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Zurück nach Deutschland Das Feuer ist aus Vor fast 30 Jahren zog eine junge Frau von Hamburg nach New York. Aus der Journalistin Sabine Reichel wurde eine Modedesignerin, dann eine Schriftstellerin. Jetzt kehrt sie zurück, von Hollywood nach Berlin, von ihrer alten Liebe USA will sie die Scheidung.
Sabine Reichel ist vermutlich der einzige Mensch in Los Angeles, der kein Handy hat. Das macht die Kommunikation mit ihr ein wenig umständlich, denn auch ihren Anrufbeantworter daheim hört sie ungern per Fernabfrage ab. Sabine Reichel ist altmodisch. Sie dagegen findet: »Ich war immer meiner Zeit voraus.« Ende der vierziger Jahre in Hamburg geboren - genauer mag sie nicht werden - hat sie »schon mit acht Jahren Elvis und die Everly Brothers gehört« und so Englisch gelernt. »Ich war ein überbegabtes Kind, Schule interessierte mich nicht.« Nach der Mittleren Reife wurde sie zuerst Volontärin und dann Reporterin beim »Hamburger Abendecho«, einer SPD-Zeitung mit Tradition. »Innerhalb eines halben Jahres hatte ich meine eigene Seite«, sie schrieb über Musik, Mode und Filme. Es war die Zeit der »British Invasion«, und Sabine war öfter im »Starclub« als in der Redaktion. Sie traf John Lennon und Richard Lester (bei den Dreharbeiten zu »How I Won The War«), ihr allererstes Interview führte sie mit dem polnischen Regisseur Andrzej Wajda. Dann ging das »Echo« ein, und Sabine bewarb sich bei der »Bild«-Zeitung. Es war das Jahr 1968. »Ich ärgere mich bis heute, dass ich es nicht wie Günter Wallraff gemacht habe.« Von der »Bild« ging es zur »BamS«. Statt in den »Starclub« zu gehen, fuhr sie »immerzu nach London«, interviewte Twiggy und David Hemmings (»Blow Up!«) und traf Jane Fonda bei den Dreharbeiten zu »Barbarella« in Rom. »Es war phantastisch, die haben mich alles machen lassen.« Trotzdem wurde sie nach einem Jahr gefeuert, nachdem sie an einer »Enteignet Springer!«-Demo teilgenommen hatte. »Ich sah da keinen Interessenkonflikt«, die Springer-Leute allerdings schon.. »The Dream Is Over« Dann arbeitete sie ein paar Monate für die Frauenillustrierte »Constanze«, bis es ihr »zu dumm und zu langweilig« wurde. Alle ihre Freunde waren in der »radikalen Szene« und auch Sabine wollte »die Welt aus den Angeln heben, ich glaubte fest daran, dass die Welt geändert werden muss«. Was war es, das sie ändern wollte? »Alles. Wir waren die Anti-Alles-Generation.« Und sie zitiert John Lennon, ihren Lieblingsdichter, mit einer Zeile aus dem Song »Working Class Hero«: »They're are still fucking peasants, as far as I can see.«
Um sich und die Welt zu ändern, zog sie in eine Landkommune in der Nähe von Hamburg, nähte Kleider, betreute Jugendliche auf Entzug und kochte in einem makrobiotischen Restaurant, das die Kommunarden in der Karolinenstraße betrieben. »Polentapudding kann ich immer noch.« Es dauerte eine Weile, bis sie merkte. »Hier stimmt was nicht, hier ist was zu Ende.« Oder mit den Worten von John Lennon: »The Dream Is Over«. Sabine stellte ihre Plattensammlung (Pink Floyd, Jimi Hendrix, Bob Dylan) bei ihrer älteren Schwester unter, packte einen Koffer und flog nach New York. »Ich kannte dort niemanden.« Sie fand ein winziges Zimmer in einem winzigen Appartement auf der 11. Avenue, in dem »die Badewanne neben dem Herd in der Küche« stand. »Ich saß in der Wanne und Silvia, meine Mitbewohnerin, kochte.« Bald fiel ihr auf: »Die Amerikaner ziehen sich nicht gut an, denen fehlt Geschmack, da muss ich ran.« Sie lieh sich eine alte Singer-Nähmaschine und fing an, Röcke zu nähen. Die brachte sie an einem Dienstagvormittag zu »Henri Bendel«, einem feinen Modeladen an der 5. Avenue, und Sabine hatte am Nachmittag ihren ersten Auftrag. »Ich tanzte auf der 5. Avenue und dachte: 'What a country!'« Sehnsucht nach Europa Fünf Jahre lang nähte sie Kleider nach eigenen Ideen, zwischendurch war sie auch »kurz verheiratet«, dann war wieder ein Abschnitt vorbei. Sabine wollte schreiben. Ihr erstes, auf Englisch geschriebenes Buch erschien 1989 und hieß »What Did You Do In The War, Daddy? - Growing Up German«. Es war eine Art Familienchronik, und obwohl ihr Vater kein Nazi war, hatte sie mit dem Buch Erfolg. »Rolling Stone« und »Village Voice« wollten Artikel zum selben Thema haben. Es gab Reviews und Interviews.
«Inzwischen hat Sabine fünf Bücher veröffentlicht (zuletzt »Wenn ich den Blues im Herzen habe« in diesem Herbst bei Rowohlt) und einige Filmdrehbücher geschrieben, von denen eines realisiert wurde, eine Komödie über »ein lesbisches Traumpaar«, das ein Kind haben möchte. »Für das Drehbuch habe ich einen Preis bekommen, aber der Film war grottenschlecht.« Er wurde 1999 auf RTL und ORF gezeigt und seitdem einige Male wiederholt, »ohne dass ich einen Groschen mehr bekommen hätte«. Seit 1995 lebt Sabine Reichel in Los Angeles, genauer: in Hollywood. Es geht ihr gut, aber da ist ein Gefühl, das immer stärker wird. »Ich habe Sehnsucht nach Europa - je mehr Amerika den Bach runtergeht. Mit dem Land stimmt was nicht, es ist eine Fehlkonstruktion.« Die Amis, sagt Sabine, litten an einer »neurotischen Pflicht zum Glücklichsein«, dabei könnten sie »keine Konflikte und keinen Schmerz aushalten«, deswegen die vielen Scheidungen, Morde und Selbstmorde, die Teenie-Schwangerschaften und die Gewissheit, »alles zu haben und alles zu wissen«. Ihr nächstes Buch ist schon in Arbeit: »Dear Amerika, Are You Crazy? Eine Nation nervt«. Sie will es in Deutschland zu Ende schreiben. Fast 30 Jahre, nachdem sie Hamburg verlassen hat, macht sich Sabine wieder auf den Weg zurück, diesmal nach Berlin. »Ich bin freiwillig nach Amerika gekommen und ich gehe freiwillig wieder weg. Ich weiß, dass ich nicht in dasselbe Land zurückkomme, es ist ein Seiltanz, mit einem Bein am Abgrund.« Die Jahre in den USA waren »ein großes Geschenk«, trotzdem: »Es ist wie eine alte Ehe, das Feuer ist aus, ich will die Scheidung.« Und wie fast jede Ehefrau, die sich scheiden lässt, behält auch Sabine Reichel ein kleines Faustpfand für den Notfall: Ihre Plattensammlung (Sheryl Crow, Dixie Chicks, Aimee Mann) bleibt in Hollywood. Und ihre Wohnung in der Franklin Avenue hat sie auch nicht gekündigt.
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