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Househopping in Los Angeles »Lieber Heimweh als Holland« Der holländische Schriftsteller Leon de Winter will nach Kalifornien ziehen. Und wenn er kein Haus findet, dann schreibt er einen Roman über einen Schriftsteller, der ein Haus in Los Angeles sucht.
»Wir werden uns heute ein paar schöne Häuser ansehen«, sagt Lee und steigt in ihren beigefarbenen Mercedes M 320, »alles hier in der Gegend«. Lee ist etwa 40 Jahre alt, hat in New York eine Galerie für zeitgenössische Kunst gehabt und ist 1996 nach Los Angeles gezogen, wegen eines Mannes. Jetzt arbeitet sie als Maklerin bei der Immobilienfirma Goldwell Banker Preview in Malibu und das Makeln von Häusern macht ihr genau so viel Spaß wie der Handel mit Kunst. »Man muss wissen, welches Haus zu wem passt, mit Bildern ist es auch so.« Leon de Winter und Lee kennen sich schon lange. Wann immer Leon nach Los Angeles kommt, arrangiert Lee für ihn eine Househopping Tour, denn Leon möchte sich gerne ein Haus kaufen. Am liebsten natürlich eines am Strand von Malibu, aber die sind nicht zu bezahlen, also muss es etwas Preiswerteres sein, im Landesinneren. Diesmal hat Lee für ihn ein paar Objekte in Woodland Hills ausgesucht, einer »guten Gegend« östlich von Malibu. Und ich komme mit, es ist eine Gelegenheit zu sehen, wie Mittelklasse-Amerikaner wohnen, viel schöner als jeder Besuch bei Möbel Hübner.
Wir fahren über die Las Virgines Road in östlicher Richtung durch den Malibu Canyon, vorbei an Calabasas, nehmen kurz den 101 Freeway Richtung Hollywood, kreuzen den Mulholland Drive und den Burbank Boulevard und kommen nach einer dreiviertel Stunde in der Orrville Avenue an. Das Haus steht leer. Es hat fünf Schlaf- und vier Badezimmer, eine riesige Eingangshalle und begehbare Kleiderschränke, die so groß sind, dass man darin wohnen könnte. Und es ist sehr günstig, es soll nur 980.000 Dollar kosten. »Viel Haus für wenig Geld«, sagt Lee. Leon staunt. Irgendwas stimmt nicht. Man kann die Autos auf dem Freeway hören. Deswegen ist das Haus so billig. Wir fahren weiter in die Oxnord Street. Da steht ein Haus im »mediterranean style«, das doppelt so groß ist wie das, das wir eben besucht haben. Pinkfarben, mit vier Schlafzimmern und ebenso vielen Badezimmern, einer Küche im Hotel-Format, einem eigenen Tennisplatz und einem Gästehaus, das so groß ist wie ein normales deutsches Einfamilienhaus. Es ist angefüllt mit Kitsch und Kunst aus Asien, denn es hat einem philippinischen Arzt gehört, der vor kurzem gestorben ist. »Krebs«, sagt Lee, »er wurde nur 46 Jahre alt.« Auf einem Sofa in der Diele liegt ein besticktes Kissen: »Welcome Friends«, auf dem King-Size-Bett im Master's Bedroom ein ähnliches Stück mit einem anderen Spruch: »My heart belongs to daddy«. Leon sagt: »Here is a story.« Trotzdem: 1.3 Millionen Dollar sind zu viel. Und das Haus ist viel zu ungemütlich.
Next Stop: Mariano Street, ein schönes Holzhaus mit sechs Schlaf- und vier Badezimmern, »ideal für eine große Familie«. Die Gegend sieht aus wie die Kulisse für eine TV-Familienserie, aber die Leute, die drin wohnen, haben Geschmack: einfache Holzmöbel, breite, bequeme Sofas und eine Fernsehtruhe aus den fünfziger Jahren, mit der man nur noch den Ton empfangen kann. Caryn kümmert sich um ihre drei Söhne, Denney arbeitet als Stuntman in Hollywood. Er hat in »Pirates of the Carribean« mitgespielt, im »Terminator 2«, »Abyss« und »Sunset« mit Bruce Willis. Vor 40 Jahren in Japan geboren - der Vater war in der Army -, ist er in Alaska aufgewachsen und gleich nach der High School nach L.A. gezogen, weil er unbedingt Stuntman werden wollte. Jetzt springt er von Hausdächern, lässt sich von Pferden fallen, von Autos überrollen und doubelt Stars in gefährlichen Situationen. Vor drei Jahren bekam Denney den »World Stunt Award 2001«, die Trophäe sieht aus wie Ikarus und steht auf dem TV-Möbel. Kaum sind wir im Haus, legt Denney eine DVD ein, die er selbst produziert hat: »Retro-Perspective - How I got into the business«, ein Fünf-Minuten-Film über seine Arbeit in Hollywood. In den Nebenrollen: seine Frau und seine drei Söhne. Schade, dass Lee den nächsten Termin schon festgelegt hat, ein Haus am Phaeton Drive, das 1,25 Millionen Dollar kosten soll. Davon geht eine Million für den phantastischen Blick über das Valley drauf und der Rest für das Haus, das unbewohnt und ein wenig vernachlässigt wirkt. Der Eigentümer arbeitet im »Entertainment Business«, im Wohnzimmer steht ein 64-Inch-Wide-Screen-Fernseher, in der Garage ein nagelneuer Porsche GT, den er nur an den Wochenenden fährt. »Das Haus hat gute Eigenschaften, aber es braucht viel Arbeit«, sagt Lee.
Last stop: Ein Haus in Poe Avenue, das vermutlich Ken und Barbie für sich und ihre Kinder gebaut haben, sechs Schlafzimmer, fünf Bäder, alles riesig, bunt, verspiegelt und verschnörkelt. Tennisplatz, Gästehaus, Swimmingpool mit Wasserfall, Teich mit Goldfischen. Über dem Kamin stehen Pokale, die der Besitzer als junger Mann beim Baseball gewonnen hat. Gene war Pilot bei der Air Force, flog dann 27 Jahre Passagier-Jets für Delta und ist nun seit ein paar Jahren Rentner. Jetzt baut er sich ein Haus zwei Stunden nördlich von Los Angeles, direkt neben einem Golfplatz, denn jeden Tag Golfen, das ist alles, was er sich noch wünscht. Er will 1.295.000 Dollar für sein Haus, das sei »a bargain«, sagt Lee. Leon findet, das sei ein wenig übertrieben. Wir fahren zurück nach Malibu.
Seit 1989 kommt Leon immer wieder nach Los Angeles, vier seiner Romane hat er hier geschrieben (unter anderem »Der Himmel über Hollywood«), jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, ganz nach Kalifornien zu ziehen. Warum? »Ich mag es hier.« Und was ist, wenn ihn das Heimweh packt? Keine Bitterballen mehr, kein Jenever, kein Huzarenslaatje und keine Rijsttafel? »Lieber Heimweh als Holland.« Morgen will er wieder raus, zum Househopping, und wenn er kein Haus findet, dann, sagt Leon, hat er »wenigstens Material für den nächsten Roman gesammelt«. Und ich werde sagen: Ich bin dabei gewesen.
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