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Tellerwäscher-Saga Der Mann, der den Amerikanern das Tafelwasser brachte Dies ist USA für Anfänger: Thierry, der Franzose, hat es mit einer guten Idee, Fleiß und Ausdauer weit gebracht. Paul und Marie wollen es auch versuchen. Denn wenn die Option »arbeitslos in Deutschland« heißt, dann hat Los Angeles noch immer mehr zu bieten.
»Ich wollte drei Monate bleiben.« Das ist jetzt 22 Jahre her. Thierry Leduc spricht immer noch ein Amerikanisch mit starkem französischen Akzent, aber sonst hat sich sein Leben vollkommen amerikanisiert. Am Anfang verdiente er 200 Dollar pro Woche, heute wohnt er mit seinen zwei Hunden in einer der besseren Gegenden von Los Angeles, übt jeden Tag Yoga und hat soeben angefangen, Piano zu spielen. In Deutschland würde er zu den meistbegehrten Junggesellen des Landes zählen, doch in den USA ist er nur einer, der es aus eigener Kraft geschafft hat. Thierry Leducs Großvater war ein Metzger in Carcassonne, einer Kleinstadt bei Toulouse, sein Vater verließ die Schule im Alter von zwölf Jahren und wurde schon früh ein »Entrepreneur«. Nachdem die deutschen Truppen Frankreich besetzt hatten, schlug er sich nach Marokko durch und meldete sich freiwillig bei den Alliierten. Und als der Krieg vorbei war, blieb er in Marokko und machte in Casablanca einen Lebensmittelladen für Feinschmecker auf. 1954 verkaufte er das Geschäft, ging zurück nach Frankreich, heiratete und übernahm eine Peugeot-Vertretung.
»Warum gebt ihr Wasser umsonst ab?« 1958 wurde Thierry geboren. Anders als sein Vater und Großvater besuchte er eine ordentliche Schule, studierte an einer Wirtschaftsschule und machte schon mit 23 den Abschluss. Nach einem Jahr in der Armee brach Thierry nach Amerika auf. »Anfangs dachten die Leute, ich wäre ein verrückter Franzose.« Thierry zog von einem Restaurant in New York zum anderen und versuchte die Besitzer von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihren Gästen Tafelwasser in Flaschen der Marke Evian anzubieten. »Ich sagte: 'Warum gebt ihr Wasser umsonst ab, wenn ihr es verkaufen könnt?' Sie sagten: 'Warum sollen wir Geld für Wasser ausgeben, wenn es kostenlos aus der Leitung kommt?' Es war ein sehr bescheidener Anfang.« Nach ein paar Monaten in New York zog Thierry nach Los Angeles, »des Wetters wegen«. Die Fitnesswelle hatte grade eingesetzt, Jane Fonda ihr »Work-out«-Programm gestartet. In ihrem Fitness-Studio wurden die ersten Evian-Wasser-Automaten aufgestellt. Es wurde schick, abgefülltes Wasser zu trinken. 1988 wurde Thierry zum »Sales Director« für ganz USA befördert. Aber das war ihm nicht genug. »Ich habe alles selbst finanziert« »Am 14. Juli 1989, genau 200 Jahre nach der Französischen Revolution, machte ich mich selbständig.« Mit 5000 Dollar Startkapital gründete er die Firma AMI, Airline Marketing International, belieferte Fluggesellschaften »mit allem, was sie an Bord brauchten, von Wein bis Kartoffelchips«. Drei Jahre später weitete er sein Geschäft auf Kreuzfahrtschiffe aus. Heute besitzt er fünf Firmen, eine in Frankreich, vier in den USA, bietet über 1000 Produkte an, darunter 150 Weinsorten, macht etwa 100 Millionen Dollar Umsatz und hat die 5000 Dollar Startkapital noch nicht angerührt. »Ich habe keine Kredite aufgenommen, keine Schulden bei den Banken, alles selbst finanziert.«
Der Mann, der das Tafelwasser in die USA gebracht hat, weiß genau, dass er nicht nur einen Beitrag zur amerikanischen Esskultur geleistet hat. »Amerika gab mir eine Chance, die ich in Frankreich nie bekommen hätte. Dabei konnte ich Franzose bleiben und musste mich nicht verbiegen.« Der Anti-Amerikanismus der Franzosen, sagt Thierry, sei eine »Mischung aus Ressentiment und Neid auf die Leistungen der Amerikaner«. Er habe noch nie daran gedacht, nach Frankreich zurückzugehen, »jedenfalls nicht, um dort Geld zu machen«. Alles übrige wird sich ergeben. »Ich möchte in den USA alt werden, aber sterben werde ich hier nicht.« »Uns gibt es nur im Doppelpack!« Was Thierry Leduc hinter sich hat, das haben Paul und Marie noch vor sich. Sie versuchen gerade zum zweiten Mal in den USA Fuß zu fassen. Paul, 50, hat auf dem Bau gearbeitet, Buchhändler gelernt, das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgemacht und eine Ausbildung zum Krankenpfleger abgeschlossen. Marie, 42, hat als Krankenschwester gearbeitet, bevor sie Slawistik, Theaterwissenschaften und amerikanische Kulturgeschichte studierte. Ihre Examensarbeit schrieb sie über den russischen Dichter Daniil Charms und dessen »Kurztexte«. Kennen gelernt haben sich die beiden auf der Intensivstation eines Hamburger Krankenhauses. »Das war sehr romantisch. Wir hatten beide OP-Hauben an und konnten uns nur in die Augen sehen.« Später haben sie sich dann während der Nachtschicht Gedichte vorgelesen.
Im Sommer 1989, »bevor die Mauer fiel«, dampften Paul und Marie mit einem Containerschiff nach Philadelphia, von dort ging es weiter mit dem Zug nach New York. »Wir suchten ein Apartment und fanden einen Job«, als Manager in einem Hostel am Times Square. »Wir teilten uns den Job, uns gibt es nur im Doppelpack.« Nach vier Monaten setzte der Winter in New York ein. Paul und Marie mieteten sich ein Auto und fuhren nach Los Angeles. Die nächsten sechs Monate managten sie das »Cadillac« am Strand von Venice. Charly Chaplin soll in dem Art-déco-Hotel gewohnt haben; einige Venice-Kenner behaupten sogar, es habe ihm gehört. Sicher ist, dass Allan Ginsberg im Venice West Café gegenüber dem »Cadillac« seine Texte vorlas und Janis Joplin im »Poetry Socialist Book Store« gleich neben dem Café öfter gesehen wurde. Heute findet man an der Stelle eine Galerie und ein italienisches Restaurant. Im Sommer 1990 kehrten Paul und Marie nach Deutschland zurück. »Es gab da ein Jobangebot.« Sie arbeiteten beide im Krankenhaus rechts der Isar, Marie studierte nebenbei und trat bei »postfeministischen Happenings« mit der Gruppe »Brutale Blondinen« auf, während Paul sich »absurde Aktionen« ausdachte und realisierte, unter anderem ein Buch »Sex für Arme«, das in einer Auflage von 100 Stück einzeln von Hand angefertigt wurde.
»Wir werden uns hier anketten« Im Jahre 2000 wurden Paul und Marie bei einer Online-Firma als Redakteure eingestellt, Ende 2003 bekamen sie eine betriebsbedingte Kündigung und vom Arbeitsamt die Empfehlung, eine Ich-AG zu gründen. Und da beschlossen sie, es noch einmal in den USA zu versuchen. Seit zwei Monaten leben sie wieder in Los Angeles, »der Stadt unserer Träume« und freuen sich »über jede Stunde, die wir hier sind«. Sie wohnen in Venice, gleich neben dem »Cadillac«, im »Ellison«, das vor fast 100 Jahren gebaut wurde, also für US-Verhältnisse uralt ist. Jim Morrison hat in dem Haus gewohnt, eine Szene aus dem Doors-Film wurde hier gedreht. Sie wollen sich selbständig machen, Paul möchte als Fotograf arbeiten, obwohl ihm »klar ist, was das heißt, bei einer Konkurrenz von etwa zehn Millionen«. Aber sie sind auch bereit, »jeden Job anzunehmen«, denn »wenn man arbeiten will, ist das Alter in den USA kein Problem, wir wollen mit 60 nicht in Rente gehen«. Diesmal muss es klappen. »Wir werden uns hier anketten. Es wird uns hier nichts weg bringen.«
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