...selber schuld,
wenn Sie mir schreiben
Offizielle Homepage von Henryk M. Broder


Startseite
Tagebuch
Foto des Tages
Schmock der Woche
Audio
Forsicht Freddy!
Fremde Federn
Bücher
Galerie
Links
Kontakt
Sitemap
Mitglied im
publizistischen
Netzwerk
Die Achse des Guten

L.A.-Tagebuch

Die Botschaft auf der Brust

Je näher der Wahltermin heranrückt, umso mehr Amerikaner wollen im Wahlkampf mitmischen. Jeder möchte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wie Caitlin Blue, die Amerikaner in wandelnde Litfasssäulen verwandelt. Autor Henryk M. Broder berichtet in seinem Tagebuch aus Los Angeles.

xxx
Psychologie-
Studentin Blue in
»Axis of Evil
Doers«: Gezielt
eingesetzte
Kampfmittel
Foto: Henryk M. Broder

Sonntagnachmittag auf dem Abbot Kinney Straßenfest in Venice, Los Angeles. Zwischen einem Stand der Republikanischen Partei und der National Riffle Association hat Caitlin Blue ihren mobilen Shop aufgebaut. Zwei Tische voll beladen mit T-Shirts in allen Größen, von extra klein bis megagroß, und grellen Farben. Sie sehen aus wie die Leibchen, die von Baseballspielern getragen werden, aber der erste Eindruck täuscht.

Es sind keine Trikots, unter denen Muskelpakete zucken, sondern Kampfmittel, die gezielt eingesetzt werden. »Fashion for progressive political change«, Mode für den Fortschritt und politischen Wandel. Was die Aufforderung »Vote« bedeutet, ist klar: Je mehr Menschen zur Wahl gehen, umso schlechter die Aussichten für George W. Bush wiedergewählt zu werden. Die anderen Parolen sind feinsinniger und von einer Ironie, die sich nicht jedem Betrachter sofort erschließt.

»Medien berichten einseitig«

»Axis of Evil Doers« (Achse der Bösewichte) ist noch recht einfach, »Enviromental Destroyers« auch, aber »Corporate Apologists« setzt das Wissen um den Enron-Skandal voraus und »Yellow Cake Uraniums« spielt auf das Uran an, von dem die Amerikaner behaupteten, Saddam Hussein hätte es aus Nigeria bezogen. »Unilateral Cowboys« fasst zusammen, was passiert, wenn Texaner in die Weltpolitik einsteigen.

xxx
»Environmental
Destroyers«:
»Die Amerikaner
lieben es, Bot-
schaften auf der Brust
zu tragen«
Foto: Henryk M. Broder

»Ich habe mir diese Parolen ausgedacht«, sagt Caitlin Blue, während sie die T-Shirts auf den Tischen immer wieder neu sortiert, »um Ideen in die Öffentlichkeit zu tragen, die bei uns unterdrückt werden.« Die Medien würden »einseitig berichten«, Nachrichten »als Unterhaltung« präsentieren und alles bekämpfen, was der Regierung schaden könnte, wie »Fox News« mit diesem schrecklichen Bill O'Reilly.

Aber es würde doch niemand gezwungen, Fox zu schauen, es gäbe doch viele andere Kanäle, die anders berichten, sage ich. »Ich schaue überhaupt nicht mehr fern«, sagt Caitlin Blue, »nicht einmal PBS.«

Caitlin, 1969 in New York geboren, lebt seit 1987 in Los Angeles. Sie hat das College besucht, einen Bachelor in Theaterwissenschaften gemacht und studiert nun Psychologie an der Antioch University. Nächstes Jahr will sie ihren Master machen, aber falls Bush wiedergewählt wird, könnte sich ihr Studium noch etwas hinziehen. Wenn sie nicht als »set decorator« arbeitet und bei Disney Kulissen für TV-Serien einrichtet, kämpft sie mit ganzer Seele gegen Bush und mit halbem Herzen für Kerry. Er ist nicht ihr Wunschkandidat, aber » allemal besser als der Cowboy«.

Wandelnde Litfasssäulen gegen Bush

Die Idee, Trikots mit Parolen zu bedrucken, ergab sich von allein. »Die Amerikaner lieben es, Botschaften auf der Brust zu tragen. Ich dachte, das ist auch ein guter Platz, um politische Ideen zu verbreiten.«

Kurz vor dem ersten Jahrestag des zweiten Golfkrieges, am 20. März, war die Kollektion fertig. Jetzt musste nur noch ein kleines Problem gelöst werden: Wie kommt die Ware an den Mann und die Frau?

xxx
»Family Devaluers«:
Unterdrückte Ideen
an die Öffentlichkeit
Foto: Henryk M. Broder

Die ersten 75 Shirts verkaufte sie am Rande einer Demonstration gegen den Krieg auf dem Hollywoodboulevard. Sie richtete eine Website ein (»clothingoftheamericanmind.com«), besuchte »Events« von Kriegsgegnern und Benefizveranstaltungen von Organisationen wie »moveon.org«. Im Juli fuhr Caitlin quer durch Amerika von L.A. nach Boston und präsentierte ihre Ware auf Veranstaltungen der »League of pissed off voters« und der »Mothers opposing Bush«.

Im September war sie in New York, als George W. Bush zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gekürt wurde. »Nein, nicht im Madison Square Garden, draußen vor der Halle, bei den Demonstranten.« Sie hatte einen Einkaufswagen voller Shirts mit, und als sie wieder heimfuhr, war der Wagen leer. Und so rollte sie von einem Event zum anderen. Nach sechs Monaten waren etwa 10.000 Shirts verkauft und einige tausend Amerikaner liefen als wandelnde Litfasssäulen gegen Bush durch die Gegend. »Ich musste es tun«, sagt Caitlin, »um meine Energie in etwas Produktives umzusetzen.«

Dabei verdient sie nichts an der energetischen Umsetzung. Was nach Abzug der Kosten übrig bleibt, wird an Institutionen überwiesen, die Kerry nahe stehen, wie das Democratic National Committee, oder an Organisationen, die keine Hilfe von der Regierung bekommen, wie »Planned Parenthood«, bis jetzt über 10.000 Dollar.

Saisonware mit Verfallsdatum

Caitlin Blue will, dass Bush abgewählt wird. Und wie alle Amerikaner, die »involved« und »committed« sind, ist sie überzeugt, dass ihr Einsatz den Kampf um die Präsidentschaft entscheiden könnte, wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Was aber, frage ich, wenn Bush doch die Wahlen gewinnt? Einen Monat vor der Wahl liegt er in den Umfragen weit vor Kerry.

xxx
»My Bush is Pro-Choice«:
Freie Wahl der Verhütungs-
mittel
Foto: Henryk M. Broder

»Das bedeutet nichts«, sagt Caitlin, »die befragen mehr Republikaner als Demokraten, das machen sie absichtlich.« Aber auch sie rechnet mit dem Schlimmsten. »Wenn Kerry gewinnt, wird Bush ihm den Sieg stehlen, so wie er es mit Gore gemacht hat.« Es sei zudem ganz einfach, »die elektronischen Wahlmaschinen zu manipulieren«.

So oder so, egal ob Bush im Weißen Haus bleibt oder Kerry einzieht, Caitlin wird weitermachen, neue Shirts mit neuen Kampfparolen rausbringen. Vor dem Wahltag am 2. November müssen noch die alten verkauft werden, denn es ist »Saisonware mit Verfallsdatum«. Dieses Wochenende wird Caitlin gleich vier Events besuchen, darunter eine »Shirt-Party«in Pasadena und ein Benefiz-Konzert für Kerry in Süden von LA. Dabei wird sie ihr Lieblings-Shirt tragen, pinkfarben und mit dem Spruch: »My Bush is Pro-Choice!« Es ist ein leicht anzügliches Wortspiel mit dem Namen des Präsidenten, und Pro Choice meint in diesem Fall die freie Wahl von Verhütungsmitteln, von der Pille über das Kondom bis zum Pflaster.

Kein Wunder, dass sich dieses Shirt am besten verkauft.

Zurück zur Übersicht Druckversion | Nächster Tagebucheintrag
Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 3.12.2004
Webdesign von patfisch.de

versteckter Layer