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Die Achse des Guten

Eine Deutsche in den USA

»Ich hasse Truthahn«

Vor fast 40 Jahren ging Laura Steger nach Amerika. Heute heißt sie Waco, hat drei Bücher geschrieben und kämpft mit dem Heimweh. Sie liebt ein Deutschland, das es nicht mehr gibt.

Laura Waco: »Ich fühle mich nicht als Amerikanerin«
Laura Waco:
»Ich fühle mich nicht
als Amerikanerin«

Als Laura Waco noch Laura Steger hieß und mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern in München lebte, da konnte sie sich alles vorstellen, nur nicht, dass sie eines Tages in einem BMW 325i durch Kalifornien fahren würde. »Es ist das einzige wirkliche Auto, die amerikanischen Autos taugen nicht viel.« Sie macht einen U-Turn, fährt auf den Parkplatz von »Geoffrey's« am Pacific Coast Highway in Malibu und gibt den Schlüssel beim Parkmann ab. So machen es die Kalifornier, wenn sie ausgehen.

»Ich habe lange gebraucht, um mich daran zu gewöhnen«, sagt Laura, 1947 geboren, während sie die Speisekarte rauf und runter liest (»Ich finde nichts!«), um sich schließlich für »Seafood Pasta« zu entscheiden. So was hat früher es bei den Stegers zu Hause nicht gegeben. Da wurde jüdisch (Hühnersuppe mit Bohnen) oder bayrisch (Schweinebraten mit Klößen) gegessen. Die Familie wohnte zuerst in der »Eichenfeld«-Siedlung in Freising, in der bis zum Kriegsende Nazis gelebt hatten, die dann von den Amerikanern ausquartiert wurden, damit jüdische Überlebende einziehen konnten, später in der »Borstei«-Siedlung in München. Lauras Mutter, Hela, und Lauras Vater, Majer, kannten sich schon vor dem Kriege, aber geheiratet haben sie erst Anfang April 1946 im Gasthaus »Gößwein« in Freising.

Laura zieht das Hochzeitsfoto ihrer Eltern aus der Tasche. Man sieht das glückliche Paar im Kreise ihrer Gäste, »alles ehemalige KZ-Insassen, die überlebt haben«. Dann ein Foto aus dem Jahre 1939, zwei Männer bei der Arbeit. Einer fährt eine Schubkarre, der zweite hält eine Schaufel in den Händen. Beide sehen eigentlich ganz fröhlich aus. »Der mit der Schubkarre ist mein Vater, der andere war taubstumm und wurde erschossen, weil er nicht gehört hatte, wie ihm ein Wachmann 'Halt, stehen bleiben!' zurief.«

Laura als Kind: Tiefer Groll gegenüber allem, was deutsch aussah oder klang
Laura
als Kind:
Tiefer Groll
gegenüber
allem, was
deutsch
aussah
oder klang

Einen Deutschen zu heiraten kam nicht in Frage

Ende der fünfziger Jahre bekam der Vater eine Abfindung von Krupp für die geleistete Zwangsarbeit, 1000 Mark. Aber da hatte er sich schon eine Existenz aufgebaut, zuerst »als Kaufmann« auf dem Schwarzmarkt in München, dann als Restaurantbetreiber in Freising. »Meine Eltern hatten eine Ami-Bar gepachtet.« Dabei saß der Vater »am liebsten im Café und dachte über Kunst und Musik nach«. 1968 starb er bei einem Autounfall. Lauras Mutter, inzwischen über 80, lebt allein in Antwerpen, wo sie täglich deutsches Fernsehen schaut, am liebsten Übertragungen vom Fasching und Karneval.

Allerdings: Als die Eltern noch in Bayern lebten, da hatten sie einen tiefen Groll gegenüber allem, was deutsch aussah oder klang. Zu Hause wurde Jiddisch gesprochen, und als Laura mit neun Jahren beim Baden in der Isar fast ertrank, da wurde sie von ihrem Vater hinterher nicht getröstet, sondern verhauen, weil sie von einem jungen Deutschen gerettet wurde: »Er ging auf dem Wasser, ich dachte, er wäre Jesus.« Einem Deutschen dankbar sein zu müssen, das ging dem Vater zu weit. Und einen Deutschen zu heiraten, das kam nicht in Frage. 1965, nach der Handelsschule, wurde Laura zu einer Tante nach Kanada geschickt, zwei Jahre später zog sie zu einem Onkel nach Los Angeles.

Hier lernte sie ihren Mann kennen, bei einem Tanzabend der Young Single Jewish Professionals, einen jüdischen Rechtsanwalt. »Meine Eltern waren sehr zufrieden.« Vorher hatten sie ihr noch klar gemacht: »Komm bloß nicht mit Kind und Koffer zu uns zurück.« Laura Waco, geborene Steger, blieb in L.A., bekam zwei Töchter, kümmerte sich um den Haushalt und jobbte ein wenig nebenbei, unter anderem in der Abteilung für »Customer Relations« des Spielzeugherstellers Mattel, wo auch Barbie und Ken produziert werden. Laura beantwortete Briefe von Kindern und leitete deren Wünsche weiter, zum Beispiel: »Könnt ihr auch eine schwangere Barbie machen?«

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Als die zweite Tochter ins College kam, hatte sie plötzlich »viel Zeit übrig« und fing an, das zu machen, was sie schon lange machen wollte: schreiben. 1996 erschien ihr erstes Buch, »Von Zuhause wird nichts erzählt«, eine Familiengeschichte aus der Sicht eines Kindes, 1999 das zweite, »Good Girl« über ihre Erfahrungen in Kanada und den USA, und in diesem Jahr das dritte »Drei Uhr früh in Hollywood«, eine Sammlung von Kurzgeschichten.

»Die ganze Kultur gefällt mir nicht«

Laura schreibt auf Deutsch, denn »Fußabstreifer klingt viel schöner und genauer als doormat«, und außerdem wird das Heimweh nach Deutschland immer stärker. »Alle ein, zwei Jahre muss ich nach München fahren, sonst bin ich unglücklich.« Dann besucht sie auch die »Borstei«-Siedlung, in der sie groß geworden ist. »Ich muss weinen, wenn ich die Fenster unserer Wohnung sehe. Wie schön wäre es, wenn meine Mutter die Wohnung behalten hätte.« Ihren deutschen Pass hat sie abgegeben, als sie eingebürgert wurde, »leider«, denn: »Ich fühle mich nicht als Amerikanerin, die ganze Kultur gefällt mir nicht, die Feiertage sagen mir nichts, Allerheiligen und Allerseelen ist mir lieber als Thanksgiving, ich hasse Truthahn.«

Einiges an Amerika mag sie dennoch: »dass die Menschen höflich und freundlich sind und dass nicht geraucht wird«. Dafür ist das Schulsystem »eine Katastrophe« und »kein Mensch kümmert sich um alte Gebäude, bis sie zusammenfallen«.

Ihr Mann wählt die Republikaner, sie die Demokraten. Von Anfang an war sie gegen den Irak-Krieg. »Wir hätten nie hingehen sollen.« Und plötzlich merkt sie, dass sie »wir« sagt. »Das ist neu, das hab ich früher nicht gemacht.« Zuletzt war sie vor ein paar Wochen in Deutschland, in Leipzig auf der Buchmesse. Und da fiel ihr auf, wie anders Deutschland geworden ist. »Sogar im Osten gibt es jetzt McDonald's.« Nur eins ist geblieben, wie es vor fast 40 Jahren war, als sich Laura Steger auf den Weg nach Amerika machte. Die »Borstei«-Siedlung in München. »Dort hat sich nichts verändert. Dort könnte ich wieder leben.«

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Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 03.07.2004
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