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Das Letzte Im Reich der Stotterer Neulich hab ich was Tolles erlebt. Ich fuhr im ICE nach Hamburg, hatte ein Ticket für die 1. Klasse gelöst und gleich vier Plätze im Großraumwagen belegt, weil ich in Ruhe lesen, schreiben und schlafen wollte. Es klappte, bis sich auf den Sitz auf der anderen Seite des Ganges ein Primat mit einem Handy setzte.
Er telefonierte in einem durch, und es war die Art von Telefonaten, die man mit Bußgeld belegen sollte. Er rief alle seine Freunde an und gab den jeweiligen Standort des Zuges durch. »Wir fahren gerade in den Bahnhof von ... ein! Wir sind gerade aus dem Bahnhof von ... raus! Wir sind auf halber Strecke zwischen A und B!« Er meldete sich immer mit: »Tagchen, hier ist der liebe Frankie!« und verabredete sich mit jedem, für den Nachmittag, für morgen, für übermorgen. Und alles in einer Lautstärke, dass ich mich zu ihm rüberbeugen und sagen wollte: »Der Lokfahrer hat es noch nicht verstanden!« Aber ich traute mich nicht. Dafür stellte ich mir vor, wie er gucken würde, wenn ich einfach aufstehen, ihm das Handy aus der Hand nehmen und eins in die Fresse geben würde. Nun ja, ich hab's mir nur vorgestellt, die Gedanken sind frei. So ging es etwa eine Stunde. Dann wählte er wieder eine Nummer und sagte: »Hiii-hiiii-hiiiier ist dddddder Pppppapa. Ist Mmmmmmama dddda?« Dann kam Mmmmmammma ans Telefon und er sagte ihr, dass es heute ein wenig später wwwwwwerddddden wwwüüüüüürdeeeeee. Der Mann stotterte, aber nur wenn er mit seiner Familie sprach, sonst redete er ganz normal. Ich war begeistert. So vorbildlich klar und eindeutig hatte ich den bedingten Reflex noch nicht erlebt. Das war Pawlow in Reinkultur. Und die Versuche fanden nicht in einem Labor, sondern mitten im wahren Leben statt. Nachdem er mit seiner Frau gesprochen hatte, rief er wieder ein paar Freunde an. Und redete ganz normal mit ihnen. So ähnlich funktionieren auch manche meiner Leser. Frau Michaela M. aus Berlin zum Beispiel, die einen gewaltigen inneren Widerstand überwinden musste, um sich den Ärger von der Seele zu schreiben, nachdem sie gelesen hatte, was ich über Daniel Barenboim zu sagen hatte: Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Artikel von Herrn Broder gar nicht mehr zu lesen, weil ich sie in ihrer demagogischen und herablassenden Art einfach unakzeptabel finde. Da mich jedoch das Thema als solches interessiert und man auch Herrn Broder gelegentliche sprachliche Highlights nicht absprechen kann, habe ich mich doch überwunden und bin wieder einmal fassungslos, dass man mit wolllüstig ausgelebtem Negativismus offensichtlich sein Geld verdienen kann. Als selbsternannter Spezialist in Judenfragen, sozusagen qua Geburtstrecht, beschränkt sich Herr Broder leider nicht auf eine objektive Berichterstattung, wie er das jedoch von anderen immer wieder polemisch fordert (nein, ich bin kein Nazi!), sondern lebt mit jeder Meinungsäußerung die Sichtweise eines Separatisten aus. Eines kann man Herrn Broder jedenfalls nicht vorwerfen: Er ist kein »Schlichter in unlösbar scheinenden Konflikten«, gar ein »Botschafter des Friedens«. Und ich kann auch nicht erkennen, wo Herr Broder seinen »Beitrag zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts« geleistet hätte, der ihn wenigsten im Ansatz legitimieren würde, seine, wenn auch beinah fanatische, Meinung zu äußern. Der Satz, auf den es ankommt, ich sage es gleich, steht am Ende des zweiten Absatzes. Nicht nur, dass ich meinen »Negativismus« auslebe, ich tue es »wolllüstig« und verdiene damit auch noch Geld. Wenn man Wollust gleich mit zehn L schreiben könnte, hätte es die Tusssssi sicher getan, denn sie kennt »gelegentliche Highlights« nur aus den Berichten anderer, und was »Wollust« ist, das weiß sie nur aus dem Katalog der sieben Todsünden. Dazu kommt noch die Kränkung, dass einer als Spezialist in Judenfragen ein Geburtsrecht hat, das ihr versagt blieb. Sie las was von mir, assoziierte »Jude« und schon fing wie bei einem Pawlow'schen Hund der Speichel an zu fließen: »Negativismus«, »Geld«, »Wolllust« mit drei L in der Mitte. Denn davon versteht Mutti was, stricken kann sie, und die Lust an der Wolle ist ja was Positives. Nein, sie hat den »Stürmer« nie gelesen, aber der bedingte Reflex funktioniert, wie bei dem Stotterer im Zug. Sehr hübsch, wenn auch etwas weniger subtil, war dieser Brief von Susanne S. aus Irgendwo, die sich über meine Beschreibung der Deutschen in den USA aufgeregt hatte: Tja, Herr Broder, einige Artikel auf Ihrer Website sind sogar lesenswert, aber den Rest kann man vergessen, Rassistenmüll, z.B. »Nörgelnde Deutsch in USA« strotzt geradezu vor Pauschalität u. Rassismus. Glauben Sie dass »die Deutschen« in den USA , jeden Amerikaner pauschal für hamburgerfressende, konformistische, unkritische Deppen halten? Wohl kaum, und es gibt durchaus viele Deutsche die sich um Obdachlose kümmern. H. Broder : »Arttypische Nörgeligkeit« Was meinen Sie denn mit arttypisch? Nörgelig, lauter Nazis u. von Geburt an Mörder? Haben die Juden auch arttypische Eigenschaften? Was noch? Was kommt als nächstes? dass alle Muslime Terroristen und die Chinesen alle gelb sind? Broder,Sie kleiner Schmierfink, Sie dürfen mir gerne antworten (brauch Futter für meinen Mülleimer) , bin mal gespannt was Ihrer geistigen Jauchengrube noch so alles entfleucht. Vielleicht dass die Amis die Juden befreit haben und dass es im Krieg um Menschenrechte geht? Seltsam nur dass die brauchbaren Nazis (Wernher v. Braun, Hermann Obert usw.) alle mitgenommen wurden u. und als Saddam 1988 die Kurden vergasen ließ, interessierte es kein Schwein... Tja, es ist nicht einfach, eine deutsche Hausfrau mit Niveau zu sein. Die Familie und der Mülleimer wollen gefüttert werden und aus der »Jauchengrube« steigt Geschichte auf, von Braun, Obert, Saddam usw. Weder Wolllust noch Wollust spielen eine Rolle, nur der bedingte Reflex lässt sich nicht unterdrücken, kaum hat Mutti was von der »arttypischen Nörgeligkeit« der Deutschen gelesen, fühlt sie sich ertappt und kommt gleich auf die Juden zu sprechen. Auch sie kann nicht anders. Es brodelt in ihr. Wenn es nur die Tussi und die Mutti wären, wäre es lustig. Aber es gibt noch mehr Gestörte, die nicht mal merken, wenn sie stottern. Der liebe Pfarrer Jörg, der seiner Bewunderung für palästinensische Selbstmordattentäter Ausdruck verleiht, der nette Nahostexperte Udo, der darüber sinniert, ob man die Aufständischen im Warschauer Ghetto nicht auch Terroristen nennen müsste, wenn man die Palästinenser, die gegen die israelische Besatzung kämpfen, Terroristen nennt, der oberschlaue Historiker Dawid Danilo, der ausgerechnet hat, das Risiko, Opfer eines Terroranschlags zu werden, sei weit niedriger als die Risiken, die zu fettes Essen, die Teilnahme am Straßenverkehr oder der Frühjahrsputz in sich bergen, oder die grüne Abgeordnete Ulrike, die es nicht hinnehmen will, wie die Ernährung in den Klauen von Cola und Hamburger krepiert. Stotterer, wohin man schaut. Aber nur, wenn sie daheim anrufen. HMB, Bln, 11.7.2oo4
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