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Peymanns Trauma oder: ein Glühwürmchen strahlt selten allein
Letzten Sonntag gab es wieder ein philosophisches Quartett im ZDF, das
freilich nach Thema und Zusammensetzung eher einem Stammtisch glich, bei
dem jeder Teilnehmer die Rolle spielte, die von ihm erwartet wurde. Es
ging, so der Co-Moderator Peter Sloterdijk, um "das Phantom des hässlichen,
vielleicht sogar des hassenswerten Amerikaners; die Rückkehr des
hässlichen, des taktlosen Amerikaners in der US-Politik", denn Schönheit
und Takt, zwei Tugenden, die Sloterdijk wie kein anderer verkörpert, sind
auch in der Politik wichtige Faktoren. Und wie bei jedem Stammtisch gab es
auch im philosophischen Quartett einen, der schrecklich schwitzt, immerzu
auf die Kacke haut und Sachen sagt, die so falsch sind, dass nicht einmal
das Gegenteil wahr ist, womit er dann die Meinungsführerschaft übernimmt.
Diesmal war es der BE-Intendant Claus Peymann, der als
hochsubventionierter Kostgänger des Kulturbetriebes die Kunst der
gebührenfreien Provokation pflegt. Er sagte ziemlich am Anfang der
Debatte:
"Bei mir ist es traumatisch zugespitzt, es geht lange zurück, wir
diskutieren hier in Dresden, das ist ja eine Stadt mit einer besonderen
Geschichte, da ist ja im Februar dieser große amerikanisch-englische
Angriff gewesen, die Stadt ist flachgemacht worden, dass sie damals aussah
wie Kabul und langsam wieder schöner wird, das ist auch ein Gefühl von
Geschichte, was man haben sollte, auch wenn das manche für sich okkupiert
haben, dürfen wir es auch sagen, und ich erinnere mich, 45, Ende April,
waren wir im Bunker, und dann war der Krieg zu Ende, wir wurden befreit,
Gott sei dank, und ich wusste, jetzt gehe ich raus und treffe den ersten
Amerikaner meines Lebens... Und ich gehe raus aus dem Bunker, alles
brannte drumherum in Bremen, ein dicker Schwarzer haute mir erstmal einen
Kaugummi rein und ein Stück Schokolade..."
Was also ist Peymanns Trauma, der Angriff auf Dresden oder der dicke
Schwarze? Klar ist nur eines, wenn heute die Rede von Kabul ist, dann ist
Dresden gemeint, und wenn es um Dresden geht, dann dürfen "wir", die
Peymanns, das Thema nicht den Rechtsradikalen überlassen, "wir" können es
auch, und "wir" können es viel besser. Indem wir zum Beispiel den alten
Nathan von Lessing inszenieren und die Sache so begründen:
"Ich dachte, das ist ein Stück, wo auf einen Holocaust, wo auf eine
schreckliche Geschichte, die passiert ist, diesem Nathan, eben nicht mit
Rache, sondern mit Vergebung, nicht mit Vergeltung sondern mit Vergebung
reagiert wird, und das wäre mir eine angemessene Reaktion, als jetzt die
Welt an den Rand eines Dritten oder Vierten Kriegs führen... Da möchte ich
nicht mitmachen..."
Lessings Nathan hat also "einen Holocaust" überlebt, eine schreckliche
Geschichte, und hat dennoch mit Vergebung reagiert, im Gegensatz zu den
Amis, die nach dem 11. September so ausgerastet sind, dass "einem Angst und
Bange wird," sogar am Schiffbauerdamm, tausende von Kilometern von
Afghanistan entfernt.
"Was wäre die angemessene Reaktion?" auf den 11. September, will
Sloterdijk wissen, worauf Peymann wieder den Rückwärtsgang einlegt und
über Afghanistan nach Dresden rast.
"Es kann nicht die angemessene Reaktion sein, ein Land nieder zu bomben,
die Frage müssen wir uns auch stellen, das dürfen wir nicht den Nazis
überlassen ob es einen Sinn hatte, Februar 45 diese Stadt flach zu
machen, mich packt der kalte Schrecken, wenn ich sehe, wie dort wehrlose
Zivilbevölkerung niedergebombt worden ist... "
Irgendwie schafft es Sloterdijk doch noch, Peymann in die Gegenwart zurück
zu beamen, in die Zeit nach dem 11. September. Und schon hat Peymann den
kalten Schrecken abgelegt.
"Für mich ist das Ganze vollständig unklar, weil ich diese
Weltbedrohung, die sehe ich in diesem Sinne nicht, was ist das, dieser
Terrorismus, das ist eine rätselhafte Sache, da hat's eine wahnsinnige
Aktion gegeben, die aber im entscheidenden Punkt mit einem kleinen Messer
gemacht wurde, in den Flugzeugen saßen Leute, zum Selbsttod entschlossen,
die hatten kleine Messerchen bei, damit haben sie das Ding gemacht, wo
sitzt überhaupt diese terroristische Bedrohung, was ist das überhaupt...
Wo ist diese Bedrohung, wie definiert sie sich oder ist sie überhaupt ein
Phantom?"
Zwei eingestürzte Hochhäuser, drei Tausend pulverisierte Menschen, vier
abgestürzte Flugzeuge - was man so alles mit kleinen Messerchen schaffen
kann. Statt von einer terroristischen Bedrohung zu reden, wäre es
vermutlich richtig, den Verkauf kleiner Messerchen zu verbieten, um das
Restrisiko beim Reisen zu reduzieren.
Langsam kommt Peymann zur Sache und man sieht es ihm an, dass es nicht die
Toten von Dresden und die Menschen in Afghanistan sind, die ihn um den
Verstand bringen, sondern etwas viel Ärgeres:
"Wir haben inzwischen 28o.ooo, wie heißt das, diese Hamburger Dinger da,
McDonald's, oder 15o.ooo auf der Welt. Coca Cola wird jetzt sogar in
Peking auf Staatsempfängen getrunken, da gibt es natürlich auch einen
strukturellen Imperialismus, alle halbe Stunde wird ein neues McDonald's
aufgemacht..."
Unerhört! Und alle zwei Sekunden geht irgendein Berliner aufs Klo, um eine
Curry-Wurst zu entsorgen, ohne dass sich Peymann über diesen Beitrag zur
strukturellen Kontamination der Umwelt aufregen würde. Kommt sein Trauma
daher, weil er gezwungen wurde, mal einen Hamburger zu essen? Ist das die
terroristische Bedrohung, vor der er sich am meisten fürchtet?
"Ich möchte kein Amerikaner werden, es tut mir leid, ich möchte es nicht
werden, ich bin froh, dass ich ein Europäer bin..."
Peymann bringt es nicht fertig zu sagen, dass er ein Deutscher ist. Als
wäre es eine Krankheit, die man diskret verschweigt. Er hat in Berlin,
Stuttgart, Bochum und Wien gearbeitet, so was macht aus einem Bremer
automatisch einen Europäer. Und wie fast immer, wenn einer etwas nicht
sein will, dann ist er es bis unter die Achselhöhlen.
"Was ich bei den Amerikanern überhaupt nicht begreife, wie halten sie den
Bush aus, das ist für mich ein wirkliches Problem... Ich habe mir die
Eröffnung der Winterolympiade angeguckt, das war alles sehr schön, und
dann kommt dieser Cowboy und steht da mit einer Hand in der Tasche, das
hat sich fast nicht mal der Hitler getraut, der hat die Formel brav
gesagt, der Bush hat sich nicht einmal daran gehalten..."
Verglichen mit Hitler ist Bush wirklich ein Rüpel. Als Hitler die
Olympischen Spiele eröffnete, saßen schon ein paar Tausend Deutsche in den
Konzentrationslagern, waren die Nürnberger Gesetze eingeführt, aber der
Führer hatte Manieren und wusste, dass man bei einem Festakt die Hände nicht
in den Hosentaschen halten kann. Es gab keinen McDonald's in Deutschland,
und wer "Hamburger" hieß, der war bestimmt nicht koscher. Doch jetzt ist
alles ganz anders.
"Wir haben ja alle Angst gehabt, dass wenn Bush kommt und Sharon, dann
kommen finstere Zeiten, das haben wir alle gesagt vorher, und die beiden
sind gekommen, und es sind finstere Zeiten," sagt Peymann und freut sich,
dass er Recht behalten hat.
Bald gehen am Schiffbauerdamm die Lichter aus und im "Ganymed" neben dem
BE werden auf Befehl von Bush und Sharon Hamburger serviert. Wer beim
Essen keine Hand in der Hosentasche hat, bekommt Lokalverbot. Ein letztes
Wort von Sloterdijk über den US-Cowboy macht klar, worum gepokert wird.
"Der Präsident der USA ist so etwas wie ein gewählter Papst, er kann es
sich leisten, in dieser taktlosen Art und Weise mit den Händen in der
Hosentasche Weltpolitik zu machen... Wie will Amerika lernen, die Menschen
weniger zu demütigen? Das ist eine psychopolitische Grundfrage des
kommenden Jahrhunderts. Wir alle hängen davon ab, dass diese Lektion
ankommt."
Da war der 11. September nur eine erste Nachhilfestunde. Wer danach immer
noch mit den Händen in den Hosentaschen herumläuft und die Menschen
demütigt, soll sich nicht wundern, wenn er bald wieder belehrt wird. In
finsteren Zeiten kommt es auf jedes Glühwürmchen an.
Henryk M. Broder, 27.3.2oo2
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