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Akademiker in Venice Beach Hanf für den Mainstream Statt sich als Dozent durchzuschlagen, verkauft Doktor Ronald »Rony« Alcalay lieber Hemden und Hosen am Strand von Venice. Er verdient ordentlich, verbringt den Tag an der frischen Luft statt im klimatisierten Hörsaal und hat noch viel vor.
Alle Kellner in Los Angeles sind Drehbuchschreiber, die darauf warten, dass ihre Exposés angenommen werden, und alle Kellnerinnen Schauspielerinnen, die von einem Casting zum nächsten ziehen. Aber L.A. ist nicht nur ein Vorort von Hollywood, die Stadt hat auch etwa ein Dutzend Universitäten. Und entsprechend viele Akademiker, die sich von Job zu Job durchschlagen. Wie Ronald »Rony« Alcalay, 1963 in Los Angeles geboren, Sohn eines bulgarischen Juden, der über Palästina in die USA gekommen ist, und einer Mexikanerin, deren Eltern aus Polen ausgewandert Sind. Ein echter Amerikaner also. Nach der High School hat Rony »internationale Beziehungen und vergleichende Literatur« studiert, dann ein paar Jahre als Bohemien in San Francisco gelebt und überlegt, »was ich eigentlich machen möchte«. Er beschloss, Schriftsteller zu werden, ging nach Berkeley, studierte weiter Literatur und schrieb eine Doktorarbeit über »Ewige Unreife und gespielte Unschuld in amerikanischen Romanen und Filmen der fünfziger Jahre«.
Nun steht er an der Promenade von Venice und verkauft Hemden und Hosen, die aus Hanf gemacht wurden. »Ich kann es nicht glauben, ich bin ein Geschäftsmann!« Aber Rony ist nicht nur ein Geschäftsmann, der Literatur studiert hat, er ist auch ein »political activist«. Und deswegen klebt in jedem Hemd und jeder Hose, die er verkauft, ein kleiner Sticker: »Re-legalize hemp!« Wobei Rony großen Wert auf die Klarstellung legt, dass »hemp« etwas ganz anderes ist als Marihuana, obwohl beide Stoffe aus der gleichen Pflanze hergestellt werden. Der Anbau von »hemp« ist in den USA verboten, aber es ist erlaubt, Hanf-Produkte anzubieten und zu verkaufen. »Es ist wie zu Zeiten der Prohibition«, sagt Rony, als Whiskey aus Teetassen getrunken wurde. Der Vergleich stimmt nicht ganz, aber es ist klar, was Rony damit sagen will: »Alkohol ist ein gefährlicher Stoff, aber Hanf ist gesellschaftlich wertvoll und vielseitig verwendbar.« Aus Hanf kann man Papier machen, Stoffe für Kleider, sogar sauberen Treibstoff für Autos. Hanf ist billig anzubauen und leicht zu verarbeiten.
Und hat Tradition in Amerika. »Der Entwurf für die Unabhängigkeitserklärung wurde auf Hanfpapier geschrieben. Die ersten Levi's Jeans wurden aus Hanf gemacht, aber sie waren zu langlebig, deswegen hat man dann Baumwolle genommen.« Vor einigen Jahren gab es in Kalifornien eine Bürgerinitiative für die Legalisierung von Hanfanbau, aber sie blieb erfolglos. Nun versucht Rony auf seine Art, »die Menschen aufzuklären« und »Hanf in den Mainstream zu bringen«. Ist das der Job, von dem ein Akademiker zwischen zwei Seminaren träumt? »Es ist ganz einfach«, sagt Rony, »ich habe als Akademiker nicht genug verdient.« Er gab Kurse für Filmgeschichte am American Film Institute und an der Loyola-Universität, arbeitete als »development assistant« für Jason Alexander (George in »Seinfeld«), schrieb, wie so viele, auch ein Drehbuch, »aus dem nichts wurde«, und nahm jede Arbeit an, »die ich finden konnte«. Ende 2003 besuchte er die »Yoga-Expo« in Los Angeles, eine Messe für gesundes Leben und Naturprodukte. Dort traf er einen Mann, der eben das Warenlager einer Firma aufgekauft hatte, die Bankrott gegangen war: »Jus Naturale«, spezialisiert auf die Herstellung von Anzügen und Kleidern aus Hanfmaterial. Da Rony grade nichts zu tun hatte, half er dem Mann, die Restposten zu verkaufen.
Im Februar 2004 machte er sich selbständig, gründete eine GmbH (Vital LLC), fand einen Hersteller in China, der ihm die Ware liefert und steht jeden Freitag, Samstag und Sonntag in seinem kleinen Zelt an der Strandpromenade in Venice, direkt vor einer Synagoge, die »The Shul on the Beach« heißt. Dass er diesen Platz bekam, war reiner Zufall. Aber Rony nimmt es als ein gutes Omen, obwohl er als Jude am Samstag nicht arbeiten sollte. »Das hier ist Kalifornien, hier lebt jeder nach seinen eigenen Regeln.« Genau genommen dürfte er auch nichts verkaufen, denn nur Künstler, Musiker, Performer und »Menschen mit einer religiösen oder politischen Botschaft« bekommen von der Stadt eine Erlaubnis, sich und ihre Ideen an der Promenade zu präsentieren. Deswegen ist in Venice/California an jedem Wochenende Karneval. Trommler, Jongleure, Sänger, Verkünder des Weltuntergangs und Propheten der Revolution treten gegeneinander an. Und mittendrin Doktor Rony mit seiner Hemp-Collection und der Kampfparole: Re-legalize hemp! »Das ist meine politische Botschaft. Okay, es ist ein kleiner Trick. Aber das ist nicht verboten.« Zum ersten Mal in seinem Leben verdient er »ordentlich Geld«, viel mehr als er als »lecturer« mit Kursen verdient hat. Er muss keine »resumes« und keine »grant proposals« mehr schreiben, sich nirgendwo vorstellen und verbringt den Tag an der frischen Luft statt im klimatisierten Hörsaal. Und seitdem Rony herausgefunden hat, dass sein Großvater mütterlicherseits Seidman hieß und Besitzer der ersten Seidenweberei in Mexiko war, hat er ein Ziel vor Augen: »Er hat einen neuen Stoff in Mexiko eingeführt, ich möchte das Gleiche in den USA tun.« Zehn Jahre gibt er sich, um einen Groß- und Einzelhandel mit Hanftextilien aufzubauen. Dann will er »The GAP of HEMP« sein.
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