf- und Sportplätze und sogar eine Frauenfußballmannschaft, die zu den besten in Island gehört. Auf Asgeir Sigurvinsson, einen Fußballprofi, der in den achtziger Jahren eine Weile für den VfB Stuttgart spielte, sind die Heimaeyaner noch immer sehr stolz. Abspecken auf Heimaey »Das Einzige, was uns fehlt, sind Arbeitsplätze«, sagt Sigurjon. Was ein wenig komisch klingt, denn fast alle Insulaner leben von Fischfang und Fischverarbeitung, und es gibt nur etwa hundert gemeldete Arbeitslose. »Wer keine Arbeit hat, der zieht aus Festland«. Je größer die Fangschiffe werden, umso weniger Arbeiter werden in den Fischfabriken an Land benötigt, hinzu kommt ein kompliziertes Quotensystem, das die Eigner der Schiffe dazu verführt, ihre Fangrechte an Auswärtige zu verkaufen, statt selbst aufs Meer zu fahren. Das alles führt dazu, dass die Zahl der Einwohner seit Jahren sinkt. Deswegen hat die Gemeinde das »Büro für Innovation« aufgemacht, deswegen sind Kristin und Sigurjon aus dem Exil heimgekehrt.
»Es reicht nicht, dass Fischer ihre Schiffe und Fangquoten verkaufen und von dem Geld Hotels und Restaurants aufmachen«, sagt Kristin, »sie müssen auch wissen, wie man solche Betriebe führt«. Und weil die Sommersaison sehr kurz ist, wird jetzt ein Programm für den Winter ausgearbeitet. Übergewichtige aus Skandinavien sollen zu Diätkuren nach Heimaey kommen. »Wir haben die Ärzte, wir haben genug Hotelzimmer, es fehlen nur die Patienten, jetzt muss die Idee vermarktet werden.« Es wären die ersten Touristen, die nach Island kämen, um wenig bis gar nichts zu essen. Weil aber die Kassen in Schweden und Norwegen solche Kuren bezahlen, sind Kristin und Sigurjon von der Idee überzeugt. Eine unrentable Fischfabrik, die der Gemeinde gehört, soll privatisiert werden und neue Produkte anbieten: Fischkuchen und Fertiggerichte für die Mikrowelle. So will man neue Arbeitsplätze schaffen, die Abwanderung stoppen und Leute vom »Festland« nach Heimaey locken. Auf dem Tunneltrip Und dann gibt es noch einen Plan, der sogar Kristin und Sigurjohn ein wenig verwegen erscheint. Es geht darum, die Insel mit dem »Festland« zu verbinden. Die Autofähre von und nach Thorlakshöfn braucht drei Stunden, der Flieger vom Reykjaviker Stadtflughafen nur 20 Minuten, aber bei Nebel und heftigem Wind wird der Flugverkehr eingestellt. »Deswegen sind die Menschen hier auf dem Tunneltrip«, sagt Kristin. Ein Verein mit dem Namen »Aegirsdyr« (Neptuns Tor) wurde gegründet, der sich dafür einsetzt, dass ein Autotunnel gebaut wird, der die Fahrtzeit auf wenige Minuten verkürzen soll. »Sie meinen es todernst, nur die Finanzierung ist ein Problem.«
Der Tunnel würde Milliarden kosten, aber Geld spielt in Island keine Rolle. Wenn man es hat, gibt man es aus. Und wenn man es nicht hat, gibt man es auch aus, ohne nach dem Preis zu schauen. Bis jetzt hat sich das Prinzip bewährt, den Isländern geht es gut. Und deswegen ist es nicht ausgeschlossen, dass der Tunnel gebaut wird. Zu seinen heftigsten Befürwortern gehört der ehemalige Abgeordnete Arni Johnsen, der auf Heimaey lebt. Und Arni hat bis jetzt immer alles durchgesetzt, wofür er sich eingesetzt hat. Als ihm neulich die Glücksfee erschien und ihn fragte, welchen Wunsch sie ihm erfüllen könnte, antwortete Arni: »Mach, dass der Tunnel gebaut wird!« - »Ich fürchte«, antwortete die Fee, »das geht sogar über meine Möglichkeiten hinaus«. - »Gut, dann bring mir das Gitarrespielen bei«, sagte Arni, der für seine musikalischen Einlagen bei Volksfesten berüchtigt ist. Da dachte die Fee einen Moment nach und fragte: »Sag Arni, wie viele Spuren soll der Tunnel haben?«
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