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D A S L E T Z T E Umsatz schaffen ohne Waffen! Markus von den Friedensfahnen hat 6o.ooo PACE-Tücher in Deutschland verkauft, für eine bessere Welt ohne Krieg und Gewalt. Jetzt trauert er um die ermordeten Saddam-Söhne.
Ich wusste es, großes Ehrenwort, ich hab's kommen sehen. Kaum war die Nachricht vom unfreiwilligen Ableben der Saddam-Söhne rum, würden sich besorgte Menschen zu Wort melden und klagen, die beiden seien über ihre Rechte nicht belehrt worden, man hätte sie festnehmen und vor ein Gericht stellen müssen, mit Horst Mahler oder Christian Ströbele als Pflichtverteidiger und Jürgen Todenhöfer als Experten für die politischen Zustände im Irak. Ich tippte auf Antje Vollmer oder Friedrich Schorlemmer, eventuell auch Claudia Roth, die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Es kam schneller als ich dachte, wenn auch aus einer anderen Ecke. Entschuldigung, Frau Antje, nichts für ungut, Fritz und Claudia, es hätte ja sein können! Am Tag danach räsonnierte Freimut Duve in den »Tagesthemen« über die »falsche Köpersprache der politischen Präsenz«, irgendwie fand er die Liquidierung der beiden Jungs nicht optimal, aber richtig dagegen war er auch nicht. Und ich fand diese Mail in meinem Yahoo-Briefkasten:
Ich hatte bis dato weder von Elke Grözinger noch von Markus Schwarz etwas gehört. Waren es deutsche Verwandte von Saddam Hussein? Hatten sie als »lebende Schutzschilder« vergeblich versucht, den Krieg zu verhindern? Kamen sie grade von einer Erdumseglung zurück, hatten nach Monaten zum erstenmal wieder die Tagesschau gesehen und waren »erschüttert über den Zustand der Welt«? Ich guckte genauer hin. Unter der Mail stand:
Ich klickte die Website an und wurde aufgeklärt. Das waren die Kriegsgewinnler, die italienische PACE-Fahnen nach Deutschland importierten, sie für zehn Euro (Normalpreis) und zwanzig Euro (Unterstützerpreis) verkauften und dabei über »Trittbrettaktionen« jammerten, bei denen mit »Dumpingpreisen« und »in die eigene Tasche« gewirtschaftet würde, während Elke&Markus einem höheren Zweck zuliebe handelten:
Ich kam gerade von einer indonesischen Reistafel in Overveen zurück, war gut gelaunt und wollte mir den Abend nicht vermiesen lassen. Vielleicht war der Brief an die lieben Friedensfreunde nur ein Fake, den sich »Titanic« ausgedacht hatte, um zu sehen, wer darauf reinfallen würde. Also schickte ich Elke und Markus eine kurze Mail:
Und bekam sofort eine Antwort:
Absender war: »Markus von den Friedensfahnen« Das hörte sich an wie ein Titel, den man bei einer Unicef-Tombola unter der Schirmherrschaft von Peter Ustinov gewinnen konnte. Markus von den Friedensfahnen! Jetzt hatte auch die Friedensbewegung ihren Adel. Ich mailte zurück:
Auch diesmal bekam ich umgehend eine Antwort:
Die pazifizierende Wirkung der Reistafel ließ langsam nach. Eine alte Nummer von Wolfgang Neuß fiel mir ein, der die »Nonne Elisabeth aus Basel« sagen ließ: »Ich bin eine Supernonne, meine Großmutter war schon Nonne, meine Mutter auch. Schreiben Sie mir, schreben Sie mir auf mein Konto!« War Markus von den Friedensfahnen auch so ein Heiliger der besonderen Art? Ich fragte nach:
Die Antwort, die mir Markus von den Friedensfahnen schickte, klang ein wenig gereizt, aber sie enthielt relevante Informationen:
Dennoch fand ich die Antwort leicht unbefriedigend. Irgendwo steckte ein Rechenfehler. Ich wollte es genauer wissen:
Er muss ja nicht antworten, dachte ich, aber vielleicht tut er es doch. Und Markus von den Friedensfahnen antwortete:
Wenn gleich zwei Prüfer des Ulmer Friedensnetzwerkes die Kasse kontrollierten, musste alles mit rechten Dingen zugehen. 6o.ooo Friedensfreunde hatten sich eine Fahne im schicken C&A-Design zugelegt, fest entschlossen, etwas für den Weltfrieden zu tun. Bei einem Durchschnittspreis pro Fahne von 7,33 Euro und 6o.ooo verkauften Fahnen mußte der Umsatz bei über 42o.ooo,- Euro liegen. Da waren die 16o.ooo,- Euro für die Irak-Kinderhilfe nicht allzu viel. Auf eine weitere Nachfrage teilte mir Markus von den Friedensfahnen mit, er wäre ein »wirtschaftlicher Zweckbetrieb« und müsste »ganz normal Steuern bezahlen, wie jede andere gemeinnützige Einrichtung auch!« Nämlich Umsatzsteuer, Gewerbesteuer und Einkommenssteuer. Jetzt begriff ich: Markus von den Friedensfahnen war eine Ich-AG. Er hatte sich selbstständig gemacht und einen Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung geleistet. Umsatz schaffen ohne Waffen! Es war ein sauberes Geschäft, die Umwelt wurde nicht belastet, es gab, anders als bei der Love Parade, die auch dem Frieden zuliebe stattfindet, keine Müllberge, die weggeräumt werden mussten, und der Boden wurde nicht durch eingesickertes Urin belastet. Markus von den Friedensfahnen hatte sich um den Frieden, die Konjunktur und die Umwelt verdient gemacht. Ich war gerührt.
Ich gebe zu, es war eher eine rhetorische Frage. Markus von den Friedensfahnen hatte kein Wort zu Srebrenica gesagt und auch keinen Gedanken an die Opfer der Saddam-Herrschaft verschwendet. Sein Herz fing erst zu bluten an, als er die Leichen der Saddam-Söhne im Fernsehen sah. Da legte er sich eine seiner PACE-Fahnen um die Schultern, wie es die Friedensfreunde gerne tun, und trauerte. Und als er wieder klar denken konnte, schickte er mir eine letzte mail:
Va bene. Jetzt wartet Markus von den Friedensfahnen auf den nächsten Krieg, damit sein »wirtschaftlicher Zweckbetrieb« wieder in Fahrt kommt. Und falls die Amis demnächst Saddam Hussein erwischen, wird er der erste sein, der auch diesen Mord im Namen der Menschlichkeit verdammen wird. HMB, Bloemendaal, 26.7.2oo3 Elke! Wo bleibt Elke? Während ich mit »Markus von den Friedensfahnen« mails tauschte, fragte ich mich zwischendurch: Elke! Wo bleibt Elke? Markus und Elke treten auf ihrer Homepage zusammen auf, er sieht aus wie der junge Dieter Thomas Heck, sie wie ein BDM-Klon. Und beide strahlen mehr positive Energie aus, als Daniel Küblböck verkraften könnte. Dass ich immer nur Mails von Markus bekam, hatte wahrscheinlich einen organischen Grund: Markus war der Politruk des Unternehmens, zuständig für die strategische Planung und deren Umsetzung, während Elke ihm solidarisch die Stange hielt: Sie machte die Buchhaltung, ging einkaufen und sang immer »We shall overcome one day«, während sie Kaffee kochte und Stullen schmierte. Aber so war es nicht. Es war genau andersrum. Elke war der Kopf der Firma, sie gab die Richtung vor, während Markus den Kleinkram erledigte. Denn ganz zum Schluss bekam ich diese Mail, die Elke geschrieben hatte:
Mich mit »lieber friedensfreund« anzusprechen, zeugte von einer gewissen Weltabgewandtheit, andererseits: so intensiv, so liebevoll, so zärtlich hatte sich lange niemand mehr mit mir beschäftigt. Elke und Markus, die in ihrer Freizeit zwar nicht die ganze Welt retten können, aber glücklich sind, der weltweiten Friedensbewegung ein Symbol geschenkt zu haben, zum Stückpreis von 1o,- bzw. 2o,- Euro, während ich meine Verletzungen und Verluste durch blindes Ummichschlagen zu verarbeiten versuche, desorientiert und vom Fanatismus getrieben. 4o Jahre Margarete Mitscherlich, 3o Jahre Alice Schwarzer und 1o Jahre Arabella Kiesbauer zeigen endlich Wirkung. Elke von den Friedens-fahnen dealt nicht nur mit Fahnen für den Frieden, sie kennt sich auch in der großen weiten Welt der Traumata aus. Früher hätte sie auf der Kirmes den Leuten aus der Hand gelesen, heute macht sie in Küchenpsychologie. Und nimmt nicht einmal Geld dafür. Eine echte Idealistin, mit dem Herz von Mutter Teresa, der Seele von Inge Meysel und dem Hirn eines Delmenhorster Spatzen. Piep, piep, piep, Elke hat mich lieb.
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