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Wahlparty in L.A. Country oder Rock'n'Roll Wahlkampf daheim, bei Nudeln und Guacamole: Die Demokraten mobilisieren ihre Basis. Wenn alle, die gegen Bush sind, Kerry wählen, kann der nicht verlieren. Es sei denn...
Pacific Palisades ist keine Gegend, in der Revolutionen ausgebrütet werden. Hier wohnt die obere Mittelschicht, Leute, die gut verdienen, die sich aber ein Haus in Beverly Hills oder Malibu nicht leisten können oder wollen. Fragt man sie »What are you doing for living?«, sagen fast alle: »I am working in the industry.« Gemeint sind nicht Fabriken mit Fließbändern oder Sweatshops, in denen rund um die Uhr Hosen genäht werden, die »industry« ist Hollywood. Jeder Zweite ist ein »actor«, »director«, »writer« oder »producer«, und wer nicht direkt mit der Herstellung von Filmen zu tun hat, der ist »agent«, »analyst« oder »consultant«. Egal aber, womit sie ihr Geld verdienen, eines haben sie gemeinsam: Es sind alles Demokraten, Bush-Basher und Kerry-Wähler. Wie Charles »Chuck« Levin, ein »political consultant«, der auch den Bürgermeister von Los Angeles, Jim Hahn, berät. Chuck, 1947 in L.A. geboren, war schon auf der High School politisch aktiv, er verteilte Flugblätter vor Supermärkten, um streikende Farmarbeiter zu unterstützen, Cesar Chavez, der legendäre Anführer der »United Farm Workers«, und Martin Luther King sind seine Vorbilder. Natürlich hat er auch gegen den Krieg in Vietnam demonstriert und es irgendwie geschafft, nicht eingezogen zu werden. »Die senken die Steuern für Multimillionäre« Jetzt steht Chuck, der mit seinen langen weißen Haaren wie ein bejahrter Prinz Eisenherz aussieht, im Vorgarten eines Hauses und begrüßt Gäste. »Welcome to the party.« Das Haus gehört seiner Freundin Rachel, die es von ihrem Mann als Geschenk zur Scheidung bekommen hat. Es ist eines der ältesten Häuser in Pacific Palisades, gebaut 1927, für amerikanische Verhältnisse eine Antiquität. Im Garten steht ein Zitronenbaum, an den Ästen hängen überreife Früchte, so groß wie Pampelmusen.
Unter dem Baum sitzen David und Angela an einem Tisch und kassieren von jedem Gast 20 Dollar. Vor ihnen stehen drei Körbe, jeder Gast wird gefragt, für wen er spenden möchte: die »Palisadians for Peace«, den »Democratic Club« oder die »Alliance for Survival«. Im Hause gibt es Unmengen von Pasta und Reissalat, dazu die in Kalifornien unvermeidliche Guacamole und Salsa zum Dippen. Im Fernsehen läuft das Duell zwischen Dick Cheney und John Edwards. Edwards sagt: »Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen denen und uns: Wir wollen etwas für die arbeitenden Menschen tun, die senken die Steuern für Multimillionäre.« Cheney schaut drein, als würde er denken: »Was soll denn daran falsch sein?« Ginge es nur nach den Gästen von Chuck und Rachel, wäre die Frage, wer Vizepräsident der USA werden soll, nach 90 Minuten entschieden. Natürlich Edwards. Nur Michael Rosenthal, der Verleger des »Santa Monica Mirror«, eines kostenlosen Wochenblattes, findet Cheney »a nice guy«, wird aber trotzdem am 2. November Kerry wählen. Im Grunde, sagt Rosenthal, wird die Wahl in Ohio entschieden, deswegen hält sich Bush dauernd in diesem Staat auf. »Es geht um 10.000 Stimmen für den einen oder den anderen. Eine absurde Situation.« Vor vier Jahren gab es solche Partys nicht Falls Kerry am Ende doch die Nase vorn haben sollte, wird dies auch das Verdienst von Chuck und Rachel sein. Und von Tausenden von Demokraten, die überall in den USA Wahlpartys organisieren, Geld sammeln, »um Menschen zu mobilisieren, die etwas tun möchten, aber keine Gelegenheit dazu haben«, sagt David. »Das gibt ein Gemeinschaftsgefühl, und es produziert Optimismus.« Bis vor kurzem, sagt Angela, »war Apathie unser größtes Problem. Unter Clinton haben alle geschlafen, Bush hat uns aufgerüttelt«. Bei der letzten Wahl hat sie Ralph Nader ihre Stimme gegeben, das wird sie diesmal nicht tun. »Wenn alle, die gegen Bush sind, Kerry wählen, kann er nicht verlieren«, sagt Chuck.
Eine einfache Rechnung mit einer Unbekannten: Wenn alle, die für Bush sind, Bush wählen, kann auch er nicht verlieren. Weil aber nur einer gewinnen kann, kommt es auf jede Stimme an. Und deswegen rührt sich die demokratische Basis, wie sie es noch nie getan hat. »Es gab solche Partys vor vier Jahren nicht«, sagt David, »das ist es, was uns heute von den Republikanern unterscheidet.« Allerdings, sagt Chuck, wenn die Republikaner Geld sammeln, »dann fangen die bei 2000 pro Kopf an«. »Es ist uns peinlich, Amerikaner zu sein« Das ist ungefähr die Summe, die an diesem Abend mit 80 Gästen zusammenkommt. Nicht sehr viel, aber doch beachtlich. Denn es gibt einen »spin-off«-Effekt. Cassandra, 26, eine Hausfrau und Mutter von zwei Kindern, verkauft Lose. Der Gewinner der Ziehung bekommt »einen seltenen Kerry/Edwards-Button«. Michele, 29, Set-Designerin aus Burbank, macht Handtaschen (»Truth, Kerry, Justice«), die sie für 100 Dollar pro Stück anbietet - zu Gunsten der Demokraten. Sie hat schon sechs Stück in ihrem Bekanntenkreis verkauft. »Schreibt Leserbriefe an die Zeitungen, beteiligt euch an den Polls der Fernsehsender!«, ruft Chuck seinen Freunden zu, »macht was!« Bushs Politik »hat unser Land gefährlich und unbeliebt gemacht«, wegen Bush »ist es uns peinlich, Amerikaner zu sein«. Ich frage Chuck, ob er wirklich glaubt, Kerry werde eine andere Politik als Bush betreiben. Immerhin hat Kerry versprochen, »die Terroristen zu jagen und zu töten«. Seine Parole lautet: »For a stronger America«, die von Bush »For a strong America«. Worin liegt also der Unterschied? »Ich werde es dir erklären«, sagt Chuck. »Bush ist ein Country- und Western-Typ, Kerry ist ein Rock'n'Roll-Typ. Und das bin ich auch.«
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