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Nation im Alarm-Zustand
USA-Tagebuch Winter 2001/02
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Die Gaudiburschen aus dem Norden
Die Tage sind kurz in
Reykjavik, die Nächte lang, man hat viel Zeit für Kultur und andere wichtige
Dinge. Deswegen fangen die Konzerte der Studmenn nie vor Mitternacht an und
hören selten vor fünf Uhr früh auf. Im Sommer spielen sie oft im Freien, im
Winter meist im "Broadway", dem Ballsaal des Hotels Island.
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| Kult auf der Insel: Die isländische Band Studmenn (Foto: Henryk M. Broder) |
Studmenn bedeutet, frei übersetzt, so viel wie "Gaudiburschen". Und so hört
sich auch die Musik an: Ein kräftiger Rock, der nicht von Elfen und Trollen,
sondern von Wikingern gespielt wird. "Musikalisch liegen wir irgendwo zwischen
den Mothers of Invention von Frank Zappa und der Bonzo Dog Doo Da Band", sagt
Jakob Friman Magnusson, der die Gruppe 1972 auf dem Gymnasium Hamralid in
Reykjavik gegründet hat. "Unsere Musik ist wie postmoderne Architektur, wir
benutzen alles, was uns gefällt, es gibt keine zweite Band mit einem ähnlichen
Profil", wobei er offen lässt, ob er Island oder die Welt meint.
Denn auf Island sind die Studmenn berühmt, "die längste und älteste"
Rockgruppe der Insel. Drei der sieben Musiker sind von Anfang an dabei, Jakob
Friman Magnusson, Komponist und Keyboarder, ist inzwischen 48 Jahre alt, sieht
aber erheblich jünger aus. Er hat nach dem Abitur Musik studiert, war von 1992
bis 1997 Kulturattaché an der isländischen Botschaft in London und sitzt seit
1999 im isländischen Parlament, als stellvertretender Abgeordneter der
Samfylking, eines Bündnisses aus Sozialdemokraten, Kommunisten und der
Frauenpartei, mit 17 von 63 Sitzen der zweitgrößten Fraktion im Haus.
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| Begehrte Glatze: Sänger Egill Olafsson (Foto: Henryk M. Broder) |
Thor Arnasson, genauso alt wie Magnusson,
spielt Gitarre und sieht wie John Lennon aus, wobei er die Ähnlichkeit mit
Brille und Frisur noch betont. Egill Olafsson, auch schon 48, singt. Er ist der
Kraft- und Sexprotz der Truppe, die Groupies schlagen sich darum, seinen kahl
geschorenen Kopf anfassen zu dürfen. Nebenbei ist Olafsson der bekannteste
Schauspieler Islands, er hat in zwei dutzend Filmen mitgespielt und tritt am
Staatstheater auf. Zur Zeit schreibt er die Musik für eine Neufassung des
Stückes "Anna Karenina" als "Singspiel".
Die anderen Musiker sind im Laufe der Jahre dazu gestoßen. Ragga Giseladottir
tritt seit 1984 als Sängerin mit den Studmenn auf, eine kleine, kräftig gebaute
Frau mit einer großen Stimme, "der versteckte Schatz hinter Björk", wie die Fans
der Gruppe beteuern. Aber Ragga braucht sich hinter Björk nicht zu verstecken,
denn auf Island kennt sie jeder, und dass sie international nicht ebenso bekannt
wurde, hat mit den Regeln und Fallen des Showbusiness zu tun.
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| "Der versteckte Schatz hinter Björk": Ragga Giseladottir (Foto: Henryk M. Broder) |
"Die Texte sind gemacht, um Isländer zu
unterhalten, die meisten Wortspiele kann man nicht übersetzen und als Ausländer
nicht verstehen", sagt Audunn Arnorsson, Redakteur der Tageszeitung
"Morgunbladid". Immerhin, als die Studmenn in den neunziger Jahren aus einer
Laune heraus "The Human Body Orchestra" bildeten, wobei sie ihre Körper als
Instrumente benutzten und auf Texte verzichteten, wurden sie auch außerhalb
Islands wahrgenommen und gefeiert.
Daheim haben sie inzwischen 15 LPs und CDs und 35 Singles produziert und zwei
Filme gedreht; 1986 sind sie auf Einladung der chinesischen Regierung durch
China getourt, als zweite westliche Band nach Wham!. Bei ihren Konzerten treten
zwei "Gogo-Guys" auf, Addi und Bjarni, "die ältesten Breakdancer im hohen
Norden", beide über 70 und Handwerker von Beruf. Sie sollen, sagt Magnusson,
"das Publikum mit ihrem Hüftschwung anheizen", und sie schaffen es auch, denn
die Isländer mögen nicht nur Musik, sie haben auch einen gut entwickelten Sinn
für das Skurrile.
"Unser Motto lautet: Sauberkeit ist am wichtigsten!" Magnusson meint es
ernst. Die Studmenn haben sich vorgenommen, "Island aufzuräumen" und 1998 eine
"Grüne Armee" ins Leben gerufen. Über 1200 Freiwillige meldeten sich zum Dienst,
um marode Höfe zu reparieren, Straßenabfälle einzusammeln und triste Brücken
bunt anzustreichen. Die Aktion wird jedes Jahr im Sommer wiederholt, mit immer
mehr Teilnehmern.
Demnächst kommen die isländischen "Gaudiburschen" auch nach Deutschland.
Anfang Februar geben sie zwei Konzerte in Hamburg. Die beiden Gogo-Guys kommen
mit. Damit auch die Hamburger mal richtig in Fahrt kommen
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