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Die Achse des Guten

Babys gegen Bush

Schnuller für den Frieden

Die »Mothers opposing Bush« und die »Moms for Kerry« gibt es schon eine Weile. Seit kurzem gibt es auch eine »Baby-Brigade«, die zu Demos ausrückt, um die Wiederwahl von Bush zu verhindern.

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Baby mit »Babies
Against Bush«-Ballon: Sehr
reifer Eindruck
Foto: Henryk M. Broder

Sebastian ist 13 Monate alt, Noah grade sechs Monate, Julie hat in ein paar Tagen ihren ersten Geburtstag und Freddy macht mit seinen fünfzehn Monaten schon einen sehr reifen Eindruck. Sie sitzen dösend in den Kinderwagen oder klammern sich an ihre Mütter und Väter und sehen in den weißen Leibchen sehr niedlich aus. »Babies Against Bush«. Und damit man die Kids von den Eltern unterscheiden kann, tragen auch Mom und Dad weiße Leibchen mit einem Aufdruck: »Babies Against Bush - Parent«.

Während in Deutschland darüber diskutiert wird, ob man Kindern von Geburt an das Wahlrecht geben sollte, gehen amerikanische Kinder auf die Straße, um gegen George W. Bush zu demonstrieren, und das in einem Alter, in dem sie nicht einmal ihre Windeln allein wechseln könnten. Natürlich sind sie auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen.

Ruth und David Kennison schieben zwei Kinderwägen vor sich her. In einem sitzt Sebastian, ihr Sohn, in dem anderen liegen ein Paket mit Windeln und eine Tasche mit »Babies Against Bush«-Shirts. Treffpunkt für die Demo ist der Platz vor dem »Broadway Deli«, Ecke Broadway und Third Street. Mamma Ruth nimmt Sebastian aus dem Kinderwagen, steigt auf eine Betonbank und liest die »Top Ten Reasons We Are Babies Against Bush« vor.

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Demo-Teilnehmer, Organi-
satoren Ruth, David (1.
Reihe): Gruppenfoto zur
Erinnerung
Foto: Henryk M. Broder

Grund Nummer eins lautet: »Wir sind letzten Donnerstag lange aufgeblieben, um die Debatte zwischen Bush und Kerry zu sehen. Müssen wir noch mehr sagen?« Grund Nummer sieben: »Wenn wir erwachsen sind, wollen wir uns frei und stolz in der Welt bewegen, ungestört von einem Präsidenten, der keinen Respekt für die Weltgemeinschaft hat.«

Nach jedem Grund gibt es Beifall und »Yeah!«-Rufe. Dann sagt Ruth die Regeln für die Demo an: »Wir machen hier von unserem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch. Wir dürfen alles, nur nicht den Verkehr behindern und die Geschäfte stören.«

Etwa 50 Eltern und ebenso viele Kinder ziehen langsam los, über die Third Street Promenade von Santa Monica Richtung Wilshire Boulevard, vorbei an Break-Dancern, Straßenmusikern und applaudierenden Caféhaus-Besuchern. »Pacifiers for Peace« - Schnuller für den Frieden ist eine Parole, die jeder begreift. Um auch akustisch in dem Mittagsgewühl aufzufallen, rufen Ruth, David und ihre Freunde »Four more weeks!« (Eine Abwandlung der Bush-Parole: »Four more years!«) und singen gemeinsam ein Kinderlied: »A, B, C, D, E, F, G - say good bye to Georgie B.!«

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Demoteilnehmer: Junge
Hunde mit »Babies Against
Bush«-Shirts
Foto: Henryk M. Broder

Am Wilshire Boulevard angekommen, biegt der Zug links ab, dann nach zwei Blocks noch einmal links in den Ocean Boulevard, vorbei an den Obdachlosen von Santa Monica, die sich im Gras sonnen. Es geht zurück zum Broadway. Etwa eine Stunde dauert der Umzug, an dem auch junge Hunde mit »Babies Against Bush«-Shirts teilnehmen, »Biscuit«, ein zehn Monate alter Terrier und »Coco«, ein drei Monate alter Basset.

Dann wird noch ein Gruppenfoto zur Erinnerung gemacht, einige der Kinder sind vor Aufregung längst eingeschlafen, die Eltern verabschieden sich voneinander (»Have a nice day!«) und rollen mit ihren Buggies heim. Alle sind zufrieden, es war eine schöne Erfahrung.

Auch Ruth, die »Mother in Chief« freut sich, dass alles geklappt hat. »Ich habe die Idee zu der Demo gehabt.« Nachdem sie Michael Moores Film »Fahrenheit 911« gesehen hatte, beschloss sie, politisch aktiv zu werden. »Der Film hat mich motiviert, ich konnte Bush noch nie leiden, er ist nicht intelligent, er kann nicht reden, er ist eine Marionette, ich habe kein Vertrauen zu ihm. Und seit ich ein Kind habe, sehe ich die Welt mit anderen Augen.«

Ruth, vor 37 Jahren in Massachusetts geboren, hat an der Ostküste für HBO als Producerin gearbeitet, bevor sie 1995 nach Kalifornien zog. Auf der Suche nach einem Appartement lernte sie David, 37, kennen, einen Journalisten, der aus Pennsylvania gekommen war. Seit fünf Jahren sind sie verheiratet, seit etwas über einem Jahr haben sie ein Kind, Sebastian.

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Organisatorin Ruth
und Sebastian: »Ich
hatte keine Ahnung,
in was ich da rein-
geriet«
Foto: Henryk M. Broder

Ruth arbeitet inzwischen als »professional organizer«, sie hilft anderen, »ihr Leben zu organisieren«, zu ihren Kunden zählen »Prominente aus Hollywood«, die nicht in der Lage sind, ihren Schreibtisch aufzuräumen, das tägliche Chaos in den Griff zu bekommen, darunter auch einige »berühmte Komiker«, deren Namen sie nicht verraten will.

Anfang Juli schlug Ruth ihrer »Muttergruppe«, die sich jeden Freitag trifft, vor, eine »Baby-Brigade« ins Leben zu rufen. »Es war nicht ganz ernst gemeint, aber dann nahm die Sache ihren Lauf.« Sie postete die Idee in Internet-Foren und wurde mit Antworten zugeschüttet. »Die einen schrieben: 'Toller Einfall!', die anderen: 'Wie kannst du dein Kind nur so ausbeuten? Schäm dich!'«

Aber die positiven Reaktionen überwogen. Und so wurden die »Babies against Bush« geboren. »Ich hatte anfangs keine Ahnung, in was ich da reingeriet.« Heute hilft Ruth den »Mothers opposing Bush« und sammelt Geld für den demokratischen Kandidaten, John Kerry. »Ich will nicht, dass Bush wieder gewählt wird. Es geht um das Leben und die Zukunft unserer Kinder.«

Die Kinder-Demo war ein »one time event«, vier Wochen vor dem Wahltermin. Aber es könnte sein, dass die Kids bald wieder auf die Straße müssen - falls Bush wider Erwarten doch gewinnen sollte. Dann wollen Ruth und die »Moms for Kerry« eine neue Aktion ins Leben rufen: »Babies impeach Bush!« - Babies für die Amtsenthebung von Bush!

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Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 3.12.2004
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