|
| Offizielle Homepage von Henryk M. Broder |
|
Wunderheilung in Topanga Wo sie böse Geister wegrülpsen »Angelite« hilft gegen Flüche, Ischias und Müdigkeit, ein Mittel gegen politische Zustände ist es nicht. Cathy ist eine kalifornische Aussteigerin, die mit dem Mineral handelt, zum Widerstand gegen Bush aufruft und Schmerzen wegrülpsen kann - willkommen in der New-Age- Kolonie »Wo der Himmel das Meer trifft«.
Als Cathy und Gary vor über zwölf Jahren heirateten, da hatten sie schon sieben Kinder: er fünf und sie zwei. Jetzt sind es neun. Ihre jüngsten Söhne, neun und zwölf Jahre alt, gehen noch ein paar Jahre zur Schule, aber Cathy macht sich jetzt schon Sorgen, was passieren wird, wenn sie mal 18 Jahre alt sind. »Ich werde es nicht zulassen, dass unsere Regierung aus ihnen Kanonenfutter macht. Nur über meine Leiche.« Cathy, 1951 in Detroit geboren, ist eine »Heilerin und politische Aktivistin«: Nach der High School hat sie als Handelsvertreterin gearbeitet, Kosmetika, Strass und Modeschmuck verkauft, Ägypten besucht, dort »spirituelle Erfahrungen« gesammelt und sich schließlich mit einem »travelling rock shop« selbständig gemacht, sie reiste quer über den Kontinent und bot Steine, Mineralien und Kristalle an. Vor über zehn Jahren kamen Cathy und ihr Mann, ein Werkzeugmacher und Handwerker, nach Kalifornien und ließen sich in Topanga am Rand von Los Angeles nieder, inmitten einer New-Age-Kolonie. Unter Gleichgesinnten, die nach alternativen Regeln leben, aber nicht ganz die Verbindung zur Außenwelt abbrechen möchten. In Topanga gibt es ein Postamt, einen Immobilienmakler, einen Buchladen und einen Gasthof, der »Zum siebten Lichtstrahl« heißt. Topanga selbst ist ein indianischer Name, er bedeutet so viel wie: »Wo der Himmel das Meer trifft«.
Während Gary in der Werkstatt schafft, arbeitet Cathy im Laden. Genau genommen ist es eine Wellblechhütte am Straßenrand, geschmückt mit den Symbolen der Friedensbewegung, ein »rock shop« voll mit Steinen, die zu kleinen Kugeln, Pyramiden, Amuletten und Tierfiguren verarbeitet worden sind. Das Wichtigste aber, das Cathy anbietet, ist »Angelite«. Ein Mineral aus Kalzium, Natrium und Sauerstoff, das an einem Ort irgendwo in Südamerika gefunden wurde, den Cathy nicht sagen will, denn: »Wenn der Stoff in falsche Hände gerät, könnte es schreckliche Folgen haben.« Gegen politische Zustände hilft kein »Angelite« Bei ihr freilich ist der Stoff in guten Händen, und deswegen muss ich mich erst einmal auf eine Liege aus »Angelite« legen. Dann legt Cathy eine etwa fünf Kilogramm schwere »Angelite«-Platte in der Form eines Teddy-Bären auf meinen Bauch und eine »Angelite«-Kette auf meine Stirn. »Ich lasse dich für zehn Minuten allein.« Über mir füllt sanfte Ashram-Musik den Raum, neben mir liegt eine Frau, die an einer Krücke gekommen ist. Sie hat ein Geschwür am Fuß, war schon erfolglos bei einigen Ärzten. Was für ein Glück, denke ich, dass ich nur Ischias habe.
Nach zehn Minuten ist Cathy wieder da. »Fühlst du dich besser?« Ich sage: »Ja.« »Fine«, sagt Cathy und beginnt mit der Nachbehandlung. Einatmen, ausatmen, einatmen und ausatmen. Und dabei immer an die Mitte denken. Am Ende rülpst Cathy einige Male kräftig. »So, jetzt bist du die bösen Geister los.« Ich stehe auf. Der Schmerz ist weg. Cathy sagt: »Ich weiß, wie man einen Fluch beseitigt und ihn fern hält.« Ein »Angelite«-Stein, in der Tasche getragen, wirkt Wunder. Er heilt auch Brand- und Schnittwunden. Klein gerieben und mit Wasser eingenommen, hilft er gegen Magenschmerzen und Müdigkeit. Nur gegen die politischen Zustände gibt es keine »Angelite«-Anwendung. Da müssen andere Mittel her. »Die Regierung will die Welt beherrschen« »Wir waren die Ersten, die nach dem 11. September das Friedenszeichen hier aufgestellt haben«, sagt Cathy, »unser Land wird von Nazis regiert, Bush ist ein Rassist, der von 'white power' träumt«. Plötzlich klingt Cathy wie Michael Moore. »Bush und seine Leute wussten, was am 11. September passieren würde, und ließen es geschehen, weil es in deren Kram passte.« Ob sie an Verschwörungstheorien glaubt? »Das sind keine Theorien, das ist die Wahrheit.«
Und weil die Wahrheit gefährlich ist, wird ihr Telefon abgehört, »rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche« oder wie es im Amerikanischen heißt: »24/7«. Dass Bush demnächst abgewählt werden könnte, hält Cathy für sehr unwahrscheinlich. »Sie haben die Wahlmaschinen manipuliert«, das »Electoral College«, das den Präsidenten wählt, ist »ein Puppentheater«, das zu jeder Musik tanzt. »Wir sind keine Demokratie.« Die Regierung der USA hat nur ein Ziel vor Augen: »Sie will die Welt beherrschen.« In Topanga freilich gilt eine andere Agenda. Jeden Mittwoch gibt Cathy einen Kurs in »göttlicher Alchemie«, jeden Donnerstag lehrt sie »Heilung durch Meditation«. Die Teilnahme ist gratis, aber »donations« werden gerne angenommen. Und wer einen »Angelite«-Stein kauft, kann auch mit Visa, Mastercard und American Express bezahlen. Ob sie auch George W. Bush behandeln würde? »Gewiss, ich würde ihm helfen, ein besserer Mensch zu werden.« Aber erst nachdem er als Präsident zurückgetreten ist. Ich bin nicht sicher, ob ich Cathy in allem folgen kann, aber wenn mich noch mal der Ischias packt, werde ich sie wieder um Hilfe bitten.
Startseite |
Tagebuch |
Schmock der Woche |
Audio |
Forsicht Freddy!
Fremde Federn | Bücher | Galerie | Links | Kontakt | Sitemap
Copyright © 2004 Henryk M. Broder - Seite wurde zuletzt aktualisiert am 03.07.2004
Webdesign von patfisch.de |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||