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Arlington von L.A. Ein Holzkreuz für jeden Toten In Arlington bei Washington ruhen die Helden der US-Armee. In Santa Monica wird an die Toten des Irak-Krieges erinnert. »Arlington West« ist ein symbolischer Friedhof, der jeden Sonntag auf- und abgebaut wird.
Drei Stunden dauert die Aktion, von 7 bis 10 Uhr. Zwei Dutzend Freiwillige bauen am St.-Monika-Pier, direkt unter einem Rummelplatz mit Riesenrad und Spielarkaden, einen Friedhof auf. Sie stecken 1000 weiße Holzkreuze in den Sand, dazu sechs rote und neun blaue. Genau 1069 amerikanische Soldaten sind bis Ende der letzten Woche im Irak ums Leben gekommen. Seit dem 1000. Toten bekommen je zehn Gefallene ein rotes Kreuz. Neun »Casualties« gab es allein letzte Woche, darunter Sergeant Jack Taft Hennessy, 21, und Specialist Jessica Cawvey, ebenfalls 21. »Hier ist noch viel Platz«, sagt Larry, einer der Freiwilligen, und macht eine ausgreifende Armbewegung. In der Tat, an dieser Stelle ist der Strand von Santa Monica besonders weit. »Arlington West« heißt die symbolische Ruhestätte, es ist die zweite ihrer Art. Am 7. November 2003, ein halbes Jahr nach dem Beginn des Irak-Krieges, kamen einige »Veterans For Peace« am Strand von Santa Barbara, zwei Autostunden nördlich von Los Angeles, zusammen und pflanzten Kreuze in den Sand. Sie wiederholten das Ritual jeden Sonntag, mit immer mehr Kreuzen. Seit dem 15. Februar 2004 gibt es auch in Santa Monica einen »Ort der Trauer und der Erinnerung«, sagt Don, der selber nie gedient hat, aber »sehr viel Sympathie für die Sache« empfindet und seit sechs Wochen jeden Sonntag im Morgengrauen aufsteht, um den »Veterans for Peace« zu helfen. Gegen jeden Krieg auf die Straße Wenn Don am Pier ankommt, ist Eddie meist schon da. Vor 85 Jahren, 1919, in Budapest geboren und in Wien aufgewachsen, musste er 1938 flüchten, nachdem »this son of a bitch from Braunau« Österreich eingenommen hatte. Über die Schweiz und Frankreich kam er in die USA und wollte sich sofort freiwillig zur Armee melden, wurde aber als »enemy alien« abgewiesen. Einen Tag nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor wurde Eddie eingezogen und »in die schönste und sauberste Stadt der Welt« geschickt, nach Kalkutta, wo er mit logistischen Aufgaben beschäftigt war. »Ich hatte immer in der Etappe zu tun, habe keinen Schuss abgefeuert und niemanden getötet.«
Anfang 1946 kam er zurück in die USA, wurde nie wieder eingezogen, ist aber seitdem »gegen jeden Krieg auf die Straße gegangen«, Korea, Vietnam, Irak 1 und Irak 2. Eddie hat über 30 Jahre für das Department of Water and Power in Los Angeles gearbeitet, ist seit 47 Jahren verheiratet, hat drei Kinder und fünf Enkel, alles Jungs. »Die werden niemals Soldaten werden.« Seit er pensioniert ist, macht er nur, »was mir gefällt und der Menschheit hilft«. »Zieh dir ein ordentliches T-Shirt an!«, ruft seine Frau Iris, die immer und überall mitkommt. Eddie steht auf und schlüpft in ein weißes T-Shirt mit dem Logo der Veterans for Peace. Dann redet er weiter. »Seit Nürnberg wissen wir, ein Soldat hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, ungesetzliche Befehle zu verweigern.« Der Krieg gegen Hitler war »berechtigt«, der gegen Saddam ist es nicht, denn »er basiert auf Lügen«. Nun macht sich Eddie Sorgen, »der Typ im Weißen Haus könnte die Wahlen gewinnen und einen Dritten Weltkrieg auslösen«. »Krieg sollte wie Sklaverei verboten werden« Verglichen mit Eddie ist Mark noch ein junger Mann, doch trotz der langen Haare und des Vollbartes wirkt er älter, als er ist. 1945 in New Jersey geboren, hat er sich nach der Schule freiwillig zur Armee gemeldet, ein Jahr in einer Kampfeinheit in Vietnam gedient und war zwei Jahre in Deutschland stationiert, in Göppingen. An seiner Armeejacke, die er aus Vietnam mitgebracht hat, hängt eine blaue »Combat Infantry Badge« und ein »Brown Star«. Wofür hat er die Auszeichnungen bekommen? »Doing a good job at killing people.« Und wie viele hat er getötet? »17 auf unserer Seite, und auf deren Seite - ich weiß es nicht.« Beim Absetzen einer Einheit gab es einen Unfall durch »friendly fire«. Mark hatte die falschen Koordinaten durchgegeben.
Nach dem Armeedienst verkaufte er Kopiergeräte und Gebrauchtwagen, 1974 machte er sich als Buchhalter und Steuerberater selbständig. Seit 1995 ist er bei den »Veterans for Peace« aktiv. Die haben inzwischen NGO-Status bei der Uno und zählen rund 5000 Mitglieder in 100 Ortsgruppen überall in den USA. »Es sind vor allem die Veteranen, die den Mut haben, die Wahrheit auszusprechen. Und die Wahrheit ist: Krieg ist ein Verbrechen. Krieg sollte ebenso wie Sklaverei verboten werden.« »Als müsste ich auf eine Beerdigung« Als Mark nach Vietnam geschickt wurde, »da glaubte ich alles, was uns unsere Regierung erzählte«, dass »wir das Recht und die Gerechtigkeit auf unserer Seite haben«. Deswegen kann er die Kriegsbefürworter von heute verstehen. »Ich war damals genauso.« Und es dauerte lange, bis er seine Haltung geändert hatte. Mark hat »Arlington West« mitinitiiert, Anfangs ist er jeden Sonntag zum Strand gegangen, inzwischen nur noch selten. »Es ist, als müsste ich jede Woche auf eine Beerdigung.« Mark hat einen 17 Jahre alten Sohn. Was würde er machen, wenn der sich eines Tages zur Armee melden würde? »Ich habe ihm gesagt: Wenn du das machst, erschieße ich dich.« Am Abend, kurz vor Sonnenuntergang, werden die 1069 Kreuze wieder eingesammelt. Nächsten Sonntag wird »Arlington West« am Strand von Santa Monica wieder aufgebaut. Eddie will wieder dabei sein, Mark weiß es noch nicht. Nur eines ist sicher: Es werden ein paar Kreuze mehr sein.
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