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Veits Kampf Blind Date mit dem Wähler Telefonwerbung und Kuchenverkauf - ein junger deutscher Student hilft einer amerikanischen Senatorin im kalifornischen Wahlkampf. Für sein Studium lernt er bei dem Abstecher in die wirkliche Politik wenig, dafür umso mehr fürs Leben.
Anfang des Jahres 2004 hatte Veit Medick, Politik-Student im siebten Semester am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität, genug von Berlin. Er wollte »was im Ausland machen«, ein Praktikum, am liebsten an der Westküste der USA. Er hatte schon ein kurzes Praktikum bei dem SPD-Abgeordneten Gernot Erler im Bundestag hinter sich und den Abstecher »in die wirkliche Politik« sehr genossen. Veit, 24, schaute sich im Internet um, stieß auf die Homepage der kalifornischen Senatorin Barbara Boxer, die sich zur Wiederwahl stellt, und beschloss: »Da will ich hin.« Er schickte eine E-Mail und ein paar Unterlagen an den »Campaign Director« und bekam bald eine Antwort: »Wann kannst du kommen, wie lange willst du bleiben?« »So einfach hatte ich mir die Sache nicht vorgestellt«, sagt Veit, der schon als Austauschschüler ein Jahr in den USA gelebt hat. Schwieriger war es, eine Förderung zu bekommen. Er stellte einen Antrag auf ein Kurzstipendium für Auslandspraktika beim DAAD und erfuhr dann, wie schlecht es dem DAAD geht: »Die hatten kein Geld übrig.« Also nahm er einen Job in einer Einrichtung für Behinderte an, wo er zehn Euro pro Stunde verdiente, und sparte, bis er sich den Flug in die USA, ein kleines Appartement und ein gebrauchtes Auto leisten konnte. Zwischen Kerry- und Boxer-Section Anfang August kam Veit in Los Angeles an, am 3. November wird er wieder nach Deutschland zurückfliegen, einen Tag nach den Wahlen und einen Tag vor dem Ablauf seines Touristenvisums. Dann sind auch seine Ersparnisse aufgebraucht, die er streckt, indem er preiswert einkauft: »Es haut hin, wenn man die Coupons von Ralph's und Albertson's benutzt«, dann gibt es zwei Pakete Nudeln zum Preis von einem.
Veit sitzt von Montag bis Freitag acht bis zehn Stunden täglich in einem »Cubicle«, Rücken an Rücken mit Vincent, 28, und telefoniert ununterbrochen. In dem fensterlosen Großraum arbeiten etwa 30 Leute für die Senatorin Barbara Boxer und zehn Leute für John Kerry, den Kandidaten der Demokraten für das Amt des Präsidenten. Der Raum wird durch eine unsichtbare Linie geteilt. »Da hinten ist die Kerry-Section, hier die Boxer-Section.« In der Boxer-Section herrscht ebenfalls Arbeitsteilung. Links vom Gang schaffen die »Fundraiser«, rechts vom Gang die »grass root«-Aktivisten. Die »Fundraiser«, sagt Veit, »gelten als das Rückgrat der Kampagne«, sie haben bis jetzt mehr als 14 Millionen Dollar eingesammelt, die vor allem für TV-Spots ausgegeben werden. »Alles andere ist sinnlos.« Deswegen sind, mitten in der heißen Wahlkampfphase, keine Plakate in den Straßen zu sehen. Die »Fundraiser« organisieren Events, deren einziger Zweck darin besteht, Geld für den Wahlkampf von Barbara Boxer zu generieren. Gastgeber ist meistens »ein reicher Demokrat«, denn »Geld zu haben und Demokrat zu sein, schließt sich nicht aus, Hollywood ist eine Hochburg der Demokraten«. Barbara Boxer ist bei jedem Event die Hauptattraktion. Um sie live zu erleben, zahlen die Gäste drei- bis vierstellige Beträge. Die Events werden bis ins letzte Detail durchgeplant. »Alles muss stimmen, das Sound-System, das Essen, das Timing. Auch die Cheese Cracker, die sie am liebsten mag, liegen für sie bereit.« Es gibt Tage, an denen Barbara Boxer drei bis fünf solcher Events absolviert: Frühstück mit einem Filmproduzenten, Mittagessen mit einem Verleger, Abendessen mit einem Banker. Und dazwischen Besuche bei Rotariern und Freimaurern. »Hi, ich bin Veit« Während die Fundraiser die Gutbetuchten zur Kasse bitten, kümmern sich die »grass root«-Aktivisten um die Basis. Sie initiieren Hauspartys, bei denen ebenfalls »Donations« gemacht werden, kleinere Beträge zwischen 20 und 100 Dollar. Wenn es sich zeitlich einrichten lässt, wird ein »conference call« mit Barbara Boxer arrangiert, ein Telefonat von 15 Minuten Dauer über den Raumlautsprecher. Wer eine »house party« geben will, kann im Büro der Kampagne einen »house party kit« bestellen, mit fünf T-Shirts, fünf Boxer-Shorts, fünf Kaffeetassen, fünf Baby-Shirts und fünf Baseball-Kappen, alle mit dem Barbara Boxer Logo. Dazu gibt es »jede Menge Literatur«, das sind Flugblätter über Barbara Boxer und ihre Arbeit im Senat. Veits Job ist es, das »Surrogate Speaker Program« anzubieten. Er ruft Handelskammern, Veteranenvereine, Community Centers und Seniorenheime an und sagt: »Hi, ich bin Veit, und ich arbeite für Barbara Boxer, wären Sie daran interessiert, dass wir einen Sprecher zu Ihnen schicken, der Sie über den letzten Stand der Kampagne informiert?« Es kommt vor, dass der Mann oder die Frau am anderen Ende der Leitung sagt: »Hier gibt es nur Republikaner, wir sind nicht daran interessiert, was die Demokraten machen!« oder »Unsere Senioren wollen nicht mit Politik belästigt werden!« Dann sagt Veit: »Entschuldigen Sie bitte die Störung, einen schönen Tag noch« und wählt die nächste Nummer. Jeder zehnte Anruf ist erfolgreich. Dann macht sich einer der 50 »Surrogate Speaker« auf den Weg. »Es kann passieren, dass der vor 100 Leuten spricht oder auch nur vor fünf, es ist quasi ein Blind Date mit einer Gruppe.« »The Road to Victory« Zwischendurch aktualisiert Veit die »data base«, schreibt Interessenten in die E-Mail-Liste ein, die bei Veranstaltungen »get connected cards« ausgefüllt haben. »Es ist keine sehr aufregende Arbeit und intellektuell nicht anregend, aber es ist eine tolle Erfahrung, so nah dran zu sein, gerade bei dieser Wahl.« Zweimal hat er mit Barbara Boxer gesprochen - »gesprochen ist fast schon zu viel gesagt« - am Rande von Fundraiser-Events. Am liebsten würde Veit »canvassing« machen, von Tür zu Tür gehen und mit Leuten reden, »da würde ich was über sie erfahren«. Aber als unbezahlter Praktikant kann er sich die Arbeit nicht aussuchen.
Vor zwei Wochen war er bei einem »bake sale« dabei, da haben alle freiwilligen Helfer der Kampagne Kuchen gebacken und einen Drive-in-Stand an einer belebten Straße in Venice aufgebaut. Innerhalb von vier Stunden kamen über 800 Dollar zusammen. Bei der Gelegenheit konnten sich die Kuchenkäufer auch zur Wahl registrieren lassen, denn wer nicht registriert ist, darf später auch nicht wählen. »Das war ein Riesenspaß«, so kam Veit in direkten Kontakt mit der Basis und hat viel dabei gelernt. Jetzt sitzt er wieder in seinem »Cubicle« und telefoniert. An der Wand hinter ihm hängt eine Tafel, die wie ein großes »Mensch-ärgere-dich-nicht«-Spiel aussieht. Sie zeigt »The Road to Victory«, den Weg zum Sieg. Daneben eine Countdown-Anzeige: noch 27 Tage bis zum Wahltag. »Thou Shalt Not Steal Elections« steht in biblischem Englisch auf einem Sticker, der am nächsten »Cubicle« klebt. Was nimmt Veit mit, wenn er Anfang November nach Deutschland zurückfährt? »Die Politik in den USA hat sich verkapitalisiert. Es kommt nur auf Input, Output, Leistung und Effektivität an.« Aber auch dies: »Die Amerikaner sind freundliche Menschen. Und mir ist die oberflächliche Freundlichkeit der Amis lieber als die gründliche Unfreundlichkeit der Deutschen.«
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