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Nazi-Kommune bei L.A. Herr Schmidt und die Utopia-Siedlung Eine verfallene Siedlung im Wald, eine obskure Truppe amerikanischer Nazis, die sich auf die Machtergreifung vorbereiten, und ein deutscher Herr Schmidt, der spurlos verschwindet - auf Spurensuche im Rustic Canyon bei Los Angeles.
Randy Young, 53, ist einer der vielen Amerikaner, die keine Arbeit, aber immer etwas zu tun haben. Er hat als Fotograf und Verleger gut verdient, Geld zur Seite gelegt und auch an der Börse Glück gehabt. Vor ein paar Jahren zog er sich aus dem Berufsleben zurück, seitdem macht er nur, was ihm Spaß macht: Er schreibt Artikel über »local history«, sorgt für den Erhalt des Will Rogers State Park (die ehemalige Ranch des Rodeo-Reiters und Entertainers Will Rogers) und legt sich gerne mit Behörden an. Seit er als junger Mann ein paar Jahre in San Francisco gelebt hat, ist »Anarchy« sein Hobby. Am liebsten aber führt er Besucher durch Santa Monica und Pacific Palisades, hier ist er aufgewachsen, hier kennt er sich aus. »In diesem Haus hat Raymond Chandler gewohnt, und da drüben Jerry Lewis. Das ist das Haus von Tom Hanks, und das dort hat Whoopie Goldberg von David Niven gekauft.«
Zu Fuß zur Nazi-Siedlung Früher, sagt Randy, wurden die Häuser für »menschliche Wesen« gebaut, heute dagegen »für deren Egos«, also werden sie immer größer. Und: »Je höher die Hecke, umso bedeutender der Star.« Die größten Hecken haben Steven Spielberg und Sylvester Stallone. Am schlimmsten aber sind die Häuser der Neureichen: Pompös, verschnörkelt und verkitscht. »Iranian wet dreams« nennt sie Randy, denn viele gehören Neuamerikanern aus dem Morgenland. Kommen Besucher aus Deutschland, werden sie von Randy an einen Ort geführt, der in keinem Fremdenführer steht. Es ist ein »Nazi-Compound« am Rustic Canyon, nur zu Fuß erreichbar, ein verwunschener Ort, in dem man das »Dschungelbuch« drehen oder auch RTL-Moderatoren aussetzen könnte, die sonst schon alle Abenteuer hinter sich haben. Den Eingang versperrt ein rostiges Eisentor, das mit einer Kette gesichert ist. Aber rechts neben dem Tor klafft eine Lücke im Zaun.
Ein steiler Pfad führt in die verlassene »Nazi-Kommune«. Am Boden wächst giftiger Efeu, Eukalyptusbäume verdunkeln den Himmel. Die Natur hat ganze Arbeit geleistet und nur wenig übrig gelassen, die hölzernen Gebäude sind verfallen, ein riesiger Wassertank und eine »power station« aus dickem Beton mit einer bombenfesten Decke und einem Bunker im Basement zeugen von den Absichten der Erbauer. »Die hatten Unmengen von Vorräten gehortet, Wasser, Diesel für den Generator und Lebensmittel. Das hätte für Jahre gereicht.« Mit ziemlicher Sicherheit ein deutscher Spion Und dann erzählt Randy eine irre aber wahre Geschichte. Anfang der dreißiger Jahre wurde das Gelände am Rustic Canyon von einem vermögenden und exzentrischen Ehepaar gekauft, Winona und Norman Stephens. Die beiden standen unter dem Einfluss eines gewissen »Herrn Schmidt«, der sie überredete, ihm 25 Morgen Land und ein paar Millionen Dollar für den Bau einer Utopia-Siedlung zu geben, in der eine Gruppe amerikanischer Nazis den richtigen Zeitpunkt für eine Machtübernahme abwarten wollte.
»Die rechneten damit, dass in den USA eine Panik ausbrechen würde, wenn Deutschland England angreift oder sogar erobert«, sagt Randy. »Herr Schmidt war ein Repräsentant der NSDAP und mit ziemlicher Sicherheit ein deutscher Spion.« In seinem Haus wurden Funkgeräte und Funkcodes gefunden. Niemand weiß, woher er kam, fest steht nur, dass er nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Jahre 1941 verhaftet wurde und nie wieder aufgetaucht ist. Seine Anhänger aber, »eine Gruppe von 30 bis 40 Leuten«, haben bis zum Kriegsende in der Siedlung gelebt und sich dann aufgelöst. »Es ist ein historischer Thriller, von dem wir nicht wissen, wer die Akteure waren und was aus ihnen geworden ist.« Randy hat alte Einwohner der Pacific Palisades interviewt, darunter auch seine 85 Jahre alte Mutter, und auch einige Papiere gefunden. Aber für eine komplette Dokumentation reicht das Material nicht. »Die Leute können oder wollen sich nicht erinnern oder sie sagen: Das ist off records.« Sicher scheint nur eines: »Das war eine Bande von Verlierern mit viel Geld.« Und was Randy immer noch »very weird« findet: »Um in ihre Siedlung zu kommen, mussten unsere Nazis an den Häusern der Emigranten vorbeifahren. Da wohnten Vicki Baum, Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler und Thomas Mann und dort Herr Schmidt und seine Braunhemden.« Auch die NSDAP hat mal klein angefangen Was für eine Geschichte, was für ein Roman, der nur darauf wartet geschrieben zu werden! Da sitzen Lion Feuchtwanger und Thomas Mann beim Tee, plaudern miteinander, die Tür zur Bibliothek geht auf, Marta Feuchtwanger kommt rein und sagt: »Lion, du wirst nicht glauben, was ich eben gesehen habe. Nazis im Rustic Canyon!« Worauf Feuchtwanger erschrickt, zur Zeitung greift und nach dem Datum schaut. Nein, es ist nicht 1933, sondern 1943, und es ist nicht das Berliner Tagblatt, sondern die »Los Angeles Times«.
So war es wohl nicht, aber so könnte es gewesen sein. Was aber, wenn die Nazis in den USA tatsächlich an die Macht gekommen wären? Nichts ist unmöglich, schließlich hat auch die NSDAP auch mal klein angefangen, mit sieben Mitgliedern. Ein schrecklicher Gedanke, weg damit. Zufall oder Vorsehung: Am selben Tag, da uns Randy in den Rustic Canyon führte, zeigt der History Channel eine Dokumentation über »Nazis in the USA«. Es gab in den dreißiger Jahren etliche Nazi-Gruppen: die amerikanische NSDAP, die Teutonia, The Friends of the New Germany und schließlich den German-American Bund, der in vielen Städten mit Ortsgruppen vertreten war. Der Führer der US-Nazis hieß Fritz Kuhn, sein Programm hatte er bei der Mutterpartei abgeschrieben. 1939 demonstrierten 20.000 Nazis im New Yorker Madison Square Garden, beschützt von der Polizei und dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit. Sie hatten nie eine wirkliche Chance, an die Macht zu kommen, aber sie hätten es gerne mal versucht. Die gestiefelten Nazis der Hollywood-Filme, die von ausgewanderten deutschen Schauspielern wegen ihres Akzents gespielt werden durften, waren also nicht die einzigen Nazis, die in der amerikanischen Öffentlichkeit sichtbar wurden.
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