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Im Hungerstreik gegen Bush »Give Pizza a Chance!« Seit über einem Vierteljahrhundert kämpft und demonstriert Jerry Rubin der Zweite für den Frieden und gegen den Krieg. Seit ein paar Tagen ist er im Hungerstreik - gegen Ralph Nader, den Kandidaten der Reform-Partei, der keine Chance hat, aber die Wahl entscheiden könnte.
Am 2. Oktober wäre Mahatma Gandhi 135 Jahre geworden. Jerry Rubin hat lange überlegt, wie er den Geburtstag seines großen Vorbilds feiern sollte. Er stand früh auf, ohne seine Frau Marissa zu wecken, ging ins Bad, zog sich ein T-Shirt mit einem Gandhi-Bild an (»My Life is My Message«), frühstückte bei Starbucks (Bagel mit Creamcheese und eine Sojamilch) und baute dann seinen Stand mit Bumper-Stickers (»Alles, womit Bush nicht einverstanden wäre«) in der Promenade von St. Monica auf. Kurz vor 12 Uhr aß er noch einen organischen Apfel und erklärte dann seinen auf vier Wochen geplanten Hungerstreik für eröffnet. Er will eine Woche lang Brühe, Kräutertee und Fruchtsäfte zu sich nehmen, danach nur Wasser. Es sei denn, Ralph Nader zieht seine Kandidatur für das Amt des amerikanischen Präsidenten zurück. Denn das ist es, wofür Jerry Rubin hungerstreikt. »Wenn Nader vor vier Jahren nicht kandidiert hätte, wäre Bush heute nicht im Weißen Haus.« Und er macht eine einfache Rechnung auf. Nader bekam in Florida, wo die Wahlen entschieden wurden, rund 97.000 Stimmen. Am Ende, nach allen Auszählungen, lag Bush 537 Stimmen vor dem demokratischen Kandidaten Al Gore. Wäre Nader nicht angetreten, hätten die meisten Nader-Wähler ihre Stimme Al Gore gegeben, und Bush wäre in Texas geblieben. »Ich verstehe nicht, warum Nader es wieder darauf ankommen lässt. Objektiv betrachtet, arbeitet er für Bush. Er ist ein Spoiler, ein Stinkefinger.« Mit Kollaps ins Krankenhaus Jerry hofft tatsächlich, dass Nader im letzten Moment auf seine Kandidatur verzichtet, damit Kerry die Wahlen gewinnt. »Wir können uns nicht noch einmal vier Jahre Bush erlauben. Es wäre eine Katastrophe.« Also spricht er die Passanten an und fordert sie auf, bei Nader anzurufen oder ihm eine E-Mail zu schicken, mit der dringenden Bitte »to quit the race«.
Viele reagieren positiv. »Das mach ich«, sagt eine junge Frau, »das letzte Mal habe ich für Nader gestimmt, aber jetzt will ich kein Risiko eingehen«. Jerry freut sich und schenkt ihr einen Sticker mit einer Anti-Bush-Parole. Er freut sich noch mehr, als ihm ein Freund am frühen Nachmittag die Nachricht überbringt, dass die LA Dodgers gegen die San Francisco Giants ein Baseballspiel gewonnen haben. Jerry ist so außer sich, dass der Campingstuhl, auf dem seit Stunden sitzt, unter ihm zusammenkracht. Denn immerhin wiegt Jerry knapp 100 Kilogramm und der Hungerstreik zeigt noch keine Wirkung. Es ist nicht da erste Mal, dass Jerry freiwillig auf Essen verzichtet, um eine Botschaft zu verbreiten. Das hat er in den vergangenen 25 Jahren schon 30- oder 31-mal gemacht, sein persönlicher Rekord liegt bei 103 Tagen. Einmal musste er sogar mit einem Kollaps ins Krankenhaus eingeliefert werden. Denn Jerry ist ein »Peace Activist«, einer, der es wirklich ernst meint. Zu seinem 60. Geburtstag letzten Dezember hat er sich selbst »ein Geschenk gemacht« und seinen Namen in »Jerry Peace Activist Rubin« geändert, so steht es jetzt in seinem Personalausweis. Im Telefonbuch war er schon lange als »Jerry Peace Activist Rubin« gelistet. Über 300 Dollar hat ihn die Änderung gekostet, aber jetzt ist es amtlich: Jerry Rubin, the Peace Activist, nicht zu verwechseln mit Jerry Rubin, dem Ersten, der in den sechziger Jahren als Mitglied der »Chicago Seven« bekannt wurde und 1994 bei einem Autounfall in L.A. ums Leben kam. Verabredung zum Frühstück Jerry Rubin kannte natürlich »the original Jerry Rubin«, es gibt sogar ein Foto, auf dem die beiden zusammen zu sehen sind, und er fühlt sich als dessen Erbe. »Wenn Jerry heute leben würde, wäre er auch gegen Bush, gegen den Krieg im Irak und gegen die Politik der Gewalt.« Am Abend geht Jerry nach Hause, er wohnt mit seiner Frau, einer Kunsttherapeutin, in einem kleinen Appartement mit Blick auf das Meer. Ich frage ihn, ob sie gemeinsam zu Abend essen würden. Er schaut mich von oben an und murmelt. »I do not cheat«, ich betrüge nicht. Also verabreden wir uns für den nächsten Morgen zum Frühstück im »Broadway Deli«. Ich bestelle den »housemade hash« mit Rührei, dazu ein Bagel, Jerry ordert ein großes Glas frisch gepressten Saft: ein Drittel Orange, ein Drittel Apfel, ein Drittel Karotte. Er hat nichts dagegen, dass ich esse, im Gegenteil. »Es macht mich stärker, wenn ich dir dabei zuschaue.« Ich futtere, Jerry erzählt sein Leben. 1943 in Pennsylvania als zweiter Sohn von Abraham und Betty Rubin geboren - der Vater verkaufte Versicherungen, die Mutter Kinderspielzeug - lernte er schon früh, was es heißt, ein Außenseiter zu sein. Er litt an epileptischen Anfällen und wurde in der Schule unnett behandelt. »Ich bekam Prügel, weil ich Jude war, weil ich eine Brille trug und weil ich ab und zu auf den Boden fiel«. Mit 14 musste er die Schule verlassen, nachdem er fünf Monate dem Unterricht ferngeblieben war (»Es waren genau 158 Tage am Stück«) und kam in eine Erziehungsanstalt, die »Youth Study Center« hieß. Danach hatte er immer noch nichts gelernt, machte allerlei »odd jobs« an Tankstellen, in Restaurants und Fabriken, denn die Eltern waren inzwischen geschieden und außerdem »arme Leute, die selber Mühe hatten, über Wasser zu bleiben«. Am 4. Juli 1967, dem Unabhängigkeitstag, kam Jerry in Kalifornien an. »Da hatten die Mädchen Blumen im Haar und trugen das Peace-Zeichen um den Hals.« Ein Heilpraktiker erlöste ihn von den epileptischen Anfällen, er belegte Kurse am St. Monica College, wo er eine junge Frau traf, die ihm eine Karte für ein »No Nukes«-Konzert in der Hollywood Bowl schenkte. Mit John Denver und Richie Heavens als Musiker und Ralph Nader als Redner. 18.000 Menschen kamen bei über 40 Grad Hitze zusammen, um gegen Atomwaffen zu demonstrieren. Das Ganze hieß »Survival Sunday« und wurde von der »Alliance for Survival« organisiert. »An dem Tag wurde ich ein Peace Activist, es war das Beste, was mir passieren konnte.« Langer Abenteuerurlaub für einen guten Zweck Seitdem ist praktisch kein Tag vergangen, an dem Jerry nicht etwas für den Frieden und gegen den Krieg unternommen hätte. Er war bei der größten Friedensrallye aller Zeiten (»Eine Million Menschen!«) im Juni 1982 in New York dabei, und als er auf den Tag genau ein Jahr später heiratete, geriet auch die Hochzeitsfeier zu einer Demo für den Frieden, mit über 400 Teilnehmern. Der Park, in dem die Feier stattfand, wurde zu einer atomwaffenfreien Zone erklärt.
1986 nahm er an einem Friedensmarsch von Los Angeles nach Washington teil, der über acht Monate dauerte. Zu Fuß über die Rocky Mountains und die Mojawe-Wüste. »Wir waren über 1000 Aktivisten, einige sind unterwegs gestorben, einige Kinder wurden geboren, es war wie in einer großen Familie.« Das war der absolute Höhepunkt seines Lebens, ein langer Abenteuerurlaub im Freien für einen guten Zweck. »Wir waren sogar für den Friedensnobelpreis nominiert.« Alles in allem hat Jerry an Hunderten von Friedens-Events teilgenommen und etwa 200 selbst organisiert. Und was hast du erreicht? frage ich ihn, Bush regiert das Land, und es ist nicht ausgeschlossen, dass er wiedergewählt wird. Jerry nimmt die Frage nicht übel, er hat sie zu oft gehört. »Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass es darauf ankommt, was ich mache, wäre ich ein Narr. Alles, was wir tun, hat eine Wirkung. Wir leben für den Frieden.« Alles bekennende Patrioten Nach anderthalb Stunden schaut Jerry auf die Uhr und springt auf. »Ich muss heim, ein paar Sender wollen mich interviewen.« An der Tür zu Jerrys Appartement steht »Bitte die Schuhe ausziehen«, darunter »Atomwaffenfreie Zone«. Auf der Innenseite hängt das »Earth Anthem«, zu singen nach der Melodie von »Star Spangled Banner«. Das ist das Schöne an den amerikanischen Peaceniks, Refuseniks und Protestniks: Am Ende sind sie doch bekennende Patrioten, die Amerika zu schön finden, um es sich abschwatzen zu lassen. Kaum hat Jerry die Schuhe ausgezogen, klingelt das Telefon. Laura von der KFBK-Station in Sacramento ruft an, und Jerry erklärt ihr, warum er in den Hungerstreik getreten ist und dass er gerne mit Nader reden würde. »Ich hoffe, dass er mich anruft, damit wir uns verabreden können.« Nicht nur Demokraten, »auch progressive Menschen« wie Michael Moore und Bill Maher hätten Nader »auf den Knien gebeten«, nicht zu kandidieren. Er, Jerry Rubin, werde so lange nichts essen, bis Nader eingesehen hat, dass es für Amerika das Beste wäre, wenn er aufgibt. Während er das Interview gibt, spielt Jerry mit einer Puppe, die wie George W. Bush aussieht und hässliche Geräusche macht. Der nächste Anrufer, Buck von KKRZ in Portland/Oregon, hat die richtige Nummer gewählt. ist aber trotzdem falsch verbunden. »Ich bin nicht der originale Jerry Rubin«, sagt Jerry, »ich lebe noch.« Und erklärt wieder, worum es ihm geht. Derweil schmatzt Buck in Portland/Oregon ins Telefon und will wissen, ob Jerry nicht auch Lust auf eine schöne, saftige Pizza hätte. Jerry bleibt gelassen. »All we are saying is: Give pizza a chance.« Das wäre eine schöne Schlusspointe, denke ich, und will gehen. Aber Jerry will mir unbedingt noch eine Geschichte erzählen. Dienst im Altersheim Am 6. Februar 1980 kam Edward Teller, der Vater der Wasserstoffbombe, an die University of California in Los Angeles, um einen Vortrag zu halten. Jerry protestierte mit Freunden vor dem Saal, dann schlich er sich rein, ging auf das Podium und drückte Teller eine Cremetorte ins Gesicht. Er kam vor Gericht, wurde zu 30 Tagen Haft, ersatzweise 200 Stunden »community service« in einem Altersheim verurteilt. Jerry entschied sich für den Dienst im Altersheim. Bald darauf war unter seiner Führung eine Gruppe entstanden, die sich »Seniors Against Nuclear Development« nannte, abgekürzt SAND. »Man kann immer und überall etwas für den Frieden tun.« Nächste Woche gehe ich wieder mit Jerry essen - Pancakes for Peace.
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