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Los-Angeles-Tagebuch Mel Gibson und die verlassene Baustelle Ecke Mullholland Highway und Sierra Creek Road klafft eine öde Baugrube: Wo die Vier-Millionen-Dollar-Kirche von Mel Gibson stehen soll, bewegt sich nichts mehr. Aber um die Ecke tobt das Leben, bei den Bikern im »Rock Store«.
»Sorry Sir«, sagt das Fräulen von der Auskunft, »ich habe unter Holy nachgesehen, ich habe unter Family nachgesehen, ich habe unter Chapel nachgesehen, und ich habe nichts gefunden. It's not listed«. Dann versuchen wir es mal im »Religion Directory« der »Los Angeles Times«. Da sind einige hundert religiöse Stätten aufgeführt, Kirchen, Moscheen, Synagogen, mit ihren Adressen, Telefonnummern und Websites. Eine konfessionelle Einrichtung in den USA zu finden ist so einfach, als würde man eine Leihwagenfirma suchen. Denn erstens treten sie wie Dienstleister auf, und zweitens stehen sie in Konkurrenz zueinander, genauso wie Avis, Hertz und Sixt. Im »Religion Directory« sind alle großen christlichen Gruppen von den Anglikanern und den Baptisten bis zu den Unitarischen Universalisten und den Vereinten Methodisten aufgeführt. Es gibt die Bahai, die Juden und das Islam Center of Southern California und auch etliche obskure Gemeinschaften wie Pillar of Fire, Messianic Jews und das New Age Bible and Philosophy Center.
Eine Gruppe ist nicht dabei: The Holy Family Chapel. Aber es muss sie geben. Denn als Mel Gibsons Film »Die Passion Christi« rauskam, berichteten alle Zeitungen, der strenggläubige Regisseur habe für sich, seine Familie und eine Anzahl konservativer Katholiken, die mit dem Vatikan nichts zu tun haben wollten, eine Kirche gebaut und dafür Millionen von Dollar aus seiner Privatkasse ausgegeben. Also fragen wir Google. Und tatsächlich: WorldNetDaily.com meldete schon am 29. Juni 2003, Mel Gibson habe für vier Millionen Dollar eine Kirche in den Agoura Hills im südlichen Kalifornien gebaut, die Holy Family Chapel. Sie sei »vor einigen Wochen eröffnet« worden, zugleich arbeite der Regisseur an der Fertigstellung seines Films »The Passion«, über den sich jetzt schon viele Katholiken und Juden aufregen würden. Die genaue Adresse steht auch online: 30 188 Mulholland Highway. »Es ist hier um die Ecke«, sagt Hans, der seit Jahren in Los Angeles lebt und Gibson sogar schon beim Einkaufen getroffen hat. »Um die Ecke« bedeutet: Man fährt etwa eine halbe Stunde. Zuerst die Malibu Canyon Road nach Norden, dann den Mullholand Highway nach Westen. An der Ecke Mullholland Highway und Sierra Creek Road stößt man auf eine Baustelle. Das Gelände am Hang ist eingezäunt, am Zaun hängen Schilder: »Privates Eigentum« und »Betreten verboten«.
Es gibt keinen Hinweis, wer hier baut und was gebaut wird. Die Baustelle ruht, keine Maschine, die sich bewegen würde, kein Mensch, den man fragen könnte. Oben auf dem Berg steht ein kleines Haus, nichts spricht dafür, dass es sich um eine Kirche handeln könnte, kein Kreuz, kein Turm, keine »Welcome to...«-Tafel. Und kein Weg, der nach oben führt. Im »Rustic Canyon General Store & Grill« an der Sierra Creek Road weiß man dagegen, was einen erwartet. Draußen auf dem Parkplatz Hirsche und Rehe aus Plastik, drinnen im Laden das übliche »How are you today?«, dazu Hamburger mit American Fries, die früher mal French Fries hießen. »Gibson?«, sagt der Mann hinter der Theke, »den hab ich hier noch nie gesehen«. Die Baustelle gäbe es schon lange, »aber da passiert nichts«. Ob sich die Mitglieder der Holy Family woanders treffen würden? Der Mann zuckt mit den Schultern. »No clue.«
Im Biker-Treff »Rock Store« am Mullholand Highway gleich um die Ecke dieselbe Auskunft. Arnold Schwarzenegger sei mit seinen Freunden vor kurzem da gewesen, aber Gibson ewig nicht mehr gesichtet worden. Schon möglich, dass die Holy Family irgendwo zum Gebet zusammenkäme, aber wo, das wisse man nicht. Vor dem »Rock Store« stehen Dutzende von Motorrädern, Harley Davidsons, Yamahas, BMWs, zwischen den schweren Maschinen kurvt ein Ex-Biker, den es mal erwischt hat, in einem Rollstuhl umher. Es riecht nach Motoren- und Frittenöl. An einem Baum hängen Anzeigen und Mitteilungen. Eine Harley Davidson, Baujahr 1996 in »excellent condition«, wird für 5600 Dollar zum Kauf angeboten, bei der Mad Dog Custom Cycles Annual Party werden die verrücktesten Motorrad-Konstruktionen gezeigt, und es soll auch einen Wet-T-Shirt-Contest geben. Hier interessiert sich niemand für Mel Gibson, hier wird keiner ans Kreuz geschlagen, und der einzige Stoff, der reichlich fließt, ist Coca-Cola. Hier treffen sich echte Männer zu ihren Messen. Und hier könnte man auch einen Film drehen: »Die Leidenschaften der Biker«. Ein Spaß für die ganze Familie - the whole family.
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